Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 10 (11.3.1931)
- Date
- 1931-03-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Kottbusser Ufer erfordern 1925 Zuschüsse. Zieht »ran i« Knhre 1925 von dm Einnahmen sämtlicher Tynagoßm die entsprechenden Ausgaben ab, so verbleibt ein Ueberschuß von ca. 8009 Mark. Und nun 1930. Ueberschüsse erbringen nur noch die Synagogen Lützowstraße, Fasancnstraße und Prinzregentenstraße. Bcr letzterer sind allerdings den Jahreseinnahmen im Etat nur die Ausgaben für zehn Monate gegenübergestellt. Abgefehm von diesen drei Synagogen erfordern sämtliche Synagogen Zuschüsse. Läßt man die 1925 noch nicht im Etat enthaltenen Synagogen Friedenstempel, Grunewald und Prinzregentenstraße a»ßer Betracht, so zeigt sich, daß der Ueberschuß des Jahres 1925 von 8000 Mark in ei« Defizit von 114000 Mark umgeschlagen ist. Bei gesonderter Betrachtung der Orgel- und der orgellosen Synagogen ergibt sich für den Etat 1930: die sieben Orgelsynagogen erfordern einm Zuschuß von 10000 Mark, die sieben orgellosen Synagogen einen Zuschuß von 98000 Mark. Aber wohl die interessanteste Entwicklung in diesem Gesamtkapitel hat das Kaschruth-Wesen genommen. Bor dem Kriege betrug der erforderliche Zuschuß etwa 20000 Mark, im Jahre 1924 war man dann der Ansicht, daß die Gebühren die Ausgaben decken müßten und veranschlagte dementsprechend Einnahmen und Ausgaben in gleicher Höhe. Im Etat 1925 heißt es dann: „Die bei bcm vorjährigen Etat ausgesprochene Absicht, die Kaschruth-Berwaltung ohne Gemeindezuschuß auskommen zu lassen, hat nicht durchgeführt werden können. Nach der vorläufigen Bilanz per 31. 12. 1924 ist ein Zuschuß von rund 14 000 Mack erforderlich gewesen. Das Kaschruth- Wesen hat vor dem Kriege einen erheblich höheren Zuschuß als den im neuen Etat vorgeschlagenen in Höhe von 17 200 Mark erfordert. Die Sorge für das Kaschruth ist eine Aufgabe der Gemeinde. Um eine Verteuerung des Koscher-Fleisches zu vermeiden, ist es erforderlich und gerechtfertigt, daß ein Teil der Ausgaben aus Gemeiudemitteln gedeckt wird." Das ist ein sehr fragwürdiges Prinzip. Zumal, wenn die Verteuerung bei Wegfall des Zuschusses auf das Pfund Koscher-Fleisch etwa 1—2 Pfennig betragen würde, wie das im Jahre 1925 der Fall gewesen wäre. Im Jahre 1925 betrug der veranschlagte Zuschuß 17200 Mark. Im Jahre 1928 ist er aus 29 000 Mark gestiegen, im Jahre 1930 beträgt er nicht weniger als 102000 Mark. Die Hauptursache dieser Verteuerung ergibt sich aus den Ausführungen zum Etat 1929. Dort heißt es: „Die Kaschruth-Verwaltung befindet sich in den letzten 1 r/z Jahren in einer grundlegenden Umstellung der gesamten Organisation zum Zwecke der Gewährleistung einer absoluten Zuverlässigkeit hinsichtlich der Kaschruth der unter Aufsicht stehenden Betriebe. Die bisher in der Kaschruth-Verwaltung getroffenen Maßnahmen standen ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Erhöhung der Zuverlässigkeit, auf die finanzielle Auswirkung der getroffenen Maßnahmen wurde dabei keine Rücksicht genommen. So kam es, daß die Verwaltung in den Jahren 1924, 1925 und 1926 Zuschüsse von rund 12000 Mark, 22000 und 11000 Mark erforderte. Im Jahre 1927 ist der Zuschuß ans rund 51000 Mark und im Jahre 1928 auf rund 105000 Mark gestiegen. So notwendig zweifellos die Gewährleistung einer absoluten Zuverlässigkeit in der Kaschruth-Verwaltung ist, so ist andererseits klar, daß derartige Zuschüsse das erträgliche Maß übersteigen. Die Ursache der erheblichen Vermehrung per Kosten liegt darin, daß die Rabbiner der Kaschruth-Kommission, die früher