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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-03-04 · 8-9 (4.3.1931) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
8-9 (4.3.1931)
Date
1931-03-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Das Propheleuwort der Purimerzähluug Bon Rabbiner Dr. Davin Schönberger, Aachen. Das Wort, das in der sonst mehr epischdramatischen Purimgeschichte des Buches Esther de» didactischen Pathos religiöser Wahrheit zu haben scheint, der Gedanke, um den sich die rasch hinrollende Poesie seines Erzählungsablauses dreht, ist in einem Mordechaiausspruch von hinreißendem, fast prophetischem Schwung gegeben: „Denn wenn Du in solcher Zeit glaubst schweigen zu dürfen, so wird Errettung und Hilfe den Juden von anderer Stelle kommen! Du aber und Deines Baters Haus, Ihr werdet zunichte!" Wer weis;, ob um solcher Zeit willen Du nicht an Deinen Platz gestellt bist." Diese der Königin Esther leidenschaftlich und ekstatych entgegengeschleuderte Worte sind von Mordcchai im Augenblick höchster Not gesprochen. Das Schicksal der Juden nn Reiche des Achaverosch scheint endgültig besiegelt. Die einzige Möglichkeit, es aufzuhalten, liegt aller Voraussicht nach bei Esther. Wie kann es Mordechai da wagen, ihr mit ei n em solchen Wort unüber treffbaren Stolzes entgeaenzutreten, mit einen; Wort solch unentwegten Zukunftsglaubens? — Was uns hier so wunderbar ans Herz greift, fa was diesem Satz feine polare, geistig-religiöse Stellung in der Purimgeschichte gibt, ist ein Dreifaches. Einmal ist es die Sprache des unbedingten Glaubens an die Zukunft des Judentums im Augenblick höchster Gefahr. -- Errettung und Hilfe steht für das Judentum fest! — So kann nur einer sprechen, der die Aufgabe, der die Idee seiner Gemeinschaft zutiefst erfaßt hat im Zeitlosen und ihre Wurzel in ewigen Gründen verankert weiß, denen kein Ansturm äußerer Not ihre Festigkeit wird nehmen können. Zum andern gibt der G l a u b e a n d i e I d e e nicht nur das Bewußtsein, Errettung kommt, sondern zugleich auch die unerschütterliche Gewißheit der Verantwortung des Einzelnen für die Gesamtheit. „Wehe, wenn Du schweigst", wenn Du es wagst, Dich außerhalb zu stellen, glaubst, ruhig abseits stehen zu dürfen! Du entrinnst nicht der Verantwortung, indem Du Dich ihr entziehst, sondern den trifft der Untergang am schmerzlichsten und ehesten, der der haltgebenden Idee entflieht! Ja, der Mensch wird und muß zugrunde gehen, der nicht seines Schicksals M i s s i v u erfüllt! -- Das ist die Klarheit, an prophetisches Wahrheitssagen gemahnend, die Mordechais Forderung an Esther krönt. Ein Wort an den Eiiizelmenschen gerichtet, und doch der Gesamtheit ihr Ziel weisend, ein Wort von so ungeheurer Einfachheit und logischer Schicksalsgewißheit, daß man sich ihm nicht zu entziehen vermag; das ist ein prophetisches. Wie der ewige Wahrheitsgehalt prophetischer Rede seine Gültigkeit behält über seine geschichtliche Ursache und seinen zeitgegebenen Anlaß hinaus, so ist auch dieses Mordechaiwort in der Allgemeinheit seiner Sprache und der Ewigkeit seines Gedankens eindringliche Mahnung auch uiiserer Gegenwart. Wir sind in Not und haben Mahnung nötig. Gleich den Juden der Purimerzählung sind wir bedroht von Haß und Feindschaft, gleich Esther zögern wir gleichgültig, ohne Verständnis, feigen Schwankens und banger Zerrissenheit voll, die wirkende Tat zu tun, zu der wir berufen. Ein wahrer Blick der S e l b st e r k e n n t n i s und der Selbstbesinnung auf unser liberales Judentum tut uns liberalen Juden not. Gerade jetzt, nach einem „Wahlsieg" — mehr denn je. Täuschen wir uns nicht darüber, daß es immer noch die Minorität ist, die weiß, worum es sich bei der ewigen Idee des Judentums dreht. Täuschen wir uns nicht darüber, daß die Mehrheit in unseren Reihen die Innigkeit jüdischer