Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 10 (11.3.1931)
- Date
- 1931-03-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Lin Leben um Heinrich Heine Watcher Victor „Mathilde" (G. P. Tal k Co. Verlageren). Anläßlich des 75. Todestages von Heinrich Heine hat man sich in Deutschland, allen „Nazis", Rassenschnüfflern und Konsorten zu Trotz, doch wieder des brennenden deutschen Patrioten erinnert, der zum Märtyrer wurde für daS daS Vaterland in ihm, vas blutete, und gegen das Vaterland außer ihm, das ihn blutig schlug, seine schmerzenoen Schläfen mit Dornen krönte und seine Wanden mit Essigschwämmen spottete. Nicht nur nach. Ben Akiba, sondern nach dem wirklichen Verlauf der Welt-Kultur- und Geistesgeschichte aller Völker ist in der Tat alles schon einmal dagewesen. Auch die Herren Hitler, Göbbels, Frick und Franzen sind nichts als Epigonen. Denn schon zu Heinrich Heines Lebzeiten bekreuzigten sich die frommen Schildbürger seiner Heimat, wenn sie den verruchten und verrufenen Namen Heine lasen. Die wackeren T-rachentöter rotteten sich auch dazumal zusammen und brüllten mit wohl erturnten Lungenkräften : , „Hoiho, d a ist der Wurm! Auf Brüder, helft ihn erschlagen! Deutsche Tat! All Heil!" Man sieht, nicht einmal die Formen oder Formeln haben sich wesentlich geändert. Der Mann des „Wintermärchens", in dessen Nächte Deutschland hinein gesungen, geduftet, geklungen, gedichtet hatte; das Deutschland der Eichen und der Nachtigallen, der träge gleitenden Ströme und der tausendziumgen Burgen, der gotischen Steinpoes'en und der verwunschenen Märchenprinzessinnen; das Deutschland der Ideale und Ideologen; das Deutschland, das crnen Marlin Luther, einen Johann Wolfgang Goethe und einen Wolfgang Amandeus Mozart erfunden hatte, war enttäuscht wieder zurückgekchrt in die Verbannung. Denn das Deutschland, das er vorgesunden, war das Deutschland der Handschellen und des Lippenzwanges; das Deutschland, das Konstabler-Wachen stürmte, aber tyrannische Gesetzgebungen duldete: das Deutschland, wo man aufrechte Männer dingfest machte, aber Lakaien — mit und ohne Livree — in Aemter und Würden berief. Das Deutschland, der Kamaschenritter, der düsteren Kutten, der rostigen Harnische und der Zöpfe; - das Deutschland der finster kreisenden Raben, nicht aber des gesprengten Kysfbäuser-Berges und des befreiten Traumes vom lichtäugigen Reiche Noch schlief der kaiserliche Erlöser; die schwarzen Fittiche aber rauschten über dem Lande. Und unter ihrem Schutz tobten Bruderzwist und Unverständnis. Just so wie anno 1931. Man sieht also, cs hat sich in den letzten hundert Jahren eigentlich wenig gewandelt in deutschen Gauen, oder zumindest steht nian heute wieder an jenem Meilenstein, oen Heine zurückgelegt zu haben verineinte, als die mißmutigen Enttäuschungen, die der Aufenthalt im Vaterland ihm geschaffen hatte, ungebärdig aus ihm hervorbrachen und seinem Graul das „Wintcrinärchen" entschäumte. Jenes „Wintermärchen". dem er die prophetischen Worte voranschickte „Pflanzt die schwarz-rot-goldene Fahne auf die Höhe des deutschen Gedankens, macht sie zur Standarte des freien Menschentums, und ich will mein bestes Herzblut für sie hingeben. Beruhigt Euch, ich liebe das Vaterland ebenso sehr wie Ihr. Wegen dieser Liebe habe ich dreizehn Lebensjahre im Exil« verlebt, und wegen eben dieser Liebe kehre ich wieder zurück ins Exil, vielleicht für immer, jedenfalls, ohne zu flennen oder eine schiefmäulige Duldergrimasse zn schneiden. Ich bin der Freund der Franzosen, wie ich der Freund aller Menschen bin, wenn sie vernünftig und gut sind, weil ich selber nicht