Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 5 (4.2.1931)
- Date
- 1931-02-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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kämpft« dev Vereinen zu helfen verpflichtet waren, arbeiten leider recht oft gegen uns selbst. Wi« wir selbst zu den Andersgläubigen uns stellen, so werden auch die Anderen uns behandeln. Nicht die „A s s i m i l a t i o n" verlangen unser« Nebenmenschen von «ns, sondern „Verständnis" müssen wir ihnen entgegenbringen, dann werden auch tvir nicht solchen Verfolgungen ausgesetzt sein. Es ist natürlich sehr zu begrüßen, wenn christliche Schulklassen in die Synagogen gehen, um diese zu besichtigen, um von berufener Seite über jüdischen Ritus und Kultus belehrt und aufgeklärt zu werden; aber haben sich auch schon die an den jüdischen Schulen amtierenden Lehrer oft die Mühe gemacht, mit ihren Zöglingen eine evangelische oder katholische Kirche zu besichtigen? Das ist oben bet Fehler, den wir leider all« begehen, daß wir uns abwenden, statt mit den Anderen zusammen zu leben. Es ist ein Unrecht, wenn Gemeindevorstände einem neu eintreteniden Beamten verbieten, dem evangelischen Geistlichen einen Antrittsbesuch ju machen mit der Begründung, dieser Pastor sei ein großer Antisemit, Gerade dann ist es umso wichtiger, mit ihm Fühlung zu nehmen, um aufklärend auch auf den Geistlichen einzuwirken. Persönliche Differenzen und private Auseinandersetzungen zwischen Gemeindevorsteher und besagtem Pastor sind kein Beweis antisemitischer Einstellung. Auch die Auskunft „nur Rabbiner brauchen üei Geistlichen Besuche zu machen" ist nicht richtig; es gibt weit mehr Gemeinden, in denen kein Rabbiner amtiert, als solche, in denen ein Rabbiner am Platze ist; bei letzteren ist eben der Kultusbeamte derjenige, der die Gemeinde in religiöser Hinsicht leitet und vertritt. Wir dürfen uns auch nicht wundern, wmn wir, wie es in manchen Orten Pommerns vorkommt, zu öffentlichen Gedenkfeiern nicht aufgefordert werden, wenn auf der anderen Seite Volkstrauergottesdienste ßt die Kriegsgesallenen in der Synagoge abgelehnt werden. Eine derartige Ablehnung ist tief bedauerlich, denn erstens sind ja auch lehr zahlreiche jüdische Opfer zu beklagen und zweitens sind all« hinausgezogen, um Deutschland, unser Vaterland, vor Feinden zu schützen. Hier aber ergibt sich eine wesentliche -Ausgabe für uns: nicht nur die Vereine müssen hier arbeiten, sondern jeder von «ns, jeder Rabbiner, jeder Beamte, jeder Vorsteher, ja, jeder Jude ist hier verpflichtet, zu kämpfen gegen den Antisemitismus, an dem wir nicht immer ganz ohne Schuld sind, sondern zu dem wir leider, auch gar zu oft, ss» sehr viel Veranlassung geben. Auch Schochtim und sonstige Funktionäre lassen es allzuoft qu der genügenden Sorgfalt in der Ausübung ihrer heiligen Aust gaben fehlen. Gerade diese aber sind dazu berufen, bas Ansehen des Judentums durch ihr Auftreten zu heben. Der Untereicht in den Religionsstunden muß mit sittlichem Ernst, mit tiefer innerer Jüdischkeit erteilt, die Schechitah mit ernsten tiefen jüdischen Gefühlen ausgeübt, der Gottesdienst mit Andacht und Weihe qbgehalten werden, dann wird uns eine Generation erwachsen, die bewußte Juden sind, die ihr Judentum kennen, nicht «ur vom Hörensagen, sondern aus eigenster Erkenntnis und Anschauung. Mögen dies« kurzen Ausführungen ein Ansporn sein für Eltern und Kinder, nicht nur den Namen Israel zu führen, sondern Israeliten zu sein im wahren und wahrsten Sinne des Wortes, die kämpfen mit geistigen Waffen für die Heilighalttmg unseres hehren Glaubens in der Toleranz gegenüber allen Richtungen und Glaubensbekenntnissen. Kantor Erich Cohn, Leobschütz (O.