Gedankenwelt, die Kraft zur Erhebung über Tageslärm und Wirtschaftsdepression hinweg zum Ewiggültigen jüdisch-religiöser Wertmessung und jüdischen Weltbewußtsnns verloren hat. Gerade aus diesen Reihen aber ertönt vielfach der Ruf, daß das liberale Judentum abgewirtschaftet habe. Jedoch alle, die um die Entwicklungsidee fortschrittlich jüdischer Weltanschauung und freiheitlichen Meirmngskampfes wissen, die wissen auch: Das Judentum lebt und wird leben! Nur Ihr, die Ihr abseits steht inträgem Zuschauen, deren Opferbereitschaft lahm ist, die Ihr schweigt, wenn es gilt, den Hilfeschrei auszustoßen, die Ihr Euch mitschleppen laßt, ohne jemals das Panier selbst zu ergreifen. — Ihr, Ihr habt abgewirtschaftet. Von anderer Stelle wird dem jüdischen Lebenswillen Errettung werden, während über Euer indifferentes Schweigen und über Euer jüdischer Kultur entfremdetes Haus die Geschichte hinwegschreitet. Es gibt so viele unter den sogenannten Liberalen, denen es ihre Position und wirtschaftliche Lage, ihre sonstige kulturelle Bildung und Situation sehr wohl gestatten würde, mehr zu sein als laue Mitläufer, mehr als solche, die-ohne! mit glühendem Geist und freudigem Pulsschlag sich um die jüdische Idee zu mühen, ohne Opfermut und Opferwillen, ohne Tatbereitschaft und Wirkungswillen sind. Wann werdet Ihr wissen, daß Ihr vielleicht nur um der großen jüdischen Menschheitsaufgabe willen an Euren Platz gestellt seid? Wer weiß, ob wir nicht alle durch Krieg, Not, Elend, Vernichtung und Haß gestoßen worden sind, damit wir umso klarer unsere jüdische Verantwortung für Frieden, soziales Recht, Ausbau der Kultur und Menschenliebe begreifen - unsere Ver antwortung für die W i r k l i ch k e i 1 s w e r d u n g d e r Gottesidee! Möchte unser Purimfest uns aufrütteln, möchte das prophetische Mordechaiwort uiis aufwecken zu«; Glauben an u n s e r e I d e e, a ii u n s e r e Z u k u ii f t, a n u n s e r e V e rantwortung, aii beit Wert unserer opferbereiten Tat: „Denn wenn Du schweigst zu solcher Zeit, so wird Hilfe unserem Judentum und Errettung von anderer Seite werden! Du aber und Deines Baters Haus, Ihr werdet zunichte! - Wer weiß, ob uiu solcher Zeit willen Du nicht an Deinen Platz gestellt bist!" Mehr Leidenschaft! Mehr Größe! Von Rabbiner Dr. Gottschalk, Köln. Zu den Gefahren, die unsere harte Zeit in sich birgt, gehört auch die, daß sie die Menschen furchtsam und klein macht und stumpf. Immer und immer auf Zahlen hingestoßen, dauernd von Tagesnöten eingeengt, umgeben von Massen - geschrei und rohen Getvaltausbrüchen im eigenen Land, von Unverständnis und Furchtgefühlen bei anderen Völkern, ist man froh, den Tag überftanden zu haben, hoffend, daß der nächste vielleicht das Wunder bringt, hoffend und es selbst nicht glaubend. In diesen Kreis find wir miteingeschlossen, nur daß wir wie immer noch besondere Gründe zum Kleinmut haben, noch besondere Gefahrenquellen für uns bestehen. Und wenn man schon so viel von den Verlusten glaubt reden zu müssen, die der äußere Bestand der jüdischen Gesamtheit aus bekannten Gründen erfährt, viel dringender ist es, davon zu reden, daß wir innerlich klein und stunrpf und insofern unjüdisch werden müssen, wenn nicht in unsere Reihen der Ruf hineindringt, weiter gegeben und in die Tat uingesetzt wird: mehr Leidenschaft! Mehr Größe! Ein Ruf au die Erwachsenen, ein Rnk an die Jugend! Viel zu lauge, viel zu sehr schon haben wir der Massenfront der Gegner gegenüber eine Furcht- und Abwehrstellung bezogen. Nicht als ob Abwehr nicht nötig wäre, Vorsorge nicht getroffen werden sollte. Aber wichtiger als die Abwehr ist der Angriff, der ideelle Angriff, die Selbstbesinnung auf unsere geschichtlichen Grundlagen, wichtiger ist es, Verachtung zu nähren, sich erhaben zu fühlen, Stolz zu züchten gegenüber materialistischein Massensturm! Mehr als je ist es darum