so dumm oder so schlecht bin, als daß ich wünschen sollte, daß meine Deutschen und die Franzosen, die beiden auserwählten Völker der Humanität, sich die Hälse brächen zum besten von England und Rußland und zur Schadenfreude aller Junker und Pfaffen dieses Erdballes. Seid ruhig, ich werde den Rhein nimmermehr den Franzosen abtreten, schon aus dem ganz einfachen Grunde, weil mir der Rhein gehört. Ja, mir gehört er, durch unveräußerliches Geburtsrecht, ich bin des freien Rheines noch weit freierer'Sohn, an feinem Ufer stand mein« Wiege, und ich sehe garnicht ein, ►4M444444 *:: Versammlungskalender Danzig. Sennöbttrt», 14. März, abends 8.15 Uhr, i» Festsaal de» Hotel „Daaziger Hof": Vortrag Rechtsanwalt Heinrich Ster« (Berlin-, Vorsitzender der „Bereinigung für dar ltteral« Judentum «. 8“: „Die »trliutt Wahl, ihre Voraussetzungen, ihre Gründe und ihre; Lehren". «rln/Rhew. Sonnabend, 14. März 1931, abends 8 Uhr, t« der Rheinlandlogr: Gemeinsame Beranftaituug der Bereinigung für das liberale Judentum der Synagvgengemeinde Stil« und der Gemeinschaft. 1. Dr. Siegfried Kaufmann (Vorsitzender der Vereinigung für das liberale Judentum der Syvagogengemetnde Köln): Rückblick und Ansdltck über die Kölner: Semeindepvliiik. 2. George Svetz (Berlins, Vortrag: Spinoza und der Seist der Judentums. ReSlinghatafen. Moutag, 16. Mär» 1931, abends 8.38 Uhr, tm Jfraeltlifchs» Semeiudehaus (Am Polizeipräsidium 3), Vortrag George Svetz (Berlin), GeneralfekretSr der Vereinigung für das liberale Judentum e. v.: „Was bedeutet das liberale Judentum?" Stettin. Montag, 16. März 1931, abends 8.38 Uhr, in der Allemania» Loge, Friedrich Crrlstraße 3: Vortrag Dr. Karl Rosenthal, Prediger der Berliner Refvrmgemeiude: „Geschichte und Wese« des Reform- Judentums". * Gottesdienste ¥ * i < t Sctlta.RtctM. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Freitag, de« 13. März, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfki. Sonnabend, vormittags 18 Uhr, Gottesdienst. «erlin*Often. Liberale Synagoge Osten, Kaiferstraße 38, Aula der Mädchrnschnle. Freitag, den 13. März, abends 7.38 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Plotke. Berlin.Wefteud. Liberale Synagoge Westeud, Leistilowstraße 7-3. Aula. Freitag, den 13. März, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Prediger Dr. Swarfeusky. Berlin. Jüdische Reform-Gemeinde. Gottesdienste am Sonntag, dem 15. März. Johanntsstratz« 16: vormittags 18.38 Uhr; Predigt: Dr. Jelsli. Kleiststraße 18: vormittags 16.38 Uhr; Predigt: Dr. Lehmann. r >' . Das Ai-Programm : *: Serital. Panlow-Oste«. Heimabend am Donnerstag, de« 18. März, ade«-» 8.15 Uhr, bei Ilse Cohn, Schönhauser Allee 132. Thema: Plato«, Phaido«. vlina ««d ReN'TharlotlrNdnrg. Heimabend am Mittwoch, dem 11. März, abends 9 Ahr, bet Mariuse» Friedenau, Taunusstraß« 23. Thema: Disknssio« üb« den Vortrag vo« Julius Bad. Hermsdors. Mittwoch, den 11. März, abends 8 Ahr, «unter Abend bei The» Kassel, Hermsdors, Lahnhofftraße 5. Heimabend am Mittwoch, dem 18. Riirz, abends S Uhr, i» Heim, Albrechtstraste 18. Thema: Wassermann, Mein Weg als Deutscher und Jude. Hermsdors (Kükeagruppe). Heimabend am Donnerstag» dem 19. Mörz, nachmittags 6.3V Uhr, im Hel«, Aldrechtstraße 18. Steglitz. Heimabend am Dienstag, dem 17. März, bet Marti« Glast, Zehlendorf, Am Lappjage« 11 (am U-Bahnhof Outel Toms Hüttch. Thema: Die Juden in Oesterreich. Äette». Montag, den 16. März, bei Eva Segall, Siefebrechtstraße 8. Thema: Zionismus. Montag, de« 23. März, bei Werner Lazarus, Seseuheimer Stk. 12. Berlin. Jugendgemeiuschaft der Jüdische« Resorm-Semeiudr. Mittwoch, den 