Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 5 (4.2.1931)
- Date
- 1931-02-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Jin übrigen ift die Tragweite deö Reichsgerichtsur teils aus der abgekürzten Wiedergabe des ^Israelit" nicht klar erkennbar. Wenn daraus hergeleitet wird —■ der „Israelit" versteht die Entscheidung so — daß es neben dein Austritt aus der Gemeinde auch noch einen Austritt aus dem Judentum mit rechtlicher Wirkung geben könne, so scheint mir dies verfehlt zu sein. Würde das Reichsgericht eine solch« Unterscheidung auch für die evangelischen Landeskirchen anerkennen? Da es einen gesetzlich geregelten Austritt aus der mosaischen Religion nicht gibt — ebenso wenig wie aus dem Christentum im Lehrsinne — so sind die inneren Vorgänge, die mit einem Austritt aus der Gemeinde verbunden sind oder ihn veranlaßt haben, für den Staat und die Religionsgemeinschaft — als Körperschaft öffentlichen Rechts — vollkommen belanglos. Wenn das Reichsgericht, unter Hinweis auf die verfassungsmäßig gewährleistete Religionsfreiheit, einem ans einer jüdischen Gemeinde Ausgetretenen erlauben würde, sich im Rechtsverkehr - nur dieser untersteht der reichsgerichtlichen Beurteilung — als Jude zu bezeichnen, so müßte es folgerichtig diese selbe Bezeichnung auch jeder aus einer christlichen Kirche oder Sekte ausgeschiedener und keiner anderen christlichen Religionsgemein- ' schuft beigetretenen Person sreistellen, und müßte ferner umgekehrt auch zulassen, daß ein aus einer jüdischen Gemeinde Ausgetretener sich ohne weiteres als C h r i st bezeichnet. Es leuchtet aber ohne weiteres ein, daß dies alles nur möglich ist, wenn die Begriffe Jude oder Christ rein im Sinne von „Bekennen: Christi" oder „Anhängern der mosaischen Religion" verstanden werden, denn hier hat der Staat im Grunde genommen weder zu erlauben noch zu verbieten. Für die staatliche Austrittsgesetzgebung können aber nur rechtlich fundierte Gemeinschaften mit klar bestimmbarer Zugehörigkeit in Betracht kommen. Andernfalls hat sie ihren Sinn verloren. Mit dieser Feststellung eröffnen sich nun für unsere Gemeindepolitik und unsere gesetzgeberischen Probleme ganz neue Aspekte. Die Bestimmung in dem Entwurf des JudengesetzeS, wonach ein Austritt aus der Synagogengemeinde wegen religiöser Bedenken zulässig ist, und der Ausgetretene verpflichtet bleibt, seine Steuern an einen Landesverband weiterzuzahlen, erscheint in einem anderen Licht und ist wahrscheinlich unhaltbar. Sie setzt — da es einen Austritt aus dem Judentum als solchen nicht gibt — zum mindesten die gesetzliche Anerkennung voraus, daß jedes Mitglied einer Synagogengenteinbc eo ipso auch unmittelbar Mitglied des Landesverbandes ist, dem die Gemeinde angehört, und die Anerkennung dieses Landesverbandes als Religionsgesellschaft öffentlichen Rechts. Auf der anderen Seite ist aber auch klargestellt, daß nach gellendem Recht der aus der Gemeinde Ausgetretene in jedem Fall nicht mehr befugt ist, sich im Rechtsverkehr, insbesondere Behörden gegenüber, z. B. bei Anmeldungen, Steuer-- Erklärungen, Zeugenaussagen usw. als Juden zu bezeichnen. Er ist aus der jüdischen Religionsgemeinschaft ausgeschieeden und zwar mit allen sich daraus ergebenden rechtlichen und persönlichen Folgen. Er wird auch einer jüdischen ' Vereinigung, die für ihre Mitglieder das Bekenntnis zum Judentum voraussetzt, nicht mehr angehören können: denn die äußere, formelle, rechtliche Zugehörigkeit wird hierbei doch immer conditio sine qua non sein. Wenn die Kenntnis dieser Rechtslage überall durchdringt, so ist zu erwarten, das; in Zukunft unzufriedene Gemeinde- Mitglieder es sich ganz airders als bisher überlegen, ehe sie sich zum Austritt entschließen. Dem mAustritt aus steuerlichen