-S.). Aus der Bewegung Berlin-Sch-»eberg und Wilmersdorf. Die Bezirksgruppen Schöneverg vnd WÄmerSdorf des Liberalen Vereins für di« Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin veranstalteten akn Mittwoch, lKm 88. Januar, iw BllrgermeistersaLl des RüthairseS SchöneMg, Rüddlph Äildk-Platz, eine gekneinfavte Mitylieder-BetsawMlutig uttter dem Bstsitz des 1. Vorsitzenden der Bezirksgrüppe DchSHebeig, Herrn AmtsgttiWttat Walter Michaelis. Die Bttsamvllung war außerordentlich gut besucht. Der Vorstand der BezirkSgrnppe Schömberg wurde in folgender Besetzung wiedergewählt: 1. Bors. Amtsgerichtsrat Waltet Michaelis, S. Bors. Dr. Ernst Emil Schweitzer, 1. SchristfÜßret Leon Rofeüthal, 3. Schriftführerin Frl. Johanna Nathan. Beischer: Earl Äronsohn, Dr. Kurt Fleischer, Jul. Hirsch, MatKlein, Rechtsanwalt Dr. Max Mayer, ArchrtNt Jiilius Peyser, Müritz Roseüthal, Zahnarzt Schwersenz, Frittl Retzttra Znckrrmavn. In best Borfiänd btt vsMsgrüppe Wilmersdorf wurden geMhlt: l Bors. Dr. Leo Caro, 3. Bors. Dr. Max Gach, Beisitzer: Frl. Dr. FriedläiÄrr^ Phmpp Loewy, Leo KMnwamr, Direktor Dr. HetMmm Köhn, Apotheker Ludwig Peyser, Arnötd Gtttn. I« Anschluß an die Borstandswochl hielt Herr .Rechtsanwalt Pr. Ernst Emil Schweitzer ein Referat über das Thema: „Liberaler Wahlsieg — waS uutt?" Das Referat, welches die hier in Frage kommenden Punkte ekngetzeW beleuchtete und * würdigte, wurde von der Bttsamtttlürtg mit großem Beifall aüsgMömmen. Es schloß sich hieran eitle sehr lebhafte Diskussion über die Lage in der Jüdisches Gemeinde. An der Diskussion beteiligten sich im wesentlichen die Herren HandettgevrchtSrat Martin Held, Dr. Alfted Earo, Moritz «osenthal, Ludwig Herrmann, Rechtsanwalt Dr. John Wettheim, Leon Roseitthal, George Goetz, RosenbaUm-Fviedenau, Carl Aronsohn und der Vorsitzende des Vereins, Landgerichtsrat Dr. Martin Lesser, wodurch di« behandelten Fragen noch erweitert und vertieft wurden. Hin Resumö des Abends zog Herr Rechtsanwalt Dr. Schweitzer in seinem Schlußwort. Der Abend zeigte das größte Interesse unserer Mitglieder und Freunde an der Behandlung gemeindepolitischer Fragen und maß als durchaus erfolgreich bezeichnet werden. Dresden. (Reuorgänssfationder Ort8gruppe.)Unsere Bewegung marschiert: Dresden, das nun hoffentlich recht häufig quch im dieser Rubrik zu finden ist, freut sich, allen Freunden der liberalen Sache die soeben erfolgte glückliche Neugeburt seiner Ortsgruppe der Bereinigung für das liberale Judentum anzeigen z« können. Dir Erkenntnis, zu gegebenem Zeitpunkt, welcher jetzt gekommen erschien, zum Sammeln aller von jeher hier vorhandenen liberalen Kreise blasen zu müssen, veranlaßt« nicht nur einen Teil der ehemaligen Vorstandsmitglieder, sondern mit ihnen im Bunde auch einige frisch hinzugetretene Kräfte, sich zunächst einmal um geeignete Führerpersönlichkeitcn, an denen es bisher mangelte, und die zur Entfaltung einer entsprechenden Stoßkraft unbedingt erforderlich sind, energisch zu bemühen; gelockert wurde, der Boden einerseits durch den beispielgebenden und ermutigenden lieberalen Wahlsieg in Berlin, zum anderen aber durch die sich zuspitzende