die Aufsicht dadurch ausübten, daß Aufiichtsbeamte zeitweise und bei gewissen Tätigkeiten die Gechäftsinhaber kontrollierten, jetzt dazu übergegangen sind, leiem einzelnen Betriebe einen ständigen Aufseher beizugeben. Die Entscheidung darüber, ob dieses Maß der Beaufsichtigung durchweg notwendig ist, steht lediglich beu die Verantwortung tragenden Rabbinern zu; Sache der Verwaltung ist es, die Kosten auf ein erträgliches Maß herabzumindern. Eine Nachprüfung der Ausgabe und Einnahme des letzten Jahres ergibt, daß im Durchschnitt die Kosten für einen Auf-. Psalm Po« Arthur Silber-loit. Die Alpensinfome ward nicht geschrieben Bon einem Sohn der Erde, nur von Dir. Du mischst Lawinenprall mit Sturzbach stiebe«. Vor Deiner Allmacht beben Mensch und Tier. Du läßt in Adler Sonnen sich verlieben Und schenkst der Glockenblumen Traumrevier In blauen Bergseen blanke Spiegelscheiben Und läßt die weißen Wolkenherden treiben Von Engeln, die Dir ewig dienstbar bleiben Und uns als Seelenhirten nahen hier. Die Alpensinfonie ward nicht geschrieben Bon einem Sohn der Erde, nur von Dir; Nur Du vermochtest, Ewiger, sie zu schreiben. Du schriebst sie in den Zeilen steiler Schroffen Und in der flinken Gemsen Zickzackspur Und läßt in Mulden Strophenreihen offen Für alle Quellen Deiner Blütenflur. Ein jeder Künstler sieht sein kühnstes Hoffen Erfüllt in Deiner Meifterpartitur Und staunt, jäh vom Erkenntnisblitz getroffen. Wie sicher trotz verwegener Cäsur Die Hügelwellen bunter Lämmerweiden Sich von dem Gipfelhorft der Geier scheiden. Was sind vor Dir die großen Freskenmaler Mit ihren prunkenden Allegorien? Nur Zwerge, kleine aufgeblähte Prahler, Die um Dein Weltbild bunte Wände ziehn. Doch Du, des Dunkels Sternenüberftrahler, Entthronst die falschen Farbendynastien. Was sind selbst unsere höchsten Heldentaten Vor Deiner Allmacht Urgigantengraten? Mit Früchten überschüttet Deine Gnade Der Landschaft sarbensattes Aquarell. Der Firnen eisgepanzerte Parade Befiehlt Dein Föhn oft zum Gebetsappell. Du weist der Falkenschar die Wallfahrtspfade Zu Deinem Herzen, Herr. Selbst der Rebell, Der Sturm, erstirbt vor Dir. Tein Borngeplätscher Beschwichtigt die Lawinenwut der Gletscher. Die Löwenstinunen Deiner Donner proben, Ob sie des Blitzes Zunge überzischt. Und wenn sich Geierschrei und Gießbachtoben Mit eines Stromes Waldchoral vermischt, Dich aller Ozeane Orgeln loben Im klangregisterreichen Wogengischt, Jauchzt lerchenhaft mein Herz, zu Dir erhoben. Doch wenn ein jedes Klangbild sich verwischt Im Nebel, Geister von den Bergen steigen, Dann überwältigt, stillster Gott der Geigen, Auch mich der Wälder andachttiefes Schweigen: Es stirbt mein Lied, wenn mir Dein Licht erlischt! sichtsbeamten annähernd 300 Mark monatlich betragen. Me von dm unter Aufsicht stehenden Betrieben gezahlten Gebühren, die nach der Zahl der für sie geschächtetm Tiere bemessen werden, übersteigen nur in drei Fällen die Kosten der Aufsichtspersonen,! in drei weiteren Fällen werden diese Kosten ganz oder fast ganz von den Betrieben gedeckt, in vier Fällen zur Halste» in acht weiteren Fällen nur zu einem Drittel, in fünf Fällm zu einem Viertel und in einem Falle nur zu einem Sechstel. Diese Zahlen zeigen, daß die Kaschruth-Verwaltung darunter leidet, daß eine große Anzahl kleiner und kleinster Betriebe der Aufsicht unterstehen. Diese sind bei ihrem geringen Umsatz nicht in der Lage, einen nmnenswerten Teil der der Gemeinde entstehenden Selbstkosten für die SH- «ufsichtigung äu tragen und belasten beit Etat in unberechttat« Weise. Dabei darf nicht unerwähnt