11. März, abends 8 Uhr. bei Joachim Sander, Friedenau, Hedwigstraße 12 a: Collegium musicum über I. S. Vach unter Leitung des Herr« Dr. Schildberger. Donnerstag, den 12. März, abends 8 Uhr, tm MossepHNNs, Leipziger Platz 15, Vortrag des Herr« Rabbiner Dr. Lehman« wehr Dir Welt der Propheten. Mittwoch, den 18. Marz, abends 8 Uhr, im Sitzungszimmer Jvhannisstraße 16: Beginn der Arbeitsgemeinschaft unter Leitung des Herru Dr. Lehmann über: „Prophetisches Schrifttum". Breslau. Jüngeren-Gruppe: Dienstag, den 17. März, 16.36 Ahr: AusfprachezyNus: „Die Gedankenwelt des jüdischen Liberalismus". — Jüngsten-Gruppe: Montag, den 16. März, 16 Uhr, im Jugendheim. Arbeitsgemeinschaften und Sludienlreise siehe Programm. Frankfurt a. M. Dienstag, den 17. März 1931: Dr. Eduard Strauß spricht über: „Franz Rosenzweig". Liegnitz. Sonnabend, den 14. Marz: Tauz-Atend im Hotel Retchshos. Beginn pünktlich 8.38 Uhr abends. Mittwoch, den 18. Marz: Werbe-Vcranstaltung Dichtung der Zeit in den Räumen der Silefia-Log«. warum der Rhein irgend einem anderen gehören solle als den Landcskindern. Elsaß und Lothringen kann ich freilich dem deutschen Reiche nicht so leicht einverleiben, wie Ihr es tut, denn die Leute in jenen Landen hängen fest an Frankreich wegen der Rechte, die sie durch die französische Ssaatsumwalzung gewonnen, wegen jener Gleichheitsgesetze und freien Institutionen, die dem bürgerlichen Gemüte sehr angenehm sind, /aber dem Magen der großen Menge dennoch vieles zu wünschen übrig lassen. Indessen, die Elsässer und Lothringer werden sich wieder an Deutschland an schließen, wenn wir das vollenden, waS die Franzosen begonnen haben, wenn wir diese Überflügeln in der Tat, wie wir es schon getan in Gedanke«....' Ja, nicht bloß Elsaß und Lothringen, sondern ganz Frankreich wird uns alsdann zufallen,ganz Europa, — die ganz« Welt wird deutsch werden! Kon dieset Sendung und Universalherrschaft Deutschlands träume ich oft, wenn ich unter Lichen wandele. Das ist mein Patriotismus." Aber trotzdem: diesem Manne, der manche GÄmnken aussprach, die ruhig dem Sprachschatz der äußersten Nachten eingegliedert werden könnten, der aber blutige und bissige Angriffe wider seine Gegner — wirksamer als oer „Angriff" des Herrn Tn. Göbbels — zu richten wußte, konnte nicht geholfen werden. Und selbst feinem Andenken ward 75 Jahre nach seinem Tooe auch nur recht mangelhaft gehuldigt. Gewiß, seine Heimatstadt Düsseldorf hat sich zu eiweichen Ehrungen aufgeschwungen; Intellektuelle Deutschlands haben erneut den Aufrust für ein Heine-Denkmal in Deutschland unterzeichnet und tu die Welt versandt; es sind neue Forschungsresultate und Pücher -über den Tächter erschienen (auf deren eines wir Ndch zurückzukommen gedenken), aber: das offizielle Deutschland, vertreten durch seine Reichs, und Staatsbehörden, verhielt sich dem Schöpfer des deutschen Volksliedes gegenüber stumm und stumpf und stellte sich tot dem unsterblichen Toten gegenüber. Die Tatsache beschämt Deutschland, nicht den Toten. Tenn niemand hätte wohl diese Schmach einer deutschen Republik bissiger gehöht und verlacht als er selbst, der die deutsche Vaterlandsliebe als eine ewig schwärende Amorfortaswunde in seiner Seele trug. Aber auch die Publikationen, die zu Ehren des Dichters um eben diese Zeit erschienen sind, scheinen uns nicht immer unbedingt glücklich. So hat beispielsweise Walter Victor in seinem Weä „Ein Leben um Heinrich Heine" die zwei Jahr> zehnte hindurch wenigstens die animalisch« Existenz Heines Inden in deutschen Städten Regensburg. „Regensburg gehörte zu den ersten jüdischen Ansiedelungen in Bayern. Als