Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 13 (1.4.1931)
- Date
- 1931-04-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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gen, meint er, müßte mau entgegenkommen, „wozu es vielleicht nützlich und billig märe, die antisemitischen Schrei- Hälse des Landes zu verweisen". Aehnlich wie Bismarck, glaubt Nietzsche hier, daß sich noch am besten die fester geprägten Typen des neuen Deutschen mit ihnen einlassen könnten, wie etwa die adligen Offiziere der Mark. „Es wäre von vielfachem Interesse", so schließt er, „zu sehen", ob sich nicht zu der erblichen Kunst des Beschleus und Gehorchens das Genie des Geldes und der Geduld (und vor allein etwas Geistigkeit, woran es reichlich an der bezeichneten Stelle fehlt) ilnuziitun, hinznzüchtcn ließe." „Was Europa den Juden verdankt?", fragt er weiter. „Vielerlei, Gutes und Schlimnres und vor allem eins, das vom Besten und Schlimmsten zugleich ist: den großen Stil in der Moral, die Furchtbarkeit und Majestät unendlicher Forderungen, unendlicher Bebcntnugen, die ganze Romantik und Erhabenheit der moralischen Fragwürdigkeiten - - und folglich gerade den anziehendsten, verfänglichsten und ausgesuchtesten Teil jener Farbenspiele und Verführungen zum Leben, in deren Nachschimmer heute der Himmel unserer europäischen Kultur, ihr Abendhimmel glüht vielleicht verglüht. Wir Artisten unter den Zuschauern und Philosophen sind dafür den Inden dankbar." Daß Nietzsche sich in dieser politischen Bcuncilung der Judcnsragc konsequent geblieben ist, ersieht mau aus dem viel früheren Werk „Menschliches Allzumenschliches", in dein es ciiua! heißl: „Das ganze Problem der Juden ist nur innerhalb der nationalen Staaten vorhanden, insofern hier überall ihre Talträstigkeit und höhere Intelligenz, ihr ia lange, Leidensschule von Geschlecht zu Geschlecht angehäustes Geist und Willens-Kapital in einem „Kd und haßerweckcndcn Maste zum Uebergcwicht konnnen muß, so das; die literarische Unart fast in allen jetzigen Nationen überhand nimmt und zlvar je mehr diese sich wieder national gebärden -, die Juden als Sündenböcke aller möglichen öffentlichen und inneren Ucbelstände zur Schlachtbank zu führen. Sobald es sich nicht mehr um Konservierung von Nationen, sondern um die Erzeugung einer möglichst kräftigen europäischen Mischrassc handelt, ist der Jude als Ingredienz ebenso brauchbar und erwünscht als irgend ein anderer nationaler Rest. Unangenehme, ja gefährliche Eigenschaften hat jede Nation, jeder Mensch: es ist grausam, zu verlangen, das; der Jude eine Ausnahme machen solle..." „Wenn das Christentum alles getan hat, um den Okzident zu orieutalisieren, so hat das Judentum wesentlich dabei mitgeholfen, ihn immer wieder zu okzidentalisieren: was in einem bestimmten Sinne soviel heißt: als Europas Aufgabe und Geschichte zu einer Fortsetzung der griechischen zu machen." Und noch in dem spätesten Werke Nietzsches, im „Willen zur Macht", weist er den Juden innerhalb Europas eine ähnliche Stellung zu. „Tie Macht der Mitte", meint er hier, „wird aujrechteryalten durch d?n Handel, vor allen Dingen Geldhandel: der Instinkt des Großfinanziers geht gegen alles Extreme — die Juden sind deshalb einstweilen die tonservierendste Macht in unferrm so bedrohten und unsicheren Europa. Sie können weder Revolutionen brauchen noch Sozialismus, noch Militarismus: .wenn sie Macht haben wollen und brauchen, auch über die revolutionäre Partei, so ist dies nur eine Folge des Vorhergesagten und 'nicht in; Widerspruch dazu." Ans den angeführten Stellen ergibt sich auf das Deutlichste, wie wenig Nietzsche jemals an ein „nordisches" Europa gedacht hat, wie sehr alle die seine Gedanken verfälschen, die irgendwelche Zusammenhänge mit politischen Phantastereien bei ihm ionstruicren wollen. Ebenso klar geht daraus hervor, welchen hohen Rang Nietzsche dem Juden menschlich wie