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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-06-10 · 22-23 (10.6.1931) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
22-23 (10.6.1931)
Date
1931-06-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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w ■SV ■ii‘; :» ■■t i sächlich unseren Mut, zu der Eiitwelhungsfeier cinzuladen, bewundern müssen. Für uns und unsere Arbeit sind jedoch diese Räume mehr als ein kleines Heim, das eine Anzahl Jugendliche aufnehmen kann. Für uns bedeutet dieses Heim die Möglichkeit kritischer Erfassung unserer Arbeit. Es bedeutet die Möglichkeit eines dauernden jahrelangen Kontaktes zwischen uns und unseren Jugendlichen. Es bedeutet eine dauernde praktische Kontrolle, die unserer Arbeit neue Impulse geben kann. Es sind noch nicht ganz zwei Jahre, seit wir begonnen haben, die jüdische Fürsorgeerziehung zu reformieren. Das alte Heim in Repzin in Pommern wurde geschlossen und wir haben im neuen Heim, dem Jüdischen Jugend- und Lehrheinr in Wolzig, versucht, alle Erkenntnisse der modernen Heil- Pädagogik und der modernen Psychologie für die .Heilung unserer Verwahrlosten in den Dienst zu stellen. Mit großen, wie wir jetzt sehen, falschen Voraussetzungen, mit guten Hossuungen sind wir an die Arbeit gegangen. Angeregt durch die Lektüre Lampels, durch die Leitung und bestimmt durch die Meinung der Oeffentlichkeit schien uns die Lösung des Berwahrlosten-Problems recht einfach. Wir sahen und erfuhren von schlechter, menschenunwürdiger Behandlung der jugendlichen Fürsorgeerziehungszöglinge. Wir hörten von den Revolten und wir verstanden: Nur dann, wenn die Jugendlichen menschenwürdig behandelt werden würden, könnte es gelingen, sie der menschlichen (Gesellschaft wiederzugewinnen und wir versuchten, unseren Jungen Führer zu sein, suchten in der inneren Gestaltung des Verhältnisses zwischen Erzieher und Jugendlichen die einzige Richtschnur für unsere Arbeit. Wir haoen in dieser ersten schwerste Enttäuschungen erleben müssen. Kaum einer unserer Jugendlichen hat den Erwartungen entsprochen, die wir an ihn stellten. Der enttäuschte Jugendliche wandte sich von uns ab und wir sahen sehr bald, daß die Uebernahme der Verhältnisse und Bedingungen der moderueir Jugendbewegung ins Fürsorgeheim unmöglich wäre. 2o stellten. wir uns um. Wir lernten, in unseren Jungen Kranke zu sehen und ^bemühten uns, die Symptome der Krankheit genau zu erfassen. Wir mußten jedoch zunächst günstige Beobachtungsbedingungcn schaffen und dabei tonnten wir allerdings manche Erfahrung aus dem Lebeu der Jugendbewegun.g verwerten. Wir gestalteten das Leben in unserem .Heim so, daß eine wirktiche Entspannung aller Jugendlichen eintreten konnte. Die Ordnung des .Hauses wurde so gestaltet, daß es den jungen Menschen leicht werden konnte, sich in die Ordnung zu fügen. Nach kurzer Zeit schon empfanden wir die Jugendlichen als gelöst, als freier und heilerer. Nur in dieser frohen, entspannten Situation kann das Werk der Heilung Verwahrloster gedeihen. Nur in einem solchen Milieu, das bestärkt werden muß durch eine schöne Umgebung, durch reiche Liebe, durch eine Vielfältigkeit und Mannigfaltigkeit von Menschen und Dingen, kann die Grundlage zur Heilung Verwahrloster gesunden werden. Dazu