Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 8-9 (4.3.1931)
- Date
- 1931-03-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IMschMmleZeikniL Organ der Vereinigung für das ltderale Judentum e. V. Ber«vtwortl. Redakteur: Bruno woyda. Sie Vereinigung für da» liberale Judentum übernimmt nur jür diejenigen Aufsähe, die ausdrücklich als in ihrem Namen »der in ihrem Austrage versaht gekennzeichnet sind, die ver- «twortnna. Alle anderen Artikel, Aeuheruugen und Vorschläge erscheinen unter der Verantwortung der Redaktion. Dt« „Jüdilch-Uberale Zeitung" ««scheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11. Hallesche St«. 1 Fernruf: Bergmann 335S. 3359 II Nachdruck sämtlicher Origiaal-veitrLge Postscheckkonto: Berlin NW 7, 137 069 nur mit vorheriger Genehmigung der (Vereinigung für da» liberale Judentum) || Redatnon gestattet. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/.jährlich m.3.— Siuzelnummer 0.25. Bei freier Zusendung i. Inland &30 Jür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im rMtglledsbeltrage enthalten. Anzeigenpreise: Die 12 gespalt. Nonporeillezeile 0.« Anzeiaentarlf durch die Geschäftsstelle. An zeige na u- Nr. 8-9 Berlin. 4. März 1931 11. Zahrgang Zur Ssljudenftage Von Geheimrat Professor Rosin Die nachstehcndc Abhandlung stellt die Wiedergabe eines Vortrages dar, den Herr Geheimrat Professor Rosin vor einiger Zeit in Leipzig bei einer Kundgebung der „Gesellschaft Ort" gehalten hat. Der Aussatz ver dient u. E. weitgehendste Beachtung, da er für eines der in liberalen Kreisen umstrittenen Probleme eine wesent liche Diskussionsgrundlage bilden durste. Die Red. Meine Tamen unb .Herren! Nicht um die geradezu hervorragenden Erfolge des Ort seit 50 Jahren in Osteuropa genauer zu beleuchten, habe ich hier heute das Wort ergriffen. Ich will nur kurze allgemeine Betrachtungen Vorbringen über die Stellungnahme unserer deutschen Judenheit zu den Arbeiten des Ort und über nufere Beziehungen zu dein Werke des Ort für die Ostjuden. Geben sie doch zugleich die Gründe, weshalb ich selbst im Verein mit vielen deutschen Juden meine schwachen Kräfte gern dein Ort zur Verfügung gestellt habe. Meine Betrachtungen sind eng verknüpft mit der Frage, wie sich der deutsche Jude zu den Ostjuden selbst stellen soll. Es ist in letzter Zeit in Deutschland unter den Juden Sitte geworden, die Ostjuden, ich will es möglichst: glimpflich bezeichnen, als Fremde zu betrachten, die nns nichts angehen, dem Wesen des deutschen Juden völlig sernstehen, und von uns nur dann gefordert werden können, vor allem mit Spenden und Geldmitteln, wenn der Armut und den Bedürfnissen hier zu Lande geholfen ist. An manchen jüdischen Stellen befürwortet man den Selbstschutz der deutschen Juden vor Uebersremdung. Meine Damen und Herren! Ich nehme an, daß Sie den verschiedensten Parterrichtungen angehören, und ich sehe voraus, daß. Sie treue Bürger Ihres deutschen Vaterlanoes sind, in dem Sie Freud und Leid, Krieg und Frieden in enger Verbindung mit der Gesamtbevölkerung cmrchlebt haben, daß. Sie, aus der deutschen Scholle geboren, an Liebe znm Geburtslande von keinem Übertrossen werden lönuen. Aber ich nehme auch an, daß Sie alle die treue Gesinnung für Ihren angestammten Glauben und jenes Gesühl der Zu sammengebörigleit sich bewahrt haben, welches das eigene Nest rein, die Fahne der Erinnerung und der Treue hoch hält; daß Sie alle eingedenk der Jahrtausende alten Geschichte und der ungebrochenen Kraft von 16 Millionen wollen, das, auch in Zukunft die so notwendige Mission der jüdischen Religion, dieses reinen Monotheismus, und ihrer von höchster Ethik zeugenden Gesetze dauernd erhalten bleiben wird. Wenn Sie aber nun aus diesem hoffnungsvollen und wie unsere Geschichte bisher bewiesen hat, allein richtigen Standpunkte stehen, so bitte ich Sie, mit mir unsere Bestehungen zu den Ostjuden einmal näher zu