bleiben, daß bei di«e» Vergleich der der Gemeinde entstehenden Kosten nur die Koste» für die Beaufsichtigung berücksichtigt worden sind, dagegen dir Kosten für Schechita nicht mitherangezogen wurden. Die» geschah aus d er Erwägung, daß diese eigentlichen Schächtkoste» insgesamt etwa den Betrag ausmachen, den die Gemeinde für das Kaschruth-Wefen aus Steuermitteln bereitstcllen kann. Es liegt auf der Hand, daß hier in finanzieller Beziehungrundlegend Wandel geschaffen werden muß.... .... Bei dieser Sachlage mußte davon Abstand genommen werden, einen ordnungsmäßigen Etat für das Kaschrnth-Wesen aufzustellen, da ja die Gestaltung des Etats von den erst zu ergreifenden Maßnahmen abhängig ist, vielmehr wurde lediglich etatsmäßig festgelegt, daß'für die Kaschruth-Verwaltung für das Jahr 1929 ein Zuschuß von 50 000 Mark zur Verfügung gestellt werden soll. Die Höhe dieses Zuschusses ist als Uebergangsmaßnahme gedacht; nach einer endgültiger: Neuregelung müßte die Kaschruth-Berwaltung mit einem Zuschuß von etwa 25 000 bis 30 000 Mark jährlich auskommen." Ausdrücklich Erwähnung verdient noch die Tatsache, daß den erhöhten Ausgaben weit weniger koschere Schlachtungeu gegenüberstehen. So wird in dem Januar-Mitteilungsblatt des statistischen Büros der Jüdischen Gemeinde zu Berlin auf Grund von statistischen Unterlagen ausdrücklich lfestgestellt: „Die Koscher-Schlachtungen zeigen von Jahr zu Jahr einen merklichen Rückgang." Hier zeigt sich eben eine übertriebene Berücksichtigunorthodoxer Interessen. Es ist selbstverständlich, daß in einer Einheitsgemeinde auch den orthodoxen Forderungen hinreichend Rechnung getragen werden muß. Aber das darf natürlich nicht dazu führen, daß auch das Unberechtigste toleriert wird, wenn es von orthodoxer Seite geschieht. Man sindÄ sehr ähnliche Zustände wie beim Kaschruth-Wesen, nur in kleinerem Maßstab, auch bei der Verwaltung der beiden Quellbäder der Gemeinde. Hier müßten die Gebührei: selbstverständlich so festgesetzt sein, daß Steuerzuschüsse der Gemeinde nicht erforderlich sind. Die Gemeinde tut ihre Pflicht, wen« sie derartige Institutionen einrichtet und erhält. In deu Jahren 1924 und 1925 waren denn auch Steuerzuschüsse für die laufende Verwaltung der Quellbäder nicht vorgesehen. I« Etat 1930 aber erfordern das Quellbad 1 (Heidereutergasseh einen Zuschuß von 5500 Mark und das Quellbad 2 (Bleibtrcustraße) einen solchen von 4750 Mark. Dabei beträgt die Zahl der rituellen Bäder in der Heidereutergässe auf das Jahr berechnet etwa 5900, in der Bleibtreustraße etwa 1300. Ist damit nicht die Bedürsnisfrage für das Quellbad in der Bleibtreustraße verneint? Ist es zulässig, daß die Gemeinde dott für jedes einzelne Bad aus Sleuermitteln einen Zuschuß von 3,50 Mark leistet? Man wird schon aus den wenigen Angaben, die hier zu dem Kapitel Kultus- und Ritual-Angelegenheiten gemacht wurden, ersehen können, daß bei einer sparsamen und energische« Führung der Gemeindeverwaltung Ersparnisse in nicht unerheblichem Umfange beim Gemeindeetat möglich sind. Dabei meinen wir, daß die liberale Mehrheit gerade auf diesem Gebiete eine gewisse Milde wallen lassen soll. Die Liberale« haben im Wahlkampf immer wieder zum Ausdruck gebracht, daß sie die Gemeinde als eine Religionsgemeinde geführt wissen wollen. Deshalb sollten sie in den Fragen des Kultus ohne Kleinlichkeit im einzelnen ihr Augenmerk lediglich darauf richten, die bei der Gemeinde eingerissene Laxheit in finau-- zielten Fragen zu bekämpfen und Ungeheuerlichkeiten, wie fie vorstehend an einigen Beispielen skizziert wurden, auszumerzen. Ihr