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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-04-15 · 15 (15.4.1931) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
15 (15.4.1931)
Date
1931-04-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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und deshalb auch nicht einheitlich behandelt werden könnten. Die Reichsverfassung kennt nur eine allgemeine höhere Schule. Es dürfe keinesfalls der feit IW Jahren vor sich gehende Prozeß der Eingliederung der deutschen Inden in das deutsche Kulturleben unterbrochen werden. Mit Entschiedenheit trat Dr. Breslauer auch der am ersten Abend von Dr. Klee geäußerten Ansicht entgegen, die Liberalen seien auf Grund ihres Programms verpflichtet, die jüdische Schule den Eltern, die sie wünschen, zuzugestehen. Abgesehen davon, führte Dr. Breslauer aus, daß religiöser Liberalismus nicht mit politischem Liberalismus identisch sei, werde vom politisch-liberalen Standpunkt, der im kulturellen Sinn auch von der Sozialdemokratie geteilt werde, die Weltlichkeit der Schule und der obligatorische Besuch der öffentlichen Schule gefordert. Was die Elementarschule anbelange, so würden die Liberalen aus Gründen der Parität für staatliche jüdische Schulen eintreten, wenn sie von jüdischen Erziehungsberechtigten gefordert werden, solange der Staat evangelische und katholische Schulen errichtet. Die staatliche jüdische Schule sei einer Schule der Jüdischen Gemeinde auch deshalb vorzuziehen, tveil die Eingliederung der jüdischen Schülerschaft in das allgemeine Schulsystenr bei einer zu erwartenden künftigen Aufhebung' der Konfessionalität des Elementarschulwesens von staatlichen jüdischen Schulen aus leichter vollzogen werden könne. Eine Finanzierung der jüdischen Schule aus Steuergeldern der jüdischen Gemeinde wäre für liberale Gemeindemitglieder unerträglich und müßte die jüdische Einheitsgemeinde erschüttern. In den Erwiderungen von Dr. Kollenscher zeigte sich immer wieder das gleiche Bild: er wolle in seinen Gedankengängen nicht von einem deutsch-politischen, sondern von einem jüdischen Gesichtspunkt ausgehen; es müsse untersucht werden, wie im Rahmen der Gesetzgebung eine jüdische Schule möglich, und inwiefern sie vom jüdischen Standpunkt wünschenswert sei. - Hier offenbart sich das Dilemma der Zionisten im „Gallith". Muß nicht ein Einklang bestehen zwischen dem allgemeinen Schulprogramm des politischen Menschen und dem jüdischen Schulprogramm des gleichen jüdischen Menschen? Muß nicht wenigstens ein solcher Einklang der Program me angestrebt werden, wenn er als Folge historischer Entwicklung oder auf Grund von Gegenwartsströmungcn noch niäft vorhanden ist? Der Zionist aber fordert die allgemeine Schule in der staatlichen, die jüdische Schule aber in der jüdischen Gemeinschaft. Dabei tritt die Berschiedenartigkeit der Forderungen besonders kraß in Erscheinung, weil der Zionist seinen Wunsch nach Errichtung jüdischer Schulen als Forderung nach jüdisch-konfessionellen Schulen frisiert. Kollenscher hat an diesem Abend besonders stark diese Darstellung unterstrichen. Zwischen der jüdischen Schute, wie sie von ihren Anhängern in Deutschland gefordert werde, und der deutschen Schule bestehe kein Gegensatz. Die jüdische Schule müsse sich in das deutsche Unterrichtswesen eingliedern, sie werde deutsche Unterrichtssprache und den allgemeinen deutschen Lehrplan haben; die gesetzliche Forderung, daß die Erziehung im Sinne des deutschen Volkstums und deutscher staatsbürgerlicher Gesinnung geleitet werden müsse, könne von der jüdischen Schule durchaus erfüllt werden. Es handle sich bei der jüdischen Schule durchaus nicht um eine nationale Minderheitsschule. All das wirkte aus dem Munde des Herrn Dr. Kollenscher besonders peinlich, der ja bekanntlich in