Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 13 (1.4.1931)
- Date
- 1931-04-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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11. Jahrgang Nummer 13 Beilage 1. 2(ptU 1931 Wisch-liberale Zeitung Friedrich Nietzsche und Von L. S Wenn mau sich heute erneut mit der Frage nach der! Stellung Nietzsches zun: Judentum und den Juden beschcifligen nuch, hat dies seinen Grund in einer Tatsache, die einen säst rein äußerlichen Charakter trägt. Friedrich Nietzsches Werte sind seit dein vorigen Jahr „frei" geworden und in unzähligen billigen Ausgaben ins Volk gedrungen. Das hat zur Folge, das; der gesamte Komplex der Jdeeugänge Friedrich Nietzsches stärker als bisher in die breite Masse getragen wird. Tair.il bekommen auch die Beiträge, die Nietzsche zürn jüdischen Problem in seine Werke eiugeslochten hat, einen völlig anderen Charakter. Mögen sie auch in den: Gedanken gut Nietzsches das bleiben, was sie sind, so gibt ihnen nach die Popularisierung eine andere Bedeutung: sie loirfcn in mancher Weise stärker, in anderer wiederum schwächer. Auf jeden Fall aber bedeuten die billigen Ausgaben, die jetzt iu starten Auslagen verbreitet werden, auch eine ge wisse Gefahr. Cs wäre zu wünschen gewesen, daß die breiten Schichten der Leser, die bisher Nietzsche nur dem Namen nach kannten, in völlig nnvoreiugenommenerweije aus die eigenartige Entwicklung des großen deutschen Philosophen vorbereitet worden wären. Tas ist, wie man sestsiellen muß, leider nicht geschehen. Sowohl bei Rcclam wie bei Kröner, bei den beiden Verlagen, die in der Hauptsache für die Verbreitung der MassenauSgabcu in Frage kommen, hat inan als Bearbeiter für Nietzsches Werke den Professor Alfred Baeumler herangezogen. Baeumler hat fickt zwar in den Nachworten, die den Bänden des Krönerschen Verlages bei gegeben sind, ziemliche Zurückhaltung auserlegt, weniger da egen in der ausführlichen Einleitung zu Nietzsches Werken, ie bei Reclam verlegt sind. (..Nietzsche der Philosoph und Politiker'', Nr. 7135/36 von Reclams Universal-Bibliothek.) Man kann sich nicht genug verwundern, daß bisher noch kein energischer Protetz gegen die Verzerrung erhoben worden ist, die Baeumler den Gedanken Nietzsches antnt. Man braucht nur einige Stellen hervorzuheben, um zu wissen, wo Baeumler hinaus will. So heißt es (S. 103) bei ihm: „Nicht lateinische Freigeisterei, sondern Siegfried steht hinter den Angriffen Nietzsches aus das Christentum. Das nordische Heldentum ist der unermeßliche, dunkle Untergrund, aus dem der kühne Kämpfer gegen das christliche Europa hervorgetancht." Ferner heißt es (S. 158): „Er war den Inden, in denen er die eigentlichen Priesternaturen sah, im Innersten abgeneigt und selbst das Schmeichelhafte, das er von ihnen erfuhr, konnte seine Meinung nicht ändern. Aber wie er die französische Kultur gegen die deutsche ausspielt, so spielt er auch die Juden gegen die Deutschen aus." — „Deutschland kann weltgeschichtlich nur unter der Form der Größe existieren", schreibt Baeumler zum Schluß, „der Schöpfer eines Europa, vas mehr ist als eine römische Kolonie, kann nur das nor - bische Deutschland sein, das Deutschland Hölderlins und Nietzsches." Mau sieht aus diesen wenigen Zitateu, wie der Geist Friedrich Nietzsches hier verfälscht worden ist. Der Professor Baeumler träumt von einer Art des Dritten Reiches, das Friedrich Nietzsche zum Apostel haben soll. Er ist leider nicht der einzige Verfälscher der Ideen Nietzsches. Es gibt andere, bewußtere Nationalisten, die glauben, auf Nietzsches Spuren zu wandeln und die seine Lehre in ihrem Sinne :nnrudeuten versuchen. Zum Glück wird der Leser, der über die Einleitungen und Nachworte vordringt, aus den