Hauptaugenmerk werden die Liberalen auf dg» Kapitel Unterrichtswesen richten müssen, das i» einem weiteren Artikel hier betrachtet werden soll. Denn auf diesem Gebiete ist in den letzten Jahren am meisten geschehe«, um die zionistische Ideologie in die Praxis zu übertragen Deshalb wird es dort auch entsprechend dm liberalen Wahlversprechungen erforderlich sein, rücksichtlos Remedur zu schaffen. Die Offenbacher Haggadah Tirei Tinge nennt ein alter Weiser männliche Taten: Einen Baum pflanzen, einen Sohn zeugen und ein Buch schreiben. Als Buchvater und Bücherfreund zugleich dructt ein jüdischer Hausvater, der hessische Notar T>r. Guggenheim ein Haggadahbuch*). Seine ihm geistesverwandten Freunde helfen ihm dabe: nach Kräften und so entsteht in Offenbach ein edles Buch von gewichtigem Ernste und unleugbarem Ausmaße. An hundert Seiten Text, zweifarbiger Druck, zwölf ganzseitige, handkolorierte Holzschnitte auf gutem Zerkall- Büttenpapier, gediegen eingebunden, kurz ein Buch, das man' sich schon näher amschauen muß. Ter Vater des Buches faßt die alte, überlieferte Weise seiner Sederfeier in eine neue Form dadurch, daßec den Urtext auch in deutscher Sprache bringt und ihn durch bedeutsame Worte aus altem und neuem jüdischen Schrifttum kommentiert. „Wehigadto, du sollst erzählen", dies Wort ist der ganzen Feier Sinn und darin liegt auch die Berechtigung dieser Textbereicherung. Treue an uralten Bräuchen, ernsthafte Betrachtung und aus echtem, kcäst'gen: Herzen hervorquellender Frohsinn spiegeln sich in den Zeilen. Kein zünftiger rabbinischer Gelehrter schreibt dies Buch, ein frommer Hausvater lebt darinnen und so erhalten wir eine herrliche Darstellung jüdischer Bräuche und Gottes- Verehrung. Tie Familie des Verfassers hat seit nahezu vierhundert Jahren ihren Sitz in der Rheinstadt Worms und es wrd nicht schwer halten, etwas von mittelrheinischem Wesen in diesem Buche zu fiitbcn. Aus diesem Grunde wird wohl auch erklärlich sein, warum der schöne Satz des großen Mystikers Ekkehard dem Buche voran gestellt ist: Was der.Menschliebt, das ist der Mensch. Soweit von dem Inhaltlichen des Buches, von dem, was in und zwischen den Zeilen stehet, nun zu den Zeilen» KU dem Körperlichen des Buches selbst. Da ist zunächst ein- •) Zn beziehen durch den Herausgeber und Selbstverlag Dr. Guggenheim, Osfenbach a. M., Tulpenhosstraße 64, jutn Preisevon 60 NM. broschiert. Derselbe besorgt auch die Bestellung der nach Angabe von Prof. D. Rudolf Koch lieferbaren Handeinbände. mal etwas über die Grundschrift**) zu sagen. Sie ist tein gewöhnliches Maschinenerzeugnis, des sieht man ihr gleich! an! In der Oesfentlichkeit ist sie noch ziemlich unbekannt.^ Entstanden ist ftc aus altem Schneideverfahren in einfacher Handarbeit und von oem Verfasser dieser Zeilen selbst geschnitten. Ten laufenden hebräischen Satz lieferte die Frankfurter Tvuckerei I. Kaujsmann. Eine moderne zeitgerechte Type war zur Zeit noch nicht anfzutreiben; wie diese sein müßte, zeigen etwa Höhepunkte des Urtextes, die holzgeschnittenen Schristzeilen von Berthold Wolpe. In ihrer herrlichen Schmuckwirkung gereichen sie dem Texte zur bedeutenoen Steigerung. T«ie starken Formen bekunden eine klassische Gesetzmäßigkeit und Schönheit. Ten gesamten Truck gestaltete Max Torn in Osfenbach. Seine schwierige Aufgabe war, Geschlossenheit in das an sich so Verschiedene zu bringen als da sind Grundtext, eingestreute hebräische Stellen, Notensatz. Abschnitte, sacralea Anweisungen Und Hervorhebungen. Man darf ruhig behaupten, daß eine harmonische Einheit des Gesamtbildes erreicht