politisch eimciumt, wie wenig demgegenüber seine fanatische Gegnerschaft gegen dis jüdische Neligionssystem besagt, das er nur deshalb bekämpft, weil er in ihn; den Urgrund des verhaßten Ehristcntn'.ns cr'olickt. Nietzsche hat nieu;als tvie Schopenhauer, von den; er zunächst ausging, den Inden nüt dem Judentun; identifiziert. Er hat eine scharfe Trennung zwischen dem geschichtlicheil Bild des Judentums und dein mobenieit jüdische» Menschen gemacht. Seine religiansplnlvsophischeu Betrachtungen mag man heute nur nüt einem gewissen Kopfschülleln hinnehmcn: sie kranke,; an einer zu einseitigen Auffassung der jüdischen Züge, die auf das spätere Ehristentnn; Hinweisen, und an einer zu geringen Kenntnis der relioionsgeschichtlichen Tatsachen. Fruchtbringend und in die Zukunft weisend dagegen sind alle die Stelle,; in Nietzsches Werken, die die politisch-menschliche Bedeutung der Judenfrage zu»; Gegenstand habe,!. .Hier spricht ein europäischer Denker, vor den; zun; ersten Mal das Bild jener großen, kontinentalen Einheit ausgetaucht ist, das die schwächlichen Politiker seiner und unserer Zeit niemals zu verwirklichen imstande waren. Wenn heute überhaupt das Europa- Ideal bei den; besten Teil aller Nationen lebendig ist, so darf u;an die Vaterschaft dieser Gedanken getrost Nietzsche zusprechen. Sein tiefdurchdachtes, übernationales System hat, bewußt oder unbewußt, alle Jdeengänge der Nachkriegszeit, die zu einer europäischen Einheit hinsühren, beeinflußt. Wenn Nietzsche dabei immer wieder aus die große Bedeutung hinweist, die der Lösung des Judenproblems in diesem Rahmen kommt, so dürfen wir aus seine,; prophetischen Worten vielleicht den Trost schöpfen, daß auch einmal in der Politik der Gedanke regieren wird, und daß die Hegemonie der Brutalität und Barbarei, wie wir sie heute in Deutschland erleben, doch nur eine vorübergehende Erscheinung bleiben wird. Das jüdische Volkslied Bon De. Hermann Schildberger. Die nachstehenden Ausführungen wir als euren inleressanten Beitrag zur Frag Vorhandenseins und Wesens eines jüdischen Volksliedes. Wir betonen aber ansdrülllich, daß wir den Ausführungen nicht in allen Teilen zustimmei,. Die Red. Das Thema „Jüdische Musik ‘ ist für den liberalen Juoen von besonderer Problematik. Zu der allgemeinen Frage nach der Originalität jüdischer Musik tritt, sobald man geneigt ist, sie zu bejahen, die besondere Frage hinzu: Wie läßt sich der Widerspruch zwischen den liberalen Anschauungen von einem geistig-religiös verbundene,; Judentum und einer spezifisch jüdischen Kunst lösen? Beide Fragen sind noch schwieriger zu beantworten, wenn inan sich aus das Sondergebiet des Volksliedes begibt. Bei der scheinbar fesiuinrissenen Bedeutung des Begriffs „Volkslied", der auf ein „Voll" deutlich hinzeigt, ist aber eine Auseinandersetzung besonders dringlich. Auch der liberale Jnd-e erkennt die Existenz eines jüdischen Volksliedes an, er schätzt und liebt diese Musik, ja noch inehr — er fühlt verwandte Seiten auklingeu. Sicherlich geht das! Gefühl des VerbundcnseinS mit dieser Musik mehr und mehr zurück, aber zur Zeit ist cs jedenfalls bei einer beträchtlichen Mehrheit a,lch der liberalen Juden vorhanden. Welche Zusammenhänge bestehen hier nun? Wein; cs nach liberaler Ausfassung ein jüdisches Volkslied ohne ein jüdisches Voll gibt, so erscheint das zunächst begriffswiorig. Soli eine eindeutige Stellungnahme und die no'wendige Aufklärung erfolgen, so kommt man nicht umhin, sich mit dem Volkslied im allgemeinen zu beschäftigen. Das Wesen des Volksliedes läßt sich nicht inehr durch b,c früher übliche Abgrenzung der Kunst.