Werken Nietzsches selbst einen ganz andern Eindruck von seiner Persönlichkeit, von seiner Stellung zum Deutschtum, zur nationalen Frage überhaupt, und schließlich auch zum Judentum gewinnen. Nietzsche hat sich vielleicht hie und da einmal zum Verteidiger der Gewalt gemacht, er ist niemals ein wirklicher Pazifist gewesen, und er hat auch von Anfang bis zn Ende das Recht des Stärkeren gepredigt. Aber Nietzsche — das sei von vornherein betont — hat nichts mit der modernen Form des deutschen Nationalismus gemeinsam, wie ihn etwa Leute wie Schauwecker und Ernst Jünger vertreten. Nietzsche hat sich niemals mitd em nordischen Menschen identifiziert — im Gegenteil, er war stets stolz aus seine slawische Abstammung, mag sie uun wirklich oder vermeintlich sein. Auch wo sich bei Nietzsche eine Kritik des Judentums und des jüdischen Menschen findet — und diese Stellen sind verschwindend gering gegenüber denen, in denen er sich als wahrer Philosemit erklärt — hat sie auch niemals den geringsten Berührungspunkt mit dem, was selbst der sogenannt^ „geistige" Nationalismus dagegen vorzubringen hat. Dies ist vorauszuschicken, bevor man überhaupt dazu übergeht, Nietzsches Stellung zum Judentum selbst näher zu betrachten. Mar: muß .eine scharfe Trennung zwischen den Ideen Nietzsches über das Judentum, den jüdischen Menschen und über den Juden als politisches Wesen machen. Es ist auffallend, ivie wenig man dies bisher beachtet hat, und vielleicht erklären sich die Jrrtümer, die über Nietzsches Stellung zu das jüdische Problem einfeld. dem Problein überhaupt noch herrschen, aus dieser Verwirrung der Begriffe. Nietzsche konnte dem Judentum setbß seiner ganzen Denkart nach schon deshalb nicht freundlich gegenüberstehen, weil er in ihm den Kern des Christentums erblickte, dem fein ganzer leiderschastlicher Kamps galt. So finde» sich denn in einem der spätesten Werke Nietzsches, im „Antichrist", die heftigsten Angriffe gegen das Judentum und die jüdische Religion, vor altem gegen die jüdische Priester schast, der er vorwirft, sie habe radikal alle Natur und alle Realität gefälscht, sowohl die der inneren wie der äußeren Welt: alles das nur ans dem Bestreben, heraus, die Existenz des Volkes zu sichern. Das Judentum ist dem Nietzsche der späte«: Zeit nichts anderes als die Quintessenz der geistigelr Macht, gegen die er ansgestanden ist: des Christentums. In diesem Sinne nennt Nietzsche die Juden „das verhängnisvollste Volk der Weltgeschichte". In ihrer Nachwirkung ha ben sie die Menschheit dermaßen falsch gemacht, daß heute noch der Christ antijüdisch fühlen kann, ohne sich als die letzte jüdische Konsequenz zn verstehen." Der Christ gilt Nietzsche nur als ein Jude freieren Bekenntnisses. Aehnlich rft die Stellung Nietzsches zum jüdischen Problem in der „Götzendämmerung", in der er einmal von dem jüdischen Tschandala-Haß gegen die .Humanität spricht, in der Religion Genie geworden sei. „Unter diesem Gesichtspunkt", fährt er fort, „sind die Evangelien eine Urkunde ersten. Ranges; noch mehr das Buch Henoch. Das Christentum aus jüdischen Wurzeln ist nur verständlichals Gewächs dieses BodenS, es stellt die Gegenbewegung gegen jede Moral der Züchtung, der Rasse, des Privilegiums dar." Die Auffassung, die Nietzsche hier vom Judentum gewonnen hat, kommt bereits in „Jenseits von Gut und Böse" zum Durchbruch. DaS Werk der jüdischen Propheten gilt ihm als eine geistige Bewegung ähnlichen Ausmaßes, wie er selbst sie mit feinen Schriften einleiten wollte; nur freilich als die vollkommene Negation seiner eigenen Lehre, als eine Umkehrung der Werte, gegen die er als Kämpfer ansgestanden ist. Aber hier erkennt Nietzsche gleichzeitig die gewaltige Anregung an, die die Welt dem jüdischen Geiste