wurde. Besondere Erwähnung verdienen noch oie Noten der eingefügten Lieder. Eine wichtige Vorarbeit dazu waren die Versuche einiger Jungbuchdrucker, die mittelalterlichen Missalnoten aus Satzmaterial zu setzen. Für die einfachen Liedweisen ist es möglich, mit diesen einfachen Mitteln auszukommen und es liegt gerade in dieser Einfachheit ein Hauptgrund ihrer großen Wirkung. Jeder, der das Buch bisher zur Hand nahm, freute sich an den frischen roten Zeilen und an den eckigen Notenköpfen. Wesentlich für das Buch sind die ganzseitigen Bilder, die Fritz Kredel mit großer Kunst in Holz geschnitten hat. Außer den herkömmlichen Motiven bringen sie auch andere Stellen des uralten Textes zur Tvrstellung. Besondere Erwähnung verdienen die beiden Landkarten vom Zug des Volkes Israel und vom heiligen Lande. Tie Form der Zeichnung erscheint stark gebunden und nähert sich, äußerlich betrachtet, mittelalterlicher Bildweise. Das muß wohl so sein, denn ein sogenannter flotter Strich heutzutage üblicher Zeichnungsart würde ganz und gar nicht **) Bibelgotisch geschnitten von Prof. D. Rudolf Koch bei der Schrrstgleßerei GeLr. Klingspor, Osfenbach a. M., im Jahre 1924. zu diesem Stofs, zu dieser Ausstattung und zu diesem Holzschneider passen. Ohne Getue und ohne jede Prahlsucht, die uns an Aehnlichem oft beleidigt, bedient sich die Zeichnung der alten Fassung und ist dabei erfüllt von Gesetzmäßigkeit und tiefer Symbolik. Tiefe äußerliche Anlehnung ist dem Holzschneider nur ein Weg zur lebendigen Gegenwart seiner Linie, in der er allein seine volle Genüge findet. Und wer das Buch richtig betrachtet, findet überall diesen Klang. Was änderen als das Erstrebenswerteste erscheint, absolute kürrstlerische Form ist hier gar nicht beabsichtigt, aber vielleicht gerade deshalb in viel höherem Sinn« erreicht. Als Holzschnitte betrachtet sind die Bilder Messerschnitte - in Langholz, wie sie die mittelalterlichen deutschen und die alten japanischen Holzschneider arbeiteten: Die auf beiden Seiten durch das schneidende Messer bestimmte Linie zeigt große Kraft und Herbe. Nirgends tritt die übertriebene „Schnittigkeit" des sogennnten^modernen Künstlecholzschuiü. tes an Stelle liebevoller und sorgfälttger Behandlung. Diese Holzschneidekunst macht sich nicht breit, sondern sie scheint sich fast zu verbergen, so daß mancher Laie versucht ist zu urteilen, das wäre ja alles gar nicht materialgerecht, da er das Holzschnittrnäßige nicht finden könne. Aber man wird ibn überzeugen müssen, daß gerade das ihre Tugend sei, denn gerade darum ist alles' aus der ferneren Natur des Virnbaumholzes gewachsen, weil es dessen stille und heim, liche Werte offenbart. Ties sind die wesentlichen Grundlagen der Arbeitsweise, alles andere ergibt sich eigentlich daraus von selbst. Sa ist denn die Gestaltung des ganzen Buches autz echtem imverfälschtem handwerklichen Gerste geboren und kann sich darum getrost neben manchem guten alten Buche sehen lassen. Auch die Buchbinderarbeit von Dorothea Freise ist van derselben lauteren Gediegenheit der Arbeit und zeugt vom unbestechlichen Gefühl für Echtes und Gesundes. Das Wesentliche dieser ganzen Arbeit ist das, daß, eine Gruppe von Werkleuten zusammenwirken.. Schriftzeichner, StempAschneider, Buchdrucker, Holzschneider und Buchbinder, die nicht Handlanger eines maßgebenden Kopfes sind, sondern die, unbeschadet ihres eigenen Fühlens, in einem Geiste vereinigt und mit dem Verfasser und Heraustzeber selbst durch ein starkes Band der Freundschaft und des Vertrauens verbunden sind. Prof. D. Rudolf Koch, Offenbach q. M.