Gründen wird ein starker Riegel vorgeschoben. Die Stellung der Gemeinde wird gestärkt, denn sie — und sie allein! ist für den einzelneil die rechtliche Verkörperung der Gemeinschaft, von der man sich nicht trennen soll. 3uöett und Judentum in Vauemopa Von Rabbiner Dr. Gotisch alk, Köln. Während in Gens die Paneuropaidee greifbare Form erhalten soll, läßt Coudenhove-Kalergi unter dem Titel „Los vonl Materialismus" ein neues Buch erscheinen und unterstreicht damit die Auffassung, die wir längst von ihm haben konnten, daß. er nicht nur Politiker, sondern auch religiös-ethischer, ein hochidealistischer Mensch ist, h.aß, es ihn: nicht bloß um neue Staatenformen, sondern erst recht um neue Mensch enfor»er: geht. „Der wahre Kulturkampf ist der Kampf zwischen Idealismus -und Materialismus" heißt es in der neuer: Schrift. „Unsere Zeit ist barbarisch, weit sic materialistisch ist." Gott als! Inbegriff der Menschlichkeit nennt er „widersinnig", denn der »irdische Jammer ist zu gro||, Gott ist ihm Inbegriff der Schönheit. Kunstwerke sind ihm „Enkel Gottes". Er läßt sich durch nichts in seinen: Glauben an den Idealismus erschüttern, obgleich heute der Materialismus alle Gewalt der Welt in Händen hakt". Aber auch des Judentums gedenkt er wieder. Und das erinnert daran, daß, wir in dem Verfasser einen jener Männer besitzen, die uns gerade in der Gegenwart Bürgschaft einer besseren jüdischen Zukünst sind. So gewiß wir unfern Wert in uns selber tragen sollen, es kann und braucht uns nicht gleichgültig sein, wenn ein Mann wie dieser Paneuropäer, dessen Ideen eine Welt ersüllen, so glühende Hymnen geradezu auf das Judentum singt, wo iinnrer wir seine Bücher auffchlagen. Nur wenig ift einseitig und falsch gesehen — daß der Einzelne bei uns nichts bedeutet, daß Christus der vollkommelüvste Jude war — das ganze ist eine „Heiligung des göttüchen Namens". Was aber ergibt eine Betrachtung all seiner Schriften? Er wendet sich gegen die „Rassenmystiker". Wenn sie sich schon durch das Dasein Christi und Spinoza nicht beeinflussen lassen, mögen sie bedenken, daß! gerade in unserem Jahrhundert das Judentum einen -größeren Prozentsatz an genialen Repräsentanten hervorgebracht habe als irgend ein Volk. Die „destruktive Tendenz" ist kein Vorwurf, tvenn sie Kritik erzeugt, tst Reaktion auf den AntiseinitiÄnus, wenn sie politisch ist. Tie große allgeiueine Begabung der Juden prädestiniert sie zur Führerstellung. Mer immer sind sie „Blitzableiter" für den Bolkszorn, „Sündenboä" für jedes politische Mißgeschick. In der „revolutionären Einstellung" der Juden hat man den jüdische,: Wille,: zur Gerecht'gkeit zu entdecken, in dem Antisemitismus dagegen Verbeugung vor einem Vorurteil, Mangel an moralischem Mut, das Wort Kosmopolitismus erscheine wie Herabsetzung. In seinen Kern sei der Antisemitismus religiöser Fanatisinus ei,n erschüttertes Kindheitserlebnis, das der erwachsene Christ wieder ans graben müsse. Die Erzählung von dem durch Juden gekreuzigten Christus sei der Ursprung. Gerade Deutschland sollte vorangehen in Kritik und Revision. der Judenfrage. Nicht eine Sache der Juden, sondern der „besten Deutschen" liege hier vor, eine Gewissenspslickt Deutschlands. Die zionistische Forderung freilich sei ein Unglück für die Westjuden. Nationen sind bewußte Kulturgemeinschäften, nicht Blutsgemeinschaft. Die Jewish Agency könnte Weltbedeutung erlangen, wenn sie der nationalen und territorialen „Versuchung" widerstehe. In Mose habe man einen der beiden großen Gesetzgeber zu erblicken (der andere sei Konfuzius). Er lehre die Ethik des Glaubens. Und diese Ethik in der Politik zu verwirklichen, sei Weltmission des Judentums. Es hat am meisten Unrecht erlitten, und soll nun die Welt davon erlösen, es