Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 15 (15.4.1931)
- Date
- 1931-04-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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16.APR.3i IMchKberaleZeltW Orsoo -er Veretnlsmrs fftr das lt-eraü Judentum e. V. Die Vereinigung für dos liberale Audentum übernimmt nur für diejenigen Aufsätze, die ausdrücklich als in ihrem Namen oder in ihrem Auftrag« versaht gekennzeichnet find, die Verantwortung. Alle anderen Artikel» Aeuherungen und Vorschläge erscheinen unter der Verantwortung der Redaktion. Die „Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11, Hallesche Skr. 1 Fernruf: Bergmann 3358, 3350 Postscheckkonto: Berlin 1NV 7, 1370öS (Vereinigung für da» liberale Judentum- Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Bezugspreis durch die GefchöftsfteUe '/«jährlich 2R. Einzelnummer 0.2. Bei freier Zusendung i. Inland 0.30 Jür die Mitglieder der Vereinigung ist der vezugsprei» im Mitglledsbeiirage enthalten. Anzeigenpreise: Die 12gespalt. Ronpareillezeile 0.45 Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigenannahme bei der Geschäftsstelle u.fämtl.Annoncen-Expedit. Rr. 15 Berlin. 15. April 1931 11. Zahrgang Die objektive Wenfrage Von Dr. Arthur Lilienthal. Ein neues Wort geht um. Das Wort von der „objektiven Judenfrage". Der Zionismus hat es aufgebracht. Er glaubt, mit ihm den Schlüssel gefunden zu haben, mit dein er die Seelen dem Zionismus öffnen kann. Die Lage des Judentums in Deutschland hat sich so zugespitzt, daß jeder Sehende es sehen muß: die Judensrage bedarf einer Lösung; daß jeder es fühlen muß: „Wer kann als Jude leben, wenn er in jedem Augenblick genau wissen muß, warum er Jude ist, und sich gewollt und ungewollt immer in einer Verteidigungsstellung gegen anstürmende Gewalten zu bewegen hat?"*) Ein Werbemonat ist von der zionistischen Organisation ausgeschrieben. Tie Kraft der zionistischen Propaganda aber solle nicht der in Aussicht stehende Erfolg ausmachen und nicht fertige Leistungen, sondern „eben nur jene Ueberzeugung von der Unhaltbarkeit des äußeren und inneren jüdischen Lebens". Was ist daran? Es kann nur eine Antwort geben: nichts. Wir können und wir müssen daraus feststellen: die Ueberzeugung von der „Unhaltbarkeit des äußeren und inneren jüdischen Lebens", wir haben sie nicht. Man meint: „Wer kann ein voller Mensch sein, wenn er in seinem Inneren dauernd Prozentrechnungen anstellen muß, die ihn belasten, und sich am liebsten zu der Formel aufzwingen möchte, gleichzeitig hundertprozentig auf verschiedener Gebieten zu leben." Nun, sie können beruhigt sein: wir stellen in unferm Innern keine Prozentrechnungen an. Das Jude sein und das Deutscher sein ist unendlich vielen deutschen Juden, gewiß der jüngeren und jungen Generation von gleicher Selbstverständlichkeit. Hier ist gar keine Problematik. Das eine wie das andere liegt in uns. In unendlich vielen -- Ausnahmenaturen gibt es immer — wird heute von keinem Zwiespalt „die Sehnsucht nach einem menschlich vollwertigen Leben" erstickt. Sorgen wir dafür, daß diesen Zwiespalt nicht künstlich der Zionismus in unfern Menschen schasst. Etwas ganz anderes ist es, daß der Betätigung unseres Seins und Bewußtseins vielfach — keineswegs überall — Schwierigkeiten gemacht werden. Daß man von vielen Seiten unserer Entfaltung Hindernisse zu bereiten sucht, dieses Schicksal teilen wir mit anderen deutschen Bevölkerungsschichten. Gewisse Gruppen müssen sich im geschichtlichen Leben immer erst durch Kampf die Anerkennung und die Möglichkeit zu freiem Wirken erringen. Sie sind deshalb nicht die menschlich Schlechtesten. Aus der Tatsache, daß viele uns in unserer Eigenart nicht anerkennen, ^>aß sie uns angreisen, aus dieser Tatsache allein den Schluß zu ziehen, unsere Lage sei unhaltbar: das ist ein Ausdruck innerer Schwäche, ein der