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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-04-08 · 14 (8.4.1931) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
14 (8.4.1931)
Date
1931-04-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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1L Jahrgang Nummer 14 Wijch-llberÄe ZeUmg BcUofi s. April 1931 Das Aufbauwerk i« Oste« Veneraiversammlung der britische« „Ott"-GefeNsch«st. Berlin, 6. April (J.T.A.). Am 30. März fand in Berlin die ordentliche Mitgliederversammlung der „Ort"-Ge- Mschaft, Abt. Deutschland, statt. Herr Bankier Wilhelm v r a e tz eröffnete die Versammlung und ehrte in tief gekehlten Worten das Andenken der im vorigen Jahre verschiedenen Vorstandsmitglieder Pros. Ludwig Stein und Kam- Aergerichtsrat Jacques Stern. Hieraus erteilte er das Wort Herrn Dr. Singalowsky zu seinem Bericht über den gegenwärtigen Stand der jüdischen Aufbauarbeit in Osteuropa. Dieser sührte aus, man könne verschiedener Meinung darüber sein, ob und in welchem Maße die politische Lage der Juden im Osten sich im letzten Jahre verschlechtert hat. Was die wirtschaftliche Lage jedoch anbetrisft, so bestehen keine Zweifel darüber, daß sie überall und insbesondere in Polen eine Verschärfung erfahren hat. In Rußland sind durch die von der Regierung betriebene Industrialisierung des Landes günstige Bedingungen für die Aufnahme von Juden in die Staatsbetriebe geschaffen worden. So wurden in den letzten zwei Jahren bereits 40000 jüdische Arbeiter der Industrie zugeführt. Wenn man sich auch vor Augen halten muß, daß selbst die erwerbstätige jüdische Bevölkerung in Sowjetrußland unter den allgemeinen schweren Lebensbedingungen zu leiden hat, so gilt es doch festzustellen, daß nirgends der Prozeß der wirtschaftlichen Gleichstellung der Juden in so raschem Tempo vor sich geht wie in diesem Lande. — Polen bildet in Bezug auf die Deklassierung der Juden längst keine Ausnahme mehr. Dagegen vermissen wir hier bis zum heutigen Tag den ernsten Willen der maßgebenden politischen Kreise, an eine gründliche Lösung der durch die wirtschafliche Entwicklung verschärften Judensrage herrnzutreten. Wir haben, sagte der Redner, immer betont, daß das Verdienst uud die historische Aufgabe des „Ort" und der ani deren jüdischen Aufbauorganisationen darin besteht, daß durch ihre Jnitiativarbeit der Weg gebahnt wird, den die jüdische Bevölkerung späterhin bei immer größerer Inanspruchnahme staatlicher Hilfe selbst gehen soll. An einer Reihe bemerkenswerter Tatsachen weist der Redner nach, daß die Regierung in Polen dem jüdischen Aufbauwerk nicht nur gleichgültig aegenüberstcht, sondern daß ihm seitens der zentralen und lokalen Behörden sogar bewußt Hindernisse in den Weg gelegt werden. Wohl darf Ort auf seine Errungenschaften in Polen und Rumänien mit Genugtuung zurückblicken. Versucht man jedoch, das Erreichte mit der immer wachsenden Not zu vergleichen, so gilt es, sich selbst und der Öffentlichkeit klar zu machen, daß wahrhaft große Resultate in Polen erst dann zu erzielen sein werden, wenn günstige politische Voraussetzungen hierfür geschaffen sein werden. Nunmehr erstattete Dr. Traub den Bericht über die Tätigkeit der „Ort"-Gesellschaft Abt. Deutschland während des Jahres 1930. Er führte u. a. aus: Die Wirtschaftskrise, sowie auch die politischen uud die jüdischen Wahlen haben unsere Arbeit im Jahre 1930 außerordentlich erschwert. Trotzdem wurden zahlreiche Vorträge gehalten, Werbeaktionen durchgeführt und neue örtliche Aktions-Ausschüsse gebildet. Gegenwärtig bestehen bereits 67 Aktions-Ausschüsse der deutschen Ort-Gesellschaft in den verschiedenen Teilen des Reiches. Die Gesamtzahl der Ort-Mitglieder erreichte in Deutschland Ende 1929: 1671, Ende 1930: 1935. An Mitgliedsbeiträgen erhielt man: 1926: 6261, 1927: 9510, 1928: 16 587, 1929: 27274, 1930: 29 075; an eingegangenen Spenden: 1927: 68683, 1928: 53 577, 1929 : 71 723, 1930 : 64 325 Mark. Die Gesamteingänge betrugen 1929: RM. 120 721,—, 1930: RM. 121496,—. I . Auch im vergangenen Jahre haben zahlreiche jüdische Gemeinden Deutschlands in Anerkennung des vom „Ort" betreuten Aufbauwerkes der deutschen Ort-Gesellschaft Subventionen gewährt. Die Zahl der betreffenden Gemeinden stieg von 3 — 1928 auf 15 1929 und erreichte 1930 — 21. Der Vorsitzende dankt den beiden Vortragenden, er stellt mit .Befriedigung fest, daß die deutsche Abteilung des Ort- Verbandes auch im letzten Jahre ihrer Aufgabe gerecht wurde. Es müßten aber noch größere Anstrengungen gemacht werden, um die Berliner Judenheil in besonders intensiver Weise an der Ort-Wicderaufbau-Arbeit zu interessieren. Herr Graetz gibt dann noch bekannt, daß im Angust in Berlin die 4. Konferenz des Ort-Verbandes tagen wird. — Es erfolgte sodann die Wahl des Vorstandes. Neu hinzugewählt werden: Wilfried Israel, Dr. Leites, Rabb. Dr. Prinz, Georg Schapiro, Stadtrrt Treitel, Louis Wolfs. Gemeindewahlen in Danzig Am 29. März fanden in Danzig die Wahlen für die Repräsentantenversammlung statt. Die Danziger Gemeindevertretung zählt 15 Repräsentanten, die in zwei Fraktionen zusammengeschlossen sind, in dem liberal-orthodoxen Block, der über 10 Vertreter verfügt, und iu der jüdischen Volkspartei, der die 6 zionistischen Vertreter angehören. Tie liberal-orthodoxe Fraktion, die im Gegensatz zu der im Reich im allgemeineil üblichen Konstellation, wo Zionisten mit Konservativen und den anderen Splitterparteien Zusammengehen, in Danzig die Liberalen und Orthodoxen vereinigt, verfügt somit über eine starke Mehrheit. Dennoch schien in diesem Jahre diese Mehrheit gefährdet; denn von den ausscheidendeu und neu zu wählenden 7 Repräsentanten waren 5 Liberale und 2 Volksparteiler. Darum glaubte die Volkspartei, gestützt auf den starken Zuzug ostjüdischer Glaubensgenossen, bei diesem Wahlgang die bestehende Majorität zu erschüttern uud zu brechen. In dieser Hoffnung ans einen Wahlsieg stellte sie bei den voraufgehenden Kompromißverhandlungen in bezug auf die Sitzverteilung, aus eine zu errichtende jüdische Volksschule und auf den Keren Hajessod Forderungen, die die Liberalen aus weltanschaulichen und finanziellen Gründen ablehnen mußten. So wurde der Wahlkampf notwendig. Sein Ergebnis mit 4:3 für uns ist iu Anbetracht der Situation «m voller Sieg für die liberal-orthodoxe Lifte. Von dieser Liste wurden zu Repräsentanten gewählt Justizrat Felix Fabian, Kaufmann Louis Maschler, Konsul Alfred Weinkrantz, Kaufmann Julius Lippmann, als Stellvertreter Dr. Curt Jtzig und Fabrikbesitzer Josephsohn. Von der Volkspartei wurden gewählt als Repräsentanten