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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-04-01 · 13 (1.4.1931) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
13 (1.4.1931)
Date
1931-04-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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übernommeller ehemaliger Kirmeß«-- uitb Landkliechtslieder werden wie Heiligtümer der lithurgischen Musik geschützt. Es ist taum zu verstehen, wie religiöse Musik unserer Kulturstufe solche Niederungen zeigen kann. Den Tiefstand zeigt der V!o§e Hinweis auf die christliche Kultmusir. Das geistliche VolMied, der Ehoral, ist eine noch heute unübertroffene Kunstgattung. Tie gesamte jüdische MusDiteratur hat auch nicht im entferntesten gleichwertige Werke gegenüöerzusetzen. Wie 'bei der stavischen Musik das Hinübergleiten von der klassischen — zur Salonmusik vor sich geht, so vollzieht sich in gleicher Weife, aber in noch stärkerem Absinken vom Kunstniveau der Ucbergang von der ars comica zum Gassenhauer, zum Schlager. Es ist nicht zufällig, daß gerade in der Gegenwart das Schaffensgebiet produktiver jüdischer Musiker in erster Linie die Operette und erst weitaus danach die Opern- und Konzertrnusik geworden ist. Ter Zusainmenhang zwischen Operette und Schlager erklärt sich daraus, daß auch das jüdische Volkslied in. Auflösung begriffen ist und iit die moderne Zeit einmündet, indem cs mit seinen heiteren Gesängen Vorstufe und Wegweiser des Schlagers wird, der mannigfache Elemente dieses Volksliedes auftnmmt. Tie BorauSsehnngen für eine neue Blüte des Volksliedes würden erst daun wieder gegeben sein, wenn der Traum des Zionisten, die Bildung eines jüdischen Volles, in Erfüllung gehen würde. Was bedeutet die Religion dem modernen Menschen? Von Dr. Manfred S w a r s e n s l y. Ter nachfolgende Artikel stellt eine inhaltliche Wiedergabe eines Vortrages dar, der vor kurzem im Berliner Liberalen Verein gehalten wurde. Wir betonen ausdrücklich, daß wir der in dem Artikel vertretenen Anschauung in zahlreichen wesentlichen Punkten widersprechen. Die Red. Diese Frage ist durch die Borsrage zu klären: Was bet tutet der moderne Mensch für die Religion? Was ist ein moderner Mensch? Das ist nicht der der ,die letzte Modeanschauung sich zu eigen macht, sondern der Mensch unserer Zeit überhaupt, wie er seinem imterfteu Wesen, fernen Anschauungen, seinem Empfinden nach von der Zeit geprägt worden ist, die alte in gleicher Weise umslutet. Tie innere Entwicklung des Menschen in ein Abbild der äußeren irr Welt und Kultur. Wie im Menschen oie Kindheit oie Zeit oer geistig-seelischen Ungebrochenheit rst, so ist auch die Kindheit Zeit oer Kultur eine Zeit des Mythos der naiven Gläubigkeit. Wie im Menschen danach die Jugendzeit folgt, in der mit oer erwachenden Ratio, der Vernunft die Spannung entsteht, so wird auch oie iütturelle Kirrdheitsepoche von der Jugendzeit abgetöst, in der die Vernunft zürn Maststab aller Dinge wird. Tescartes Wort staird über dieser sich aus der Renaissance herauslösenden Zeit: Eogito, ergo sunr. Mit dein Rationalismus entstand der Individualismus. Tie Frage nach dem vernünftigen Sinn aller. Lebensgebiete wird die Grundfrage. Karrt überträgt die rationalistische Fragestellung auch aus die Religion. Wird die Religion in oie „Grenzen der bloßen