betrachten. Gestatten Sie, daß, ich hierzu einen kurze Anusfluq in die Vergangenheit mache. Sie wissen, daß das jüdische Volk einst mit höchstens 500000 Seelen in Palästina einzog; jetzt ist sogar die Aufnahmefähigkeit Palästinas für d'ese Zahl nicht mehr vorhanden. Hingegen wird heute die Zahl der Gesamtjuden der Welt aus 16 Millionen beziffert. Hat sich nicht Vas biblische Wort bewahrheitet von der ungeheuren Vermehrung in der Zukunst, von jener Zunahme wie Sand am Meere, die sicher noch größer gewesen wäre, wenn nicht Tod und Vernicklung, Abfall aus Geringschätzung der eigenen Bedeutung und Ueberschätzung des Fremden von altersher wie auch heute noch unsere Reihen dezimiert hätte? Die Vertreibung der Juden aus Palästina uno ihre Zerstreuung über Orient und Okzident hatte schon vor Zerstörung des zweiten Tempels begonnen. Schon noch Vernichtung des ersten Tempels waren keineswegs alle Juden wieder zurückgekchrt. Zuerst breiteten sie sich in Aegypten, Syrien, Persien und Kleinasien aus, dann kamen sie aber auch nach dem Balkan und nach Rom, wo sie bereits zur Zeit der Republik festzustellen sind. Mit den Römern gelangten sie nach Gallien, besonders nach Marsilia lMarseille), nach der Provence überhauvt und in die römischen Kolonien am Rhein. Losgelöst vom eigenen Lande waren sie <ms einem Ackervolke und aus Handwerkern Händler geworden, deren Handelsbeziehungen sie mit den römischen Legionen an die Grenzwälle führte. Sie wurden nachweisbar so in Köln ansässig, wahrscheinlich aber auch im Lande westlich des Rheins. Bevor sich das Christentum auck nur in feinen ersten Anfängen entwickelt hatte, und gewiß Jahrhunderte früher bevor sich das Christen tum unter den G»rmanen ausbreitete. waren sie dort schon angesiedelb Von jenen alten und im einzelnen wenig bekannten Zeiten an bis ins Mittelalter hinein vermehrten sich die Juden in diesen westlichen Teilen Deutschlands außerordentlich. Anfangs gehörten diese Landesteile noch zum Frankenreich, so zur Zeit Karls des Großen. Nach der Teilung seines Reiches kamen sie zu Deutschland, das als Reich langsam und allmählich sich nach Osten erweiterte. Mit dieser Aus dehnung des Reiches kamen auch die Juden von der Rheingegend von dem Osten und Süden, es bildeten sich die Anfänge der Gemeinden. Bis zur Zeit Karls des Großen hatten die Juden in Deutschland leine allzu großen Verfolgungen zu erdulden, sie konnten ihrer. Beschäftigung als Kaufleute sowie ihren religiösen Uebungen meist unbehelligt nachgehen, auch ist nicht immer eine joziale Trennung von der Mitbevelkerung festzustellen. Später aber, viele Jahrhunderte lang, litten die Juden unter Bedräng nissen, Verfolgungen und Ermordungen. Aber erst um die Mitte des 11. Jahrhunderts, als die Pest Tenlschland in vernichtender Weise heimsuchte, und man die Juden dafür verantwortlich machte, zur Zeit des deutschen Kaisers Günthers von Schwarzburg, traten jene ungeheuren unb grauenvollen Verfolgungen auf, die im Rabbi von Bacharach oon Heine in einem Beispiele unter tausenden so vollendet geschildert worden sind. In dieser Zeit wanderten viele deutsche Juden nach Polen aus, wo sie von dem ihnen wohlgesinnten Könige und von der damals iudensreuudlichen Bevölkerung gern ausgenommen wurden. Das waren die ersten Oftjuden in Europa. Sie waren tatsächlich deutsche Juden, ihre Abstammung wird noch heute durch die Namen und die Sprache, dir sie mim, und manche Sitten und Gebräuche bewiesen. Von diesen Flüchtlingen stammt die Gesamtheit dev Ostjuden ab. Die wenigen vom Balkan über Ungarn und von Kleinasien nach Polen gelangten Juden sind an Zahl viel zn gering gewesen, um hier berücksichtigt werden?u können. Polen umfaßte damals Litauen, einen großen Teil von Rußland und Galizien. Durch ungeheure Vermehrung breiteten sich diese jüdischen Flüchtlinge immer weiter ans. Sie gelangten nach Ungarn, nach der Moldau und der Walachei, und