der Posener Uebergangszeit im Jahre L918 den neben dem deutschen und dem Sendet den sättigen Beitrag für das 9. Quartal 1931 auf das Postscheck-Konto der Bereinigung für das liberale Judentum Berlin Rr. 137069 ei«. polnischen bestehenden jüdischen Volksrat leitete uild der sich an diesem Abend bei seinem Eintreten für deutsche Schulen und deutsches Volksluin wieder einmal daran erinnern lassen mußte. In einer stark demagogischer Schlußansprache brachte er denn auch zum Ausdruck, daß die jüdische Schule das Gefühl der Verbundenheit mit der palästinensischen Heimat und dem jüdischen Volke wecken bzw. erhallen solle. Der letzte der drei Abende galt dann, wie schon erwähnt, der grundsätzlichen Aussprache über die deutschjüdische und die nationaljüdische Anschauung. Hier aber zeigten sich auch deutlich die Grenzen derartiger Aussprachemöglichkeiten. Weltanschauungen sind letzten Endes Glaubenssragen mrd hierüber kann man nicht streiten. Blumenseld meint, der Gegensatz zwischen deutschjüdischer und uationaljüdischer Auffassung sei der Gegensatz zwischen einem limitierten und einem unlimitierten Judentum, im Vordergrund der nationaljüdischen Auffassung stehe der Wille zur Neugestaltung, im Vordergrund der deutschjüdischen Auffassung die Relation, das Verhältnis Claude Alonlefiores neues Werk Wir brachten in der vorigen Nummer das von Herrn Rabbiner Tr. Seligmann verfaßte Vorwort zu der deutschen Uebersetzung des Montesiorischen Werkes „Umrisse des liberalen Judentums" und veröffentlichen heute nochmals die Subskriptionsliste. Es wird die Leser unseres Blattes besonders interessieren, daß die Übersetzung von Herrn Joseph Kauffmann, Berlin-Weißensee, stammt, der durch zahlreiche Artikel in unserer Zeitung und darüber hinaus in jüdischen Kreisen Berlins durch sein persönliches Wirken bekannt ist. Die Zeit für die Subskriptionsliste läuft noch bis Ende des Monats. Näheres siehe Inserat. zur Umwelt, von deren Urteil und Billigung sich die Anhänger dieses Standpunkts stets abhängig fühlen. Und aus der anderen Seite sprach Holländer: Eine nationale Lösung der jüdischen Zukunft wäre rein formal und schiebt den inneren Gehalt des Judentums beiseite. Dem gegenüber vertreten die Anhänger des deutschjüdischen Standpunktes eine geistige Auffassung, den Missionsgedanken des Judentums, 'der die Aufgabe der Juden im Dasein der Völker darin erblickt, deni Gedanken der Gerechtigkeit und dem Monotheismus zum Durchbruch zu verhelfen. Nach deutschjüdischer Auffassung sei Schma Jisroel wichtiger als Ercz Jisroel. Hier gilt,'wie ich schon sagte, nur die Forderung nach persönlicher Entscheidung und gegenseitiger Achtung: ein Ausgleich ist nicht möglich. Holländer streifte bei seinen Ausführungen auch die Frage nach dem Wesen der jüdischen Gemeinschaft und meinte: Das Verbindende und Entscheidende ist die Tatsache der gemeinsamen Abstammung. Gemeinsames Abstammungsbewußtsein, das ist daS einzig Unbestreitbare, das die Juden ohne Rücksicht auf gesinnungsmäßige Einstellung verbindet. Das mag für eine kurze Uebergangsperiode richtig und möglich sein. Aber ebenso sicher ist, daß „Abstammung sbelvußtsein" keinen Gegenwartswert bedeutet und keine Gemeinschaft lebendig erhalten kann. „Abstammungsbewußtsein" ist eine Sache für Forschungsgesellschaften. Das Judentum aber wrrd nur leben können, wenn es wieder zur geistigen Gemeinschaft wird, wenn es seinen Charakter nicht nach den Indifferenten, sondern nach seinen bewußten Trägern bestimmt. So viel über den ersten Versuch der Kontradiktorischen Abeiide. Sie waren ein interessantes Wagnis, für das der Freien Jüdischen Volkshochschule gedankt werden muß. Sollte dieser erste Versuch fortgesetzt werden, so wäre vielleicht ein Ausbau nach Art anderer Disputationen zu empfehlen. Die eine Seite stellt vorher Thesen auf, die