Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 15 (15.4.1931)
- Date
- 1931-04-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Walther Rathenaus Schaffen und Schicksal Bon D o r i s W i t t n e r. Die letzte Folge des viele hundert Stücke umfassenden Briefwechsels Walther Rathenaus mit den bedeutendsten Geistern seiner Zeit, gesichtet und herausgegeden noch von seiner Mutter, versehen mit mehreren PorträtKeichnungen von Walther Rathenaus eigener Hand und insbesondere zahlreiche Faksimeles seiner Briefe, ist soeben im Verlag von Carl Rechner, Dresden, erschienen. U. a. werden in disesem für die Entwicklung Rathenaus sehr charakteristischen Band zum ersten Male seine Briefe an Maximilian Harden veröffentlicht, mit dem ihn eine nahezu zwanzigjährige geistige Gemeinschaft vereinte, und ans dem ihm aus einem ehemaligen Freund, der spatere erbittertste Feind erwuchs. Es ist von besonderen Interesse, aus diesem Briefwechsel nicht nur die politischen und menschlichen Gegensätzlichkeiten der beiden Männer kennen zu lernen, sondern vor allem aus der Uebersicht über Rathenaus gesamte Korrespondenz zu erfahren, wie verschiedenartig diese beiden Repräsentanten der öffentlichen Meinung und der res publica, die beide dem Judentum entstammten und mit ihren tiefsten Wurzeln in ihm verwurzelt waren, ihre Stellung zum Judentum ausfaßten. Beiden Männern eignete eine starke Hinneigung zu der spezifischen Eigenart des preußischen Junkertums und märkischen Adels, so wie Fontane sie gezeichnet hat. Harden hat diesem Penchant in seinem köstlichen Briefwechsel „Moritz und Rina" immer erneuten Ausdruck gegeben. Rein subjektiv blieb er in seiner Eigenschaft als Jude ziemlich indifferent, stand den Vorzügen wie den Fehlern seines Stammes objektiv gegenüber und griff nur ein, wenn etwa eine offensichtlich aggressive Bewegung antisemitischer Natur sich bemerkbar machte. Persönlich war er wohl von allen inneren Bindungen frei. Anders Rathenau. Er hatte in seiner Jugendzeit als schärfster Kritiker und Analytiker des Judentums begonnen, und man war, angesichts seines Erstlingswerkes „Impressionen" in den Reihen des Judentums vielfach gesonnen, ihn als einen Renegaten zu betrachten und zu verdammen. Jedoch unterlag Rathenau im Laufe der Jahre gerade auf diesem Gebiete einer gründlichen Revision vorgefaßter Meinungen und etwaiger Fehlurteile. Je reifer er wurde, desto mehr empfand er das Bedürfnis, sich selbst als den Träger eine» einzigartigen geistigen Adels zu fühlen, durch den er sich den von ihm vielfach so hoch eingeschätzten Vertretern des märkischen Uradels ebenbürtig, wenn nicht überlegen wußte. Das bedauerliche Erstlingswerk der „Impressionen." zog er aus seinen gesammelten Werken zurück, lehnte auch schon im Jahre 1912 in dem Briefe an eine Dame den Hinweis auf dieses Buch als „peinlich" ab. In dem vorliegenden Briefwechsel mit den verschiedensten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sowie mit den Mitgliedern seiner eigenen Familie — Vater, Mutter, Brüder, Schwester — kommt er in den mannigfaltigsten Zusammenhängen auf das Problem des Judentums zu sprechen, aber immer mit dem positiven Stolz nicht nur eines stark ausgeprägten Selbstgefühls, sondern vor allem auch in der Ueberzeuguugvon der Noblesse des eigenen Stammes, sowie von dem mittelalterlichen Jnfantilismus juden feindlich er Strönrung e n. Vielleicht ist, unter diesen Gesichtspunkten gesehen, von besonderem Interesse der Brief, den er unter dem 11. Juni 1917 — also kurz, bevor er den höchsten Gipfel der Macht erklomm — an den ehemaligen Staatssekretär des Auswärtigen Amtes und vormaligen