Aufgabe, sich durchzusetzen, nicht Gewachsenscin. Wenn Zionisten uns sagen: wir müßten aus unserer Lage befreit werden zu freier menschlicher Entwicklung, befreit werden aus einem Zustand, in dem wir „als Juden nur mit ausgeklügelter Lebenstechnik zu existieren vermögen", so müssen wir denen, die das sagen, es für sie schon glauben. Sie mögen an der Ausgabe, ihre Eigenart in der Umwelt zu behaupten und - durchzusetzen, zu zerbrechen drohen. So flüchten sie in die Begeisterung des nationalen Jude-nnter-Juden-Scins. Die Entscheidung über die Gestaltung der jüdischen Menschen kann nicht von den Schwierigkeiten einer konkreten Lage ausgehen, wie der Zionismus das heute zum Programm zu machen sucht. Die entscheidende Frage liegt an einer anderen Stelle. Nicht darauf kommt es an, ob unser heutiges Judesein Reibungen erzeugt und schwierige Lagen schasst. Sondern nur das kann überhaupt Gegenstand der Entscheidung sein, ob das Judentum unabhängig von allen Schwierigkeiten seiner Lage, unabhängig von der „objektiven Judenfrage" für höchste Leistungen der Einbettung in eine rein jüdische Umgebung bedarf, ob der jüdische Geist sich nur an der Berührung, aber auch der Reibung mit jüdischem Geist voll entfalten kann. Diese Frage kann der Zionismus von seiner Einstellung aus mit Fug aufwerfen. Daß er sie bejaht, können wir, ablehnend zwar, nur mit Achtung vor der Gesinnung des anderen zur Kenntnis nehmen bei denen, für die darin nicht nur die Flucht vor den Schwierigkeiten der Gegenwart liegt. Es ist ein Glaube, eine seelische Einstellung, die wohl kaum Gegenstand einer sinnvollen Diskussion fern kann. Nur eins muß ihr gegenüber allerdings festgestellt werden: ein verhängnisvoller Irrtum ist der Glaube, daß im eigenen Volk die Schwierigkeiten, die uns die „objektive Judensrage" heute bereitet, ausgeräumt sein werden. Kurt Blumenfew, der Führer der deutschen Zionisten, schreibt darüber: „Alle Juden, die eine Neugestaltung der menschlichen Gesellschaft erstreben, sollten erkennen, daß sie solches Tun in voller Freiheit nur in ihrem eigenen Volk und unter den neugeschaffenen natürlichen. Be¬ *) Kurt Blumeustld in seinem Peßach-Artikel „Wir werden" in der Jüdischen Rundschau vom 1. IV. 1931. Ebenso die folgenden Zitat«. dingungen erreichen können, da ihnen sonst überall die Judenfrage als entscheidendes Hindernis in den Weg tritt." Gewiß, das ist das Entscheidende: das Wirken des Judentums an der Gestaltung der menschlichen Gesellschaft. Gewiß bereitet uns „die Judenfrage" Schwierigkeiten. Aber die Judenfrage wandelt ihr Gesicht mit den Zeiten. Wenn wir im Augenblick über das gewöhnliche Maß hinaus in Deutschland bekämpft werden, so sehr wesentlich deswegen, weit wir Juden, im großen gesehen, im Lager derer stehen, die die menschlichen Verhältnisse weiter entwickeln wollen in einem Sinne, der einer gewissen Reaktion so verhaßt ist. Und wieder teilen wir dieses Schicksal, in nicht sehr erheblichem Gradunterschied, mit anderen Gruppen des deutschen Volkes, für die dasselbe gilt. Das ist das ewige Schicksal alles Werdens und des Judentums als des stets und immer Werdenden. Und im eigenen jüdischen Volk? Da werden dem Glauben an die göttliche Mission des Judentums für die Gestaltung der Menschheit dieselben Hindernisse entgegentreten: der Unglaube, der Ungeist, der Geist der Gewalt und des Rückschritts. Wer sehen will, sieht es schon heute. Ob ein jüdischer Universitätsrektor in Deutschland unter dem Treiben nationalistischer Studenten zu leiden hat, oder in Jerusalem unter dem der revisionistisch verhetzten Studentengruppen, ob der Geist der Neugestaltung von Nationalsozialisten niedergeschrien und mit Stinkbomben bekämpft wird oder von zionistischen Revisionisten, das ist im Prinzip gar kein Unterschied. Es ist genau die gleiche Erscheinung: es ist die Judenfrage, von der wir