als das russische Reich erstand und große Teile von Bolen sich einverleibte, wurden sie nurT) in großer Zahl russische Bürger. Hier wurden sie dann in bekannter Weise in bestinimte Gouvernements einqeschlossen und der Fr mG gigkeil beraubt. Ihre Ziffer wird heute ans etwa 5 Millionen berechnet. Sie hatten, wie das aus sedeen Ort- Bericht ersichtlich ist. fast ausnahmslos die Tätigtest kleiner Händler und Vermittler ausgeübt, zumal ihnen die -.neiden Berufe, besonders seit der russischen Herrschaft verschl'sten geblieben sind. Meine Damen und Herren! Ich muß es immer wieder betonen: Diese nach Osteurova ausgewanderten deutschen Inden mit deutsch-mittelalterlicher Sprache, meist mit deutschem Familiennamen, sind die Ahnen der heutigen Ostjuden. Als solche baben sie sich dort rein erhalten, wie denn die Juden aller Länder viel reinrassiger geblieben sind, als ihre Wirtsvölker überall, so auch in Deutschland. Nun kann man mir entgegnen, daß die deutschen Juden durch die aufgenommene Kultur ihres Vaterlandes sich geistig und ethisch anders entwickelt haben, als die in Polen, Litauen, Rußland, Rumänien, Ungarn Geborenen, daß ferner die deutschen I i 'Gauch viel mehr mit der modernen Kultur ihres ' Westeuropas erfüllt haben, als die viel mehr abr ebenden Juden Osteuropas mit der Kultur ihrer t »soll zugegeben werden, daß dies der Fall ist. Al' ■ . |'t vor etwas mehr als 100 Jahren, seit Moses M - , sind die Juden in die deutsche Kultur eingetreb mö die Ostjuden in hohem Prozentsätze eine rein jül :••: i ' it besitzen. Aber eines steht fest: Unabhängig vo. aderen kulturellen Bildung ist die geistige Befäbi : $ ostjüdischen Kontingentes ungeheuer, ist die geistl- - - cnsliche Beweglichkeit einzigartig. Dazu kommt die - vonnene Erfahrung, daß aüsgewanderte Ostjuden c jebiete der Kunst, in Musik, Malerei, Plastik uns ' t und auch in der Wissenschaft, besonders Philosophi adenz und Medizin, oft derartig Hervorragendes ' e diese Wandlung einzelner Personen oder ganzer G ..v u in hochkultivierter Umgebung geradezu wunderbor " . Man darf hoffen und erwarten, daß an der .es Judentums, die dem Fortschritt der Menschh soll, die Ostjuden einen erklecklichen Anteil nehmen .v.-i ■ enn sie nicht mehr verelendet und entwurzelt sink. ' ls diesem Grunde müssen alle Glaubensgenossen 1> v : Welt, die guten Willens sind, das Ostjudentum U'!! U t Weiteres, meine Damen und Herren. Wer von d iv G,m Juden weiß denn eigentlich, wie lange es hei er noch zur geographischen Gemeinschaft der Jud'i as zu zählen war? Wieviele Generationen mag r. .-.f ^et dem Einzelnen her sein, daß er noch zu Polen, Litauen, Rußland etc. gehörte? Noch vor 150 Jahren war Westprcußen und Posen ein Teil von Polen, uno Schlesien war noch nicht lauge Preußen einverleibt. Man täuscht sich über die Zahl der Generationen überhaupt sehr leicht. Nimmt mau 25 Jahre für die Entstehung einer neuen Familie als Durchschnitt, so sind seit der Zerstörung des zweiten Tempels noch keine 80 Familiengründungen vorübergezogen. 150 Jahre machen etwa 5 Generationen aus. Nur eine beschränkte Anzahl von uns deutschen Juden können aber ihren Stammbaum auch nur aus eine so lange Zeit zurücklegen: die meisten machen bereits bei den Großeltern Halt. Nur wenige deutsche Juden haben einen Stammbaum bis ins Mittelalter hinein, sie leben meist am Rhein und in Süddeutschland und sind jenseits der Elbe selten zu finden. In Berlin, in Leipzig, Dresden und in Städten des östlichen Deutschlands dominieren, soweit es sich um deutsche Juden handelt, die aus den Provinzen Posen und Westpreußen Eingewandertcn, bereu Urgroßeltern dem Ostjudentum kulturell verbunden waren. Nicht Wenige aber sind direkt aus Osteuropa herübergekommen und bilden hier oft den Kern der jüdischen Gemeinden. Meine Tarnen und Herren! Wenn wir deutschen Juden rrns nicht nur als Staatsbürger fühlen, sondern stets unser