Botschafters in Rom, von Jagow, richtete: „Liebe Exzellenz! Die politische Seite der Judenfrage stellt sich mir in ganz kurzen Zügen folgendermaßen dar: In Deutschland lebt etwas mehr als eine halbe Million Juden, also knapp ein Prozent der Bevölkerung. Diese wird man etwa in drei gleiche Teile zerlegen können: Etwa ein Drittel ist vollkommen assimiliert oder, wie ich lieber sagen möchte, regeneriert, denn es lassen sich bei einem Stamm nicht in Geschwindigkeit neu« Eigenschaften züchten, sondern nur die ursprünglichen wieder Hertz o r h o l e n. Bon diesem regenerierten Teil« kennen Sie einige Exemplare. Sie wissen, daß sie äußerlich kaum besondere Merkmale aufweisen, daß sie innerlich echte und brauchbare Staatsbürger sind, und daß sie, wie Sie selbst aussprechen, zum Aufbau der deutschen Kultur und Zivilisation einen ihre Quantität weit übersteigenden Beitrag g ei e i st e t haben. Das zweite Drittel steht ungefähr aus der Stufe des deutschen Mittelstandes, ist etwas wohlhabender als dieser und hat sich eine Anzahl von spezifischen Eigenschaften bewahrt, die .sich in ihrer Duvchschnittsmischung qualitativ aufheben und ebenfalls denen des deutschen Mittelstandes, insbesondere des gewerblichen, nicht allzu fern stehen. Diese Leute gehen uns zeitiveise auf die Nerven, weil ihre unangenehmen Eigenschaften die sichtbaren, ihre guten die latenten sind. Sie bilden politisch einen Teil des Liberalismus und können, wie ich glaube, nicht als staatsschädlich angesehen werden. Wirtschaftlich sind sie uns fast unentbehrlich, da sie einen starken Einschlag in unsere gewerbliche Intelligenz liefern, ethisch gehen sie allmählich in das erstgeschilderte Drittel auf. Das dritte Drittel ist jüdisches Proletariat, abermals wohlhabender als das nicht-jüdische. Hier treten alle ausgesprochenen mittelalterlichen jüdischen Eigenschaften zu Tage. Die Lebensführung ist rituell, nähert sich der von Jhiren beobachteten östlichen an; ein ausgesprochenes Familien- oder Kliquenwesen hält sie gesellschaftlich zusammen. Politisch sind sie, soweit sie nicht aus Opposition dem Radikalismus sich in die Arme werfen, ziemlich indifferent, keinesfalls aber etwa anti national wie Dänen, Polen oder gewisse Elsässer. Eine politische Gefahr liegt also wohl bei keinem der drei Teile, eine wirtschaftliche Gefahr scharfer Konkurrenz vielleicht beim zweiten, wobei ich jedoch glaube, daß diese Gefahr durch die Steigerung der wettbewerbenden Kräfte eher nützlich ist. Eine kulturelle Gefahr könnte beim dritten Teile erblickt werden, jedoch findet hier keine Propaganda statt und die Eigentümlichkeiten bleiben ästhetisch, die sich durch instinktive Abwehr neutralisieren. Antisemitismus lösen alle drei Teile aus. Der erste, indem er durch Einfluß und Vermögen Anstoß gibt, gelegentlich auch durch die uns bekanntcn, häßlichen Formen des neuen Reichtums, die aber alten „Nouveaux riches" anhaften. Der zweite Teil fordert durch Wettbewerb die Abneigung heraus. Der dritte Teil wirkt abstoßend und isoliert sich in Oppositionen. Summiert man alle diese Uebelständc, so glaube ich, daß eine gleich große Bevölkerung von Polen erheblich größere staatliche und kulturelle Gefahren bietet, ohne gleichzeitig die entsprechenden kulturellen, wirtschaftlichen und intellektuellen Vorzüge dem Lande zu bieten. Die Größe der intellektuellen Vorzüge habe ich im wirtschaftlichen Leben oft ermessen. Moderne Wirtschaftsformen lassen sich ohne Hilfe dieses intellektuellen Einschlages schlechthin * Gottesdienste ¥ vrrNr»'»»rtze». Liberal« Synagoge Siorden, Schönhauser Allee 162. Freitag, den 17. April, abend» 