dann angegriffen und verteidigt werden. Dadurch wäre sicherlich eine gründlichere Anssprache zu erreichen als bei den jetzt erfolgten Aussprachen, bei denen der Verlaus des Gesprächs völlig dem Zufall bzw. dem Augenblick überlassen war. kanadische Staatsbürger jüdischer Abstammung Eine interessante Parallele. In den Auseinandersetzungen über die deutsch-jüdischen Probleme bekommt man von zionistischer Seite immer wieder zu hören, unsere ganze Problematik und schon die ganze Art der Problemstellung sei eine typisch deutsche Angelegenheit. Noch aus der letzten Tagung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden erklärte Dr. Nahum Goldmann unter dem Beifall seiner Fraktiouskollegen, wir müßten uchs hier in Deutschland endlich von diesem engen Standpunkt befreien; in sämtlichen andern Ländern sei die Frage, ob dis Zugehörigkeit zur Heimatnation mit derjenigen zur jüdischen Nation vereinbar ist oder nicht, überwundene Angelegenheit, über die gar nicht erst diskutiert werde. — Leider gibt es auch viele Liberale, welche dieses Argument für richtig halten und ihr Gewissen mit der Begründung saldieren wollen, daß z. B. „der Zionist in Amerika ganz anders sei als in Deutschland". In diesem Zusammenhang dürfte die nachstehende Jta-Meldung von besonderem Interesse sein, welche die von uns stets vertretene Meinung bestätigt, daß die Probleme überall zu ben gleichen Folgerungen führen, und daß überall auch nur die eine oder andere Entscheidung möglich ist. Es wurde dies früher bereits aus Berichten über die Lage der Juden in der Türkei deutlich, aber die Tinge in Kanada sind deshalb noch viel interessanter, weil es sich hier um ein Land auf dem amerikanischen Kontinent handelt, wo die angeblich so belastenden oder eiuengcuden europäischen Traditionen nicht vorhanden sind. Die Nachricht zeigt u. a. Deutlich, wie der ehemals und noch heute so starke Gedanke der Emanzipation der Juden in Deutschland bzw. in den westeuropäischen Ländern sich längst erweitert hat zu der Parole: „Emanzipation der Juden in alten ihren Heimatländern". Die Jta-Notiz lautet: „Anläßlich der Beratung des neuen jüdischen Schulgesetzes in der kanadischen Unterhauskommission für öffentliches Recht hielt im Gesetzgebenden Rat der Provinz Quebec das jüdische Ratsmitglied Peter Berkowitch eine Rede, in der er erklärte, daß die Juden nicht wünschten, in Kanada offiziell als Minorität mit besonderen Minderheitsrechten betrachtet zu werden, da sie sich selbst für „nichts anderes als Kanadier jüdischer Abstammung" hatten. Das zweite jüdische Mitglied des Gesetzgebenden Rates, Joseph Cohen, stimmte den Aeußeruugen des Ratsmitgliedes Berkowitch zu. Auch der Provinzsekretär L. A. David erklärte im Verlaufe der Debatte über das Schulgesetz, die Schaffung einer öffentlich-rechtlich anerkannten jüdischen Minderheit in der Provinz Quebec widerspreche dem Interesse sämtlicher beteiligter Parteien. Verfassungsmäßig bestehe in Kanaoa bloß eine Minderheit, und zwar die französisch-kanadische. Es wäre gefährlich und unzweckmäßig, eine zweite Minderheit im Lande zu schaffen. Nach kurzer Beratung wurde das an die Stelle des im vorigen Jahre erlassenen Gesetzes, das den Juden den Anspruch auf Gründung eigener Schulen gab, tretende neue jüdische Schulgesetz an das Haus zu weiterer Überprüfung rückverwiesen." krishnamurti Eine Menschengruppe, die sich zur Pflege religiöser Ideale zusammengefnnden hat, auch wenn sie selbst an ein bestimmtes Bekenntnis gebunden ist, sollte doch an allen religiösen Erscheinungen Ihrer Zeit teilnehmen. Das jüdische Publikum, wenigstens soweit man es aus dem gemeindlichen und organisatorischen Leben kennt, also gerade das inr engeren und engsten Sinne „jüdische" Publikum, hatte sich — mit Ausnahmen, die sich an den Fingern einer Hand herzählen lassen — zu