- von der Volis v'.usir rennzeichnen, denn seitdem man die These von den; Schöpfertum „ans den; Volk heraus" ansgegeben bat, ist der Unterschied zwischen Volks- und Kunstmusit zum mindesten sehr verwischt, wenn nicht gar aufgehoben worden. -Heute glaubt die Kunstwissenschaft auch beim Volkslied an die Urheberschaft eines einzelnen Künstlers; an die Stelle des Schöpferkollektivs ist als Merkmal für das Volkslied die Allgemeingültigkeit, die Popularität getreten. Die Allgemeingültigleit fetzt notwendig eine Wechselwirl'ung zwischen Komponist und Publikum voraus. Beim veltsledhaften Schassen nmfr eine Mgemeinheit vorhanden sein, die von gleichen oder wenigstens ähnlichen Empfindungen beseelt ist; diese Enlpsindnngen und Gefühle einer Allgemeinheit drückt der Künster in seinen Liedern aus. Die eine Bedingung für die Entstehung eines Volksliedes ist also das „Volk", die Gemeinschaft nüt einheitlicher Gefühlswelt, die andere Bedingung das „Lied", das in einer allgemeingültigen Fassung die Empfindungen dieser Gemeinschaft wiedergibt. Der Komponist des Volksliedes kann in einer Zeit der naiven, einfachen Kunstgestaliung. wie sie in der Blütezeit des Volksliedes, im Mittelalter, besteht, sehr leicht allgeincinverständlich für die Volksgesamtheit wirken. Ein gut Teil des Musikschaffens überhaupt bildet deshalb die Komvosition von Volksliedern. Tos ist in der Gegenwart mit ihrer Bildungsvoransschnng in der Kunst nur noch schwer denkbar. Aber es gibt immerhin ein zunächst vergleichsweise heranzuziehendes Gebiet, bei dem man noch heute von einer allgemeinen Verständlichkeit der Kunst sprechen kann: es ist die ganz andere Kunstwclt des Schlagers, des Gasse,üjauers. des Tanzliedes. Sogar der moderne Schlager hat trotz der in Rhythmik, Harmonie und durch polyphone Schreibweise komplizierten Jazzmusik Mgemeingültigkeit erlangt (und damit zugleich den Boden jür das Verständnis der modernen Kunst in weiten Kreisen oorbe-, reitet). Hier läßt sich der Werdegang des Volksliedes, die Abwärtsentwicklung, die es genommen hat, deutlich erkennen. Die Allgemeingültigkeit bestand für ein räumlich begrenztes Gebiet, für eine einzelne, bestirnmte Volksgemeinschaft. Sobald das echte volksliedhafte Schaffen zun; Erlöschen gelangt, geht die Allgemeingültigkeit musitalischen Wirkens auf eine niedrigere Kunststufe über. Gleichzeitig vergrößert sich aber das Geltungsgebiet; der Schlager breitet sich immer mehr, aus und besitzt in der Gegenwart schließlich nicht mehr eine irgendwie begrenzte, an ein Volk gebundene Gemeinde, er geht um die Welt und ist allgemeingültig für New Port ebenso wie für Paris und Wien. Das jüdische Volkslied nimmt an dieser Entwicklung nicht, oder vielmehr in anderer Weise teil. In; Mittelalter und noch lange darnach besteht ein jüdisches Volkslied noch nicht. Das Lied der Umwelt klingt ins Ghetto hinein und wird vielfach in die synaqogalc Musik ausgenommen, wo eS noch heute anzufinden ist. Ganz verspätet, als daS Volkslied z. B. in Deutschland in die Literatur eingeht und nur noch bei östlichen Völkern lebendig ist, entsteht das Phänomen, das wir ..jüdisches Volkslied" zn bezeichnen pflegen. Entspricht nun diesem jüdischen Volkslied eine jüdische Volksgemeinschaft? Nach der als Bedingung für die Entstehung des Volksliedes ausgestellten Wechselwirkung scheint die Frage bejaht werden zn müssen. Tie Entstehungszeit und -art dieser Musik weist aber darauf hin. daß eine andere Beurteiluna Platz greifen m.uiß Es geschieht nur allzugern, aus der Tatsache des Vorhandenseins des jüdischen Volksliedes die Existenz eines voiliscken Judentums herznleiwn. Man sollte nicht anvelmen. dass lediglich v'nn zionistischen Standpunkt ans diele Folgerung gezogen wird. Erst kürzlich hat ein konfessionell neutraler und uninteressierter Musik"rit>ler der Tagesvresse. ohne aus irgend w"l>che jüd'sben Fragen B'zna zu nebmen. anläßlich des jüdischen Liederabends d"s Oberkaniors Gollanin die völüsche Verbundenheit der Jn^en auf de»- Welt ans den; Volkslied heransznhören gecstaubd Sachen oberflächlichen und iinsackli^en AeiEerungen, die noch dan; anscheinend von berufener Seite erfolgen, kann nicht scharf genug entgegengetreten