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Smt» sensky. Sonnabend, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Liberale Synagoge Osten, Kaiserstratz« 30, Aula der Mädchenschule. Freitag, de» 17. April, abends 7..30 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Andorn. Verldr-Sefte«». Literale Synagoge Westend, Leiftllowstraffe 7-S, Aula. Freitag, den 17. April, adends 7.15 Ahr, Gottesdienst. Predigt: o. d. Zyl. «er»». Jütische Reform-Gemetnte. Gottesdienste am Sonntag, dem IS. April. Johannisstraße 16: vormittags 10 Uhr; Predigt: Dr. Rosenthal. Kleiststraße 10: vormittags 10 Uhr, Gottesdienst der Jugend. Ansprache: Frau Rose tzoffmann. nicht mehr durchführen. Wir haben diesen Einschlag viel nötiger als Engländer und Franzosen, die von diesen Qualitäten mehr besitzen als wir. Ueberblickt man dieses Gesamtbild, so ist cs nur durch Ueberlieferungen begreiflich, daß in ganz anderen Formen als ausgesprochen antinationalrn Elementen den Juden die inoffiziell«. deutsche Regierungspraxis enlgegenstehl. Wir würden eine große Reihe von schlechten Erfahrungen der letzten Jahrzehnte nicht gemacht haben, wenn etwas mehr von diesem Realismus und Zukunstsgefühl in die deutsche Praxis eingedrungen wäre. Ich bin mit Ihnen der Ansicht, daß die Amalgamation nicht zu schnell vorschreiten darf. Ich teile tveuiger Ihre Ansicht, daß sie die endgültige Lösung bedeutet. Die endgültige Lösung w i r d meines Erachtens sein, daß i iv einem Lande mit fta rf gemischter Bevölkerung nach Herkunft ebensowenig gefragt w i r d tu t c n a ch B c - kenntnis , und i ch sehe diesen Z u st a n d innerhalb der nächsten Jahrzehnte voraus. In E n g l a n d , vor allem aber in Amerika, i st e r eingetreten: er kann sich sehr wohl mit einem gewissen Quantum von gesellschaftlichem Antisemitismus verbinden, der sich dann nur noch auf diejenigen erstreckt, die ihn provozieren, und der meines Erachtens eher nützlich als schädlich ist. Was Ihre Frage nach dem Vorfall in der Mitauer Synagoge betrifft, so bemerke ich, daß während des Mittelalters in allen Gebräuchen seines kärglichen Kircheuaufbaucs das Judentum stark vom Katholizismus (als dem damals herrschenden Gesamtchristentum) beeinflußt wurde. Ter sogenannte „große Fluch" wurde seinerzeit in einer Amsterdamer Synagoge gegen Spinoza ausgesprochen und entspricht ungefähr dem Begriff der Exkommunikation; er wurde im allgemeinen durch Kirchenbuße gesühnt. Bon der Anwendung dieses Rituals auf Andersgläubige habe ich niemals gehört; indessen ist cs durchaus denkbar, daß bei der völlig freien Entwicklung ritueller Gebräuche, an die kanonisch niemand gebunden ist, diese und jene Gemeinde sich berechtigt fühlt, jede beliebige Weiterbildung im guten oder schlechten Sinne vorzunehmen. Es wird Sie interessieren, daß meine Streitschrift, die besonders in jüdischen Organen viel besprochen wurde, an keiner Stelle einen Widerspruch ihrer Behauptung erfahren hat, daß das absolü'te Judentum an kein tu i c immer geartetes D ogma und an keinen wie immer gearteten Ritus gehn n d e n i st. In aufrichtiger und freundschaftlicher Ergebenheit der Ihre R." Fast kaum au einer anderen Stelle, weder Stammes- und Glaubensgenossen gegenüber wie beispielsweise Franz Oppenheimer, Verlagsbuchhöndler S. Fischer, Hugo von Hosfmansthal, Theodor Wolfs, Karl Sternheirn, Max Marburg und Maximilian Harden oder christlichen Freunden wie Gerhart Hauplmann, Richard Dehmel, Wedekind geschweige den ihm zwar sehr befreundeten, aber doch von der öffentlichen! 