Entwicklung innerhalb der Dresdner Gemeindeverhältnisse selbst, worüber ja an anderer Stelle unserer Zeitung fortlaufend berichtet wird. Eine Reihe neuer Beitritt« sind sogleich bei Bekanntwerden der beschlossenen Reorganisation erfolgt, weitere stehen als Erfolg der in Aussicht genommener» tatkräftigen Propaganda bevor. Aber auch sonst sprechen genug Anzeichen dafür, daß das verjüngte Kind, welches der liberalen -Sache in Dresden erwächst, diesmal nicht nurdauerndamLeben bleiben, -sondern sich mit der Zeit zu einem ähnlich machtvollen Träger der liberalen Idee, wie es im allgemeinen bereits seine Geschwister sind, entfalten wird. Hierbei können selbstverständlich örtliche Aufgaben, aber auch Grenzen nicht unberücksich.igt bleiben: einmal: daß die liberale Fraktion, welche jetzt wieder die stärkste im Dresdner Gemeinderat ist, ihre Rückendeckung und zugleich ihre Richtung: von der Hand in Hand mit ihr arbeitenden Ortsgruppe erhalten soll, und in anderer Beziehung, baß es sich um eine zahlenmäßig nur kleine Großstadt- * gemeinde mit schon dadurch bediirgtem liberalen Ausbveitunasmöwlichkei.en handelt. Den Vorsitz der Ortsgruppe übernahm auf allgemeinen Wunsch Herr Nathan Fried mann; zu seinem Stellvertreter wurde Rabbiner Dr. Wolf gewählt, zum Kassenführer Herr Walther Mayer, zum 1. und 2. Schriftführer Frau Elsa Hirsche! bezw. Herr Egon Feue rstein. Dem weiteren Vorstand gehören an: Rudolf Apt, Dr. Richard Elb, Dr. Leo Fantl, Max Lesser, Hertha Mattersdorff, R.-A. Paul Salmger, Erich Schapira und Herbert Treitel. Die erste Sitzung fand bereits statt und beschäftigte sich nach Konstituierung des so zusammengesetzten Vorstands hauptsächlich mit der Gemeindewahl, die ja inzwischen vor sich gegangen ist, und bei der unsere Bereinigung gleich sehr wirksam zu Gunsten der liberalen Sache in Aktion treten konnte. (Bei dieser Gelegenheit geben wir gern die Bitte an unser« alten und neuen Freunde in Dresden weiter, die ihnen künftig von ihrer Ortsgruppe zugehenden Rundschreiben genau zu beachten. Sie betreffen nicht nur die in nächster Zeit geplanten Borträge, Aussprachen, Werb«Maßnahmen usw., an denen im Gesamtinteresse natürlich nicht achtlos vorübergegangen werden darf, sondern es wird darin auch wegen Bezahlung der niedrigen Beiträge,, in denen ja der kostenfreie Bezug dieser Zeitung enthalten ist, direkt auf ein in Dresden eingerichtetes Postscheckkonto Näheres zur gef. Beachtung gesagt sein.) Aus der Ili-Vewegung Verantwort!.: Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Zugendvereine Deutschland» Redaktion: Dr. Ellen Littmann, Berlin Au den Glaubensartikel« für liberale Jugend Von Rabbiner Dr. Dienemann, Offenbach. Es ift. zu diesen „Glaubensartikeln" mancherlei zu bemerken. Dürfen sie eigentlich Glaubensartikel benannt werden? Wäre es nicht richtiger gewesen, sie Unglaubensartikel zu benennen? Denn ein Wesentliches in ihnen ist ja das: ich glaube nicht. Nun ist ja richtig, daß es auch zum Wesen des Liberalen gehört, an überkommenen Vorstellungen Kritik zu üben, aber dann muß man für ein Umgestoßeues, Verworfenes ein Anderes, Besseres setzen. Sollte damit die Prüfung des Gottesbewußtseins beendet und vollendet sein, daß man an die Stelle des Glaubens an den lebendigen Gott den Glauben an die Kraft des Herzens setzt? Man braucht diese Frage nur zu stellen, um der verneinenden Antwort gewiß zu sein. Die Ueberschrift „Glaubensartikel für