Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 11 (18.3.1931)
- Date
- 1931-03-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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3 ★ I- BUCHERSCHAU :: *:: Frau Oppenheimer: Rassenprobleme. Philo-Verlag, Berlin 1YZV. 22 Seiten. In einer Zeit, in welcher der Rassenwahn von neuem alfr.ukühn sein Haupt erhebt, ist es ein grober Gewinn, einen Forscher vom Range Oppenheimers über die Rassenlehre und die mit ihr verwandten Theorien zu hören. Wenn es kaum ein zweites Gebiet der Wissenschaft gibt, auf dem so laienhafte Hypothesen ausgeheckt werden, so liegt es vor allem daran, daß die meisten Vertreter dieser Luftgebilde weder von Soziologie noch von Naturwissenschaft eine Ahnung haben. Auf beiden Gebieten aber ist F. O. eine längst anerkannte Autorität. Damm hoffen wir, daß er der kleinen Schrift, die schon wie ein Gewitter reinigend wirkt, bald ein größeres Werk folgen läßt, in dem er dem Rassenspuk unserer Tage gründlich zu Leibe rückt. Vorläufig mögen sich alle, die aur die Rassentheorien der Gegenwart schwören, aber noch belehrbar sind, vom Vf. sagen lassen, „daß es kein einziges objektives Kennzeichen gibt, um irgendeinen Menschen einer bestimmten Rasse zuzuordnen" (S. 9). Wenn das der einzige Gewinn 1er Broschüre wäre - er ist es durchaus nicht, denn sie ist voll von aufschlußreichen Gedanken —, so verdiente sie schon darum die weiteste Verbreitung. Prof. Dr. G o l i n s k i. Die Singermanns. Roman von Myron Brinig, übersetzt aus dem Amerikanischen von Lisa H. Löns. — Verlag Adolf Span ho kz G. m. b. H. in Hannover. Es könnte merkwürdig scheinen, daß neuerlich amerikanische Schriftsteller das Gebiet des jüdischen Romans sorgfältig pflegen. Aber es ist doch nicht so überraschend: denn bis in die letzte Zeit sind tausende und abertausende jüdischer Familien nach Amerika gewandert und bilden in seinen Großstädten eine ansehnliche Schicht eigenartiger Menschen. Hundert tausende mußten ihr Schicksal von ihrer ehemaligen Heimat in die neue Welt verlegen. Die „Singermanns", das ist eine jüdische Familie, die aus Rumänien nach Amerika zieht. Nicht freiwillig! Aufstieg und Abstieg dieser Juden in Amerika zeigt uns sehr instruktiv und farbig Myron Brinig. Der alte Moses Singermann ist der ragende Held des schönen Buches. Er zieht gerne aus Rumänien fort... aber immer, immer hat er in allen Verhältnissen traumhafte Sehnsucht nach dieser ihm .feindlichen und verlorenen Heimat. Ein Gleichnis der unwandelbaren Treue des Juden zur Heimat! Er verliert diese Heimat nie... imd er stirbt, und in glückhaftem Rausch sehen seine brechenden Augen die rauschenden Wälder, die blühenden Felder seines Heimatdorfes in Rumänien. Vorher hat er lange Jahre, opfervolle Kampfjahre, den großen Kampf aller der Singermanns in Amerika gekämpft. Er hat gearbeitet für Frau, Kinder, Familie und auch für seine neue jüdische Gemeinde. Aber die Kinder gehen ihren neuen eigenen Weg. Sie sind nicht mehr rumänische Juden, nicht Träger der Gedanken eines Ghettos; sie sind •der wollen sein freie Menschen, freie Amerikaner. Söhne einer neuen, anderen Welt! Das gibt Seelenkämpfe im Herzen des Vaters. Die Söhne reißen sich aus den alten Gewöhnungen., aus dem alten Lebenskreise los. Sie stürmen hinaus in Kampf und Leben. Sie entfernen sich ganz.. . Aber immer wieder