tritt die Arbeit. Hat die Umgebung und der Gesamtrhythmus des Lebens im Heim den Jugendlichen entspannt, so gibt ihm die Arbeit Ziel und Richtung. Allerdings muß die Arbeit so beschaffen sein, daß sie den Jugendlichen befriedigen kann und daß ec seine Zukunft mit dieser Arbeit verbinden kann. Die Arbeit muß zweckvoll sein, sie muß mannigfaltig sein und sie muß den Jugendlichen bis zur Grenze dessen belasten, was er grad noch ohne zu große Anstrengung^ertragen kann. Sie muß langsam gesteigert werden und muß immer wieder aufs neue den Kräften des Jungen angepaßt werden. Die Arbeit darf sich nicht allein von den Bedürfnissen des Außenlebens leiten lassen. Sie wird ausschließlich Instrument für die Zielsetzungsbestrebungen des Jugendlichen sein. Der Junge muß an der Arbeit wachsen können. Er muß den inneren Wert seiner eigenen Persönlichkeit und die Fortschritte seiner Charakterbildung im Arbeitsprozeß erkennen lernen. Das strafst ihn. Das schasst den Rhythmus, der nun eine Einwirkung individuell pädagogischer Art ermöglicht. Völlig eutspanut, ohne jede Opposition und gerichtet durch einen sich steigernden Arbeitswillen, wird der Jugendliche heilpädagogischer Einwirkung zugänglich. An diesem Punkt, der eigentlich das Entscheidende für die ^Prognose unserer Arbeit bringen müßte, können wir nur über Beobachtende, nicht aber über zusammenfassende Ergebnisse berichten. Die Krisis der FE, die Krisis der Verwahrlosten-Erziehung überhaupt, liegt sicher nicht allein im Organisatorischen. Im tiefsten Grunde ist das Fehlen einer wissenschaftlichen Durchdringung des Gebietes, das Fehlen einer Methodik der Beobachtung, das Fehlen einer eigentlichen Richtlinie zur Diagnostik in der Ambulanz und in der Klinik verantwortlich für die Mangelhaftigkeit unseres Systems. Wir arbeiten individuell, haben auch einige allgemeine Richtlinien sowohl aus der modernen Psychologie wie auch aus der modernen Psychiatrie wie auch gus der normalen Pädagogik übernommen. Eine Lehre, wie sie die Kinderheilkunde, wie sie die Serologie oder ähnliches darstellt, haben wir nicht. Aufgabe der nächsten Jahre, der nächsten Jahrzehnte wird es sein müssen, uns diese Sonderwissenschaft vom Verwahrlosten zu schaffen. Bis dahin müssen alle unsere Heime Forschungsstätteu sein oder werden. Es muß eine einheitliche Methodik erarbeitet werden und aus einer mit gleichen Untersuchungsmethoden beobachteten 10 Tausende und Aberzehntausende umfassenden Kasuistik wird langsam die Lehre vom Verwahrlosten entstehen. Es werden sich dann klar die Ursachen der Verwahrlosung in ihrer komplexen Natur auszeigen lassen. Es werden dann die Wege, die zur Umbildung der jugendlichen Psyche geführt haben, klar vor unseren Augen liegen, und es wird sich auf Grund dieser Erkenntnisse die geeignete Therapie ergeben. Ob dann die Form der Heilerziehung, die wir jetzt üben, als richtig erkannt werden wird, oder ob unsere Arbeit völlig andere Formen annehmen wird, das wissen wir nicht. Wir können heute nur unsere Institute bereit machen für die Erkenntnisse, die in ihnen d urch Beobachtung des Materials einheitlich gewonnen werden müßten. Wir können von unserer Wolziger Arbeit nicht sagen, daß sie etwa schon allen Vorbedingungen als klinischer Beobachtungsstation entspricht. Manches fehlt uns noch. Wir