Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 7 (18.2.1931)
- Date
- 1931-02-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2613366-2614107-2614114--3897-2621541- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Aus der Ili-Vervegung Veraul«ortt.: Arbeitsgemeivjchoft jüdisch-liberaler Zugevdvereiue Deulschland» Redaktion: Dr. Ellen Lillmann, Berlin Bemerkungen zu Gottschalks Glaubensartikeln Zu dem Aufsatz von Dr. Gottschalk „Glaubensartikel für liberale Jugend" haben einig« Jli-Mitglieder Stellung genommen. Wir lassen die wesentlichen Stellen dieser Einsendungen hier folgen und schließen damit die Auseinandersetzung Gottschalk—Dienemann, j Die Redaktion. I. ©8 ist nach den Ausführungen in der vorigen Nummer notwendig, daß nunmehr der liberale Jugendliche selbst zu den „Glaubensartikeln" Stellung nimmt. Wie oft in der Geschichte des Judentums der Versuch, die Lehren des Judentums iit feste Formen zu gießen, gemacht worden ist, kann dahingestellt bleiben. Man denke uur an die 12 Glaubensregeln des Maimonides. Wer kennt heute ihre Formulierungen? — Bestenfalls die Gelehrten. Nie haben sich ihre Sätze zu Glaubensartikcln entwickelt, die für die Judenheit verbindlich geworden sind. Was ist der Grundfür diese Erscheinung, die das Judentum so wesentlich z. B. vom Christentum unterscheidet? — Im Mittelpunkt der jüdischen Religion stand nicht und fleht nicht „Ich glaube", sondern „Du sollst". Stets die religiöse Tat der beherrschende Gedanke, der in den Worten der Propheten immer wieder zum Ausdruck kommt. Gerade dieses Moment ist es auch, das das Judentum beweglich und lebendig erhalten hat, sodaß es heute in gleicher Kraft wie vor 2000 Jahren besieht. Und da sollen wir, junge Menschen, uns einen Kodex von Glaubensregeln schaffen? Wenn es nicht schon dem Geiste des Judentums selbst widersprechen würde, so müßten gerade wir junge Juden uns dagegen wehren. Wenn ein Kriterium der Jugend anhaftet, dann ist es das Unfertige, das Kämpferische, das ewig Zweifelnde; wir finden nicht lote ein Augustin unsere Rühe im festgefügten Glaubenssatz. Nicht daß, das Judentum eines Glaubensgutes überhaupt entbehre! Nur wurden die Grundsätze der Religion nu gleich stark und gleich notwendig empfunden. Zn allen Leiten aber bestand die Auffassung vom einig einzigen Gott. Dieser Begriff ist — darin ist! Tienemann völlig beigustimmen — mit einer unpersönlich, pantheistischen Gottesauffassung nicht vereinbar. Das Prinzip des Vollkommenen, des Guten und Gerechten, ist objektiv und nicht an btc subjektive Herzensstimme gebunden. Tie Thesen, die Gotisch all aufstellt, mögen geeignet sein, einen an sich religiös veranlagten Menschen zu begeistern — Judentum sind sie nicht. Martin Gl aß. II. Tie Gottschattschen Worte dürfen nicht nur in einer dialektischen Weise angegriffen werden; sondern ich halte es für wichtig, den Sinn zu beachten, den er seinen Worten geben will. Und ich muß zugeben, daß diese Herzenskraft auch für Gottschalk eine transzendente Bedeutung hat. Der Vorwurf des Subjektivismus, der mit so klarer dialektischer Beweisführung gewonnen wird, läßt sich dann nicht mehr «ufrechterhalten. Auch für Gottschalk scheint festzustehen, daß die Kraft in jedem Menschen (sein Herz) die gleiche ist und deshalb zu densellien ethischen Forderungen führt (wie wir «uf Grund des Glaubens an den Einigeinzigen Gott); dies ist für ihn so voraussetzungslos wie für uns die Existenz Gottes. Wenn nun auch aus dem Glauben an die Kraft des Herzens wie für uns aus dem Glauben an den einig-einzigen Gott sich die gleichen Forderungen an den Menschen ergeben, so werden zwar damit die verschiedenen Anschauungen Lberbrückt, jedoch können seine weiteren Gedanken sich nicht .