hat am stärksten unter Gewalt gelitten und soll nun die Welt davon befreien. Durch Tradition, Zivilisation, Ethos, Klugheit, Internationalismus sind die Juden Pazifisten geworden. Die Welt kommt mit den Nationalismen nicht mehr aus, sie braucht „Boten und Mittler" des Friedens nutz deshalb das Judentum. Sie braucht das ethische Evangelium des ^Judentums von der Weltanschauung durch Geist und Glaube. Hirne und Ueberzeugungen, so lehrt die Geschichte des Judentums, Schlemihl Bon S. Meisels. Eine Wortbetcachtung anläßlich des 150. Geburtstages Adalbert von Chamiffos. Das Bleibende, das Adalbert von Chamisso geschaffen, ist sein „Peter Schlemihl". Tie Dichtung erschien zuerst 1814 und wurde schon nach kurzer Zeit fast in alle europarschen Sprachen übersetzt. Peter Schlemihl eroberte sich gleichsam im Fluge den ganzen Kontinent: er warf seinen Schatten, den er verloren hatte, in aller Welt voraus. Peter Schlemihl, insbesondere der „Schlemihl", wurde zu einem Gattungsbegriff. Man halte es nicht für eine Uebertreibung: Schon in der Wahl dieses Buchtitels erweist sich Chamissos dichterische Erfindungsgabe. Ter Heldder Erzählung ist mit seinem Namen so unzertrennlich verwachsen, als wäre er ihm von Ewigkeit her zugedacht gewesen. Es gehört schon wirllich ein Pech dazu, semen Schatten zu verlieren, und nur einem Unglücksmenschen wie Schlemihl kann so etwas begegnen. Auch sonst waltet über dein schattenlosen Mann wie über seinem Namen ein gleiches Verhängnis. Wie der Mann durchdie Welt ohne Schatten wandert, so laust Schlemihl ohne Stammbaum umher. Man muß nämlich wissen: der Schlemihl ist, wie ein Sprachforscher es schön ^usdrückt, auch in sprachgeschichtlicher Beziehung ein rechter Schlemihl. Es ist ihm sprachgeschichtlich nicht beizukommen. Trotz allen erdenklichen Mühen, die man sich um ihn gegeben, ist es bisher nicht gelungen, seine Abstammung unzweifelhaft sestzustcllen. Man weist auch heute noch nicht, von wem er abstammt und wer sein Urahn war. Sicher ist nur, daß „Schlemihl" einen hebräischen Ursprung hat. Mer auch der Ursprung ist in ein tiefes Dunkel gehüllt, das zu erhellen die Sprachwissenschaft vergeblich sich bemüht. In der ausgezeichneten Chamisso-Ausgabe des Bibliographischen Instituts ist der Herausgeber, Tr. Hermann Tardel, aus allen Spuren der Herkunft des Wortes Schlemihl nachgegangen. ohne indes zu einem beftiedigenden Ergebnis zu gelangen. Von allen Erklärungen und Deutungen hält er nur das eine für sicher, daß er in der jüdisch-deutschen Gaunersprache Schlemihl allgemein einen Unglücksmenschen bedeutet. Auch Heinrich Heine hat über die Herkunft des Namens Schlemihl nachgesorscht. In seinen: „Romanzero" erzählt er, daß er sich um eine Auskunft persönlich an Chamisjo, den „Dekan der Schlemihle", gewandt habe; Chamisso wies ihr: an Hitzig, und hitzig gab ihm folgende Erklärung: Im 4. Buch Moses, Kap. ^5, wird die Geschichte von Simris Ermordung erzählt; nach einer alten Ueberlieferung soll jedoch nicht der Sünder Simri, sondern ein ganz Unschuldiger, nämlich Schlemihl ben Zur: Schaddai, von dem Speere des Pinehas tötlich getroffen worden sein. Sonach wäre der biblische Schlemihl ben Zuri Schaddai der Ahnherr aller Schlemihle. Tiefe Heinische oder Hitzigsche Erklärung ist nicht stichhaltig. Wohl geht die Sage von der Ermordung des unschuldigen Schlemihl aus einen Midrasch Tanchuma zurück, abec in: althebräischen Schrifttum ist nirgend von Schlemihl als von einem Unglücksmenschen die Rede. Tie angeführte etymologische Erklärung dürfte übrigens wirllich von Hitzig stammen, dennn auch Chamisso machte sie sich zu eigen. Am 17. März 1821 schreibt Chamisso an seinen Bruder Hippolyt: „Schlemihl oder besser Schlemiel ist ein hebräischer Name, und bedeutet