werden sie zurückgezwungen, immer wieder fängt sie die Familie ein. Das Stärkste: die jüdische Familie ist unzerbrechbar! Der Kreis hält irgendwie, trotz aller Gegensätze, fest. Singermanns bleiben trotz allem Singermanns. Wunderlich streben die Aeste vom Stamme weg, aber sie werden von dem gemeinsamen Stamme gehalten und genährt... wie das ganze Judentum. Groß ist Brinig in der Malerei der verschiedenen Charaktere dieser Menschen, die allesamt niemals mehr gleich sind. Die Söhne kämpferisch und in alle Regionen des Lebens eindringend. Die Frauen des Romans wunderbar fein. Rebekka, die Frau des Moses, die Mutter, lebt das Los der dienenden Frau, nach dem starren Gesetze, nicht ohne dumpfe Sehnsucht nach der höheren Erfüllung des Weibes. Eie erst wirkt sich in der lieblichen Tochter Rahel aus, die alle Romantik der Liebe, selig und zugleich zerstörend erlebt. Und die Frauen und die Geliebten der Söhne: ein | wechselvolles, farbiges Bilderbuch jüdischen Seelenlebens... j So leben, kämpfen, sorgen die Singermanns. Entfernen sich von ihrer Ghettobasis... und bleiben doch Juden! In der alltäglichen Familie Singermann und ihrem Wege ist alles Erleben und alle Tragik aufgespeichert. Und plötzlich ist es nicht mehr die Geschichte der Singerinanns mehr, sondern die typische Historie aller der Hunderttausende, die vom Ghetto in die ungebundene Welt kommen. - Im Buche überblickt zum Schlüsse der Jüngste der Singermanns den Weg: „Wo kamen sie, die Singermanns, her? Wo wollen sie hin? Was dachten sie? Was hatten sie erlebt? Und was werden sie noch er°hen?...u Der jüdische Leser wird mitgerässu i und ergriffen das schone Buch aus der Hand legen und v> i\i die Frage ausweiten: „Ihr alle Singermanns? Ihr Ju.'c;:'.- Wohin geht Euer Weg?"- Das feine, gehaltvolle Buch ist von l'rati Löns, der Frau des gefallenen deutschbetonten H. Löns, übersetzt. Auch das ist an und für sich bemerkenswert, wie auch die Arbeit zu loben. Siegmund Reis. A. Guttmann: Enthüllte Talmudzitate. Eine Auswahl aus Gutachten, erstattet von Prof. Dr. Michael Guttmann und aus anderen Werken. Philo-Verlag, Berlin 1930, V und 188 Seiten. Ein wirklich zeitgemäßes Buch. Aus der Zeit für die Zeit. Aus der Zeit, die wieder mal mehr als andere Zeiten von Judenhaß erfüllt ist, für die Zeit, in der es von neuem gilt, oft Widerlegtes und Richtiggestelltes immer wieder zu sagen imd den am Tageskampf Interessierten eine schlagfertige Abwehrwaffe und ein Hilfsmittel in die Hand zu geben, das durch das Gestrüpp der Unwahrheiten, plumpen Fälschungen und absichtlichen Verdrehungen den Weg zur Wahrheit bloßlegt. Ueber den Zweck des Buches, das in vornehmem Tone dem Juden wie seinem Feinde, wenn dieser sich belehren lassen will, eine Fülle von Anregungen und Aufschlüssen gibt, äußert sich der Vf. im Vorwort wie folgt: „Diesmal gilt es nicht mehr, eine Broschüre oder sonst eine abgeschlossene Sammlung antisemitischer Mißdeutungen und Fälschungen Punkt für Punkt zu prüfen, sondern vornehmlich die in den verschiedensten antisemitischen Organen herumschwirrenden „Zitate", die sich meistens als Taünudtexte ausgeben, zu sammeln und auf ihren Wert oder Unwert zu untersuchen. Diesem Zweck ist gegenwärtiges Buch gewidmet. Es kommt uns daher nicht darauf an, alle Texte die je von 'Antisemiten mißbraucht worden tsind, aufzunehmen; wir beschränken pns vielmehr