den Vorträgen Krishnamurtis in Berlin nicht eingefunden. Das ist bBäuerlich, denn ist auch ein organisatorischer Zusammenschluß aller religiösen Bewegungen und Kirchen für lange Jahrhunderte noch, vielleicht für immer, unmöglich, so wäre doch gerade in der heutigen Zeit zu wünschen, daß alle religiösen Gemeinschaften und Einzelmenschen in Fühlung miteinander treten und einander kennenlernen. Das sei im Hinblick aus Krishnamurti besonders der jüdischen Jugend gesagt, die wissen müßte, daß Krishnamurti, der mit etwa 23 Jahren, also selber noch ein Jüngling, bereits Tausende junger Menschen um sich scharte, sich auch heute, als Fünsunddreißigsähriger, noch ausdrücklich an die Jugend wendet, daß das „Zeltlager zu Omnien", welches er alle zwei Jahre abhält, zu neun Zehnteln von Jugendlichen, von Jugendlichen aller Staaten des Abend- und Morgenlandes besucht wird, sodaß wir es also mit einein Jugendsührer ersten Ranges zu tun haben. „Wie Gott Israel Propheten gesandt hat, so sandte er Propheten auch den Völkern der Erde", heißt es im Talmud, und eine der Gesamtmenschheit aufgeschlossene jüdische Jugend hätte diese Gelegenheit ergreifen müssen; nicht, weil Krishnamurti von einer bestimmten Gruppe, der er stetig mehr entwächst und bewußt sich entwindet, als „Prophet" herumgereicht wird, sondern weil er nach seiner Wirkensweise und nach seinem Erfolg ein religiöser Jugendsührer ist, der sich in so jugendlichen Tagen bereits persönlichen Anhang über gewöhnliches Maß hinaus und damit auch die Beachtung seitens der gesamten Oefsentlichkeit erworben hat — nur wir Juden find wieder einmal zu sehr versponnen ins Eigene, empfinden allzu wenig unsere universalistische Pflicht und Ausgabe. Diese Passivität ist um sv verwunderlicher, als Krishnamurti, so schlicht und herzlich-menschlich er sich persönlich gibt, durch die Einzigartigkeit seines Schicksals und durch die auffallende Wendung, die er selbst seinem Leben gegeben hat, dem heute üblichen Bedürfnis nach sensationellen Ereignissen und Menschen reichlich Nahrung gibt. Es ereignet sich wohl nicht allzu oft, daß jemand schon von Mutterleib an als Reinkarnation eines Heilandes (des Buddha?) und damit selber als Heiland angebetet wird; daß inan ihn „zum Propheten ausbrldet", wie es Anni.e Besaut und ihre theosophische Gesell- Krishnamurti getan haben; daß man ihm, während er selbst noch ein Knabe ist, einen Orden gründet („Der Stern im Osten"), der die Aufgabe hat, dem neuen Messias urrd der von ihm zu erwartenden Lehre in allen Ländern der Erpe im Vorhinein Anhänger zu werben. Gewiß eine Sensation; aber, bis hierher wenigstens, auch eine ridiküle Angelegenheit. Doch nun das Erstaunliche: der Zögling wird würer charakterlich noch intellektuell eine Enttäuschung, er zeigt sich, groß geworden, seiner Ausgabe als Ordensführer gewachsen, von ferner Lehre und Predigt gehl eine Wirkung aus, die immer neue Menschen anzieht, den Orden erstarken, das Zeltlager zum Sammelpunkt eines kulturell eigengearteten Kreises werden läßt. Und schließlich das groß Bedeutende: der Jüngling, dem mit diesem Orden ein Instrument der Macht in die Hand gegeben ist, wie es sich manch Einer wünschen möchte, löst diesen Orden auf; Geist steht ihm höher als Macht, denn — so erklärt er der um ihn gescharten Jugend seine so unerwartete Handlung: „Die Wahrheit läßt sich nicht organisieren." Fürwahr, eine bedeutsame Erkenntnis, geeignet, alle Kirchengemeinschaften zur Selbstprüfung auszurufen; und eine einzigartige Tat, diese Erkenntnis so unegoistisch, so sich selbst der mühelos erworbenen Macht entkleidend, in die Wirklichkeit umzusetzen. Und nun steht er vor uns, mit sremdrassigen und wirklich edlen Zügen, aber ganz untheatralisch, europäisch gekleidet, bartlos, einfach, herzlich und, was wichtig ist: voll Humor, in allen