Vernunft" eingesperrt, so bleibt lediglich die Ethik als rnch mit der sittlichen Vernunft einznsehendes Rudiment der Religion übrig. Herrn. Eohen übertrug die gleiche Problemstellung aus das Judentum. Ter religiöse Liberalismus ist ein Kind der Zeit des Rationalismus. Im Grunde stehen wir noch in dieser Zeit, wenn auch schwache Nebenströmungen hervorzubrecherr beginnen. In allen Lebensbezirken fragt man noch heute wie vor 150 Jahren nach dem vernünftigen Sinn, bem Zweck. Man glaubt religiös zu sein, wenn man ein „anständiger Mensch" ist, als ob nicht auch der Atheist ein ethischer Mensch sein könnte. Speisegebote, Gebete, hebräische Sprache usw., alles sucht man rationalistisch zu deuten, um es nachträglich oft nur aus Bequemlichkeit bzw. Unwissenheit abzulehnen. Der Mensch in seinem geistigen Hochmut glaubt, die Welt sei ohne Rätsel, ohne Geheimnis. In der Psychoanalyse, die nur ein Mittel zum Zweck sein kann, sieht er die letzte Offenbarung, insofern auch sie die letzten und tiefsten Geheimnisse der menschlichen Seele enträtseln will. Die Religion wird als Kinderkrankheit der Menschheit, als „allgemeine menschliche Zwangsneurose" abgetan und ihre durch die fortschreitende Wisserrschast vermeintlich bedrohte Zukunft als die einer Jlknsion prophezeit. Ter Rationalist ist der „Freidenker" geworben, dem Wirtschaft und Technit zu Mittelpunkten der Weltanschauung wurden, der in allem nur den Maststab der Zweckmäftigteit und Rentabilität gelten läßt und diese Wertungen auch auf dies menschliche Zusammenleben, auch aus Fanrilie und Ehe, übertragen hat, oie gleichfalls verrationalisiert werden. Das Leben iöft' sich con alten Tiefenbindungen. Dem äußerlich zwar lebendig erscheinenden, betriebsamen Menschell, dem nur das Laute, das Reißende und Sensationelle etwas bedeutete, beginnt der innere Lebensquell zu vertrocknen. Man nennt unsere Zeit eine Uebergangszeit: Mit Recht! Sie stellt nach der überwundenen Zeit des naiven Glaubens und der noch immer andauernden des kalten Rationalismus den Uebergang zu einer neuen höheren Synthese dar. Diese will die Religion dem Menschen zu geben suchen. Die Religion will dem Menschen seine Bindung, seine Abhängigkeit, sein Sein im Unendlichen, seine Verantwortung vor dem Ewigen zum Bewußtsein bringen, will sein Inneres für das Geheimnis als den Quell aller Religiosität ausschliefen; will ihm dartun, daß, Wissenschaft und Religion zwei Königinnen in zwei verschiedenen Reichen sind: Religwn will in das ruht ose, hastende, sensationslüsterne, modern sein wollende Leben das Ewige, das Un-Moderne, das Un- Vernüustige (Irrationale) hineintragen, sie will, da sie keine Sache der Stimmung und Romantik ist, vor oen Menschen das Gebot mit seinem Verpflichtenden als oie einzige Offenbarung des Geheimnisses nahebringen. So will die Religion den Menschen nicht einengen, sondern befreien, dem Leben mit seiner tatsächlichen Enge des Tages die mögliche Weite geben. Auch die Frage nach der Bedeutung der sogenamrten Formet: der Religion kann nur in diesem Zusammenhang entsprechend beantwortet werden. Sie sind nicht aus einer bequemen rationalistischen Deutung hervor zu verwerfen, sind sind vielmehr die Sprossen auf der Himmelsleiter, die den Tag mit der Ewigkeit verbindet. Für Juden liegt die Frage nach der Bedeutung der Religion eingeschlossen in