Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 22-23 (10.6.1931)
- Date
- 1931-06-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus der Ili-Vewegung Verantwort!.: Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Zugendvercine Deutschlands Redattion: Dr. Ellen Littmann, Berlin Spielt die Form eine Rolle oder nicht? Wenn auch etwas verspätet, so möchte ich doch einige Worte zu dem Artikel des Breslauers, Hans Hammer, hinzufügen, der in Nr. 14 dieser Zeitung abgedruckt war. Was mir hier so imponierte, war, daß wenigstens auch einmal aus unserem Kreise, aus dem Kreise der Jugend heraus Stellung zum jüdischen Gottesdienst genommen wird. Es wird uns jungen Menschen von der älteren Generation oft der Bornmrf der Kritiksreudigkeit gemacht, und zwar einer Kritik, bei der doch letzten Endes nichts als bloße Negierung des Alten und Bestehenden herauskomme! Diesen Vorwurf der „Kritik" hat man bekanntlich dem Liberalismus auch stets zu machen versucht, und als mit der Umgestaltung, sagen wir richtiger, als mit der Aestlietisierung des jüdischen Gottesdienstes von Teilen der Liberalen begonnen wurde, da sah man das ebenfalls als Kritikfreudigkeit an, deren Ziel nichts als ein Weg vom Judentum bedeute! Wir jungen Liberalen haben zu den Verfechtern unserer Idee so viel Zutrauen, daß wenn ans unserm Kreise, noch dazu dem der „Jüngercngruppe" Stellung zum Gottesdienst zu nehmen versucht wird, dies einem Positivismus sondergleichen entspring!, der nichts anderes besagen will, als das: Wir Jugend bejahen Gottesdienst als solchen, wir sind nur mit der Form nicht so ganz einverstanden! Religiöses Interesse und religiöses Gefühl sind in u n - fern Reihen um so mehr zu vermuten, da wir ja keimen national-jüdischen Ideen huldigen, sondern religiösen, die unserer Meinung nach das Wesen des Judentums ausmachen! In dem bekannten Buche „Das ostjüdische Antlitz" (Struck-Zweig), hat folgende Schilderung besonderen Eindruck auf mich gemat, aber mich auch zugleich einige Konsequenzen daraus ziehen lassen. Es ist da an irgendeiner Stelle die Rede von dem ostjüdischen .Händler, der abgehetzt, ermüdet und ermattet das „Bet-Hamidrasch" betritt, das Bet- und Lernhaus zugleich ist, wo sich die vielen Gestalten „Zu Hause", geborgen' fühlen. Einige reden von oen Ereignissen der Stadt, andere besprechen Geschäfte, und eine große Menge fitzt über dicke Folianten gebeugt, von denen noch eine Unzahl in den Regalen stehend die Wände des Zimmers schmücken. Der aber, der zuletzt den Raum betrat, ergreift den Tallitt, hüllt sich in ihn ein und beginnt ein Gebet zu murmeln, trotz der lärmenden Menge, die um ihn herum ist. Sie scheint ihn absolut nicht zu stören. Sie existiert nicht mehr für ihn! Der Gebetmantel ist gleichsam eine Mauer für den Beter, eine meterdicke Mauer. Sind diese Leute beneidenswert? — Für sie bedarf es keiner Orgel, keines Chors, ja keiner Aesthetit! Für sie gibt es solche Fragen garnicht. Daraus ersehen wir es wieder einmal ganz deutlich: Wir find ganz anders als sie. Darum können wir auf ihre Art aber ebensowenig erleben, wie sie auf die unsere! Wir find Menschen des 20. Jahrhunderts, mit allen Fasern unseres Menschentums leben wir in unserer Zeit, die ihre Eigenart uns tief einprägt, sie aber nicht! Wir brauchen die Form, sie die Formlosigkeit. Nicht die alte