Gottlieb, Theophil oder aime de Dien. Dies ist in der gewöhnlichen Sprache der i Juden die Benennung von ungeschickten oder unglücklichen Leuten, denen nichts in der Welt gelingt. Ein Schlemihl bricht sich den Finger in der Westentasche ab, er fällt auf den Rücken und bricht das Nasenbein, er kommt immer zur Unzeit. Schlemihl, dessen Namme sprichwörttich geworden, ist eine Person, von der der Talmud folgende Geschichte^ erzählt: Er hatte Umgang mit der Frau eines Rabbi, läßä sich dabei ertappen und wird getötet. ■ Tie Erläuterung stellt das Unglück dieses Schlemihl ins Licht, der so teuer daS, was jedem anderen hin geht, bezahlen muß." In seinem Buche „Morgenländische Wörter im Deutschen" gibt Enno Littmann zum Worte Schlemihl vier Erklärungen: 1. Schlemihl soll die spätere Aussprache des Namens Schelumi'el sein. Tann ist aber nicht der Fürst der Kinder Simeou gemeint, sondern ein Rabbinerschüler dieses Namens, der im 14. Jahrhundert zu Ens in Oestersind stärkere Waffen als Armee und Bajonette. Ein Vorkämpfer dieser Ideen war in neuerer Zeit Popper-Lynkm», ein Jude. Er verteidigte das „Recht auf Existenz", das „Recht zu leben", « verlangte die „Allgemeine Nährpflicht". Er starb arm, weil er Jude war, aber wie er arm, krank, und doch mit seligem Lächeln dalag, lehrte er: „Der Weise allein ist frei, glücklich, reich, ein König." Daß ein solcher Mann lebte, ist „ein Trost im Chaos der Gegenwart und eine Bürgschaft lichterer Zukunft". Die Bedeutung des Judentums erschließt sich uns aber auch, wenn wir es am Christentum messen. Das Christentum ist nur regeneriertes Judentum. „Soweit Europa moralisch ist, ist es jüdisch", und die ganze europäische Ethik stamme von: Judentum. Kant und Tolstoi nennt er „Wahljuden" im geistigen Sinn. Die jüdischen Führer des Sozialismus sind die heutigen jüdischen Propheten, sind Erneuerer mosaisch« Tradition. Die Weltanschauung des Marxismus sei weder jüdisch noch christlich, aber der „unbedingte Wille zur sozialen Gerechtigkeit" ist ein Erbe der großen jüdischen Tradition. Und in dieser ethischen Grurweinstellung liege eine Wurzel der „einzigartigen Größe" des Judentums. Das Judentum werde mit zum Kern des europäischen Zukunftsadels gehören. Es sei durch künstlichen Ausleseprozeß veredelt, eine Adelsrasse von Geistes Gnaden". Es «rußte dahin kommen, weil sich durch die ständigen Verfolgungen nur die Tüchtigsten am Leben erhalten konnten. Wohl finde man auch Juden, die zynisch seien, weil sie keinen Glauben an ihre Ethik haben, wohl habe Hypertrophie des Hirns körperliche und nervöse Schwäche erzeugt, aber schon seien die Juden dabei, sich körperlich zu ertüchtigen und in ihren Gesten adlig zu werden. Durch Festhalten an ihrer Ethik könnten sie nur Ehrenrnänner Gentleinan, Kavaliere werden. Die Welt braucht das Judentum, den:: das Christentum hat versagt, hat sich durch die materialistische Weltanschauung verdrängen lassen. Die ganze politische Geschichte Europas sei eine Geschichte der Verhöhnung christlicher Ideale. Europa habe nicht die Nachfolge Christi angetreten, die große Mehrheit sogenannter Christen kümmere sich weder um die Gebote christlicher Liebe noch um die Gebote heidnischer Hochherzigkeit und Freigebigkeit. Das Judentum soll die soziale Ethik weiterpflegen, cs sei aber nicht seine Aufgabe „eine kleine asiatische Republik zu gründen und zu den zahlreichen Nationalismen einen neuen binzuzufügen. ES bleibe daS sozialc Gewissen der europäischen Kultur. Denn dadurch ergänz: es die schwachen christlichen Instinkte. Europa kann nicht ohne Gefahr aus dieses wesentliche Element der Kultur - das Judentum — verzichten. Das neue Ideal Europas beißt Ritterlichkeit, nicht .Heiligkeit. Und in dieser Ritterlichkeit gegen Freunde und