Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 8-9 (4.3.1931)
- Date
- 1931-03-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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erheblicher Teil dieser Stelleit mit Juden und Jüdinnen besetzt werden. Man müßte durch die großen jüdischen Verbände, auch durch an hervorragender Stelle stehenden Juden, die jüdische« Arbeitgeber auf diese ihre Ehrenpflicht, Juden Lohn und Brot zu geben, energisch Hinweisen. So könnte manche Not der deutschen Juden gemildert werden. Aber durch dieselben Kreise müßte cs zu erreichen sein, besonders durch jüdische Großkauflente. Juristen und der^l., deren Name Ansehen im deutschen Geschästsleben hat, dai? auch christlich« Großbetriebe wieder mehr Juden einstellen. Es wäre eine dankbare Aufgabe für die Logen und sonstige jüdische Verbände, auf solche angesehenen Juden, auch wenn sie vielleicht religiös indifferent sein mögen, in diese»« Sinne einzitwirken. Zum Schluß meiner Ausführungen richte ich an die in Frage kommenden jüdischen Verbände die dringende Bitte, mit der geplärrten Verufsunrfchichturrg der deutschen Juden äußerst vorsichtig zu verfahren, .hierbei gemachte Fehler würden sich bitter rächen und noch größeres Elend schaffen. Der Sündenbock Von WERNER TÜRK (Schluß.) Der Jude trottet aus dem Schlafraum hinaus. An der offenen Tür des gegenüberliegenden Schlafraumes bleibt er stehen. „Schon so fleißig am fliehen Morgen?!“, ruft er heiser Frau Schniese zu, die die Stube aufwisclit. „ja", antwortet Frau Schniese, ohne aufzusehen. Der Jude lehnt sich kniemorsch an einen Türpfosten. Er ist sehr schwach. „Sie sind wohl auch beese mit mir?" „I, woher denn." — — — — — — -- — — — „Schaines Wetter draußen." Frau Schniese gibt keine Antwort. „Ich mechte was geben drum, wenn es wirde regnen" — — — — — — — — — — — - - — „und hageln und blitzen und donnern bis zesammenkracht die ganze Welt. Da wird ich mir fraien. Dis war ä Jontef for mir." „Nun, se kennen ruhig wos sprechen ze mir, Frau Schniese.“ „Ach, wenn er doch nur schon wegjehcn würde", denkt Frau Schniese. „Ick kann’s ihm doch nich sagen. Ick kann’s doch nich!" „Soll ich Ihnen helfen?", fragt der Jude. „Nee, danke." „Geben Sc mir den Schrubber." Der Jude geht auf Frau Schniese zu. Er will ihr den Schrubber aus der Hand nehmen. „Nee, nee, lassen Se man. Bin ja jleich fertig." Der Jude schurrt an den Wassereimer. „Ich werde bringen naies Wasser." Er will den Eimer hinaustragen. „Nee, nee, lassen Se inan stehen. 1s nich mehr neetig." „Ich muß aber wos choben ze tun, sonst wer’ ich verrickt!!!" Erschrocken starrt Frau Schniese den schreienden Juden an.-- „Na, denn holen Se man noch een Eimer mit frisches Wasser." Der Jude schleppt den Eimer hinaus. Frau Schniese sieht im nach: „Ob er es am Ende doch schon weeß?" In der Küche läßt der Jude aus der Leitung Wasser in den Eimer zischen. Schlepptorkelnd kommt er wieder zurück. Er stellt den Eimer in die Mitte des naßgewischten Schlafraumes. Sein rechtes Hosenbein trieft vom übergeschwappten Wasser. Er bleibt am Eimer stehen. Sinnend sieht er in ihn hinein. Das