liberale Jugend" ift irreführend, sie ift falsch. Der Verfasser hätte schreiben dürfen: Mein Bekenntnis. Dagegen wäre nichts zu sagen, das wäre gutes Recht gewesen. Aber indem diese Bekenntuisreihe „Glaubensartikel für liberale Jugend" genannt wird, wird ganz einfach ausgedrückt, daß es zum Wesen des Liberalismus gehöre, bell Glauben an einen persönlichen Gott zu verneinen. Dagegen ift.Front zu machen, unbedingt und unerbittlich. Wir sind innerhalb des Judentums keine Ketzerriecher und keine Ketzerrichter; wir forschen nicht nach, wie jemand sich Gott vorftellt. Das Wort „Gotteserkenntnis" hat Jeremia schon einst so bestimmt, daß es bedeute, wissen, was Gott vom Menschen verlangt. Wir können manche Auffassung von Gott vertragen. Nicht einmal die Orthodoxie hat danach, gefragt, wie jemand sich Gott denke; sie hat Tat gefordert itrtb kein Glaubens bekenn tnis verlangt. Es ist auch so, daß die Frage nach Gott durchaus nicht außerhalb der Diskussion, des Forschens und Suchens zu bleiben braucht, es hat auchhier Wandlungen genug gegeben und der Weg der religiösen Bertiefnna ist immer der gewesen, das Bewußtsein von Gott so klar und einfach als möglich zu gestalten, es so frei als möglich von menschlicher Vermischung und Trübung zu machen. Aber einfach Liberalismus mit GlaM nan eine Herzeüskraft nüd mit der Leugnung eines tzetsönlichen Gottes gleichzusetzen, das Zeht nicht. Dazu hat niemand ein Recht. Man erinnere sich, daß unsere Richtlinien für das liberale Judentum schon mit der klaren und bestimmten Feststellung begannen: „Die ewigen Äahrheiten und sittlichen Grundgebote det jüdischen Religion, in denen alle Zeiten und Richtungen des Judentums übereinstimmen, sind: 1. Me Lehre von dein einig-einzigen, reingeistlgen, heiligen Gott, dem Gott der Gerechtigkeit uNd Liebe/" Und wenn diese Richtlinien auch niemals ein Pogma waren und nie als solches gedacht waren, sie zeigen doch deutlich was man als zum jüdisch-religiösen Liberalismus gehörig, als notwendig mit ihm verhaftet, als bestiminend und richtunggebend empfand. So lange Judentum Religion sein soll und nicht nur eine völkische Angelegenheit, wird es des Glaubens von einem wirklichen Lebendigen Gott nicht entbehren können. Er ist für das Judentum, so lange das Judentum und nicht irgend eine unbestimmte und verschwommene Religion, irgend eine vag herumschweifende Religiosität sein soll, unentbehrlich. Er gehört geschichtlich und notwendig zu ihr, und es heißt nicht mehr sinngemäße Fortentwicklung, sondern Bruch, mit alter und jeder Vergangenheit, den Glauben an ihn als gleiche giltig hinzustellen und ein Unbestimmtes an seine Stelle zu setzen. Das muß in aller Deutlichkeit gesagt sein. Ml die Bielen, unendlich Bielen, die einen guten, prachtvollen Kampf um die Reinhaltung jüdischer Lehre von allen Schlacken und allem nur Zeitgemäßen kämpfen, und die dabn doch sich ihr Leben gar nicht anders denken können atä unter einem wirkenden urtd waltenden Gotte stehend und vor einer Vorsehung umschattet, werden sich energisch und heftig aufbäümen gegen diese Beiseiteschäebung ihres Glaubens und ihres SehnenS und gegen jene Gleichsetzung von Nichttzlauben an den persönlichen Gott und Liberalismus. Hier kann man nicht mit Beweisen gegeneinander kommen, hier ist nur die , einfache Feststellung am Platze, und diese einfache Feststellung 'heißt: der Glaube an einen waltenden Gott gehört zum Wesen und Kern