Dr. Henryk Löw-enherz, Kaufmann M. Lubart, Kaufmann Motel Rosenzweig, als Stellvertreter Dr. Leo Guter und Kaufmann Gerhard Baumann. Bei dem allgemeinen Interesse, das die Freie Stadt Danzig infolge ihrer eigenartigen politischen und geographischen Lage und ihres Schicksals im Reiche beanspruchen darf, und es auch die jüdische Welt in Deutschland der Danziger Synagogengememde im besonderen entgegenbringt, ist es wohl angebracht, den Lesern dieses Blattes einen ausführlichen Bericht über unsere Situation und über den Verlauf der Wahl zu geben. Die Freie Stadt Danzig liegt an einem Schicksalspunkt europäischen Werdens, an emem Schnittpunkt wichtiger politischer und wirtschaftlicher Interessen großer Völker und Länder. Sie ist daher der natürliche Mittler zwischen Ost und West, sie bildet den freien Zugang Polens zum Meere, ihr Hafen untersteht einem gemischten Ausschuß mit einem neutralen Vorsitzenden, ihre Eisenbahnen sind polnisch; vom Reiche durch den Korridor politisch getrennt und mit Polen durch die Zollunion wirtschaftlich verbunden, fühlt sich ihre fast ganz deutsche Bevölkerung mit den: Reich kultur- und schicksalsverbunden und ist bestrebt, in zähem Kamps gegen polnische kulturelle Einflüsse, das Deutschtum dieser alten Hansestadt zu erhallen und zu pflegen. Die jüdische Bevölkerung Danzigs ist verhältnismäßig gering. Sie betragt mit rund 6000 Seelen (1621 Censiten) etwa 2 Prozent der Gesamtbevölkerung, davon entfällt etwa 1 Prozent ans die einheimischen Danziger Juden, während die andere Hälfte Juden nicht Danziger Staatsangehörigkeit sind, die aber nach dreijähriger Karenzzeit in der Gemeinde wahlberechtigt werden. Der starke Zuzug aus dem Osten erklärt sich einmal aus der katastrophalen wirtschaftlichen Lage der Juden in den Ostländern und ferner aus der für jeden Polen bestehenden Möglichkeit, ohne Ein- und Ausreisevisum nach Danzig zu kommen und sich hier zu unbeschränktem Aufenthalt niedcrzulassen. Das hat neben dem natürlichen Zuzug wirtschaftlich starker und produktiver Elemente auch einen Zustrom von. Existenz- und Erwerbslosen aus Polen zur Folge, und dieser Zustrom wird noch verstärkt durch die zahlreichen Durch- und Rückwanderer aus und nach Polen, die sich in Danzig niederlassen, sei cs, daß sie aus ihrem Zuge nach dem Westen keine -Ausreise erlangen, oder sei es, daß sie als zwangsweise Deportierte nicht gewillt sind, sich über Danzig hinaus nach dem Osten abschiebm zu lassen. Andrerseits ist der einheimischen deutsch-jüdischen Bevölkerung Danzigs keine Ausdehnungs- und Entfaltungsmöglichkeit gegeben, weil jeder Zuzug aus dem Reiche ausbleibt, dagegen aber eine langsame, aber stetige Abwanderung nach dem Reiche erfolgt und dadurch unsere Stimmenzahl herabdrückt. Aus Grund dieser Tatsache glaubten die Zionisten den Stimmenzuwachs, den die diesjährige Wählerliste gegenüber der letzten vor 3 Jahren zeigte, ganz für sich buchen zu können. Vor 3 Jahren zählte unsere Wählerliste rund 1100, in diesem Jahre aber 1400 Wahlberechtigte. Von diesen haben 1013 ihr Stimmenrccht ausgeübt, 7 Stimmen waren ungültig, so daß 1006 gültige Stimmen abgegeben wurden gegen 875 bei den letzten Wahlen. Von diesen 1006 Stimmen entfielen auf die liberal-orthodoxe Gruppe 532 Stimmen, auf die Volkspartei 474 Stimmen. Das Ergebnis mit 4:3 