die Juden im Jahre 1348 aus Regensburg ausgewiesen werden sollten, behaupteten sie, daß ihre Vorfahren schon gleich nach der Zerstörung des ersten Tempels, also lange vor Chr. Geb., sich in Regensburg niedergelassen hätten, auch sei der hl. Emmeram einst aus ihrer Mitte hervorgegangen. Wenn sich dies« Behauptungen auch nicht ohne weiteres beweisen lassen, so steht doch fest, daß in Regensburg schon vor dem Jahre 1000 eine große jüdische Gemeinde bestand, die ihre eigen« Verfassung hatte. Sie bildete einen Staat im Staate. Ihr Oberhaupt war der Hochmeister (Rabbiner). Die Ordnung wurde von dem udenmeister und dem Gemeindeausschuß ansrecht erhalten, ie jüdische Obrigkeit wurde von den Behörden beschützt. Der oberste Schutzherr war der deutsche Kaiser, dem sie gleich allen Juden in Deutschland als Kammerknechte unterstanden. Von Kaiser Friedrich Barbarossa erhielt die jüdische Gemeinde Regensburg im Jahre 1182 ein Privilegium ausgestellt, nach welchem sich dieser feierlich für ihre Rechte verbürgte. Dieses Privileg wurde im Jahre 1216 von dessen Enkel Friedrich II. bestätigt. Dafür bezahlten sie ein jährlrches Schutzgeld von 200 Pfund. Im Jahre 1231 erhielten sie von Kaiser Heinrich die Erlaubnis, mit Gold und Silber handeln jlt dürfen." „Auch das geistige Leben der Regensburger Juden war im Mittelalter ein sehr reges. In der 2» Hälfte des 12. Jahrhunderts lebte und wirkte dort R. Jehuda Hachosid, einer der hervorragendsten Gesetzeslehrer und synagogalen Dichter, von dem auch eine Anzahl unserer Bußgebete verfaßt ist. Der bedeutende Geograph und Weltreisende Petachia aus Regmsburg war ein Zeitgenosse des Vorgenannten. Außer diesen und anderen hervorragenden Männern wäre auch eine Dichterin zu nennen. Im Schlußwort des Buches Samuel, das sie in der Form des Nibelungenliedes in mittelshochdeutscher Sprache verfaßte, ststlt sie sich vor mit den Worten: Dies Han ich geschrieben mit meiner Hand, Lima von Regensburg bin ich genannt." „Das Verhältnis des Rates der Stadt Regensburg zur Regensburger Judengemeinde war lange Zeit ein verhältnismäßig gutes. Erft in der Mitte des 16. Jahrhunderts, nachdem von verschiedenen Seiten gegen die Juden gehetzt, und nachdem einige fanatische Geistliche in ihren Predigten vas Volk gegen die Juden aufgewiegelt hatten, wurden Haß und Unduldsamkeit immer mehr geschürt, und ließ der Schutz, der die Stadt den Juden bisher hatte angeveihen lassen, nach. Am 21. Februar 1519 teilte der Rat den Juden mit, daß es ihm weiterhin unmöglich, sei, für ihr Leben und Eigentum einzustehen, deshalb seien sie hierdurch aufgefordert, binnen 5 Tagen die Stadt zu verlassen. . . . Rabbi Samuel, der letzte Hochmeister, und die Aeltesten der Gemeinde nahmen die Thorarollen, ihre kaiserlichen und päpstlichen Freibriefe und andere Urkunden aus der Synagoge. Die anderen Mitglieder begannen mit der Zerstörung der inneren Einrichtung des Heiligtums, damit es nicht durch fremde Hände entweiht würde. Auch das Judenviertel wurde zerstört. An der Stelle der Synagoge wurde die Kapelle „Zur schönen Maria" errichtet. Auch der alte ehrwürdige Friedhof mit seinen 4000 Grabsteinen wurde nicht verschont. Die Grabsteine wurden teils zu baulichen Zwecken verwendet, teils als Trophäen weithin verschleppt. — Tie Vertriebenen zerstreuten sich nach allen Richtungen." (Bilder auS meiner Heimatgeschichte. Bon A. Friedmann, Ingolstadt. Verlag Ludwig Stadelmeier, Ingolstadt 1929.) Wolshage«. „Zu der alten Wolfhager Bürgerschaft traten um den Beginn des 16. Jahrhunderts noch Angehörige eines anderen Volkes, vereinzelte Juoen. Sie lvnßten sich aber