glauben aber, daß der Weg, der gegangen wird, einmal zu dieser Beobachtungsstation führen wird. Das Heim hier wird solche Jugendliche, die längere und kürzere Zeit in unserem Mutterheim gewesen sind, anfnehmen. Es ist ein Teil jenes Heimes. Hier werden weitere Erfahrungen gesammelt werden können. Dieses Heim' hier wird der Prüfstein sein für unsere Arbeit. Wir wissen schon langte, daß die Fähigkeit der Einordnung in ein Heim nicht gleichzusetzen ist mit der Fähigkeit, sich im Leben zu bewähren. Wie weit, bei welchen Typen das Heimleben in der jetzigen Form 4 Erfolge bringt, werden die Erfahrungen dieses Heimes zu entscheiden haben. Unser Wunsch für unsere Arbeit geht dahin, Mitarbeiten zu dürfen am Ausbau der Lehre vom Verwahrlosten. Unsere gemeinsame Forderung aller Stellen, die hier vertreten sind, müßte sein, in größtem Ausmaße die Forschuugsstellen zu schassen, die eine wissenschaftliche Fundierung .iU,nerbauungf unserer Arbeit bedeuten. Erst wenn die Lehre vom Verwahrlosten tatsächlich geschaffen ist, wird die Krisis endgültig behoben werden können. Denen aber, die es uns ermöglicht haben, in einer Zeit schwerster Wirtschaftskrise wie der heutigen, an diesem Problem aktiv mitzuarbeiten, vor allem also dem Kuratorium und der Leitung der „Aktion der Deutschen Juden für Erziehung und Arbeit" gebührt Anerkennung und Dank. Tr. Hans Lubinskr. •# Die besonderen Probte ine der jüdischen Fürsorgeerziehung sowie der jüdischen Wandersürsorge wurven an einem Abend erörtert, zu dem .Herr Dr. Kurt Fleischer, Vor sitzender^ der liberalen Fraktion in der jüdischen Repräsentantenvcrsannnlung, in der vergangenen Woche zahlreiche Persönlichkeiten aus Berlin eingeladen Iratte. lieber die jüdische Fürsorgeerziehung, über seine besondere Problematik, sprach der Leiter des jüdischen Lehr- und Jugendheimes, Herr Tr. Hans Lu.'insli. Es ist ungemein bezeichnend, daß über90*'.> alter Zöglinge au? Familien stammen, deren Ehe in der einen oder anderen Form als nicht normal angesehen werden muß. Besonders schädlich sind natürlich die Scheidungen, die bei den Kindern allzu häufig zu Verwahrlosung führen. Desto bedeutsamer ist der Optimismus des .Herrn Tr. Hans Lubinski, der au? Grund seiner Erfahrungen glaubt, daß es bei richtiger heilpädagogischer Einstellung der Erzieher und bei einer gut durchgeführten Arbeitserziehung in beit meisten Fällen möglich ist, die verwahrlosten und gefährdeten Jugendlichen zu vollwertigen Menschen heranzubilden. Neben den Lehrwerkstätten in Wolzig, über die .Herr Dr. Lubinski berichtete, ist daher ganz besonders bedeutsam, das in diesen Tagen eröffnen Lehrlingsheim in der .Holzmarktstraße 61 in Berlin, das dem Wolziger .Heim angeschlosseu ist und gewissermaßen dessen Krönung bedeutet, weil es den Uebergang ins bürgerliche Lebeu überwachsen wird. Das Problem der jüdischen Wanderfürsorge, über das Herr Alfred Berger, der Geschäftsführer der „Aktion der Deutschen Juden für Erziehung und Arbeit" berichtete, wird in seiner ganzen Schwere sichtbar, wenn man bedenkt, daß sich die Zahl der deutschen Juden, die heirnlos in Deutschland von Gemeinde zu Gemeinde wandern, von 3b in der Vorkriegszeit aus über 3000 im gegenwärtigen Augenblick erhöht hat. 3000 deutsche Juden, die heimlos fiitD und für die bisher keine Hilfeleistung