für uns hat den Zionisten lediglich die Zahl von Sitzen eingebracht, die wir ihnen auch ohne Wahlkamps zugestehen wollten. Die Zionisten behaupteten vor der Wahl immer wieder, daß sie in Wahrheit die Majorität in der Gemeinde hätten und die eigentlichen Führer der Gemeinde seien. Der Ausgang der Wahl hat diese Behauptung widerlegt. Der Wahlkampf, der von den Zionisten im Gefühl ihrer Macht gewünscht war, wurde mit größter Aktivität geführt, unsere Wahlversammlungen waren überfüllt und standen auf beachtenswerter geistiger Höhe. Wir danken dies dem Umstande, daß unserer Bitte und unserem Rufe, uns im Wahlkampf zu unterstützen, hervorragende Führer und Kämpfer aus dem Reiche gefolgt waren. Wir hatten die große Freude, Herrn Dr. Ehrmann, den Präsidenten der Ägudas Jisroel-Weltorganisation, Herrn R.-A. Heinrich Stern, den Vorsitzendender Vereinigung für das liberale Judentum, Herrn Rechtsanwalt John Wertheim vom Hauptvorstande des C. B. und Herrn Dr. Mauritius Kahn von der Centrale des C. V. bei uns in öffentlichen Wahlversammlungen sprechen zu hören. Außerdem sprach im Wahlmonat in einer C. V.-Versammlung, die ebenfalls von Zionisten stark besucht war, Herr Gcmeinderabbiner Dr. Lewin aus Königsberg über Zweck und Zielsetzung der Jüdischen Gemeinde. Alle diese Veranstaltungen haben nicht nur den Wahlsieg gefördert, sondern auch in hohem Maße zur Aktivierung und Bereicherung des jüdischen geistigen Lebens unserer Gemeinde beigetragen, wofür den Rednern auch an dieser Stelle von Herzen gedankt sein soll. Auch die Volkspartei hielt zwei starkbesuchte Wahlversammlungen ab, in denen die Herren Prof. Heinrich Löwe und Direktor Georg Kareski sprachen. In allen Versammlungen spielte neben der Ablehnung bzw. Propagierung der zionistischen Ideologie im allgemeinen und der zionistischen Gemeindepolitik im besonderen die Frage der jüdischen Volksschule die wichtigste Rolle, eine Forderung der Zionisten, die bereits die Kompromißverhandlungen zum Scheitern gebracht hatte. Die Dinge liegen hier in Danzig noch weit schwieriger als im allgemeinen im Reiche. Nach unserer Auffassung ist die Schule eine Einrichtung des Staates und der Kommune. Da in Danzig von den fast 700 jüdischen Volksschülern etwa 80 % Fremdenschüler sein dürften und eine jüdische Volksschule fast ausschließlich von diesen Fremdenschülern frequentiert werden würde, entfielen nicht nur jede finanzielle Beihilfe des Staates, sondern wir würden den ostjüdischen Kindern den Eintritt in den deutschen Kulturkreis, die Einordnung und Einfügung in die neue Umwelt selbst verwehren, würden ihnen den Ausbau ihrer späteren Existenz erschweren und schließlich auch die Kluft zwischen ostjüdischen und einheimischen jüdischen Kindern, die die öffentlichen Schulen besuchen würden, erweitern, vielleicht auch die weitere Aufnahme von ostjüdischen Kindern als Fremdenschüler in unsere öffentlichen Schulen unmöglich machen. Gerade durch diese Forderung der jüdischen Schule suchten die Zionisten die ostjüdischen Kreise Danzigs zu gewinnen. Wenn wir trotzdem unseren Besitzstand bei der Wahl gewahrt haben und die Zionisten einen weit geringeren Zuwachs verzeichnen können, als sie erwartet haben, so ist das der schlagendste Beweis dafür, baß auch viele unserer Ostjuden die Herrschaft der Volkspartei in Danzig