nötig, alle Epochen heraufzuüeschwören, alle Toten aus dem Grab zu wecken, die in genau denselben Zeiten lebten wie wir, die aber mit hinreißender Glut ihres Glaubens, loderndem Feuer ihres Herzens, unwiderstehlicher Kraft ihres Willens und nicht zuletzt mit nie verhallender Macht des Wortes die Niedergedrückten immer wieder belebten, die Leidenschaft entfachten, die Größe offenbarten, von der aus erst alle Kleinarbeit lohnend, ja berechtigt ist. Wer diese Arbeit nur aus Angst um das nackte Leben leistet, aber die Brust nicht geschwellt von urjüdischen Hochgefühlen, der leistet dein Judentum nicht ewigen Dienst, er bat kein Recht, ein Führer zu sein! Mehr Leidenschaft, mehr Größe! Es ist nichts Neues, was wir erleben, neu wäre es nur, wenn der Geist der anderen uns kraftlos machte. Und darum — wehrt euch, aber vor allem gegen euch selber. Laßt Propheten sprechen, Propheten der alten, der neuen Zeit. Ruft zu Massenversammlungen, nicht gegen die anderen, aber gegen euch selbst, ruft die Menschen ins Gotteshaus, aber nicht zu den üblichen Zeiten bloß, zu außergewöhnlichen, hier gebt ihnen Leidenschaft, gebt ihnen Größe, damit sie wissen, warum und wozu und wie man solche Zeit übersteht. Laßt Propheten sprechen. Nicht bloß die „großen". Jeder kennt den Propheten Micha und sein immer wieder zitiertes! Wort: „Es ist dir gesagt, v Mensch, was gut ist." Aber wer kennt diesen Propheten ganz, wer weiß, 'was in dieser» „kleinen" Micha für eine Kraft des Wortes gesteckt hat. D» steigt Gott bei ihm hernieder, und „die Berge zerschmölze» unter ihm wie Wachs vor dem Feuer, die Täler spalten sich wie ^Wasser, an einem Abhang herabgeschüttet". Er sieht die Schandtaten seines Volkes, und er ist so empört und erschüttert, daß er „klagen und heulen will, barfuß gehen. unb nackt, und eine Klage anstellen will wie die Schakale, Höhne« wie die Strauße". Wie höhnt er die, die Böses tun, „weil sie die Macht dazu haben", wie fürchterlich anschaulich schildert er die Gier der Bedrücker: „Sie essen das Fleisch meines Volkes, reißen ihnen die Haut ab, zerstücken ihre Knoche«, verteilen sie wie das Fleisch im Topfe, die Fleischstücke im Tiegel." Wie erschütternd gegenwartsnah ist dieser Mich», wenn er Propheten kennt, die „Friede rufen, wenn sie etwas mit den Zähnen zu beißen haben, aber Krieg predigen gegen den, der ihnenen nichts in den Mund gibt". Und wie unendlich erhaben fühlt er sich über sie alle, wie fühlt er das Geheimnis seiner Sendung genau wie ein „großer" Prophet: „Ich aber bin von Kraft erfüllt, dem Geiste des Ewige«, dem Geist des Rechtes und der Stärke." Ein solcher Mann muß unendliches Vertrauen zu der Zukunft seines Volkes haben. „Der Rest Jakobs wird., wie Tau vom Ewige« sein, wie Regentropfen auf Grünes." Er ist so unendlich erhaben über die Angriffe des Feindes, daß er triumphierend Hinausrufen kann: „Freue dich nicht, meine Feindin, über mich. Wenn ich gefallen bin, stehe ich wieder ans, wenn ich in Finsternis sitze, ist der Ewige mein Licht." Mehr Leidenschaft, mehr Größe! Jetzt ist es Zeit, all die nichtjüdischen Vorkämpfer für jüdische Freiheit wieder zu hören und zu lesen, zumal die deutschen. Wieder stcht Herder auf und sein Wort: „Alle Gesetze, die den Juden täglich, ja stündlich ehrlos schelten, zeugen von der fortwährenden Barbarei des Staates, der aus barbarischen Zeiten solche Gesetze duldet." Wieder ist es Zeit, daran zu erinnern, daß wir den „Besten" aller Zeiten immerdar „genug getan", daß es noch heute nicht anders steht und daß es ganz allein darauf ankommt und nicht auf jede Aeußcrung eines bezahlten Agitators, den morgen schon niemand mehr kennt. Mehr Leidenschaft und Größe! Jetzt ist die Zeit eines Riester lviedergekommen, eines Geiger, Lazarus, eines R a t h e n a u, gerade der Männer, die neben dem unbeirrbaren Willen zum deutschen Judentum, den