Form, die Menschen ihrer Zeit einst aus ihrem Zeitempfinden geschaffen haben, kann uns noch ganz befriedigen, wir suchen nach dem neuen Ausdruck unserer Tage! Nach einer Form! Ich glaube, wir alle geben zu, daß wir der Form bedürfen. Eben die, nach der wir modernen Menschen verlangen. Es ist ein Nonsens zu behaupten, daß die Gegenwart auf die Form zum größten Teil verzichten kann. Religum bedarf ihrer, sie ist ihr Ausdruck, die Möglichkeit „lebensnah" zu sein. Wir wissen, daß oer Protestantismus mit seiner Formlosigkeit nicht mehr recht zieht. Wenn man heute von einem Reformbedürsnis des protestantischen Christentums sprechen hört, also die Notwendigkeit einer „Reformation der Reformation" einsieht, so besagt das genug! Woher kommt es, daß die katholische Kirche immer noch eine Unzahl von Menschen, auch junge sieht? Ich kann cs mir einfach nicht denken, daß nur die Furcht vor der Beichte die Leute tstntreibt, dann wären sie zu bedauern! Ich glaube, das dort der große Kontrast zur Wirklichkeit griuckn wird. Sagen wir ruhig, ein Stückchen Romantik in die'er nüchternen Zeit. Religion ist für den Menschen da, nicht c:v chlcnsch für die Religion. Sic kann nur lebensnahe sein, av.nt sie dem Bekenner etwas gibt, wenn er zu ihr Zuflucht ne innen kann. Darum ist cs oberste Pflicht immer dessen eingedenk zu sein, was der Liberalismus von Anfang an auf seine Fahne geschrieben hatte, daß er uns das Recht gibt auf Fortbildung und Neuschaffung von Formen, ebenso wie er uns erlaubt, was jener Lebensnahe zuwider ist, zu beseitigen! Darum muß, wenn aus unserem Kreise die Stimme sich regt, die sicherlich den Willen zur Tat dokumentiert, dieser Stimme nicht Einhalt geboten werden, sondern auf sie geachtet werden! Jüdische Jugend will jüdischen Gottesdienst. Sie will ihn aber mit formen. Handeln wir im Geiste des Liberalismus. Wir können eine neue Form des Jugendgottesdienstes sehr gut gebrauchen. Nicht weil Religionslehrer „leisen Druck" ausüben, sollen Gottesdienste besucht werden, sondern weil hier Gestaltungswille sich betätigen kann, Hingabe und Liebe fürs Judentum beweisend, d. h. für die Religion unserer Väter, die auch unsere ist. Wir wissen es ganz gut: Echte Begeisterung fürs Judentum hat sich nie bei denen bewiesen, die mit allein Alten restlos zufrieden waren, sonoern bei denen, die unzufrieden waren, aber danach trachteten befriedigt zu werden! Gerhard Graf, stud. phil. et theol. *? Aus der Ili-Arbeik Magdeburg. (G c n c r a l v e r f <i m m l it n g d e s Jli.) Ende April scmd unsere ordentliche Generalversammlung statt. Herbert Cohn gab als erster Vorsitzender den Tcitigteilsbcricht. Er konnte seststellen, daß sich die Arbeit des Jli in. der vergangenen Wintersaison auf aufsteigcndcr Linie besunden habe. Dieser Erfolg liegt vor allen Dingen in der Gestaltung des Programms begründet. Von der Tatsache ausgehend, daß für den Jli einer Mittelgemeinde — so schmerzlich bictf auch ist — leine langatmigen, sich über den ganzen Winter erstreckenden Arbeitsgemeinschaften in Frage kommen, richteten wir sogenannte „Kurzarbcitsgemernschastcn" ein, die sich über 4 Abende erstreckten. ES ivurde Wert gelegt auf Themata, die immer einen möglichst großen Mitgliederkreis interessierten. To hatten wir eine Knrzarbeitsgcmcinschast über „Grundlagen der Politik" unter der Leitung des