wippende Wasser schaukelt den Scheuerlappen. Der Jude hält den Kopf gesenkt. Auf der Brust knickt ihm der lange, spärliche Bart ab. Sein Blick ertrinkt im Eimer. Der Jude murmelt: „Ich chob gelebt in aine Lüge und war froh und zufrieden —- jetzt chat mich Gott wissen lassen de Wahrheit und ich bin ä gebrochener Mann-— — Aber wenn Gott jetzt sagen wirde ze mir: Awrohom, wos willste lieber: de Liege — ,und sain ä froher Mensch, oder: die Wahrheit — und sain ä geschlagner Mensch-dann wirde ich nemmen de Wahrheit." Frau Schniese sieht dem Juden forschend in das gesenkte Bartgesicht. „Weeß cr’s nu schon? — Oder weeß er’s noch nich?" Es klingelt draußen. „Det wird der Alex sind." Frau Schniese öffnet. Es ist Josef. Josef hat vor dem Haus inmitten einer Ansammlung von Menschen gestanden und zahllose Male den schrecklichen Vorfall geschildert, den er mitangesehen hat. Er hat sich unten auf der Straße die ganze Zeit sehr wichtig gefühlt. Und jedem Menschen, der neu hinzugekommen war, hat er das Unglück einzeln und sehr ausführlich geschildert. Jetzt wo er vor Frau Schniese steht, meint er: „Des wird der Jude nich ieberleben können." „Ick jloob, er weeß et noch janicli." „Is er denn noch nich da?" „Doch. Da is er schon. Aber der Bartel will’s ihm nich sagen und ick kann’s ihm nich sagen. Und die anderen sind alle schon fort." „Is er vorne in unse Stube?" „Nee, in de andre jrade rieh er." Josef geht in den Frauenraum. „Aber sein Se recht zartfiehlend zu ihm", bittet Frau Schniese hinter ihm her. Im naßgewischten Prauenschlafraum steht der Jude noch immer mit gesenktem Kopf am Wassereimer. Josef nähert sich dem Juden. Der bemerkt ihn nicht. Josef legt ihm seine erdig-braune Hand auf die Schulter. Der Jude hebt den Kopf. Die staubige schwarze Hutmelone ist ihm aus der hochgerissenen, rilligen Stirn gerutscht und sitzt ihm tief im Nacken. „Ick hab’ Se was Trauriges zu sagen", beginnt Josef leise. „Was Trauriges?" „Ihre Tochter" — Das Gesicht des Juden verhärtet sich. „Ich will nichts hören von maine Tochter —" „Ich muß cs Sie aber leider sagen. Ihre Tochter —" „Ich will nix hören von maine Tochter!! Ob es is traurig, oder ob es is lustig. Ich will nix hören." „Sie müssen es aber leider hören. Ihre Tochter hat sich —" „äääääh!" Der Jude kräht, stopft sich die Finger in die Ohren, läuft davon, stößt stolpernd den Wassereimer um, rennt aus der Stube, aus der Wohnung, aus dem Haus. Bestürzt steht Josef in einer fließenden Wasserpfütze. * * « In einen schief verknöpften Kaftan und in einer verbeulten, nach dem rechten Ohr hingerutschten Hutmelone verläßt der Jude die Schlafstellenwohnung. Er geht zur Beerdigung seiner Tochter. Gestern erst ist Rebekkas Leiche, die von der Polizei beschlagnahmt worden war, freigegeben worden. Der Jude zieht hinter sich die Korridortür ins Schloß. Er knickt in den Knien ein. Er muß sich an dem messinggelben Türknopf festhalten. Der Schmerz hat seine Kraft zersägt. Nach einer Weile läßt er den Türknopf los und schurrt zur Treppe. Als er auf die dritte Stufe hinuntersteigt, verliert er das Gleichgewicht und stürzt die Treppe hinunter. Mit