Feinde sollen urü> werden Juden und Nichtjnden zusannnenslchen. Gegen die „europäische Gemeinheit", gegen alles Feige und Unwahre, gegen Korruption und Demagogie sei ein Kreuzzug, gegen den europäischen Sumpf ein „Guerillakrieg" nötig, den die beste europäische Jugend führen werde als Kiltder eines Blutes, Erben einer Tradition, Ahnen ei n e r Kultur. Jeder fange in sei ne m Kreise an, handle ritterlich ohne Rücksicht ans die unmittelbare Wirkung, strebe nach Reinheit des Blutes, Stolz der Haltung, Menschlichkeit der Taten, Höflichkeit der Sitten. So erblickt dann die Menschheit die ersten Strahlen der nenaufgehenden europäischen Sonne! Das sind die Gedankengänge des großen Paneuropäers. Und wenn er in seiner neuen Schrift „Los vom Materralisnms" nachdrücklich aus Nietzsche als sein Ideal und das einer neuen Jugend verweist, so verstehen wir seine Judensrermdschaft erst recht. Hat doch grade Nietzsche von den Juden inbezug aus Europa gesagt: „In Europa haben sie eine Schule von achtzehn Jahrhunderten durchgemacht, wie sie hier kein andres Volk ausweisen kann. Infolge davon sind die seelischen und geistigen Hilfsquellen bei den jetzigen Juden außerordentlich. Jeder Jude hat in der Geschichte seiner Väter und Großväter eine Fundgrube von Beispielen kältester Besonnenheit und Beharrlichkeit in furchtbaren Lagen." So begegnen sich beide Großen in ihren: Urteil über uns. Den: Paneuropäer möchte man deshalb zurusen, was dieser von Popper - Lynkeus sagte: „Daß ein solcher Mann lebt, ift ein Trost im Chaos der Gegenwart und eine Bürgschaft lichterer Zukunft." reich lebte und ein rechter Pechvogel war. 2. Schlemihl solt aus Schlimm assal (eig. schlimm-masal „Unglücksstern") neugebildet sein mit Angleichung an Namen wie Gabriel. 3. (§§ soll die hebräischen Wörter schelo mo'it ,cher nichts nützt" enthalten. 4. Es soll mit Schelumiel nur insofern verwandt sein, als es dasselbe bedeutet, etwa „Heit Gottes". Dies soll ein 'Ausruf gewesen sein, den man gebrauchte, wenn n:an einem solchen Pechvogel, der eben auch anderen schaden kann, begegnete oder gar mit ihm zu tun hatte; dann wäre zu übersetzen „Gott behüte mich", und die Bedentungsoerschiebuug und Uebertragung auf die andere Person hätte ftattgesunden wie in „Gottseibeiuns". Littmann hält die erste Erllärung für die beste. Das kann indessen nicht stimmen, denn der Name Schlemihl, obgleich er in der Bibel vorkomnrt, war unter den Juden nie gebräuchlich; auch im 14. Jahrhundert nicht. Und daß ein Rabbinerschüler zu Ens * in Oesterreich so geheißen hätte, ist höchst unwahrscheinlich. Sehr wahrscheinlich dagegen, dünkt mich, die Ableitung der Bezeichnung Schlemihl von der Paarung des deutschen Wortes „schlimm" mit dem hebräischen Worte „Masal", also Schlimmasel. Dafür scheint schon der Umstand zu sprechen, daß beide Formen in der gleichen Bedeutung noch heute im Jiddischen gebraucht werden. Man sagt „Schlemihl" oder „Schlimmasel", was dasselbe bedeutet. Im Indischen gibt es sogar noch eine dritte Form, das Substantivum „Schlimmasalnik". Diese Bezeichnung hat eine einschränkende Bedeutung. Einen Schlimmasalnik nennt man!?inen, der beinah ein Schlemihl ist. Davon gibt es cn:ch eine weibliche Form „Schlimmasatnitze": so nennt man gewöhnlich eine Frau, die in allen häuslichen Hautierungen unge. schickt ist. Es will mir scheinen, daß Chamisia nicht ohne Absicht dem Namen Schlemihl den Namen Peter beigesellt hat. Denn auch Peter scheint es mit dem Pech zu tun zu haben, sonst würde man nicht so oft von einem dummen, faulen, langweiligen, verdrießlichen Peter sprechen. Vielleicht hat Cbamisso mit Peter nur die deutsche Ueberschung für den hebräischen Schlemihl geben wollen. Allenfalls ist, der Name Peter Schlemihl trefflich gewählt.