des Judentums,' daran lassen wir nicht rütteln. Wer ihn nicht zu glauben vermag, wer auf andere Kraft horcht, wir können ihm nicht wehren, aber niemand hat ein Rocht, dieses Nichtglauben Judentum oder liberales Judentum zu nennen.!! « Man hüte sich vor dem Weg, einem Abseitssteh enden das Judentum schmackhaft zu machen, ihn damit zurückqewinnen zu wollen, daß man sein Denken als legitimes Judentum hinstellt und ihm zuliebe dann aus Wesentliches Verzicht leistet. Die Antwort wird und kann dann nur sein: also brauche ich Judentum erst recht nicht. Die Kritik an dem Ganzen dieser Glaubensartikel ist in den Nnzelheiten eine theologische Angelegenheit, sie bleibe darum hier ausgesckialtet. Aber einige Punkte sollten doch nicht unerörtert bleiben. Was ist das: „Kraft des' Herzens?" Wessen Herzens? Und wmn nun jemand sagt, und das ist doch, heute lebendige Wirklichkeit: mein Herz sagt mir, daß es gut und heilig ift, jeden Fremden, jeden Andersdenkenden zu schlagen und zu vernichten, mit dem Schwerte meines Staates Grenzen rn dehnen und ihn groß zu machen: mein Herz sagt mir: Friede ist faul, nur das Starke hat ein Recht zu sein: ist das auch eine Herzenskrast. die ich Gott nennen darf? Warum nicht, wenn mein Herz Maßstab der Dinge sein darf? Nichts kann deutlicher zeigen, daß es einer festen Norm und also eines über Herzenskrast hinausgehenden Bestimmenden bedarf. Was soll das heißen: ,Hch glaube nicht an eine bewußte sinnvolle Ordnung der Welt. Aber das sinnvolle Zusammenwirken vieler Kräfte ringt mir Bewunderung und Ehrfurcht ab." Das ist nicht verständlich. Wenn die vielen Kräfte „sinnvoll" sind, dann können sie es nur sein, wenn eine sinnvolle Ordnung gesetzt ist. Hier widerspricht Satz 2 glatt Satz 1. Was soll das heißen: „Ich glaube nicht, daß eine bewußte Vorsehung in der Welt waltet... Aber wunderbare Erhaltung... erscheint mir wie Vorsehung?" Soll hier Nur das alte Wort gerettet werden und mit einem anderen Inhalt erfüllt werden? Soll eine „Religion des Als—ob" statuiert werden? Laßt uns so tun, als ob unser Sein, wenn eS und weil es wunderbar ist, einer Vorsehung untersteht? S« erscheint es fast, wenn man nachher liest: „Gott, mein Gott, ist mir nicht wirklich und bewußt nahe, aber ich fühle ihn so, als ob er es wäre, ich könnte ihn Vater neinnem" Aber jedes „Als —ob" verbirgt ein „Nicht", und eine Religion des Als-ob wäre letztlich eine Religion der bewußten Selbsttäuschung. ^as gerade ist das Reizvolle des jüdischen Gottesglaubens, daß er den Menschen in die ewige Spannung der Ferne und d.er Nähe hineinstellt, daß er ihn darum nie ruhen und im Besitz sich sonnen und bescheiden läßt, sondern ihn zum wie ausruhenden Kämpfer macht. Man soll das Ding beim rechten Namen nennen. In jenen Glaubensartikeln spuckt einfach Spinoza herum. Das ist nichts Kleines, nichts, das man nicht sagen und bekennen dürfte. Aber dann soll man es sagen. Und man muß dann wissen, daß Spinoza und jüd-ische Religiosität ein Unvereinbares sind mrd von der ersten Sekunde an wie Feuer und Wasser zu einander standen und, stehen mußten. Man kann sich gegenseitig erkennen und abgrenzen, aber nicht sich in einander verschmelzen und am wenigsten mit Werken, die nicht fest und bestimmt sind. Eines ist nun aber noch in jenen „Glaubensartikeln", das, auch wenn man alles andere zu sagen sich gedrängt fühlte, besser unterblieben wäre. Das alte j' woroch' cho wiederzugeben mit