uns angeblich befreien müssen. Es ist das ewige Los der jüdischen Menschen, der Träger jiidischen Geistes von den Propheten bis aus unsere Tage. Wir werden diesem Lose nicht entfliehen. Als eigenes Volk so wenig als sonst, in Palästina so wenig wie anderswo. Kontradiktorische Abende Von Bruno Woyda. Ungeahnte Triumphe feiert die Technik. Von Sieg zu Sieg schreitet sie in den letzten hundert Jahren. Nichts scheint mehr unerreichbar. Die Kenntnis der Natur wächst, der Weltenäther wird erforscht und gewinnt Leben, und die Spötter meinen, für den Gott, wie ihn sich primitiv-reli-> giöse Menschen denken, ist die Wohnungsnot ausgebrochen. Noch vor hundert Jahren war die rumpelnde Postkutsche das einzige Verkehrsmittel, 1835 wird die erste Eisenbahn in Deutschland eröffnet, 1903 gelingt den Brüdern Wright der erste Motorflug mit einer Dauer von 12 Sekunden, 12 Sekunden. Heute beträgt die Höchstgeschwindigkeit des Flugzeugs 532 km in der Stunde, und wie lange noch, dann wird das Stratosphärenslugzeug im Weltall kreuzen und Berlin und New Jork werden mindestens so benachbart sein wie vor hundert Jahren Berlin und Leipzig. Doch sind die Menschen sich näher gekommen? Haben sie einander verstehen gelernt? Ter moderne Turmbau zu Babel ist's, nichts weiter. Der Geist, der in den Schöpfungen der Technik seine Verwirklichung findet, wird dienstbar gemacht dem Ungeist des Lebens. Und wie in der Erzählung der Bibel scheint es auch heute bei den Auseinandersetzungen in der Oeffentlichkeit, „daß keiner des andern Sprache verstehe". Da ist cs zweifellos des Tankes wert, wenn der Versuch unternommen wird, durch Zwiegespräche strittige Fragen der Klärung näher zu bringen. Ergibt die Klärung eine Annäherung der Meinungen, nun, so ist es gewiß gut. Ergibt sie hingegen keine Ueberbrückung der Gegensätze, keine Möglichkeit des Ausgleichs, so wird doch das Gefühl für die Berechtigung der verschiedenen Anschauungen gestärkt, der Ursprung der Verschiedenartigkeit erkenntlich und so eine Atmosphäre geschaffen, in der gegenseitige Achtung den würdigen Untergrund für die notwendige Austragung der Gegensätze schafft. Derartige Aussprachen sind nicht neu. Man braucht sich nur an die berühmt gewordenen Religionsgespräche zu erinnern. In jüngerer Zeit hat insbesondere der Rundfunk die Tribüne für Auseinandersetzungen dieser Art vor dem Forum der Oeffentlichkeit abgegeben. Im jüdischen Leben der neueren Zeit hingegen haben sie völlig gefehlt. Man begnügte sich mit den üblichen Versammlungsdiskussionen und mit dm Debatten bei Wägungen, Konferenzen, in den jüdischen Gemeindestuben usw. Während des letzten Wahlkampfes in der Berliner Jüdischen Gemeinde wurde von zionistischer Seite die Abhaltung der Wahlversammlung in Form von kontradiktorischen Abenden angeregt. Die Liberalen lehnten damals die Anregung mit vollem Recht ab, da ihre ernsthafte Verwirklichung in der Wahlzrs.t unmöglich ist. Gilt es doch in der Mahlzeit weniger, Menschen zu überzeugen oder Probleme zu klären als aufzurütteln und aus dem gewaltigm Heer der Indifferenten und Zögernden Wähler der Partei zu gewinnen. Nach den Wahlen hat dann die freie Jüdische Volkshochschule in Berlin drei Kontradiktorische Abende veranstaltet; über sie soll im Folgenden berichtet und einiges Grundsätzliche gesagt werden. Der erste Abend galt dm „Aufgaben einer jüdischen Großgemeinde", ihn beftrittm der Führer der Jüdischen Bolksparlei, R.-A. Dr. Alfred Klee und der Vorsitzende der Vereinigung für das liberale Judentum, R.-A. Heinrich Stern; am zweiten Abmd erörterten R.-A. Dr. Walter Breslauer und R.