die Frage nach unserem Judentum. Das Judentuin ist leine enge Konfession. Es gibt nur geschichtlich gewachsene Religion, was die Zeit des Rationalismus übersah. Ein neuerer Psychologe sagt mit Recht, Ausgabe seiner Religion bedeute für den in sie hineingeborenen Menschen eine psychische Störung. Judentum ist für uns ein Zurückftndcn zu uns selbst, ein Gesunden unserer religiösmenschlichen Psyche. Akute Schlvierigleitcn bestehen: Biete Menschen haben stets ein Zerrbild der Religion infolge Unkenntnis vor Augen. Das Mißtrauen gegen die Religion ist aus verständlichen Gründen groß. Tie Forderung nach „Lebensnahe" hot lediglich im Protestantismus seine geschichtliche Berechtigung. Diese Forderung auf das Judentum zu übertrageu, ist eine Sache der Verlegenheit, geboren aus der eigenen religiösen und jüdischen Schwäche. Der religiöse Liberalismus wird nur dann eine Zukunft haben, wenn er dieser Aufgaben sich bewußt wird, das ihn: innewohnende Stück zerstörenden Rational'smus aufgibt, sich stärker auf seine jüdischen 'Aufgaben besinnt unv, wenn er lebendig ist und kämpfen will, nur gegen ein Leben ohne Religion und ohne Judentuin kämpft. Nach einem W)'t des Talmud wird in einer Zeit der Zerstörung und der Armut der Messias geboren, so trägt auch uns die .Hoffnung, daß, aus einer Zeit des Ehaos und der Krise eine neue jüdische Religiosität sich formt. Sprechsaal Für diese Rubrik übernimmt die Schriftleitung lediglich die preß» gesetzliche Verantwortung. Israels Mission in der religiösen Krise der Gegenwart. (Versuch einer Antwort.) Das, was dem Judentuin feine Daseinsberechtigung gibt, ist feine Aufgabe, der von feinem höheren Gottesglauben abgeleiteten Forderung nach wahrer Gerechtigkeit und Liebe in der Welt zum Sieg zu verschaffen. Ganz richtig hat Rabbiner Tr. S. Jampel die Krise erkannt, die Las Judentum der Gegenwart, besonders das liberale, bei dem Bestreben der Verwirklichung seiner Ideen durchzumachen hat. Es zeigt sich da seltsamerweise der scheinbare Gegensatz zwischen Religion und dem Streben nach sozialem und ethischem Fortschritt der Menschheit. Aus den angegebenen Beispielen muß man fast entnehmen, so widersinnig es auch ist, daß Sehnsucht nach etwas Heiligerem, Göttlichen und Begriffe wie Gerechtigkeit und Liebe geschworene Feinde sind. In der Tat ist es heute vielfach so, daß gerade die (wenigstens offiziellen) Vertreter der Religion in ihrem Tun und Denken am reaktionärsten sind, während die Verfechter des Fortschritts der Menschheit zu einem großen Teil die striktesten Gegner jeder Religion sind. Wie soll sich da der in dieses Dilemma gestellte Jude bei der praktischen Arbeit für seine Mission verhalten? Kann es für ihn überhaupt die Frage eines Entweder-Oder geben? Ich verneine dies zunächst schon deshalb, weil es dem ursprünglichsten Sinn des Judentums widersprechen muß. Und dLinn bedenke man, daß die Religion der unausschöpfliche Quell ist, dem der Mensch stets 'Kraft und Mut für seinen Kampf entnehmen kann. Denn man vergesse nicht, daß doch bei allem Idealismus jeder einmal das entmutigende Erlebnis der Enttäuschung, der Ermüdung durchzumachen hat, und daß es dann das religiöse Gefühl ist, der Glaube an den einzigen, guten Gott, der ben Menschen wieder aufrichtet, ihm Kraft spendet zu neuem Kampfe. Diese Ueberlegung muß richtunggebend sein