einem gebrochenen Bein bleibt er schreckbetäubt auf der untersten Stufe liegen. — Als er sich aufrichten will, bricht er sofort wieder zusammen. Er schreit um Hilfe. Man hört seine kraftlose Stimme nicht. Et hämmert mit den Fäusten an das Treppengeländer. Man hört seine kraftlosen Schläge nicht. Er krächzt und jammert und stöhnt. Er fleht zu Gott. Er verflucht sein Leben. Er stemmt sich abermals auf. Er zerbeißt seinen Schmerz. Schweißgeriesel quillt aus seiner fahlen Gesichtshaut. Mit einem tierhaften Laut kracht er wieder zusammen. Es packt ihn eine wilde Verzweiflung. Er nimmt die beiden Enden seines Strickbinders, zieht die Schlipsschlinge am schmutzgeschwärzten Stoffkragen zusammen und würgt den dünnen, schlaffhäutigen Hals. Erstickung bläut sein Gesicht. Seine Augen glotzen. Die zerrende Kraft erlahmt. Die knochigen Hände des Juden fallen auf die Treppenstufen. In seinen aufklaffenden Mund rinnt salzige Schweißnasse —. Nach ungefähr einer halben Stunde kommt Frau Schniese zusammen mit Alice aus der Wohnung heraus. Als die beiden den Juden auf der Treppe liegen sehen, kreischen sie auf. Der Jude hebt seinen Kopf: „Ich bin runter gefallen die Treppe!", jammert er. „Ich chob mer gebrochen ain Bain." ,,Wat?? Een Beeil haben Se sich jebrochen??!“. ruft Frau Schniese aus, indem sie mit der linken Hand ihre linke rote Apfelbacke bedeckt. „Wos laßt Ihr mich liegen uff der Treppe und verrecken wie ain Hund, wo ich will nemmen Abschied von main Rebekkche?!!" Verzweiflung verknäult den Juden. Frau Schniese und Alice laufen zu ihm hinunter. „Valleicht hat er sich den Fuß nur vastaucht", meint Alice. „Kommen Se", sagt Frau Schniese. „Heben wa’n mal erst uff. Sie fassen ihn unter den eenen Arm und ick unter den anderen." ' Die beiden Frauen heben den Juden auf. Der brüllt heiser vor Schmerzen. Frau Schniese und Alice legen den Juden wieder auf die Treppe. Frau Schniese schüttelt ratlos den Kopf. „Welches Bein is et denn?", erkundigt sich Alice. „Das rechte", stöhnt der Jude. Alice läßt sich neben dem Verunglückten auf die Knie fallen. Sie streift ihm vorsichtig das rechte Hosenbein hoch. Jäh hält sic inne: ein blutiger Knochen hat die schwarzbehaarte Beinhaut durchsplittert. Alice springt entschlossen auf: „Sofort uff de Unfallstation. Ick renn’ schnell runter. Ick halt den ersten besten Wagen an." Alice lärmt die Treppe hinunter. Frau Schniese bleibt bei dem Juden. „Na, wie is denn det bloß jekommen?“, fragt sie aufgeregt. „Sind Se ausjcrutscht? Hat da irgend wat jelegen. Oder haben Se beim Runterjehn nich uff jepaßt und sich vertreten?“ „Worum chob ich mir gebrochen main “Bain?", jammert der Jude. „Ich hätt’ mir soll’n brechen main Genick. Main Genick hätt’ ich mir soll’n brechen!" Regungslos liegt der Jude da mit stöhnendem Atem. Plötzlich reißt er sich am Treppengeländer hoch und schreit: „Ich will sain bai mai Rebekkche, wenn man se legt in die Erde!! Ich will Kaddisch sagen an dem Grab von maine Tochter!!" Hölzern schlägt der Jude wieder auf die Treppenstufen. Sein Mund ist geschlossen. Dumpf brüllt er in sich hinein. „Soll ick for Sie hinjehn?", fragt