so viele andere auch hatten, diesem Willen in hinreißenden Worten, prachtvollem Schwung, der uns immer wieder befeuert, Ausdruck verliehen und Zugleich mit dem Gefühl der Erhabenheit über geglichen Unwurf des Gegners. „Wer mir den Anspruch auf mein deutsches Vaterland bestreitet, der bestreitet mir das Recht auf meine Gedanken und Gefühle, auf di". Sprache, die ich rck>e, auf die Luft, die ich atme; darum muß ich mich gegen ihn wehren wie gegen einen Mörder." (Rießer.) „Jedenfalls halte ich daran fest: ich bin vor allem Mensch, dann erst oder vielmehr nur in stetem Hinblick darauf: Deutscher und Jude." (Geiger.) „Wie schwer auch die Beleidigung für uns ist, wie tief der Abgruird niedriger Gesinnung, Uebelwollens und trugvoller Verleumdung, der uns entgegengähut, laßt euch nicht verbittern! Wachet und sorget und kämpfet den inneren, den schweren inneren Kampf: daß unser Gemüt nicht vergällt werde, daß wir den reinen freien Blick bewahren für unsere Stellung zur Gesamtheit des deutschen Volkes." (Lazarus.) „Der möge aufstehen, der vor Gott und Gewissen behaupten kann, daß die deutschen Juden ihr Maß an Kulturarbeit nicht ehrlich und reichlich erfüllt haben, daß sie nicht mehr zu Deutschlands Hoheit, Glück und Ehre bei'getragen haben als alle berufsmäßigen Antisemiten zusammen." (Rathenau.) Mehr Leidenschaft, mehr Größe! Auf den; deutschen Juden lastet jetzt eine dreifache Aufgabe: gegen die Not des Tages anzukänlpfen, die nicht selten noch eine besondere jüdische Not ist, gegen die Angriffe der nichtjüdischen und die der jüdischen Gegner. Eine dreifache Aufgabe, die seine Kraft dreifach beflügeln muß. Aber eine Ausgabe, die, soweit sie seine jüdische ist, nur mit äußerster Zusammenfassung aller gleichgesinnten Kräfte zu lösen ist, nur mit äußerster Entschiedenheit und Klarheit. Noch einmal und immer wieder, nicht auf Angriffe kommt es an, die wir gegen andere unter nehmen müßten, auf die Angriffe vielmehr gegen uns selber, gegen unsere Lauheit, unser Schwanken, unsere Tatenlosigkeit, unsere Zweiselsucht, unseren Fatalismus. Die Erkenntnis, daß sich das Schicksal unserer Väter, das Schicksal einer Zu Heines 75. Todestag 17. Ftdruar 1831. Von Werner Rosenstock. Fünfundsiebzig Jahre ist es jetzt her, daß der Dichter nach qualvollem Leiden diese Erde verließ. Sein Werk aber lebt noch .heute für uns. Nicht als etwas Historisches, was wir zur Kenntnis und Wissensbereicherung in uns aufnehmen, sondern als etwas, was unmittelbar zu uns spricht, gerade als sei es heute geschrieben, als gäbe es Antwort aus die Fragen und Nöte, die uns als Gegenwartsmenschen bewegen. Streng und unbeirrt durch Feindseligkeiten erfüllte er die schwere Mission, die er dem Dichter zuschreibt: „Was die Glocke hat geschlagen, sollst du deinem Volke sagen!" Aber seine Klänge haben noch heute ihre Macht behalten. Seiner eigenen Zeit verpflichtet und verhaftet, ist er über die Zeitlichkeit hinaus gewachsen. Mit allen Fasern seines Herzens hängt er an deutschem Wesen und an deutscher Heimat, und mit der ganzen Kraft seines Ausdrucks kämpft er für eine Neugestaltung des Vaterlandes. Aber seine Liebe macht ihn nicht blind. Er geißelt Fehler, nicht aus Sucht zu negativer Kritik, sondern aus gesteigertem Verantwortungsgefühl. Er verzichtet damit, wie er in seinem Wintermärchen „Deutschland" schreibt, auf eine billige Popularität, er spricht nicht gern über seinen Patriotismus, er „verbirgt ihn scheu". Seine Liebe treibt ihn zur Leistung. Das Empfinden erschöpft sich nicht im Bekenntnishasten. Es findet seinen Niederschlag in Kunst, in deutscher Kunst, in deutscher Volkskunst. Er bahnt sich den Weg mitten hinein in das Herz des Volkes. Und er findet ihn, trotz aller Widerstände. Lächelnd mag er herabschauen, wenn unbewußt ihn selbst die im Munde führen, die ihn als ,^lndeutsch" ablehnen. Und