Bestes hergeben für unser Vaterland, so dürfen wir doch unsere Herkunft nicht verachten. Wir müßten es als eine sittliche Pflicht empfinden, die Brüder im Osten mit allerr zu Gebote stehenden Mitteln, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele unb mit ganzem Vermögen zu stützen, um jene großzügige und segensreiche Nrnwarrdlung ihrer Lebensweise und ihres Berufes herbeizuführen, die zur Erhaltung der osteuropäischen Glaubensgenossen unbedingt nötig ist. Die Fähigkeiten bei ihnen sind reichlich vorhanden, und der Erfolg wird nicht ausbleiben. Unsere Spenden werden sich verzinsen um ein Vielfaches onrch die Kräftigung und das Empor steigen des Ostjudentnms. Meine Tamen und Herren! Ich tomiue zum Letzten, Wichtigsten, was ich Ihnen zu sagen habe. Ich habe Ihnen zu sagen: Tua res agitur, um Deine Sache hairdelt es sich. Tie Erhaltung des Ostjudentums, welche durch die umschichlende Tätigkeit des „Ort" eingcleitet worden ist, ist für uns deutsche Juden eine Notwerrdigkeit. Es wird Ihnen nicht unbekannt geblieben sein, daß das deutsche Judentum seit seiner Emanzipation, die 1800 begonnen hat, vielleicht aber noch immer nicht ganz vollendet ist, eine schwere Dauerkrise durchmacht. Durch Geburtenrückgang. Mischehen und Taufen sind die 600 000 deutschen Juden, die es iin ganzen gibt, und von denen fast die Hälfte in Berlin lebt, in ihrem Bestände aufs äußerste gefährdet. Die geringe Gesamtziffer - es ist lächerlich und grotesk, diesen wenigen Juden all die Schuld beizumessen, welche ihnen von den deutschen Antisemiten ungerechnet wird besteht, wenn man genauer zusieht, nicht lediglich aus Juden, die schon seit Generationen in Deutschland leben, sondern aus solchen, die erst seit einer Generation ja erst seit kurzem aus dem Osten Ungezogen und in Deutschland naturalisiert sind. Es scheint nach gewissen Berechnungen, daß ein Drittel dieser Juden erst in der zweiten Generation in Deutschland lebt. Das deutsche Judentum erhält sich, man muß es eingestehen, nicht zuletzt durch Zuzug aus dem Osten. Fortdauernd im Begriffe sich selbst aufzugeben aus Gründen, denen hier nicht weiter nachgegangeu werden kann, bedarf es dieser Auffrischung. Leider verkennen die Ostjuden nach ihrer Uebersiedlung oft diese ihre Mission. Fragt man nach den alteingesessenen jüdischen Familien Deutschlands in Stadt und Land, so sind sie zu einem erheblichen Bruchteile üdergelreten, und ein großer Teil von ihnen gehört als echtes Renegatentum zu den größten Feinden des Judentums. Der Zuzug der jüdischen Kleinstädter aus deutschen Provinzen ist beendet. Die frischen Kräfte können nur von jenseits der Grenze kommen. Unter fünf Millionen Glaubensgenossen mit ihren großen geistigen Fähigkeiten läßt sich auf eine Elite von Ersatztruppen hoffen. Wir deutscher Juden wollen so wenig wie die Verständigen unter den Ostjuden eine Beeinflussung der deutschen Kultur im Sinne einer östlichen, bei den Ostjuden herrschenden. Nein, die Assimilation au das deutsche Judentum wird und muß das Ziel derer aus dem Osten sein, die hohen und beweglichen Geistes neue ausbauende Kräfte irr das deutsche Judentum einführen und die vorhandenerr Lücken aussüllen sollen. Bon der großen Kraftquelle der Juden Osteuropas zehrt die ganze jüdische Welt, England, Amerika, Oesterreich, vor allem aber auch Deutschland. Diese Kraftquelle zu erhalten und zu veredeln, ihre Umschichtung durchzuführen, ist die Aufgabe des „Ort". Er tut dies in ähnlicher Weise wie die Jewish Agency mit der palästinensischen Kolonisation, aber an einer viel größeren Zahl von Individuen. Aus solchen Gründen habe ich, als deutscher Jude seit Generationen in Deutschland ansässig, dem Vaterlande treu anhängend, meinen Weg zum „Ort" gesunden, und in gleicher Weise hoffe ich, daß auch Sie alle, meine Damen und Herren, das große Werk des „Ort" mit dem Herzen und mit der Tat unterstützen werden.