'Meinung immer als Antisemiten abgestempelten Weggefährten Wilhelm Schwaner und Professor Dr. Werner Sombart gegenüber hat er sich je mit gleicher Präzision und absoluter Objektivität über das Judentum und seine Problematik im Verhältnis zum deutschen Volke ausgesprochen. Man merkt, daß Rathenaus Charakter, dem sein Talent um viele Längen vorangeeilt war, sich im Laufe der Zeit gereift und abgeklärt hat. Er will nichts mehr von Kompromissen oder gar von „Minderwertigkeitskomplexen" wissen. Im Gegenteil, er ragt über sich selbst hinaus und seine eigenen Er- und Bekenntnisse lassen diesen im Tiefsten einsamen Geist allgemach in die Rolle des europäisch gesinnten Staatsmannes hineinwachssen, der nur die Rettung des deutschen Vaterlandes in Hirn und Herz trägt und vom ersten Augenblick der übernommenen Aufgabe an sich bereit weiß, als Blutzeuge für die Idee der eigenen Nation zu fallen. Prophetisches und Messiashaftes, beides spezifisch jüdische Züge, kennzeichnen diesen kerndeutschen Mann, der jene Politik der Verständigung inaugurieren sollte, die nach ihm Stresemann erfolgreich weiterführen durfte. Keine Zweifel hasten mehr an ihm; er sieht seine Richtlinien scharf vorgezeichnet und er entpersönlicht sich immer mehr zur höheren Ehre vaterländischer Gedanken. Immer schärfer in der Sache, wenn auch verbindlich in der Form, werden die Polemiken mit dern großen Widersacher, dem Freundfeind Maximilian Harden. Harden, auch ein Einsamer, bleibt der ewig zersetzende Analytiker, der nur zerstören, nie aufbauen kann und der dem jüngeren Freunde nicht verzeiht, daß er sich zum großen nationalen Synthetiker entwickelt. Ein scharfer Bruch reißt die letzten Beziehungen der beiden auseinander. Zwei Politiker, zwei Pazifisten, nur daß ihre Friedensfreundlichkeit. sich in verschiedenen Stadien ihres Lebens äußert, zwei Juden, beid e letzten Endes zur Strecke gebracht von jenem Antisemitismus, der ihnen, auch wo sie ihm nachzugehen und ihn zu verstehen trachteten, als Obskurantismus erscheinen mußte. Charakteristisch das Sterben beider. Der eine, der Jude Rathenau, der sich zum Positivismus durchgernngen, erlitt zwar den Märtyrertod, aber er starb als Heros der eigenen Nation, betrauert von dem ganzen kulturellen und gesitteten Europa. Der andere, der ewige Angreifer und Streiter, der geniale Polemiker und Pamphletist, verschied in einem einsamen Alpendorf Hochsavoyens, nahezu völlig allein, an den Folgen eines ebenfalls von gedungenen Mordbuben meuchlerisch erschütterten und nie wieder vollends genesenen Organismus. Sowohl die Wahlverwandtschaft wie der Antagonismus der beiden Naturen offenbart sich in dieser letzten Folge der Rathenau- Briefe, deren lebendigster und persönlichster Teil hier der breiten Masse vorgelegt wird. Zwei große Juden, zwei große Deutsche, zwei großePatrioten, gefallen auf dem Altar des Vaterlandes: Nehmt alles nur in allem! Wirtschaftskrise und Auswanderung Bon Herbert Philippsthal. Die Wirtschaftskrise hat alle Länder der Erde, Jndustriennd Agrarländer, ergriffen. Ueberall herrscht Arbeitslosigkeit; sogar in Frankreich, das bisher von der Depression verschont geblieben ist, muß man Mittel und Wege ersinn-en, der Not zu steuern. Die einfachste und erste Maßregel ist überall die Absperrung gegen Einwanderer. So haben die Bereinigten Staaten von Nordamerika, das für die Juden bisher wichtigste Einwanderungslcmd, chre Pforten einer Emigration fast gänzlich verschlossen. Eine Auswhme ist nur zugunsten jener Frauen und minderjähriger Kinder legal zugelassener Ausländer vorgesehen, denen seitens der amerikanischen Konsulate..ihrer Herkunftsländer bis spätestens 10. Dezember 1830, 12 Uhr mitternachts, ein Visum erteilt wurde. Nach Kanada ist die Einwanderung