möglich ist, eine wahrhaft erschreckende Mitteilung! Die „Aktion der Deutschen Juden für Erziehung und Arbeit" ist erfreulicherweise nunmehr in der Lage, endlich die erste jüdische Wanderarbeitsstätte in Deutschland zu errichten, um damit diesem ungehenren Elend zu steuern. Zu Beginn des Abends hat Herr Legationsrat Professor Dr. M. Sobernheim namens des Kuratoriums der „Aktion" Herrn und Frau Dr. Fleischer dafür gedankt, daß sie eine Aussprache über diese besonders wichtigen Themata ermöglichten. Das deutsche Judentum sei verpflichtet, sich mit diesen Fragen, deren außerordentliche Bedeutung immer noch nicht genügend bekannt sei, weit stärker als bisher zu beschäftigen. Die Frage der Fürsorgeerziehung gefährdeter Mädchen wird nunmehr in Angriff genommen. Auch hier erwartet Herr Professor Dr. Sobernheim auf Grund der Erfahrungen bei aller Schwierigkeit der Verhältnisse ähnliche zufriedenstellende Ergebnisse, wie durch die Wolziger Anstalt. Die Erfolge des Wolziger Heimes geben den Mut, auch an die Neuregelung dieser Materie heranzutreten, vorausgesetzt ist natürlich, daß das deutsche Judentum auch weiterhin der „Aktion der Deutschen Juden für Erziehung und Arbeit" seine Mitarbeit und Hilfe nicht versagt. An der sehr interessanten und lebhaften Aussprache beteiligten sich vor allem Herr Professor Dr. Hermann Strauß und Herr Dr. Heinemann Stern. Herr Dr. Fleischer betonte, daß es ihm eine besondere Freude sei, an diesem Abenü politische Freunde und Gegner in seinem Hause zu geyteinsamer Aussprache zu vereinigen. Er hofft, daß gemeinsame soziale Arbeit, die keine politischen Gegensätze kennt, den Weg zur würdigen und sachlichen Form aucki des innerpolitischen Kampfes mehr als bisher weisen wird. Anfreiwillige Subventionierung der Gottlosen'Vewegung durch den Preußischen Landesverband Vom deutschen Staat kennen wir die groteske Tatsache, daß er Menschen durch Zahlung einer Pension unterstützt, de offen Feinde dieses Staates sind, und die, auch mit Hitze dieser Gelder, den Staat bekämpfen und ihm, wo es ihnen nur möglich ist, zu schaden versuchen. Das Wundern hierüber haben wir verlernt. Daß aber ein Religionsverband Organisationen Beihilfen gemährt, die als eine ihrer Aufgaben die „Bekämpfung der Religion" ansehen, mag einzig dastehen. Ans der 3. Verbandstagung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden im März 1927 tobte im Haushaltsausschuß und später auch im Plenum bei den Etatbecatuugen ein heftiger Kampf zwischen Bolksparteileren und Liberalen um eine Position „Arbeiterkulturvereine". Die Mehrheit des Haushaltsausschusses hatte beschlossen, den von der Jüdischen Volkspartei beantragten Posten von 3000 RM. zu streichen. Maßgeblich für die Ablehnung war bei einigen, daß Ermittlungen ergeben hatten, daß diese Vereine nur auf dem Papier beständen, also keinen Anspruch aus Bewilligung erheben könnten, und andere betonten, daß. die Streichung nicht vorgenommen worden sei, weil es die Arbeiteckulturvereine nicht gibt, sondern weil es nicht zweckmäßig erschien, Gelder für eine Organisation zu geben, deren Tätigkeit noch keineswegs genügend geklärt worden ist. D-amals gelang es der Volkspartei, die Bewilligung her Subvention durchzubringen und sie ist stillschweigend, wenn auch jetzt wie alles gekürzt, in den folgenden Jahren