Frau Schniese. „Tu’s wirklich jerne. Hab immer wat for det Mädel iebrig jehabt. Man mußte ihr ooch jut sind." Der Jude wälzt sich auf die Seite, zieht aus seiner Gesäßtasche den grauleinenen Geldbeutel heraus, schüttet dessen Kleingeldinhalt In eine Hand und streckt Frau Schniese die mit Fünf- und Zehnpfennigstücken gefüllte Faust hinauf. „Da. Bringen Se ihr mit een paar schaine Blumen." Frau Schniese nimmt das Geld, läuft hinauf in ihre Wohnung, stellt dort ihre Einholtasche ab und setzt sich schnell ihren mit schwarzen Federn garnierten Hut auf. Als sie wieder aus der Wohnung herauskommt, hört sie schwere Schritte die Treppe heraufstapfen. Alice kommt mit zwei Männern. Sie hat den Wagen eines Stuhlverleihgeschäftes angehalten und den Kutscher und dessen Begleiter gebeten, den verunglückten Juden zur nächsten Unfallstation zu fahren. Die beiden Männer tragen den Juden die Treppe hinunter, legen ihn auf den Wagen zwischen zwei Türme aus übereinandergestellten Stühlen und schieben ihm einen großen Futtersack unter den Kopf. Dann steigen sie auf den Bock. Zu gleicher Zeit klettert Alice auf den Wagen. Sie stellt sich neben dem Juden auf. Die Pferde ziehen an. Die Stuhltürme wackeln. Der Wagen rattert davon. Der Jude verrenkt den Kopf. Frau Schniese steht am Rinnstein und sieht dem davonfahrenden Wagen nach. „Grießen Se mai Rebekkche", ruft der Jude ihr zu. „Grießen Se mai Rebekkche!" ■—«■rmnnniimiinHiiiiiimwuHiiiiiWwiiiiniiiiiiimiHWinHiHiiBiiHinimiiiiiiiiwii— Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei alle« Postämtern Deutschlands Soeben erschienen: Honterenz des iveitvernandesNir religiös - liberales (.worin Union lor Progressive Jutfaisir) London, 19. —2 2. Juli 193 0. Referate—Diskussionen—Beschlösse Broschiert 310 Seiten RM 3.—, für Mitglieder zum Vorzugspreis vonfc RM 2.— erhältlich durch Vereinigung dir das liberale Judentum E.v. Berlin SW 11, Hallesche Straße 1 u&eraie Synagoge norden zu Berlin Eine moderne Hagada filr die Sederabende bearbeitet von Hermann Falkenberg Preis broschiert M. 0.60. in Leinen gebunden mit Goldprägung M. 1.50. Bei grösserem Bezug Rabatt. Bestellungen und Zahlungen an Moses Gottfeldtv Berlin NO 55 Heinrich Rollerstr. 24 Tel.: Königstadt 1814 Postscheck Berlin 26553 maierarbeiten Renovierung von Wohnungen, Greschäftslokalen. Treppenfluren und Fassaden. Rotiert sinken» Berlin W 50 Kulmbacher Strasse 7 B5 Barbarossa 6206 WERKSTÄTTEN FÜR GRABMALKUNST S. WEISS GRABDENKMÄLER U. ERBBEGRÄBNISSE BERLIN-WEISSENSEE LOTHRINGERSTR. 8 - TELEPHON WEISSENSEE 407 Verein für Feuerbestattung In Berlin von 1874, e. T. nrai. kaitenlM« VeurSeatotlue AaaahiM W SS, Lfltxovntrmi# 44, TeWoi: L&tiew 940-41 Ein grosser T eil der von uns betreuten Personen hat zum Teil Zimmer leerstehen unsere Vernehmen. zu Wir bitten bei Bedarf mittlung in Anspruch jonische wiepsmiie erofl-Berlin t u. Charl. 2, Kantstr. 160. Bismarck 1221 Julius Simon Kunstu. Bauglaserei Bilder-Einrahmungen Charlottenburg Eosander Strasse 8 Wilhelm 8157 Vormittags-Abendschule Private Vorbereitungsanstalt. 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