«us dieser Voraussetzung ergeben. Denn: die Kraft Gottes ist stets in mir lebendig, und nicht nur: „...wenn ich ihn dorthin hinaus wirken lasse". Ich kann nicht „wirten lassen", cs steht garni'cht in meiner Macht. Und es kann auch für Gottschalk nicht richtig sein, denn ,st>ie Kraft, an die ich glaube", ist auch in ihm. wenn er nicht an sie glaubt. Wenn aber für den Propheten seststeht, daß, Gott „den Geist des Menschen in seinem Innern bildet", und ich trotzdem schlecht zu handeln vermag, so doch nur deshalb, weil ich die Freiheit des Willens besitzen muß. Wenn überhaupt Ä handeln einen Wert bedeutet, der höher als essen und a Ist. Somit ist also die LtzNenz Gottes nicht von meinen guten oder schlechten Handlungen abhängig, für Gottschalt jedoch seine Existenz nur davon, wenn er sie Dorthin hinaus wirken läßt". Die Realität Gottes ist nicht beweisbar, hier kann auch kein logisches Erkennen etwas beweisen wollen. Die Kraft des Herzens ist für Gottschalk etwas, was in ihm über ihm steht, etwas was er erkennen will und von sonstigen Trüben zu sondern hat („...durch Gott, m-t Gott, ,ür Gott"). Woher sie kommt, vermag auch er wcht zu enträtseln, denn „ich glaube..." Was also kann d-e Kra,t des Herzens nur bedeuten? Wenn Gottschalk, wre wir nun gesehen haben, für die Kraft des Herzens eine transzendente Bedeutung verlangen muß, so kann er sre nur oon Gott herleiten! Denn die in sich geeinte Menschheit als die ewige Aufgabe des Menschen ist nicht möglich durch die Kraft des Herzens, sie erhalt vrelmehr chren Impuls und ihre Gewißheit durch den Glauben an den Ein-g-einzigen Gott. Helmut G a l l i n e r. III. Ich weiß, daß viele liberale Jugendliche, die mit dem Problem Gott ringm, zu pantheistischen Gedankengängen neigen; aber ich glaube, daß überall da, wo der Versuch gemacht wird, sich jüdische Religiosität wieder zu eigenstem Besitze zu machen, der' innere Kampf auch immer geführt werden muß um den persönlichen Gott. Der junge liberale Jude kann nicht das alte Bibelwort im „ueureligiösen" Gewände wollen, er muß ernsthaft bemüht sein,' die eigentümliche persönliche Religiosität der Propheten und Psalmisten auf sich wirken zu 'lassen, an ihr die eigene Religiosität zu wecken und zu formen. Das ist nichts Leichtes und bedeutet durchaus kein blindes Uebernehmen von althergebrachten Begriffen und Gefühlen. Gegen die Gottschalk'sche Uebersetzung des J'worcch'cho aber muß sich das natürliche Empfinden des jungen liberalen Juden sträuben, auch wenn ihm der persönliche, in seinem Schicksal waltende Gott nicht Inhalt seines Glaubens bedeutet. Für die Bibel und ihre religiösen Gestalten war Gott nicht „das Ewige" und nicht „die Gott- Herzenskraft", sondern der Ewige, der das Licht und die Finsternis schafft." Lebendiges Verhältnis zur Bibel, zu der Quelle jüdischer Religiosität gewinnen, heißt nicht, pantheistischer Gedankengänge in die hinein zu interpretieren oder gar solchen gemäß übersetzen. Das Judentum hat — so wurde schon von Dienemann ausgesührl — niemals das Dogma und die dogmenschaffende Kirche ausgebildet — es' fragt nicht nach der Glaubens Vorstellung des Einzelnen — aber das Sch'ma Jisroel, der Glaube an den Ewigen unfern Gott, den Ewigen hat immer, wenn es um Bekenntnis ging, im Mittelpunkt des Denkens und Fühlens seiner Anhänger gestanden. Wenn viele auch unter den Jugendlichen diese Glaubensstärke nicht mehr haben — das Judentum hat glücklicher Weise keine Möglichkeit, sie aus seiner Gemeinschaft zu weisen, aber sie ihrerseits müssen sich dessen immer bewußt sein, daß pantheistisches Denken vielleicht für den einzelnen vereinbar, nicht aber identisch mit den religiösen Ideen des Judentums ist. Wenn Religion wieder Wirklichkeit in unserm Leben wird, dann ist auch der