werden. Eine Gemeinschaft, für die das jüdische Volkslied bestimmt ist, war vorhanden und besteht heute noch. Diese Voraussetzung ist also erfüllt. Das Volkslied besitzt auch AEgemcingültiakeit. denn die Gemeinschaft, an tue es sich richtet, finde! ihre EmvsindunaswKt dort zum Ausdruck gebracht und kühlt sich mit den; GesMsinhalt der Lieder v"tbnnd"n. Allerdings ist eine Einschränkung zu maBen. D'e Astgemeingültiakeit. das Kriterium für das Vol's'ied. besteht doch nur in gewissen Grenzen. Das Volkslied ist im Osten entstanden und wirkt zunächst nur in diesem Gebiet. Darüber hinaus findet cs Schätzung noch bei denen, die aus seinem Herkunstsgebset stammen und mit diesem innerlich verwurzelt sind. Daraus folgt andererseits, daß dieieniaen, die sich in das Deutschtum oder Volkstum anderer Länder völlig eingelcht haben, dem Volkslied immer mehr entfremdet werden, soweit es nicht bereits geschehen ist. immerhin kann mann m;ch mit dieser Einschränkung dem Vol^ied Allgemeinanltiakeit zubilliaen. Es sicht aber damit noch nicht in Wechselwirkung mit einem jüdischen Volkstum. Der Znsammenhana mit einer Gemeinschaft. aus die das Volkslied eine gefühlsmäßige Wirkung ansübt, beruht veröffentlichen I des beim jüdischen Volkslied — was zweifellos eine Ausnahme auf dem Gebiete des Volksliedes bedeutet — nicht auf etwa- VollSmäßigem, wenn auch gewisse Elemente des Bollsvv. grisfs, wie noch zu erörtern i|t, vorhanden sein mögen. Die Besonderheit des jüdischen Volksliedes zeigt sich bereis darin, daß es die beiden im allgemeinen deutlich voneinander zu scheidenden Arten des Volksliedes, das geistliche, zu dem auch der Choral gehört, und das weltliche nicht kennt. Diese Gegensätze, die sich im Text, Gesühlsinhalt und im Charakter der Melodie oer Volkslieder zeigen, sind beim jüdischen Volkslied grundsätzlich ausgehoben. Ein rein geistliches Volkslied hat sich nicht ausgebildet, dagegen besitzen sämtliche Lieder einen gewissen religiösen Inhalt. Das hängt mit dem Lebens- und Gefühls in halt des Juden aus der Ghettozeit zusammen, es ist ein Ausfluß talmudischen Geisteswelcher Leben und Lehre, praktisches und religiöses Leben als Einheit ansieht. Was sich im Leben abspieit, das zeigt sich in den; Spiegel des Lebens, der Kunst. Auch m der Musik verschmelzen praktisches und religiöses Leben mite,»ander. Gemeindelieder, die im Gottesdwnst gelungen werden, haben oft einen stark weltlichen Anstrich. Werden hingegen noch so weltliche Themen angeschlagen, so leuchtet doch in sos, alle die religiöse Stimmung hinein. Wo religiöses Leben und Erleben nicht munittelbar im Mittelpunkt stehen, ist doch zum nündesten der religiöse Untergrund spürbar, der wie ein magnetisches Kraftfeld alles äußere Leben zu sich hin bezieht. Tie Thora ist nicht nur religiöser Wegweiser, sondern Lebenskodex dieser Juden. Das hat uns das Wesen der Gemeinschaft für das Volkslied näher gebracht. Die Bindung, die durch das Volkslied entsteht und zu einer Allgemeingültigkeit dieser Musik führt, ist genau dieselbe, die der liberale Jude für sein Judcntum anerkennt, die nicht durch das Völlische, sondern durch das Geistig-religiöse hervorgerusen wird. Die Möglichkeit zur Heranbildung voltsinäßiger Elemente hat vielleicht bestanden. Das Ghetto brachte eine derartige Isolierung mit sich, daß durch die völlige Absperrung voi; der Außenwelt die Voraussetzung für ein volksmäßiges Eigenleben gegeben war und sich die ersten Ansätze hierzu auch gebildet haben. Tie Lockerung und schließliche Sprengung des Ghettos hat dies aber verhindert. Tie Notgemeinschaft, die diese Menschen eng zusammenschloß und sie durch gleiches Schicksal und gleiche Leiden äußerlich und innerlich miteinander verband, entwickelte sich nicht mehr zur Volksgemeinschaft. Die Volkslieder su;d de; künstlerische Niederschlag dieser Notgemeinschast gewesen. Geht man zur Betrachtung des musikalischen Inhalts des