keine Freunde zu erwerben, machten sich vielmehr durch ihren überlegenen Geschäftsgeist und ihren ausgeprägten Erwerbssinnn von Anfang an verhaßt. In einer Beschwerde von Bürgermeister und Rat an den'Landgrafen Moritz vom 2. März 1592 heißt es, daß nach der Reformation uioch 3 Juden in Wol,'Hagen eine Zeit lang geduldet, „doch wegen ihres bösen Lebens uno Wandels in Wucher, Verhinderung ehrlicher Zünfte und Gewerbe, Auf- und Abnehmung, auch in Lästerung unseres Erlösers und Seikgmacyers sortfuhren, deshalb bei Landgraf Philipp und Wilhelm verklaget und aus fürstlichen Besch! aus Ltadt und Amt vertrieben" worden seien. Als Landgraf Moritz 1592 wieder drei Juden in Hessen züließ, und einem davon die Niederlassung in Wolfhagen erlaubte, erhoben Bürgermeister und Rat sofort Beschwerde. Wie sie angaben, sei „alles zum höchsten befremdet, solches Ungesinde wieder aufzunehmen," sie baten daher um Wiederausweisung des zugedachten Juden. Dabei scheint es trotz des Einspruches der Stadt auch fleblreben zu sein, denn 1621 waren bereits zwei Judenfamilim an-' sässig. Ihre Zahl nahm dann infolge der schlechten Zeitläufte zu. 1720 zählten sie bereits 40 Köpfe, auch ein eigener ,-Dchukmeistet" — er hieß Jankoff uno war aus Polen — war schwn vorhanden. 1788 betrug die Kopfzahl sogar 69. 1789 beantragte darum oer Magistrat die Verminderung der 20 Familien starken Judenschaft in Wolshagen auf 8—19 Ein Erfolg war ihm aber trotz der Fürsprache des Ober- Renlkammer in Kanel nicht beschicken. Es wurde ihm lediglich , bedeutet, bei der Genehmigung von Ausnahme, gcsuchen künftig vorsichtiger zu sein und auf diese Weise die Zahl der jüdischen Familim zu vermindern." „Am 15. Mai 1674 beschlossen der alte wie oer neu» Rat unter Zusicherung des Gemeindeworthalters, daß ein Bürger sein Haus, das er auf Wolfhager Gehölz erbaut habe, an einen Juden nicht verkaufen oürfe. Bei Zuwiderhandlung solle er das ihm auS dem Stadtwrlde unentgeltlich. überwiesene Bauholz bei Heller und Pfennig zahlen. Testen ungeachtet hatten die Juden 1687 eigene Wohnhäuser inne. Daraus fußend, suchten sie 1688 die Regierung zu bestimmen, ihnen gleiche Rechte wie den Bürgern einzuräumen. In einer langen Eingabe führten sie aus!, sie würden hinsichtlich der Abgaben und Laßen den Bürgern zwar gleichgestellt, bei allen Vergünstigungen (commoda) und Nutzungen (Bauholz. Brennholz usw.) dagegen übergangen. Demgegenüber Märten Bürgermeister und Rat, die Nutznießungen würden nicht auf die Häuser, sondern lediglich nach dem Bürgerrecht verteilt, ganz gleichgültig, ob es sich dabei um Hausbesitzer handle oder nicht. Tie Inden seien aber nicht im Besitze des Bürgerrechts. Ihre Abgaben seren zudem viel zu gering festgesetzt. Tie beiden ältesten Schutzjuden zahlten nicht einmal die ihrer Handlung und ihrem Kaufgewerbe entsprechenden Sätze, obwohl sie es so trieben, daß „fast nicht eine Handlung zu erdenken, welche sie nichtexercieren und so stark treiben, baß ein Christ allhier in keiner -Handlung vor ihnen fortkommen kann." „Unter der Fremdherrschaft erlangten die Juden zwar die bürgerliche Gleichberechtigung, büßten sie nachiher aber z. T. wieder ein. Dagegen blieben ihnen die neuen Zunahmen, dis'sie auf Anordnung der westfälischen Regierung 1M8 hatten annehmen müssen. Erst die kucheffifche Verfassung vom Jahre 1831 brachte ihnen endlich volle Freiheit und restlose Gleichstellung mit den übrigen Bürgern. Heute zählt die Gemeinde 65 Seelen." Geschichte der Stadt Wolshagen in Hessen. Fm Aufträge des Magistrats neu bearbeitet von Gustav Siegelt. Selbstverlag des Magistrats der Stadt Wolfhagen, 1929.