-A. Dr. Max Kollenscher die Frage „Brauchen wir eine jüdische Schule?"; am dritten Abend sprachen der Präsident der Zionistischen Bereinigung für Deutschland, Kurt Blumenfeld, und der Direktor des Centralvereins dmtscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Dr. Ludwig Holländer, über „Deutsch-jüdische und nationaljüdische Anschauung". Hier schon ergaben sich die ersten Zweifel. Ist es zweck- Hier schon ergeben sich die ersten Zweifel. Ist es zwecksoll nicht verkannt werden, daß dadurch das Interesse weiter Kreise an der Veranstaltung gehoben wird; aber andererseits wird auch die Gefahr billiger Effekthascherei, die derartigm Veranstaltungen an sich schon innewohnt, und die Möglichkeit, sich mit Hilfe der Redekunst über schwache Positionen hinwegzuretten, noch vergrößert. Und dann ist auch die Anordnung der Themata höchst eigenartig. Hätte nicht selbstverständlich der dritte Abend als erster die Grundlage der folgenden Aussprachen biüien müssm? Doch diese Beanstandungen nur nebenbei. Wesentlicher ist der Verlauf der Abends selbst und die Lehre, die sich aus ihnen ergibt. Am ersten Abend war schon durch die Themenstellung bedingt, daß viel Gemeinsames und weniger Strittiges zur Erörterung stand. Und es lag wohl, an der Erstmaligkeit der Veranstaltung, daß der Abend mehr ein gegenseitiges Abtasten der Gegner als eine Klärung der Probleme brachte. Immerhin zeigten sich auch hier schon die Gegensätze. Der Zionist bringt alles auf einen jüdischen Nenner, er will das Leben des-Juden soweit irgend möglich aus der Umwelt in „jüdisches Milieu" verlegen, er will den „Volljuden erziehen". Der Liberale hingegen sieht und will die Verkettung des modernen Juden auch mit der Umtvelt, er bejaht für den jüdischen Deutschen das Judentum als die religiöse, das Deutschtum als die nationale Komponente der Erziehung, er will die Lebenseinheit des jüdischen Deutschen nicht durch die Flucht aus einer seiner Welten, sondern durch, harmonische Verbindung der sich nicht ansschließenden, sondern ergänzenden Welten herbeiführen. Ter Zionist will die Absonderung von der nichtjüdischen Umgebung, während der Liberale von der jüdischen Idee ausgehend, den Gedanken des Judentums in die Welt zu tragen, mit aller Entschiedenheit gegen die Tendenzen der Isolierung, mögen sie von zionistischer oder judenseindlicher Seite kommen, ankämpfen muß. Es ist in diesem Zusammenhang unerheblich, ob es sich um die Schule, ein Ledigenheim oder auch Palästina handelt. Und man soll diesen Gegensatz nicht bagatellisieren, soll nicht glauben, daß er mit gutem Zureden zu beseitigen ist. Er ist, zumal in dieser Welt der Unvollkommenheit, verständlich und deshalb wohl auch berechtigt. Die Aufgabe eines jeden Juden aber ist es, sich für einen der beiden Wege zu entscheiden und dann, auch wenn die Konsequenzen hart sind, aus die geradlinige Befolgung des von ihm gewählten Weges zu achten. In einem Punkte, das soll hier auch in voller Offenheit ausgesprochen sein, vermag ich allerdings dem liberale^ Redner des Abends nicht beizupflichten. Stern prägte den Satz: „Wichtig ist Gemeinschaftsgefühl als solches, ob es aus nationalen oder religiösen Impulsen entsteht, ist nebensächlich." Dem stimme ich keineswegs zu. Der Satz ist richtig da, wo durch äußere Momente, beispielsweise ein Territorium, Gemeinschaft bedingt oder geboten ist. Bei einer Gemeinschaft des Geistes aber — und eine solche soll doch das Judentum sein, auch wenn man es noch durch gemeinsame Abstammung oder Schicksalsverbundenheit gekennzeichnet glaubt — muß selbstverständlich der Geist dre Gemeinschaft schaffen, muß die Gemeinschaft, wenigstens bei den Führern, geistige Verbundenheit bedeuten. Und gerade weil dem im Movernen Judentum njcht so ist, ergibt sich seine Problematik und die Gefährdung seiner Fortexistenz. Ergab schon der erste Abend die Schwierigkeit einer Diskussion über die Praxis des jüdischen Lebens, so wurde das noch deutlicher bei der Erörterung der jüdischm Schulfrage. Dr. Breslauer wies mit Recht darauf hin, daß das höhere und das Elementarschulwesen nicht einheitlich geregelt seien