Volksliedes über, so ist zunächst sestzustellen, daß, die Grundflimmung der Texte in der Musik stets wirksam aufgefangen ist. Ter Charakter dieser Musik trägt indes keine selbständige neue Note, sondern wird, soweit es sich um Lieder ernsten Inhalts handelt, durchaus von der synagogalen Kultmusik bestimmt. Das bedeutet, daß, auch hier oas orientalische Rezitativ im Vordergrund steht. Erkennt man die wesentliche Prägung der synagogalen Musik darin, daß die hergebrachten orientalischen Rezitatioe eine wenn auch geringe Umformung und Umfärbung durch die abendlärrdischen Klangoorstetlungen des Ausenthattslandes erhalten haben, so läßt sich für das Volkslied unschwer festst eilen, daß der Annäherungsprozeß an die Klangwelt des Heimatlandes an dieser Stelle fortgesetzt worden ist, wie es ja die mehr weltliche Richtung dieser Musik mit sich bringen mußte. Das Volkslied ist daher e,u Mrjchprodukt zwischen synagogaler und heimatlicher Musik und zugleich eine Abzweigung und Fortentwicklung oer synagogalen Musik hin zur Musik der Umwelt. Turans erhellt, daß das Volkslied eine Lösung des Problems der jüdischen Musik nicht herbei führen kann. Die zentrale Frage ist und bleibt die nach der Originalität der Synagogalmusik. Wäre diese Frage zu bejahen, so ließe sich aus Grund dieser Vorfrage eine Entscheidung über das Volkslied treffen. Es ist aber, auch wenn man diese Frage dahingestellt sein läßt, zu sagen, daß das reizvolle .Kunstgemisch, das uns das Volkslied bietet, wohl originell, nicht aber original iü. Es bestehe,; — hier noch in betonterem Maße als bei der Kultmusik — die starken Anklänge an das östliche Leben und die östliche, slavische Musikwelt. Das düstere Moll ist tönende zwiefache Symbolik für Landschasts- und Lebensbild des Slaven und für Ghetto und Pogrom der Juden. Das Jiddische vermag allerdings durch Rhythmik und Eigenart des Sprachlichen oft recht einprägsa;ne Melodien zu schassen. Vergleichen wir aber diese Volkslieder mit anderen, insbesondere mit deuishen Volksliedern, so fällt doch der Vergleich zu ungunüen des jüdischen Volksliedes ans. Tlas deutsche Volkslied ist nicht nur vollkommen liwra'u,fähig, sondern Achöpftingsqnelle v'elrr Genera';-men für Jahrhunderte geworden, weil es in reiner, deüillierter Form Volksgeist und Bölksgesühl gesammelt hat. D;s jüdi'che - Lied, wenn es auch bisweilen;wch so ergreifend zu ivirken Vermag, erzielt nur eine Situativ,;swirküng. nicht mehr. Weist cs auch hier und da Höhepunkte ans. so svürt man doch deutlich d,e Vorbilder; ein originales, spezifisch jüdisch zu nennendes Kunstgestalten kommt nicht auf. Viel eher könnte inan den Volksliedern heiteren Inhalts Originalität 'nsvrechen. WKcht das Moll freundlicheren Tönen, so treffen wir den jüdischen Humor im Volkslied an. Tie Heiterkeit, fast immer in der kräftigen Fassung, wie sie die statischen Völker bevorzugen, vermag sich bis zur Ansgelassenheit und äußersten Tierbheit zu entwickeln. Man svürt hier die starke theatralische Begabung des jüdischen Liedsängers, seine Kunst der Ebarakterisierung. aber diese Heiterkeit wird nicht veredelt, sondern meist grob, überdnlllick, und hemmungslos und verliert deshalb Niveau. Tie Melodie ist auch hier sehr einprägsam und scharf rhythmisch betont, aber sie verfällt nur zu gerne ins Banale. Tiefe Hinneigung zum Trivialen zeigt sich merkwürdigerweise bis in die synagoqale Musik hinein. Wie viele vom künK. lerischen Standpunkt ans als banal zu bezeichnende Melodien Wir weisen unsere Leser auf den im Anzeigenteil veröffentlichten Hinweis der Darmstadltk »lA Stationalian! hin, deren veschLstSbcricht soeben erschienen ist. Berichttgang. Der kürzlich verstorbene Schriftsteller Binjamin Segel ist nicht, wie wir in der Nachricht über sein Ableben veröffentlichten, Redakteur der Berliner Monatsschrift „Ost und West" gewesen, sondern war lediglich als Mitarbeiter der Monatsschrift tätig.