Stücken das Gegenteil eines „indischen Weisen" (mit welcher Bemerkung nichts Böses gegen Taqore gesagt sein soll). Seine Rhetorik und Mimik sind ästhetischer Genuß, sein Englisch ist auch dem weniger Geübten verstäiidlich (Besucher jüdisch-liberaler Weltverbandstagungen konnten und durften an Rabbi Israel Mattuck"denken, aber der Inder ist verhaltener) — und außerdem überträgt ein wahrhaftes Stenographen- und Dolmetscher-Genie jeden Absatz wortwörtlich ins Deutsche, in vollendeter Uebereinftimmuna mit dem Redner. Auch was Krishnamurti sagte, machte aufhorcheu. Er war nach Gott, Unsterblichkeit, Seelenwanderung geftagt worden. Auf die Frage nach Gott antwortete er, ohne das W o r 1 Gott zu gebrauchen. Da er aber erklärte, er habe dielabsolute Wahrheit gefunden, so wurde seine Antwort ein Hymnus auf den Gott, den Jeremia sprechen läßt: „Efts bil'adaj — nichts ist außer mir!" Es ist klar, daß von dileser absoluten Wahrheit nur sprechen kann, wer sie gefunden hat, denn wer sie nicht wirklich gefunden, der weiß ja auch garnicht von ihr. Und dieses „Efes bil'adaj", vielleicht kennt Krishnamurti dies Wott und die ganze Bibel so wenig, wie er, nach eigener Erklärung, nicht Schopenhauer und kein einziges philosophisches Buch kennt — aber die darin liegende Erkenntnis läßt ihn Welt und Zeit und Raum in ihrer Relativität und Negativität durchschauen, sodaß alle anderen Fragen, da sie ja zumindest die Zeit, vielleicht aber auch die Ausdehnung verabsolutieren, als nichtig erscheinen. Ueberflüssig zu bemerken, daß er sich nicht als außergewöhnlicher- Gottwesen verehrt wissen will und der mit ihm getriebene Kultus ihn nur stört; denn, so sagte er ausdrücklich, als er über das Gebet und die Bedeutung des Betend sprach, zu Gott kann nran nicht auf dem Weg über die Außenwelt gelangen, nur der Jnuenweg führt hin zu Gott. Dies der Grund, warum sich die Wahrheit nicht organisieren läßt; jeder muß sie selbst in sich finden und mit seinem' Leben realisieren. Daher bleibt das Leben höchste, einzige Aufgabe. Die Schilderung wäre nicht vollständig, würde nicht auch Negatives offen ausgesprochen. Es fehlte originale, schöpferische Sprachkraft; es fehlten unvergeßbare oder auch nur einprägsame Formulierungen. Und das liegt vermutlich an dem anderen Mangel, dem völligen Fehlen theoretischer, und das heißt eben: philosophischer Durchbildung, ohne die in heutiger Zeit ein wirklich fruchtbares Lehren unmöglich erscheint. Doch hat der jugendliche Lehrer noch viel Zeit vor sich. Vor allem aber, was uns hier ang-eht: wer die absolute Wahrheit kündet, der ist Licht an de:n gleichen Leuchter, auf dem auch der israelitische Prophetismus als Licht der Völker seinen Dienst durch die Jahrtausende versieht. Noch nie hat ein Inder so frei vom Werglaubensbeiwerk und Dogmatismus seines Kulturkreises Gott gelehrt, — wir glauben, das Recht und die Pflicht zu haben, in diesem Manne seltsamer Tat und befreiender, weil befreiter Lehre eineu Bundesgenossen zu grüßen. George Goetz. Nachbemerkung: Ter vorstehende Bericht geht auf das verhältnismäßig Wenige zurück, was ich bisher von und über Krishnamurti wußte, und aus die Eindrücke, die ein einzelner Vortragsabend zu vermitteln vermag. — Inzwischen kamen mir einzelne seiner Schriften zu Gesicht: Gedichte und Niederschriften seiner Vorträge. Sie lassen zweierlei erkennen: daß der Abstand zwischen seinen „Theosophi-- schen" Managern und ihm fefljft, der dem Aberglauben und dem Sensationsbetrieb gleich abgewendet ist, viel breiter ist, als bisher ersichtlich war; und daß wir es mit einein vollendeten Mystiker von Erheblichkeit und Bedeutung zu tun haben, den „an den Quellen zu studieren", d. h. bei ihm und seinen Schriften selbst, kein geistig Interessierter unterlassen sollte.

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