Gott des Alls unser Gott. Ellen Littmann. * | Aus der Ai-Arbeit Oppeln. (Jüdisch-liberaler Jugendverein.) Die verschiedensten Gründe hatten dazu brigetragen, daß es eine ganze Zeit lang in unserem Jli ziemlich ruhig war. Nun soll das anders werden. Am Sonntag, dem 1. Februar, war Erich Bulkan vom Breslauer Jli herübergekommen. In intensiven Beratungen wurden die organisatorischen und persönlichen Fragen der nächsten Oppelner Jli-Arbcit geregelt. Es gelang noch an diesem Sonntag, den Mitgliederkreis erheblich zu erweitern. Erich Vulkan sprach am Nachmittag vor einem größeren jugendlichen Kreis in einem Raum der Oppelner Loge über Theorie und Praxis des religiösen Liberalismus. Die lebhafte Aussprache gab dem Referenten die Möglichkeit, noch zahlreiche Fragen zu klaren. — Die Jli-Zusammenkünfte finden jetzt wieder regelmäßig statt. Ratibor. (Monatsbericht des Jli.) „Unsere Umwelt und wir" lautete das Thema unserer Zusammenkunft am 14. Ja-- »uar. Martin "Koplowitz, der «eserent, und die sehr zahlreichen Diskussionsredner stimmten darin überein, daß in unseren veziehunger, zur nichtjüdifchen Umwelt noch vielegebessert werden müsst UnS allen drängt« sich die Frage aus, ob der rechtlichen Gleichberechttguug der deutschen Juden einmal die „wahre Emanzipation" folgen wird. — Am 28. Januar hielt Dr. Weber «inen Aortrag über „60 Jahre Reich" und skizzierte nach einem geschichtlichen Ueberblick di« Stellung des heutigen Menschen zu diesem bedeutsamen Lage. — Letzten Sonntag sprachen Fabian (Breslau) über die äußere. Vulkan (Breslau) über die innere Lage. , Elfterer begann mit einer Schilderung der schweren wirtschaftlichen und politischen Lag« und kam dann anf die geistigen Strömungen der Gegenwart zu sprechen, wobei er den sogenannten Intellektualismus als „ungeistig" ablehnte. Wir sollten kämpfen für eine Welt der Sittlichkeit nnd der Menschlichkeit nnd — im Gegensatz zu engstirnigem Nationalismus — für eine Welt des Friedens. Erich Bulkan bezeichnet« den Glauben an einen einig-einzigen Gott als unerschütterliche Gründe läge der jüdischen Religion. Ans trenne von der Orthodoxie die Auffassung, daß die Offenbarung zwar mit göttlichem Geiste, aber auch mit dem Geiste ihrer ZeitEnsüllt sei, und wir deswegen prüfen müßten, welche Borschristen auch heute noch zu erfüllen seien und welche nicht. Die Formen der jüdischen Religion wandelten sich mit den Menschen, die ihre Träger sind, unveränderlich durch die Jahrtausende aber sei ihr Inhalt. Franz Pieck, Ratibor. Berlin. Gemeinsame Veranstaltungen. Wir machen unsere Jli-Mitgliedcr auf folgende beiden Arbeitsgemeinschaften aufmerksam: I. „Die theoretischen und praktischen Grundlagen des literalen Judentums". Leitung: Landgerichtsrat Dr. Arthur Lilienthal, Dr. Eilen Littmann. Beginn: Donnerstag, de» 2. März, abends 20 (8) Uhr, im Verwaltungsgebäude der Synagoge Fafanenstraße 79, nicht Montag, den 23. Februar 1931. 2. „Was haben die jüdischen Feste der Jugend zu sagen?" Diese Arbeitsgemeinschaft wird geleitet von George Goetz, der zur Einleitung zwei BortrSge Hallen wird, und zwar: a) „Uebec den Sinn des Betens"; b) „Die Gestaltung des modernen jüdische» Gottesdienstes". Beginn: Dienstag, den 17. Februar, abends 20 (8) Uhr, im Verwaltungsgebäude der Jüdische« Gemeinde, Rosenstraße 2-4. Aelterengruppe. Heimabend am Donnerstag, dem 19. Februar, abends 8.30 Ahr. bei Ellen Littmann, Reue Kantstraße 6. Thema: „Die jüdische Frau im Zeitalter der Roman til". Oliva und Reu-Eharlotteubnrg. Mittwoch, den 25. Februar, abends S Uhr, bei Marrnfe, Taunusstraße 23. Thema: Staats- und Wirtschaftstheorien. Pankow-Osten. Donnerstag, den 26. Februar, 8.15 Uhr abends, bei Ilse Lohn, Schönhauser Allee 132. Thema: Platon, Phaidvn. Hermsdorf. Heimabend