für die Missionstätigkcit des Judentums. — Wie soll es sich aber den gegebener: Tatsachen gegenüber verhalten? Hier treffen wir den Kern der Sache. Aufgabe des Judentums muß es sein, die natürliche Einheit zwischen Religion und fortschrittlichem Streben wiederherzustellen, den unglücklichen Riß zwischen beiden auszufüllen. Nicht „beseligendes Gottverträumen", auch nicht andererseits kaltes, verstandesrnästigcs Handeln allein, sondern nur die Synthese von Geist und Welt, die Heiligung aller Dinge gilt es zu vollbringen! Und das muß die Ausgabe jedes Einzelnen sein, in welcher Partei und Bewegung er sich auch befinde, und mag sie noch so religionsfeindlich sein: Hier ist sein Betätigungsfeld, hier muß er erneuern helfen. Nicht kapitulieren vor gegenwärtigen Nöten, sondern den Blick vorwärts gerichtet, gilt es nmformen, ändern und bessern! So muß die praktische Missionstatigkeit der jüdischen Gesamtheit aussehen! Groß ist die Ausgabe und fast unermeßlich die Widerstände, welche sich der Judenheit (schon ihrer sehr beschränkten Größe wegen) entgegenstellen. Doch vergegenwärtige man sich den kolossalen Einfluß, den das Judentum als Ganzes und jüdische Menschen an sich im Laufe der Zeit auf die Umwelt ausgeübt haben; warnm sollten also hier die Schwierigkeiten unüberwindlich sein? Die Kraft, die der Einzelne zu seiner Außenarbeit braucht, kann er aus dem Innern der jüdischen Gemeinschaft schöpfen. Darum erfordert auch die Arbeit an der Umwelt wiederum das Erstarken der jüdischen Gemeinschaft, doch in weit anderem Sinne als es die Zionisten verlangen, die bekanntlich herzlich wenig mit jüdischer Religiosität zu tun haben. Nur wer einen Rückhalt in der Gemeinschaft gleichgesinnter Menschen hat, kann erfolgreich für seine Mission tätig sein. Hierin sehe ich den einzigen Ausweg und oie Mission Israels in der religiösen Krise der Gegenwart. Herbert Zernik, Berlin. Joseph Gutmann Zu seinem Scheiden al» Direktor der Knadrnmittelschule. Von Dr. AdolfLöwenberg. Studiendirektor Dr. Joseph Gutmann ist sehr vielen Berliner Lesern dieses Blattes und nicht wenigen draußen imReich kein« und»« kannte Persönlichkeit. Seine zwanzigjährige Tätigkeit als Leiter der jüdischen Knabenmittelschule in der Großen Hamburger Straße, sein Amt als Borsteher der Neuen Synagoge und sein Mandat als Repräsentant der Berliner jüdischen Gemeinde haben ihn in das Blickselß einer großen Oeffentlichkeit gerückt, während (seine Tätigkeit als Direktor der ehemaligen Lehrerbildungsanstalt »der die des Leiters der gegenwärtigen Borbereitungsanstalt für den Besuch der pädagogischen Akademie nur einem engeren Kreise bekannt sein dürfte. So ist es ein freudig erfülltes Gebot der Dankbarkeit, wenn wir den Zeitpunkt, an dem der verdienstvolle Mann aus seinem Hauptamte scheidet, zu einer Würdigung seiner Persönlichkeit und seiner dem Gesamtwohl geleisteten Dienste benutzen. Freilich ist eine ösfentliche Ehrung wenig im Sinne des vornehmbescheidenen Mannes, der unmodern genug ist, für seine Person der Anerkennung nicht zu bedürfen, der bei allem Verständnis und Mitgefühl für die Nöte unserer Zeit sich seinen alten Optimismus und seine innere Fröhlichkeit bewahrt hat, ja, der, obwohl in den vordersten Reihen des Parteikampses stehend, dem Gegner nnd dem gegnerischen Standpunkt mit achtungsvollem Grechtigkeitssinn