Bundesschatzmeisters des Reichsbanners, Herrn Hanl Crohn. Die Arbeitsgemeinschaft „Der jüdische Mensch unserer Zeit und sein Judentum" leitete Herr Rabbiner Tr. Wilde. Tann folgte eine solche über juristische Fragen. Neben Tiskussionsabenden, an denen Themen zur Sprache kamen, die aus dem Mitgliederkreise vorgeschlagen ivurden, fanden Borträge über bestimmte .Einzelgebiete statt. To sprachen Herr Dr. Karl Rosenthal-Berlin im Anschluß an eine von der Jugendgemcinschast der Rcsormgemeinde veranstaltete „Religiöse Wcihestunde" über „Das Wesen der Resormbewegnng", Frl. Dr. Ellen Littmann-Bcrlin über „Grundstagen des Liberalismus", Frl. Jda Löwy-Wien über „Elterncrziehung?" und Herr Dr. Martin Greiffenberg über „Die Enttvicklungsjahrc". Den Höhepunkt der ganzen Jahres-Arbcit bildete die „Religiöse Weistrstunde", die die Jugendgemrinschast der Resormgemeinde Berlin auf unsere Einladung hin in Magdeburg veranstaltete. Tie ist allen. Teilnehmern — und cs waren dercu nicht wenige — in unvergeßlicher Erinnerung geblieben. Ter Jugendgemcinschast sei auch an dieser Stelle nochmals dafür gedankt. Eine große Torge, so schloß Herbert Cohn seinen Arbeiisbericht, laste jedoch auf uns: die Werbung neuer Mitglieder. Nach dem Kassenbericht folgten die Wahlen mit solgcndein Ergebnis: 1. Vorsitzender: .Herber: Cohn, 2. Vorsitzender: Ruth Hadra, Schriftführer.' j Stefan Schattmanu, Kassierer: Fritz Karpc, Beisitzer: Ilse Rosenj thal, Thea Gabriel, Anni Moritz, Alirco Klapvholz und Gerd ] Lchäser. I * I Das M-Programm »erlitt. Gemeinsame Fahrten. Tonnlag, den 14. Juni, Fahrt nach Erkner. Führung Fritz Michaelis. Treffpunkt um 8.30 Uhr Bahnhof Charlottenburg, Ausgang Stuttgarter Platz. Oliva und- Ren-Lharlotlruburg. Heimabend Mittwoch, den 10. Zun», abends 8 Uhr, bei Rose Seligsohn, Grunewald, Douglasstratze 30. Thema: Unsere religiöser» Probleme und dar jüdische Schrifttum. Heimabend Mittwoch, den 17. Juni, abends 8 Uhr, bei Marcufe, Friedenau, Tammsstrahe 23. Heimabend Mittwoch, fleit 24. Zuni, abends 8 Uhr, bei Herbert Schwarz, Moabit, Jagowstratze 43. Thema: Unsere religiösen Probleme und das jüdische Schrifttum. Hermsdors. Heimabend, Mittwoch, den 10. Zun», abends 8 Uhr, im Heim, Albrechtstraße 10. Thema: Baeck, „Romantische Religion". Heimabend Mittwoch, den 17. Zuni, abends 8 Uhr, im Heim. Thema: Romantik in der Deutschen Literatur. Heimabend Mittwoch, den 24. Juni, abends 8 Uhr, im Heim. Bunter Abend. Savigny. Heimabend Mittwsztz, den 10. Zuni, abends 7.15 Uhr, bet Schlesingers, Wilmersdorf, Prinzregentcnstratze 53. Thema: Die Inder» und das Deutschtum. Heimabend Mittwoch, den 17. Zuni, bei Zacobsohn, Schlüterstratze 31. Thema: Mendelssohnsche Zdee und unsere Stellungnahme dazu. Westen. Heimabend Montag, den 8. Zuni, bei Krotoszyner, Moabit, Hansa-Ufer 6. Thema: Kain und Abel nach Beer Hoffmann. Heimabend Montag, den 15. Juni, abends 8 Uhr, bei Helmut Galliner. Thema: Todesstrafe und das Judentum. Pankow-Osten. Donnerstag, 18. Juni, 8.15 Uhr, bei Ilse Cohn, Schönhauser Allee 132. Thema: Kritik an der heutigen Jugend. (Referat und Korreferat.) Donnerstag, 2. Juli, 6.15 Uhr, bei Betty Markus, Tile- Wardenbergstratze 20, Portal 1, 3 Treppen. Thema: Die Aufgabe des Theaters. Berlin. Jugendgemrinschast der Jüdischen Resormgemeinde. Donnerstag, den 11. Zuni, Generalversammlung im