am Mittwoch, dem 25. Februar, abends 8 Uhr, im Heim, Albrechtstraße 10. Thema: „Zionismus". Hermsdorf (Külengruppr). Heimabend am Donnerstag, dem 26. Februar, nachmittags »nr 6 Uhr» im Heim, Albrechtstraße 10. Weste». Montag, de» 23. Februar, bei Helmut Gailimr, Snbelstraße 19. Thema: Moses. :; ■ i i ■ ‘ : : : H T; Ls ist geplant, im Sommer eine Sportgrvppe zu gründen, die im Freien Sport (Schwimmen, Völkerball usw.) treiben will. Wer daran teilnehmeu will, melde sich bei Walter Kellermonn, Lharlottanbarg, KnesebeSstraße 56-57. Berit«. Jugendgemeinfchaft der Jüdischen Reformgemeinde. Mittwoch, de» 25. Februar, abends 8.30 Uhr, Bunter Abend anläßlich Purim i« kleinen Saal des CafL Leon, Kurfürstendamm 156. Wir laben unsere Mitglieder und Freunde hierzu herzlichst ein. vreria«. Hauptgruppe. Mittwoch, den 25. Februar, abends 20.15 Ahr. Vortrag von Herrn 'Dr. Herbert Fischer: „Politik im Zeitalter der Propheten". Jüngeren-Gruppe. Dienstag, den 24. Februar, 16.30 Uhr: Bortrag oon Günther Rotholz: „Celdhandei der deutschen Juden im Mittelalter". Jüngsten-Gruppe: Montag, den 23. Februar, um 16 Uhr im Jugendheim. Arbeitsgemeinschaften und Studien- Krise siehe Programm. — Freitag, dev 20. Februar, 10.30 llhr: Spätgottesdienst in der Wochrntagssynagoge. Magdeburg. Dienstag, 24. Februar, 3.15 Uhr abends, im Verrinszimmer der Mendelssvhnloge, spricht Referendar Siegmund Nathan 1« der Reihe der Fragen des Rechts behandelnden BortrSge über: „Bürgerliches Recht im Alltag". Oppeln. Jüdisch-liberale Jugendgemeinschaft. 23. Februar, abends um 8 llhr, in den Räumen der Freiheitloge, Referat von Fräulein Ruth Wiener über das 1. Kapitel der Rordenschen Broschüre. Aussprache. Das Jli-Programm Artikel und Berichte sino bis spätestens Sonnabend jeder Woche zu senden an Dr. Eilen Littmann» Charlottenburg 5 Neue Kantstrotze 6, 1 Treppe. g8oeben erschienen: | mazzotnu.mazzotn-meui der vereinigten scnontanker und Filettner MazzeiatiriKen UDeraiesynaBoseliorden zu Berlin Eine moderne Hagada für die Sederabende bearbeitet von Hermann Palkenberg Preis broschiert M. 0.60. in Leinen gebunden mit Goldprägung M. 1.50. Bei grösserem Bezug Rabatt. Bestellungen und Zahlungen an Hosen Gottfeldt, Berlin NO 55 Heinrich Rollerstr. 24 Tel.: Königstadt 1814 Postscheck Berlin 26553 Ein grosser Teil der von uns betreuten Personen hat zum Teil Zweite Konferenz des Ulenverbandes flir religiös - liberales sowie ßetJP. HerZ09, Berlin liefert frei Maus zu Tagespreise* in alle Stadtteile Berlins u. nähere •Umgebung Ufw. z. Silberstein, O 112, Oderstrasse 23. Bestellungen erbitte rechtzeitig. Zimmer leerstehen Wir bitten bei Bedarf unsere Vermittlung in Anspruch zu nehmen. JOdische siimim firne-Berlin e. v. Charl. 2, Kantstr. 160. Bismarck 1221 Sie brauchen Englisch zumweiterkommen. Lernen Sie es bei mir. Langjährige Auslandspraxis. Angebote unter „C AN ADA“ an die Exped. dieses Blattes. (.World Union lor ProgressNfjüdaisr) London, 19. — 2 2. Juli 1930. Reterate—Diskussionen—Beschlüsse Broschiert 310 Seiten RM 3.—, für Mitglieder 2um Vorzugspreis von,-RM 2.— erhältlich durch Vereinigung iflr das liberale Judentum ui. Berlin SW 11, Hallesche Straße 1 Ter ein für Feuerbestattung; in Berlin von 1874, e. T. wm rM«rbMtattuc AbmImm W SS, LStsowslnito 44, TiMm: LAtaow 96041 maierameiten Renovierung von Julius Simon Kunstu. Bauglaserei Bilder-Einrahmungen C harlotte nburg Eosander Strasse 8 Wilhelm 8157 Wohnungen, Geschäftslokalen, Trepp^nflnren und Fassaden. Robert Gutheim Berlin W 50 Kulmbacher Strasse 7 B5 Barbarossa 6206 «erlag: Bereinigung für da« liberale Judeutnm e. Merlin SW. 11. - Verantwortlicher «edatteur: »ipl.-Jug. Bruno Woyda, Berlin - Druck: Hermann Wagners Lo., Berlin-Marienborf. 184