auf die Stellen und „Punkte", die die antisemitische Presse der letzteren Jahre für ihre Kampfzwecke benutzt hat. Dieser; „schwebende Talmud" der antisemitischen Presse soll hier zu Wort kommen. Entsprechend diesem Leitgedanken ist als Titel des Buches „Enthüllte Talmudzitate" gewählt worden. Es soll darin zum Ausdruck kommen einmal, daß es sich hier wie in Eisenmengers „Entdecktes Judentum" um Tendenzstellen handelt; ferner der gehässige Zweck, dem die Text- und Sinnfälschungen dienen." Was das Buch mit seinen 110 wortgetreu übersetzten, durch die Darstellung der historischen Zusammenhänge erhellten und streng wissenschaftlich behandelten Zitaten, die vielfach schon seit Jahrhunderten zum eisernen Bestand judenfe imd lieber Angriffe gehören, bietet, zeigt schon das Inhaltsverzeichnis: Der jüdische Gott und die Juden, Gerichtsbarkeit, Zeugenscliaft und Eid, Verkehr und Handel, Kult und Ritus, Geschlechtsleben, Blutbeschuldigung, Verschiedenes. Man möchte wünschen, daß dieses überaus wertvolle und aktuelle Buch in die Hände des gebildeten Juden, aber auch in weite christliche Kreise gelangt. Sein Erfolg kann nur ein ersprießlicher sein. Bei einer Neuauflage, die gewiß nicht ausbleiben und von dem rührigen Verlag, der das Buch sehr schön ausgestattet hat, sicherlich ohne Zögern vorbereitet werden wird, wäre hier und da auf größere Korrektheit im deutschen Ausdruck zu achten. Ich verweise auf „Gelübdetuer" (S. 50; ein gräßliches Wort!); „gebe" statt „gib" (S. 75); „wenn die Menschheit an diese.... vorübe rgegangen ist", statt an „diesen" (S. 125). Das sind aber nur Kleinigkeiten, Schönheitsfehler, die den Wert des Buches nicht beeinträchtigen können. Prof. Dr. G o 1 i n s k i. Georg Rosen: Juden und Phönizier. Das antike Judentum als Missionsreligion und die Entstehung der jüdischer« Diaspora. Neu bearbeitet und erweitert von ^Friedrich Rosen und D. Georg Bertram. Verlag von J. C. B. Mohr (Paul Siebeck). Tübingen 1929. VIII. 185 S. Gr. 8». Haben*, sua fata Iibelli, Bücher haben ihre Schicksale. Das gilt in besonderer Weise von dem vorliegenden Buch, dessen Manuskript dem ursprünglichen Verfasser, Georg Rosen, der einer der ersten preußischen Konsuln in Jerusalem war, 1891 in Kairo verlorengegangen ist, und der während der neuen Niederschrift vom Tod überrascht wurde. Sein Sohn, Friedrich Rosen, Präsident der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft und durch seinen diplomatische« Dienst vielfach in engen Beziehungen zu den Kulturen dies Ostens, hat das Verlorengegangene rekonstruiert und mit Hilfe des Gießener Neutestamentlers Georg Bertram auf die Höhe des gegenwärtigen Standes der Wissenschaft gebracht. Der ursprünglich gewählte Titel des Buches: „Ein Beitrag zur Erklärung der jüdischen Diaspora" deutet schon darauf hin, daß es, wie R. im Vorwort sagt, „ein interessantes und wichtiges Problem der Weltgeschichte von einem neuen Gesichtspunkt aus zu betrachten und seiner Lösung näher zu führen" versuchen will. Dieser Versuch ist mit roßem wissenschaftlichen Ernst und mit staunenswerter ach- und Fachkenntnis - die Anmerkungen, die wohl im wesentlichen Bertrams Arbeit darstellen und eine profunde Gelehrsamkeit enthüllen, füllen ein gutes Drittel des Buches —, aber auch mit gewinnender Objektivität unternommen worden und dürfte der Forschung neue Wege weisen. Die starke