ablehnen und unser' Liste gewählt haben, weil sie volles Vertrauen zu den bisherigen Führern der Gemeinde gewonnen haben. Das erfüllt uns mit besten Hoffnungen auch für die Zukunft. Es soll und wird uns auch weiterhin gelingen, unsere einheimischen und zugezogenen Glaubensbrüder unter Abtchnung rein zionistischer Forderungen und Tendenzen in gemeinsamer Arbeit zum Segen einer starken Danziger Emheits- und Religionsgemeinde zu vereinen. Sam. Echt. ★ : BÜCHERSCHAU ★ „Gottesdienste der jüdischen Reformgemeinde in Berlin.“ Verlag der Jüdischen Reformgemeinde zu Berlin. 3. Auflage. Berlin 1930. Ihrem ersten Beginnen, das der Ausgestaltung notleidender Gottesdienste galt, hat die Reformgemeinde ein zweites Werk folgen lassen, dessen Erscheinen in mehrfacher Hinsicht zu begrüßen ist. Wie im Vorwort dargetan, soll das Werk zunächst eine Zusammenfassung der gesamten Liturgie der jüdischen Reformgemtinde geben. Es darf aber wohl angenommen werden, daß die erheblichen Aufwendungen für die Herausgabe der Partitur nicht nur für die bestehende« Gottesdienste der Reformgemeinde gemacht worden sind. Wenn die Absicht bestand, mit diesem Opus für eine Einrichtung der Reformgemeinde in weiteren Kreisen zu werbe», so muß zugegeben werden, daß die Ausführung gut gelungen ist. Jedoch nicht nur für die Hebung des musikalischen Teils des Gottesdienstes ist die vorliegende Ausgabe ein ideales Hilfsmittel; sie ist darüber hinaus auch für de* Gebrauch bei sämtlichen Gelegenheiten, in der Familie und für feierliche Veranstaltungen, eine wertvolle Bereicherung der vorhandenen Sammlungen. Einen besonderen Zweck hat ihr der Herausgeber noch zugedacht: der musikalischen Unterstützung für die zweck- und sinngemäße Vorführung der Schallplatten, die die Reformgemeinde für den Gebrauch beim Gottesdienst hat hersteilen lassen, zu dienen. Die Gegner der Verwendung der mechanischen Musik im Kultus, meist dem Kreise der Kantoren angehörend, reden, wenn sie der Schallplatte im Gottesdienst jede Berechtigung abspreelien, zunächst an der Sache vorbei, weil sie mit falschen Voraussetzungen an die Dinge herangehen. Wie schon früher betont, kann auch jetzt nur wiederholt werden, daß die Schallplatte (von religiösen Erwägungen abgesehen, die hier .nicht zu behandeln sind) in jedem Falle als eine Verbesserung bei kleinen und kleinsten Gemeinden zu betrachten ist, wo jedes andere Mittel fehlt, die Abhaltung der Andacht auf ein des Gottesdienstes würdiges Niveau zu stallen. Besonders verblüffend wird der Eindruck, wenn, was iin Gotteshaus wohl noch nicht versucht, aber bei andern Gelegenheiten festgestellt werden konnte, die Wiedergabe auf der Schallplatte durch einen anpassungsfähigen Begleiter auf der Orgel unterstützt wird. Die Befürchtung der Zünftigen, sie würden in Zukunft von ihrem Wirken ausgeschaltet werden, ist in keiner Weise gerechtfertigt. Auch die „Reform" will ja nicht auf das persönliche Erlebnis im Gottesdienst verzichten, sonst hätte sie selbst dem Vorbeter, der allerdings zumeist gleichzeitig Prediger ist, bei ihrem Gottesdienst keine Aufgabe mehr zugeteilt. Das vorliegende Werk, von Dr. Hermann Schildberger redigiert, das wie gesagt auch als ein Behell für den musikalischen Leiter des Schallplatten-Gottesdienstes gelten soll, zeigt schon durch sein