und auch in diesem weitergegeben worden. Zur Klärung über einen Teil der Tätigkeit dieser „jüdischen Arbeiterkulturvereine" wollen wir heute beitragen, wobei wir uns auf eine Notiz stützen, die in der Zeitung „Berlin finden ist. Roch ein Arbeite rttub nach russischem Muster. Wir berichteten Sonnabend über die Gründung des ersten Arbeiterkinds nach russischem Muster, den die graphischen Arbeiter sich eingerichtet haben. Nun ist es' interessant, daß es außer diesem Klub schon seit langem einen ganz nach Moskauer Muster eingerichteten Klub des Jüdischen A r b e i t e r - K u l t u r ve r e i n s in der Alten Schönhauser Straße gibt. Auch hier ist der Grundsatz, daß der Klub zur kulturellen .Heimstätte des Arbeiters werden soll,, verwirklicht. Lesezimmer, Spielzimmer, Küche, Vorlragssaat, Bibliotbek :— und dies alles geleitet voit dein Geist des revolutionären .Klassenkampfes. ' Ani eindrucksdl fielt erscheint u a. ein großes Plakat, wo in hebräischen Lettern, den Lettern des Alten Testaments, die Mahnung verzeichnet ist: Bekämpft die Religion! Tie Vorträge, die in regelmäßigen Abständen' gehalten werden, sind immer massenhaft besucht, und stürntische Diskussionen, die bis Mitternacht wahren, sind ihre ständige Begleitersdeinung. Es ist zu boffett und zu wünschen, daß oiese Art des Kluttevens in der Berliner Arbeiterschaft weitere Verbreitung findet. Es ist wahrscheinlich, daß nicht alle, die au deu Aufgaben der Arbeiterkulturoereine Mitwirken, auch in der Bekämpfung der Religion einen Teil dieser Arbeit erblicken. Matt mag auch zu den politischen und sozialen Tendenzen der ArbciterkullurvereineZiehen, wie inan will. Eins aber steht fest, daß der Preußische Landesverband schwerlich die geeignete Stelle ist zur Unterstützung einer reltgiousseindttchcn Organisation. Es ist sehr wünschenswert, daß der Preußische Landesocrbano, der bisher von nur einseitig rnkercssierter Stelle unterrichtet zu sein scheint, einmal von objektiver Sein gründliche Untersuchungen durchführen läßt rr'.td dann auch die Konsequenzen zieht. Ruth I ac o b. Dr. Kurt Fleischer zum 50. Geburtstag Es besteht die Vorschrift, daß man die Feste feiern müsse, wie sie fallen. Sei's drum. Auch wenn uusereu Kurt Fleischer der Nimbus des Jubilars erfreulicherweise noch nicht ganz kleiden dürfte. Kurt Fleischer ist am 19. Juni 18dl geboren. Wie hat die Welt in den 50 Jan reit ihr Antlitz geändert! Auch davon kann hier nicht die Rede sein. Hier verdient Erwähnung das Wirken Dr. Fleischers für die Verwirklichung des liberale:', Judentums. Erst bei den verhängnisvollen Mai-Wahleit des Jahres 1926 wurde er zum Mitglied der Reprüsentanten-Versammlung gewählt. Eine äußerst vielseitige, umfangreiche ehrenamtliche Tätigkeit bat er seit dieser Zeit iu der jüdischen Gemeindearbett entfaltet. Im Wohlsahrts- und Jugendamt, im Vorstand des jüdischen Krankenhauses, im Schulvorstand der Gemeinde und im Vorstand der Synagoge Prinzregentcnstraße wirkt er — ebenso twe an utebreren anderen Stellen des jüdischen Lebens — an führender Stelle. Deshalb überraschte es nicht, als die liberale Fraktion der Repräsentantenversainrnlung ihn nach ihrer diesjährigen Konstituierung zu ihrem Vorsitzenden wählte. Fünfzig Jahre körnen für einen rüstigen Menschen noch keineu Anlaß zur Würdigung seines