in diesem Lächeln wird nichts von Ueberheblichkeit oder Bitterkeit liegen. Nein, Heines Lächeln ist geformt durch seine Liebe zum Leben. Es ist vielleicht mit das kostbarste Erbteil, das ihm von seinem Stamme überkommen ist. Aber er begnügt sich nicht, es zu übernehmen. Er reiht sich <bewußt ein in die unendliche Kette der Generationen, er erlebt zutiefst sein jüdisches Schicksal. Das jüdische Sein erzeugt in ihm das jüdische Bewußtsein, läßt ihn die Einzigartigkeit der jüdischen Gemeinschaft spüren und verbindet ihn, je später desto tiefer, in heißer Liebe und Anhänglichkeit mit seinem Judentum. Die Genialität seines Wesens und die Differenziertheit seines Empfindens bewahren ihn davor, die Konflikte und Spannungen des jüdischen Schicksals dadurch zu lösen, daß er sie verdeckt. Gewiß, es konnte für ihn keine Entscheidung zu Deutschtum „oder" Judentum geben. Aber so sehr er durch beides geformt war, und so entschieden 1 er willensmäßig beides bejahte, so deutlich zeigte er in all seinen Aeußerungen, daß die Frage des deutsch-jüdischen Menschen nicht durch hausbackene Tageslösungen endgültig beantwortet werden kann, sondern daß sie in ihrer ganzen kostbaren Schwere mit der Ganzheit der Persönlichkeit durchlebt sein will. „Keine Messe wird man singen — keinen Kadosch wird man sagm..." Nein, der Inhalt des Heineschen Gedankengutes ist zu unerschöpflich, als daß ihm mit einer „Gedächtnisfeier" in der zeremoniellen Form Genüge getan wäre. Aber daß auch spätere Generationen bei ihm in geläuterter Form ihre eigenen Fragen wiedergespiegelt finden und in ihrem eigenen Sein durch ihn bereichert werde«, das bedeutet wahres Gedenken, wahre Rechtfertigung der Genialität. Dann nimmt der Begriff der Unsterblichkeit greifbare Gestalt an. Fünsundsiebzig Jahre ist er jetzt tot, aber er lebt noch, der deutsche Patriot, der jüdische Geistesmensch, der deutschjüdische Kämpfer. Byron als Bibelkenner Von S. Meisels. Andre Maurois' „Byron", der jetzt in einer von Dr. Kart Stransky besorgten guten deutschen Uebertragung im Verlage R. Piper & Co., Münchens erschienen ist) gehört zu jenen neuzeitlichen Biographien, die das Historische ins Künstlerische wandeln. Der Hauptreiz solcher Lebmsbeschreibung besteht darin, daß sie keine Lebensbeschreibung schlechthin gibt, sondern ein Lebensbild in künstlerischer Ausführung. Im Buche von Maurois ist das Lebensbild Byrons meisterlich geformt und von allen Seiten erfaßbar in Sehnähe gerückt. Es gibt so manche Biographie, die den Leser wie ein Roman fesselt: hier aber wird uns wirklich ein Roman geboten ,eines Dichters Lebensroman voll leidenschaftlicher Spannungen, wie sie kaum je dichterische Phantasie erfunden .hat. Mit einem Worte: Andre Maurois' „Byron" ist ein Meisterstück sinnenhafter Darstellung. Gleichwohl ließe sich zum Tadel einer solchen Darstellung ebensoviel sagen wie zu deren Lobe. Bei einem Tächter wie Byron, dessen Dichtung die Essenz seines Lebens ist, mag es wohl angehen, den ganzen Menschen mit Scheinwerfern abzusuchen und den letzten Schleier zu lüsten. E8 fragt sich nur, wie weit man damit der Gier nach Sensation auf halbem Wege entgegenkommt und ob dadurch dar Verständnis für den Dichter und sein Werk sonderlich gefördert warst Bei Maurois komm; der Dichter Byron ein wenig zu kurz weg; und das ist ein Abgang. Tenn schließlich ge$ Lord Byron hauptsächlich doch nur als Schöpfer seines Werkes die Nachwelt an. (Da gegenwärtig, wie es scheint, Lord Byron wirklich wieder in Mode kommt, sei gleich hier auf die ausgezeichnete vierhändige Byron-Ausgabe des Bibliographischen Instituts hingewiesen; in dieser Ausgabe wird dem deutschen Leser neben den wichtigeren Dichtungen Byrons auch die notwendige Kenntnis über den Dichter nach dem Stande der heutigen Forschung vermittelt.)

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