begegnet, nnd der mit einem — natürlich längst verstorbenen — großen deutschen Denker der Meinung ist, daß unsere größten Erlebnisse nicht unsere lautsten, sondern unsere stillsten Stunden sind. Wer den elastischen, nur wenig ergrauten, schasseusfreudigen Mann sicht, mochte kaum glauben, daß dieser die Altersgrenze bereits überschritten hat, die ihn zur Ausgabe seiner öffentlichen Schultätigkeit nötigt. Und doch sind 65 Jahre verflossen, seit Joseph Gutmann in Beverungen, einein idyllisch an der Obcrwescr gelegenen westfälischen Städtchen, das Licht der Welt erblickte. Seine Wiege stand in einem jüdischen Lehrerhause, und das Vorbild des Vaters nnd der religiöse Geist des Elternhauses wurden milbestimmend für des Sohnes Sinncsrichtnng und Lebensgang. Seine Ausbildung erhielt Joseph Gutmann am Realgymnasium in Minden, an der jüdischen Lehrerbildungsanstall in Münster nnd an der Berliner Universität, an der Germanistik und neuere Sprachen seine Hauptfächer waren. Ostern 1895 übernahm er die Leitung des Seminars, dessen Schüler er gewesen war; aber schon fünf Jahre später verlegte er seinen ständigen Aufenthalt nach Berlin, ivohin man ihn zur Leitung der jüdischen Mädchenmittelschule berufen hatte. Im Jahre 1911 zum Leiter der Knabenmittel-- schule der jüdischen Gemeinde und der jüdischen Lehrerbildungsanstalt gewählt, hat er seitdem ununterbrochen an dieser historischen Stätte gewirkt. Tie Neuordnung der Lehrerausbildung hat inzwischen dem Berliner jüdischen Seminar >vie allen gleichartigen preußischen Anstalten ein Ende bereitet: dafür hat man 'die Leitung der Borberew tungsanstalt, die jüdischen jüngere Leuten den späteren Besuch der pädagogischen Akademie ermöglichen soll, Gutmanns bewährten Händen anvcrtraut. Als Nachfolger von Männern wie Zunz, Horwitz und Holzman, deren Andenken an ihrer Anstalt und in der Geschichte unserer Gemeinde unvergessen bleiben wird, siel Gutmann die Ausgabe zu, die Knabenschule mit den Forderungen einer von 'Resormideen erfüllten Zeit in Einklaug zu bringen und in Kriegs- und Nachkriegsjahrcn der Schule ihren alten guten Ruf zu erhalten. In die Aera des bisherigen Schulleiters fiel auch die Jahrhundertfeier der Anstalt, deren Geschichte Gutmann aus diesem Anlaß geschrieben hat. Joseph Gutmann hat sein guter Genius in den Lehrerberuf geführt. So vieles, was den guten Lehrer ausmacht, fand sich in ihm vereinigt: ein ausgebreitetes Wissen, das durch ununterbrochenes Studium erweitert und vertieft und durch ein zuverlässiges Gedächtnis unterstützt wurde, feines psychologisches Verständnis für jede Schülereigenart, praktisches Lehrgeschick nnd ein warmherziges Interesse für die Bedürfnisse und Nöte der Jugend. Diesem geborenen Lehrer war cs gegeben, die Aufmerksamkeit seiner Schüler allein dadurch wach zu erhalten, daß er ihr Interesse und ihre Selbsttätigkeit dauernd in Spannung erhielt. Gutmann ist stets jung geblieben, denn er hat nie aufgehört, ein Lerirender und Strebender zn sein. Darum gab es für ihn keine Verärgerung und Verbitterung, als die neueste Entwicklung in unserem Vaterlande so viele zu schmerzlichen: Umlernen nötigte. Gutmann hatte dieses Umlernen stets geübt, so oft es galt, an Stelle, des Guten oder Minder-Guten das Bessere zu setzen, und er hatte damit selten gewartet, bis cs von „oben herunter" angeordnet