Sitzungszimmer der Jüdischen Resormgemeinde, Johannisstratze 16, abends 8 Uhr pünktlich. (Teilnahme nur für Mitglieder.) Mittwoch, den 17. Juni, Kammermusilabend im Mosse-Haus, Leipziger Platz 15, abends 8 Uhr. Es werden Wecke von Bach unter Hinzuziehung von Solisten zu Gehör gebracht. Diese Veranstaltung erfolgt vom collegium musicum unter Leitung des Herrn Dr. Schildberger. Sonntag, den 21. Juni, Tagesausslug nach Wolzig mit gleichzeitiger Besichtigung der dortigen jüdischen Fürsorgeerziehungsanstalt. Treffpunkt um 8.20 Uhr morgens vor dem Eorlitzer Bahnhof. Sonntag, den 28. Juni, Motorbootansflug nach der LScknitz, Treffpunkt 7.45 Uhr Jannowitzbrüäe, Anlegestelle der Reederei Nvbiling. Umgehende Anmeldung erbeten an Elsa Kriegsman«, Johannisstratze 16. Fahrpreis Mk. 2,—. Zur Beachtung! Mitglieder und Freunde der Jugendgemrinschast treffen sich jeden Dienstagabend im Gartenrestaurant „Am Neuen See" im Tiergarten. Gäste zu allen Veranstaltungen herzlich willkommen. Frankfurt a. M. Donnerstag, den 11. Juni: Beginn der Arbeitsgemeinschaft „Liberalismus — Zionismus" bei Dr. Hofsmann. Sonntag, de« 14. Juni : Ausflug. Näheres durch Dr. Hoffmann. Dienstag, den 16. Juni: 'Geselliger Abend mit Rezitation im Garten des Cafö Laumrr, Bockenhrimerlandstrahr. Dienstag, den 23. Juni: 2. Abend des Cyllus: „Fragen der Lebensgestaltung", Arthur Astheimer über „Bildung". Artikel und Berichte flno bis spätestens Sonnabend jeder Woche zu senden an Dr. Ellen Littmann, Cliarlottenburq 5 Reue Kantstratze 6, 1 Treppe. LIBERALER VEREIN für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin E. V. SOMMERFEST SK5S am Sonnabend, dem 13. Juni 1931, in den cesamtsilen und Parkanlagen des Landesausstellungsparks. Alt-Moablt 4-10 tarn Lehrter Bahnhob Beginn des Abendprogramms 20 Uhr Mitwirkende des Kabaretts: Hugo Leonard Komponist und Kapellmeister Musikalische Leitung Hugo Fischer-Köppe Schauspieler und Regisseur Lily Flohr Schauspielerin Dora Gerson Kabarett-Künstlerin Lilli Grün Rezitatorin eigener Schöpfungen Sonja Lenard Sängerin Willi Weiß Vortragskünstler und Conferencier (Aenderungen des Programms Vorbehalten) Fahrverbindungen: Eingang Invalidenstr.:Straßenbahnen 56, 44 und 6. Eingang Alt-Moabit: Straßenbahnen: 12, 13, 15,16, 21, 23, 115. Autobuslinien 10,11, 21. Stadtbahn Lehrter Bahnhof Beginn: nachmittags 4 Uhr Kinderfest Kinderbelustigungen (Kinderfilme etc.) Tanz im Freien Abends: Kabarett: Tombola : Tanz Kapelle: Jaro Michalek Eintrittspreis für Erwachsene Rm. 1.— u. 0,25 Steuer Jugendl. u. 16 Jahr. „ 0,40 „ 0,10 (Jede Familie hat ein Kind unter 10 Jahren frei) Eintrittskarten zu haben in unserem Büro, SW 11, Hallesche Str. 1, Telefon: F 5 Bergmann 3358-59, in den Warenhäusern Herrn. Tietz, Alexanderplatz u. Dönhoffplatz, Kadewe. Jg. Mädchen 23 I., aus gutem Hause, mit guten Zeugnissen IsKiorislii evt. m. Betätigung i. Haushalt, bei freier Station u. eüv. Gehalt, auch außerhalb. Zuschr.u. v. J. au die Expedition. fitere err e. I a Zeugnisse suoiit an soiort Pflege evtl. Dauerpflege, auch bei älterer Dame. Schwester Paula Rehfeld, Berlin- Charlottenburg, Weimarer- Straße 6 b, Domp. Heufieber Jedem Leidensgefährten teile mit, wie von schwerstem Heufieber (Heuschnupfen) geheilt wurde. J. Keuler, Kassel 86, Postfach 724. 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