verdankt. „Die Juden haben jenes Wunderstück von der Umkehrung der Werte zustandegebracht, dank welcher das Leben aus der Erde für ein paar Jahrtausende einen neuen und gefährlichen Reiz erhalten hat: ihre Propheten haben „reich", „gottlos", „böse", „gewalttätig", „sinnlich" in Eins verschmolzen und zum ersten Male das Wort „Welt" zum Schandwort gemünzt. In dieser Umkehrung der Werte (zu der cs gehört, das Wort für „Arm" als Synonym mtt „Heilig" und „Freund" zu brauchen) liegt die Bedeutung, des jüdischen Volkes. Mit ihm beginnt der Sklavenaufstand in der Moral." Man sieht, Nietzsche hat sich seine eigene Religionsgeschichte geschrieben. Er erkennt die Entstehung des Christentums selbst kann: noch als einen entscheidenden Faktor an, er verlegt das Aufkommen „christlicher Ideen" sehr weit vor, in die innere Entwicklung des Judentums selbst. Tas erscheint uns heute zwar als eine starke Uebertreibung, es laßt sich aber nicht verkennen, daß diese religionsgeschichtliche Auffassung doch, wenigstens im System Nietzsches, eine gewisse Berechtigung hat. Trotz des inneren Widerspruchs, den Nietzsche zwischen seiner eigenen geistigen Welt und der des Judentums feststellt, kommt bei ihm, dem Sohn ,/hristlich-er Priester", der auch in seinem „Zarathustra" noch den Priester, seinen Feind, als einen ihm nahestehenden Ebenbürtigen anerkennt, die innere Hochachtung vor den geistigen Leistungen des Judentums zum Durchbruch. So heißt es im „Zarathustra": „Vater und Mutter ehren und bis in den Grund der Seele hinein ihnen zu Willen sein:d iese Tafel der Ueberwindung hcingte ein anderes Volk über sich und wurde mächtig und ewig damit." Bezeichnend ist hierfür 'auch die Stelle in der „Gnealogie der Moral", die sich mit dem Gegensatz zwischen Rom und Judäa beschäftigt. „Die Römer", heißt es hier, „waren die Starken und Vornehmen — die Juden dagegen waren jenes priesterliche Volk des Ressentiment Par excellence, dem eine volkstümlich moralische Genialität sondergleichen innewohnte; man vergleiche nur die verwandt begabten Völker, etwa die Chinesen und die Deutschen mit den Juden, nm nachzufühlen, was ersten und was fünften Ranges ist. Wer von ihnen einstweilen gesiegt hat, Rom oder Judäa? Aber cs ist ja gar kein Zweifel: man erwäge doch, vor wem man sich! heute in Rom selber als vor dem Inbegriff allerhöchster Werte beugt — und nicht nur in Rom, sondern fast aus der halben Erde, überall, wo der Mensch zahm geworden ist oder zahm werden will — vor drei Juden und einer Jüdin (JesnS, Paulus, Petrus und Maria). Rom ist ohne allen Zweifel unter legen." Diese innere .Hochachtung kommt noch etwas deutlicher zum Ausdruck, wo Nietzsche mehr den jüdischen Menschen als das Judentum selbst zum Gegenstand seiner Betrachtungen macht. So heißt es in der „Fröhlichen Wissenschaft" ein- Seder 1931 Gar mancher Sedertisch in jüdischen .Häusern wird in diesem Jahre ungedeckt bleiben. Und die Frage, warum sich dieser Tag von den anderen unterscheidet, wird in dem Einerlei der Not verstummen. Tie Hagaday erzähl! von der Sklavenarbeit des Volkes Israel in Aegypten, von der Befreiung bai'd) göttliche Kraft. Heute ist der Pharao der Arbeit ersetzt durch den Pharao der Arbeitslosigkeit. Die Menschen, die durch den Aufbau und Ausbau gewaltiger Wirtschaftsformen die Natur sich untertan machen wollte», werden heute von diesen beherrscht und vernichtet. Anss Nene gilt cs, den Golem der Zeit zn besiegen. Ter Sederabend wird in diesem Jahr ein ernsteres Gepräge tragen als in den glücklicheren Zeiten der Vergangenheit. Mag er eine Stunde der Einkehr in den jüdischen Kreisen bedeuten, damit durch das Gefühl gemeinsamer religiöser Verbundenheit Wille zur Tat geweckt wird, damit neue Freiheit in der Welt der