wurde. Wer weder Modernität noch Schlagworte tonnten seinen unbestechlichen Sinn für ein neues Lehrversahren oder Lehrmittel bestimmen, wenn es die Probe der Bewährung nicht bestand. In einer Zeit, die jedem Lehrenden ein möglichst großes Maß von Freiheit zur Auswirkung seiner pädagogischen Eigenart einräumt, werden von dem Schulleiter ganz besonders hohe Führercigenschaften verlangt. Nicht nur soll der Leiter eines größeren Schulsystems durch Charakter und Wissen eine natürliche Autorität besitzen, cs wird auch bei ihm die Kunst der Menschenbehandlung vorausgesetzt, und nicht zum wenigsten soll er verstehen, die so verschiedenartigen Lehrkräfte, seines Kollegiums zu einem einheitlichen Organismus zu verschmelzen, dem sich der Einzelne als lebendiges Glied einznfngen hat. Mögen dann die Hemmnisse in einem schwer zu behandelnden Schülermaterial oder in den zahlreichen Nöten einer Kriegs- und Nachkriegszeit bestehen: sie finden in einer einem vorbildlichen Führer nacheisernden, verantwortungsberciten Lehrerschaft eine geschlossene Phalanx. Wer die gleich edlem Stahl biegsame und zugleich innerlich gefestigte Geistesnatur des bisherigen Leiters der Knabenschule kennt, begreift, daß das ungeschriebene Gesetz der Schule bei.wohlwollender Rücksichtnahme auf persönliche Wünsche konsequenten Dienst am Schüler fordert« und diesem höchsten Ziel jedes persönliche und sachliche Interesse unterovdnete. Die Schule der Gegenwart erstrebt Lebensnahe; darum ist es für jede solche Anstalt von Segen, wenn der Leiter derselben sich außerhalb seiner Schularbeit mit den Menschen und Geistesströmungen seiner Zeit in fruchtbarer Wechselwirkung befindet. Daß Gutmauns gesellige und mitteilsame Natur in erster Linie Anschluß au Fachgenossen suchte und fand, ist nur zu begreiflich. Er war längere Zeit Vorsitzender der Berliner Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen und ist gegenwärtig ihr Ehrenvorsitzender. — Auch seine Tätigkeit im Schul- und Talmud - Dorah-Vorstand und in der Repräsentanz hat ihm ein großes Maß von Arbeit und Verantwortung aber auch Anerkennung und Freundschaft gebracht. Seine vielseitige und arbeitsvolle Tätigkeit im Ehrendienst der jüdischen Gemeinde findet ihren Antrieb in seinem religiösen Herzen. Judesein war ihm nicht nur Schicksal, sondern in stärkstem Maße heiliger Wille. Daraus erklärt sich der mehrjährige Besuch der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums und sein unablässig^ Streben, sein religiöses Wissen zu erweitern und zu vertiefen. Und was er für sich erarbeitet hatte, verschloß er nicht in sich, sonderin. streute cs als heilige Saat in die Herzen junger und älterer Hörer. So ist sein Buch „Israelitische Religion" aus seiner Lehrtätigkeit in den Kursen zur Ausbildung von Religionslehrerinnen erwachsen. Vorn jüdisch-liberalen Standpunkt behandelt der Verfasser in dieser Schrift die Probleme einer jüdischen Weltanschauung. Ein zuverlässiger Führer, der die einschlägige Literatur aufs gründlichste beherrscht, weist Sendet den fälligen Beitrag für das 2. Quartal 1SS1 auf das Postscheck-Konto der Bereinigung für das liberale Judentum Berlin Nr. LS7OSS ein. Uli I RDIfU Eisspeisen / Feingebäck niLLDKlVn Ostergeschenke Bestellungen nürkur 4871-73 Bismarck 5628 UIM 9466

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