Aufnahme fremder Elemente in das Judentum und die große Ausbreitung des Diasporajudentunis einerseits, das gleichzeitige Verschwinden der Phönizier aus der Weltgeschichte anderseits bilden ein Problem, das schon Georg R. durch eine neue These, die Verknüpfung dieser beiden Erscheinungen miteinander, zu erklären sucht. Die Phönizier, die in der Entwicklung der antiken Kultur als erste Erfinder. Händler und Seefahrer keine unbeträchtliche Rolle gespielt haben, können doch nicht einfach verschwunden sein. Und wenn die Verbreitung der Juden durch Anwachsen und Kolonisation allein unmöglich war, so bietet sich mit höchster Wahrscheinlichkeit, wenn auch nicht mit letzter, unumstößlicher Sicherheit geradezu die Lösung an, daß die Phönizier, die den Juden auch kulturell am nächsten standen, fast ganz durch das Judentum aufgesogen worden sind. Die Kraft zu dieser Anziehung Stammes- und religionsverwandter Elemente zog das Judentum aus seiner Religion, die sich in der Diaspora immer mehr zur Weltreligion entwickelte; denn „die Ausbreitung des Judentums ist nicht nur Ausbreitung des jüdischen Volkes, sondern auch propagandistische Verbreitung der jüdischen Religion" (S. 113), die schon in der hellenistischen Zeit die erste Missionsreligion der hellenistischen Welt geworden ist. ' „Durch die. Aufnahme der semitischen, besonders der phönizischen Elemente der Mittelmeerwelt hat das Judentum gleichzeitig seine völkischen und seine universalistischen Neigungen befriedigen können. Das Proselytentum ist von dauernder Bedeutung für die Geschichte des Judentums geworden. Das Judentum ist seit der hellenistischen Periode nicht so sehr Volk als vielmehr Religion. Wenn auch die Einschränkung in Wirklichkeit fast nur rassenverwandtem Volkstum dauernde Aufnahme ins Judentum gesichert hat, den Charakter der Weltreligion, den die jüdische Religion der exilischen und nachexilischen Zeit aufgeprägt hat, hat es trotz aller Berufung auf das Blut bewahrt" (S. 117). Darüber hinaus enthält das Buch viel mehr, als man nach seinem Titel vermuten möchte. Was über die Septuaginta als Grundlage aller jüdischen Propaganda, was über die jüdische Religion selbst gesagt ist, ist von so vornehmer Vorurteilslosigkeit diktiert, wie man es in wissenschaftlichen Werken der Gegenwart noch allzuselten findet. Deshalb ist dieses Werk, das einen hervorragenden Beitrag zu einem wichtigen Kapitel der Weltgeschichte liefert, aufs angelegentlichste zu empfehlen. Namentlich der jüdische Leser wird das Buch, das der bekannte Verlag sehr ansprechend ausgestattet hat, mit großem Gewinn und mit freudigem Stolz aufnehmen. Prof. Dr. G o 1 i n s k i. Am 11. März 1931 verstarb zu Herlin nach schwerem Leiden Herr James Sil berstein Er gehörte seit vielen Jahren zu den treuen Anhängern des liberalen Judentums und war in den Jahren 1927-29 als Generalsekretär unseres Vereins tätig. In dieser Eigenschaft hat er mit größter Pflichttreue und unermüdlichem Eifer für unsere Organisation gewirkt. Durch seine hervorragenden Charaktereigenschaften und seine liebenswürdige Art hat er sich die Zuneigung aller, die mit ihm zusammengearbeitet haben, erworben. Wir werden sein Andenken stets in Ehren halten. Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin E. V. Der Vorsitzende Landgerichtsrat Dr. M. 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