Lebenswerkes abgeben. Das hat noch gute Weile. Aber der Dank soll Tr. Fleischer beute dafür ausgesprochen sein, daß er in den letzten Jahren klarer als viele andere den Weg zeigte, den das liberale Judentum in der Praxis des jüdischen Genteindelebens zu gehen hat. Er hat die schädlichen Kompromisse mit der nationaljüdischen Ideologie abgelehnt und immer wieder darauf aufmerksam gemacht, daß die Ausdruckssorm jeglicher Religiosität den Notwendigkeiten der Zeit angemessen sein müßte. Besonders wandte er sich dagegen, daß man in der Gegenwart so oft das religiöse Tun mit dem kultischen Geschehen identifizierte: er erkannte, daß die dem religiösen Geist entwachsende ethische Tat sich ia der jetzigen Zeit vor allem auf sozialem Gebiete zu dokumentieren habe. Dabei schenkte er selbstverständlich dem Kultischen durchaus ebenfalls Beachtung; hier aber verwarf er das „Gigantisch-Organisatorische" und forderte, daß au Stelle von Mammut-Synagogen Betcäume und Gemeindehäuser von schlichten, religiöser Demut entsprechenden Ausmaßen errichtet werden. Dir Zahl derer im jüdisch-liberalen Lager Berlins, die derartigen Forderungen zustimnren, ist ja in letzter Zeit sicherlich beträchtlich gestiegen; hoffentlich wird die finanzielle Situation der Gemeinde es bald ermöglichen, vom Wort zur Tat überzugeben. Dr. Fleischer bat als Chirurg und Frauenarzt eine umfangreiche berufliche Ausgabe zu erfüllen. Die Sitzungen, während deren er nicht von einem seiner Patienten wenigstens um einen telephonischen Rat ersucht wird, sind nicht allzu häufig. Umso höher muß sein Wirken für die jüdische Gesamtheit gewertet werden. Möge es ihm noch viele Jahre Freude, der Gesamtheit noch viele Jahre Segen bereiten. B. SB, Jacob Ualf 70 Jahre Es entspricht sicherlich nicht dem Wesen unseres lieben Fremtdes Jacob Valk, daß sein 70. Geburtstag, den ec am 16. Juni begeht, öffentlich angekündigt wird, — jeder, der ihn kennt, weiß, daß Schlichtheit und Einfachheit zu den Gruirdeigenschaften seines Charakters gehören. Aber niemand, der in der Oeffentlichkeit wirkt, kann seinem Schicksal entgehen: die Oeffentlichkeit hat ein Anrecht auf ihn, und auch bei unsenn Freunde Valk ist es so, daß, wenn er nicht feiert, so doch wir es tun. Es ist dies schon ein Gebot der Dankbarkeit, denn Jacob Valk hat in seiner Eigenschaft als Vorsitzender unserer Hamburger Ortsgruppe und als MitgliÄ» unseres Gesamtvorstandes der Bewegung und Organisation des liberalen Judentums besonders wertvolle Dienste geleistet. Wir schätzen ihn und seine Arbeit umso höher, als er einer jener interessanten Typen ist, die von der Orthodoxie her sich zum Liberalismus hin entwickelt und in ihn hineingewachsen sind. Valk ist am 16. Juni 1861 in Emden geboren; sein Vater war früh gestorben, und so ist Valk in seinem kaufmännischen Berus ein echter Selfmademan. Seit 40 Jahren ist er Inhaber der Firma Louis Schröter k Co. in Halmburg. Im jüdischen Leben betätigte er sich seit seiner Uebersiedlung nach Hamburg ursprünglich,'wie gesagt, in konservativen Kreisen, wurde durch Dr. Rieger für den Tempel und damit für den Liberalismus gewonnen, war später auch lange Jahre in der Repräsentanz des Tempels und übernahm nach Dr. Teutlers Rücktritt den Vorsitz unserer Hamburger

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