aus Europa bis auf weiteres gesperrt. Landwirte mit zur Ansiedlung genügenden Mitteln sind hiervon ausgenommen. (Letztere finden auch in Europa ein ausreichetches Arbeitsgebiet.) Aus Brasilien stimmen alle Nachrichten darin überem, daß etn großer Teil der Arbeiterschaft in absehbarer Zeit keine Aussichten hat, in den Städten beschäftigt zu werden. Zwecks Erschwerung des Zustromes mittelloser Einwanderer ist dir Gebühr der Einreisepapiere bedeutend gesteigert worden. Für Einwanderer, die sich zu eingetragenen Siedlungsgesellschasten begeben wollen, wird nach wie vor freie Reise auf Kosten der brasilianischen Regierung vom Landungshafen bis zur nächstgelegenen Bahnstation gewährt. Aus gleichen Gründen wie in Brasilien, sind auch in Argentinien die Paßgebühren stark erhöht worden. Außerdem sind sämtliche Konsulate Argentiniens im Auslande angewiesen worden, sich jedweder Propagarrda für die Auswanderung nach Argentinien zu enthalten, da die Republik nicht in der Lage ist. Einwanderern, die 'keine Arbeit finden, Lebensunterhalt zu gewähren. Schließlich sei noch Australien erwähnt, das kurz entschlossen bestimmt hat, jeder Person, die die Absicht hat, zur Erlangung von Arbeit nach Australien auszuwandern, den Aufenthalt zu verbieten. Wir sehen aus der; Ausführungen, daß eine Auswanwanderung, wie sie in der Vorkriegszeit üblich war, nuntnehr unmöglich geworden ist. Der internationale Wanhererstrom, der äußerst befruchtend für die Weltwirtschaft war, ist unterbunden; zum Schaden' aller Länder 'der Erde. Die Entwicklung der jüdischen Auswanderung sei tabellarisch dem Leser vor Augen geführt: Tie jüdische Einwanderung 1920—1930 nach Jahr V. St. v. N. A. Kanada Argentinien Brasilien Palästina 1920 11292 116 2 071 8 700 1921 119036 2 763 4 095 8 700 1922 53524 8 404 7 198 6 341 1923 49719 2 793 13 700 3 955 1924 49989 4 255 7 800 10619 1925 10292 4 459 6 920 2 507 31650 1926 10267 3 587 7 534 3 154 5 710 1927 11483 4 471 5 5§£ 3175 2 358 1928 11386 4 766 6 812 3 512 10 1929 12 479 3 544 5 986 5 610 2 888 1930 3 680 Einwanderungsüberschuß. Die Zahlen zeigen uns noch nicht die Auswirkungen der einschränkenden Bestimmungen, die oben kurz erwähnt worden sind. Erst für die Jahre 1931 ffg. können sie in ihrer ganzen Schwere in Erscheinung treten. Für die Juden in Polen, Litauen usw. ist also zur Zeit eine Auswanderung so gut wie unmöglich. Der europäische Westen, wie Deutschland, Frankreich, Belgien, Holland, kommt für sie noch weniger in Frage als die überseeischen Länder. Immerhin besteht die Hoffnung, daß im Laufe einiger Jahre die Situation eine Besserung erfährt. Es herrscht keine absolute, sondern nur eine relative Übervölkerung der Erde, d. h., um mit Schmoller, dem großen Nationalökonomen der Vorkriegszeit, zu sprechen, es jst eine solche Dichtigkeit, welche gegenüber den vorhandenen Lebensbedingungen und volkswirtschaftlichen Aussichten als Druck empfunden wird. Die Aufgabe, die der Weltwirtschaft gestellt wird, ist schwer; aber nicht unlösbar. Sie hat sich noch nicht den neu werdenden Verhältnissen angepaßt. Es wird geschehen, weil es geschehen muß. Dann werden sich vor allem die überseeischen Länder, die durchaus noch nicht an Menschen Ueberflnst haben, keineswegs einer Zuwanderung europäischer Kräfte verschließen, und auch nicht jüdischer Menschen aus! O>st> europa, die infolge der strukturellen Wandlungen ihrer Heimatländer zum Teil keine Existenzen mehr finden können. Commerz- und Privat-Bank Aktiengesellschaft Hamburg-Berlin Kapital 75 Millionen RM Reserven 40 Millionen RM 250 Niederlassungen 125 Depositenkassen Telegramm- Adresse: HANSEATIC Bn HM