Knechtschaft geboren wird. mal, die Inden seien „das moralische Genie unter den Völkern". Und immer wieder weift er darauf hin, welch eine Wohltat cs fei, gerade unter Deutschen einem Juden zu begegnen. Er betont die Delikatesse, mit der die Juden ihm selber entgegengekommen sind; er lobt die Inden, weil sie „Geist" haben, weil sie in der Sphäre der Kunst das Genie gestreift haben. Er nennt sie die älteste und reinste Rasse, er bewundert die Schönheit der Jüdin. Diese Auffassung: kommt vor allein da zun: Durchbruch, wo er mit der größten Schärfe den Antisemitismus verwirft. Die Antisemiten sind ihm nichts anderes als „Schlechtwcggekommcne", und der Antisemitisnms wird ihm dadurch nicht anständiger, „daß er aus Grundsatz lügt". Air einer andern Stelle iiieint er, der Kamps gegen die Juden sei immer „ein Zeichen der feigeren Naturen gewesen". DaS Interesse für den jüdischer: Menscher: geht bei Nietzsche so weit, daß er sogar gewisse jüdische Existenzen, wie den jüdischen Gelehrten und den jüdischen Schauspieler zun: Gegenstand seiner Betrachtungen macht. Er untersucht die Frage, wodurch sich der christliche und jüdische Gelehrte unterscheiden. Der jüdische Gelehrte, meint er, sei gemäß der Vergangenheit seines Volkes wenig daran gewöhnt, daß man ihrn glaube. Daher halte er große Stücke auf Logik und auf das Erzwingen der Zustimmung durch Gründe. Die jüdischen Gelehrten wissen, daß sie mit ihr siegen müssen, selbst wo Rassen- und Klassenwiderwillen gegen sie vorhanden ist. „Europa ist gerade in Hinsicht auf Logisierung", fährt er fort, „auf reinlichere Kopfgewohnheiten, den Juden nicht wenig Dank schuldig; voran die Deutschen als eine beklagenswert deraisonnable Rasse, der man heute immer noch zuerst „den Kops zu waschen" hat. Ueberall, wo Juden zu Einfluß gokommen sind, haben sie feiner zu scheiden, schärfer zu folgern, heller und sauberer zu schreiben gelehrt: ihre Aufgabe war es immer, ein Volk zur Raison zu bringen." (Aus der „Fröhlichen Wissenschaft".) Und über den jüdischen Schauspieler heißt es: „Was die Juden betrifft, jenes Volk der Anpassungskunst par excellence. so möchte man in ihnen von vornherein gleichsam eine welthistorische Veranstaltung zur Züchtung von Schauspielern sehen, eine eigentliche Schauspieler-Brutstätte; und in der Tat ist die Frage reichlich an der Zeit: welcher gute Schauspieler ist heute nicht — Jude?" Aber Nietzsche hat sich nicht nur mit dem Judentum und dem jüdischen Menschen auseinandergesetzt, er hat auch das Judentum als europäisches Problem erkannt und das, was er hier zu sagen hat, ist wohl das Wichtigste und Fundamentalste, was bisher von einem Denker ausgesprochen wurde. Er hat den Antisemitismus, der sich zu seiner Zeit bereits recht stark bemerkbar machte, zunächst rein sachlich zu erklären versucht. Er erkennt in der bekannten großen Stelle in „Jenseits von Gut und Böse", die dieser Frage gilt, zunächst an, daß Deutschland schwerer mit den Inden fertig wird, als etwa Italien, Frankreich oder England, daß der deutsche Instinkt sich gegen ein weiteres Hereinströmen der Juden vor allem aus dem Osten wendet. Die Inden gelten ihm wie die Russen als die stärkste, zäheste und reinste Nasse, nüt der die Zukunft Europas zu rechnen hat. Das, was inan in Europa „Nation" nennt, ist ihm etwas Werdendes. Junges, leicht Verschiebbares, jedenfalls noch keine Rasse. Tie Juden, meint/Nietzsche, könnten zwar, wenn sie, wie es ihnen der Antisemitismus vorwirft, die Herrscher Europas werde», wollten, ihr Ziel erreichen. Aber sie wollen nicht. Im Gegenteil, sie haben keinen andern Wunsch, als den, in Encopa aufzugehen, ihr Wanderleben aufzugeben, dem „ewigen Juden" ein Ziel zu setzen. 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