tKtt Worten: „Die ewige Gott-HerzEnskrüft segne dich und behüte dich", das kann manchen urnerlich Gläubigen tief verletzen. Und das wollte der Autor doch nicht. Wie ab er die Gött-Herzenskraft — mein« eisten« Kraft — näch dem im Satz 1 Gesagten — nicht behüten und segnen soll, das ist nicht zü verstehen, da wäre doch besser geatzt: „Setzne und behüte dich selbst"! Os gibt eine prachtvolle Anekdote von Hermann Erchen. Als er emem Marourgkr Juden seine Theorie von dem Gdtt als der etyigen Idee der Srtklichfeit aüseittaNdersetzte, sägte dieser: „Alles seht Mn, aber wo bleibt der Bore olam, der Schöpfer der Welt?" Dü fing HerNiatrst Cohen bitterlich zu weinen an. Matt kann auf düs GMe nur mit den Worten dor Psalm 2 Beis 4 entgestneN. * Aus der IÜ-Arbett Brttlau. (I ünge ren-Gruppe des Jli.) In det MkteN DtzeckbethAste sprachest Alice Eöhn über die Fraü im JNbetNn«' ttUd Fred Aschkowitz über die geschichtliche Entivicklung des Sozlälirvttts. Das Referat van Mi« Tohst schloß sich an zwei im Oktober gehalten« Referat« an und macht« uns mit dem Leben der jüdischen Frau in der Zeit nach der Emanzipation vertraut. Fred Aschkawitz aab in Kürze ein Bild von der Entstehungsgeschichte der Getverksthaft« und referierte dann über die Theorien von Marx, Lassäll« und andervs» Sozialisten. An beide Referate schloß sich eine lebhafte Diskussion an. Die Heimabende des Januar wären neben einem Lesenachmittag den Fragen dev jüdischen Resormbewegung -gewidmet. WährÄd auf dem 1. Abend über die Reformgemeinde und ihre Ziele gesprochen wurde, referiert« am 2. Abend Ullrich Steuer übet die Idee der jüdischen Reformbewegung in ihrem geschichtlichen Werden. Er betonte ausdrücklich, daß mit jüdischer Reformbewegung der gesamte jüdische Liberalismus gemeint sei. Auch dieser Vortrag bot Gelegenheit zü reger Aussprache und damit zur notwendigen Klärung dieser füt die Jli-Bewegung so wichtigen Probleme. H. H. Das Ili-Programm Verls«. Gemeinsame Veranstaltungen. Donnerstag, den 5. Februar, abends 8 Uhr, Diskilfsionsabesd unter Leitung ovu Herr« Dr. Leo Nosenzweig in der Syuagoga Fafanenstraße 78. Thema: „Glauben und Wisse« im Judentum". — Donnerstag, den 12. Februar, abends 8 Uhr, Vortrag Julius Bad, Synagoge Fa'anenstratze 79. Thema: „Dir Juden und der deutsche Geist". — Fahrt. Am Sonntag, dem 8. Februar. Treffen 18 Ahr vor dem Bahnhof Charlottenburg, Eingang Stuttgarter Platz. Wir mache« unsere Jli-Mitglirder auf folgende beiden Ardeits« gemeinschafteu aufmerksam: 1. „Die theoretischen und prattische» Grundlage« des liberalen Judentums". Leitung: Landgerichtsral Dr. Arthur Lilienthal, Dr. Ellen Littmann. Beginn: Montag, den 23. Februar, abends 29 (8) Uhr, im Verwaltungsgebäude der Synagoge Fasanenstraße 74. 2. „Was haben die jüdisch'« Feste der Jugeud zu sagen?" Diese Arbeitsgemeinschaft wird geleitet von Krorge Goetz, der zur Einleitung zwei vortrage halten wird, und zwar: «) „Ueber de» Sinn des Velens"; bj „Dir Gestaltung des modernen jüdische« Gottesdirnstes". Beginn: Dienstag, de« 17. Februar, abends 28 (8) Uhr, im Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde» Rvfenstraße 2-4. Aelterengruppe: Heimabend am Mittwoch, dem 11. Februar, abends 8.38 Uhr, bei Elle« Littmann, Reue Kantstraße 6. Thema: Die jüdische Fra» im Zeitalter der Romantik. Ponkow'Oste». Mittwoch, de« 4. Februar, abends 8.15 Uhr, bei Alice »re« fchinski, Elbinger Straß« 46. Thema: Plato«: Phaido«.