Vorhandensein, daß man das rein Mechanische aus dem Gottesdienst ausgeschaltet wissen will. Neben den bekannten jüdischen Meistern (hauptsächlich Lewandowski und Sulzer), deren Melodien größtenteils deutsche Texte unterlegt worden sind, sind in der Sammlung auch geeignete Stücke der sakral gehaltenen Weltliteratur nichtjüdischer Meister aufgenommen. Einer Rechtfertigung darüber, ob dies angängig, bedarf es nicht mehr; denn, auch die bisherige gottesdienstliche Musik hat vielfach auf Meister wie Händel, Schubert, Würfel und auf viele nichtjiidische Synagogen-Organisten zurückgegriffen, sofern sie nur die Texte zu ihrem Schaffen dem alten Testament, den Propheten, den Psalmen oder der Gebetliteratur entnommen haben und die Komposition sich nach ihrem Charakter dem Rahmen des jüdischen Gottesdienstes eingliederte. Als eine der Perlen nichtjüdischer Komponisten, die Aufnahme gefunden haben, kann das „Büßlied" von Beethoven angesehen werden. Weitere willkommene Zugaben sind: Psalm 23 von Schubert, Psalm 150 von Cäsar Frank, Psalm 150 von Anton Bruckner. Mancher Dirigent wird gern von ihnen Notiz nehmen. In der Absicht, eine gesunde Mischung unter Beibehaltung des alten Melodienbestandes mit Hinzunahme neuer vollwertiger klassischer Musik herzustellen, ist man in mancher Hinsicht wohl zu weit gegangen, wenn beispielsweise das als Gemeindelied vertraute En kelohenu in dieser anspruchslosen Form, aber als Orgelsatz nicht groß genug, als Postludium gebracht wird. Daß sich auch kleine Unebenheiten (der schon gerügte Wechsel der Tonart bei Vorsänger und Gemeinde im „Sch'ma" / unvollständige, zum Teil unrichtige Autoren-Angaben / manch harte, etwas gezwungene Wortunterlegung) finden, tut dem Ganzen keinen Abbruch. E. Ehrenreich. Edmond Fleg, Salomo. Uebertragung von Alexander Benzion. Verlag R. Piper & Co„ München 1930, 249 8. Fleg ist uns kein Unbekannter mehr. Als er mit seinem erschütternden Bekenntnisbuch „Der kleine Prophet" zu uns kam, eroberte er im Fluge das jüdische Herz. Seitdem ist er uns noch vertrauter geworden durch seine Schrift „Warum ich Jude bin" und durch seinen herrlichen „Moses". Wie er hier den Versuch unternommen hat, „die Vergangenheit für die Gegenwart lebendig zu machen", so hat er die Gestalt des Königs Salomo, der wie kein anderer die Phantasie de» Volkes beschäftigt und den nicht bloß die jüdischen und arabischen Märchenerzähler, sondern auch viele andere Völker zum Heiden zahlloser Sagen gemacht haben, verlebendigt und vergegenwärtigt. In den 28 Erzählungen des vorliegenden Buches, die wie Perlen an einer Seidenschnur aufgereiht sind, hat er das Leben und Wirken des Königs, seine Größe, seine Weisheit und sein Ende, in seinem zeitlichen Ablauf dargestellt und in das Reich der Poesie erhoben. Jede Erzählung* ist ein reizendes Ganzes für sich und alle hängen untereinander zusammen. F. schildert nicht den historischen Salomo und nicht den biblischen, sondern den Salomo der Legende, der „als ein hebräischer und zugleich ein universeller Faust** erscheint, „dessen weitgespanntes Leben alle menschliche Erfahrung in sich einschließt" (S. 19). Das Ganze gleicht einem farbenprächtigen Teppich, durchwirkt und durchwoben von Zitaten des „Hohenlieds", der „Sprüche" und des „Pre-

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