Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 4 (28.1.1931)
- Date
- 1931-01-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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keine Antwort auf maine Frage. Mai Waib war tot. Sie war gestorben als fromme Jiedin uf de Knie im Gebet zu Gott." „Ach", sagt Josef. Er kann vor Müdigkeit kaum noch stehen. Aber er wagt nicht, sich zu setzen. Er will nicht den Anschein 'Hervorrufen, als ermüde ihn die Erzählung des Juden. „Ach", klagt er noch einmal anteilnahmsvoll. Der Jude fährt fort: „Tot war auch mai Sohn, welcher lag erschlagen vor die eingetretene Tür. Rebekkchen war zu finden nirgends. Ich schleppte mich raus auf die Straße, um zu suchen mai Kind. Dort auf der Straße konnte man seh'n, wie die Judenhasser hatten gewütet überall. Ueberall hatten sie eingeworfen die Fenster mit Steinen. Ueberall konnte man sehen in die Wohnungen, welche hatten verwüstet die Studenten. Vor der Synagoge lag der alte Schammes. Die fainen Herrn Mörder von r Universität hatten ihm zertrümmert die Glatze. Ich konnte nich laufen waiter. Ich hatte erhalten Stiche überall in den Laib. Ich blieb stehen. Da kam plötzlich herausgelaufen aus die Synagoge mai Rebekkche. „Rebekkche, mai guttes Kind", rief ich. „Wo haste gesteckt die ganze Zait? Wos hat mer getan mit Dir?" — „Nichts", antwortete mai Rebekkche. „Nichts. Wie se kamen in mai Zimmer, bin ich gesprungen aus Fenster und gelaufen in die Synagoge, wo ich mich chob versteckt aufm al memmer hinter den silbernen Vorhang." — „Nich versindigt haben se sich an Dir, Rebekkche?", fragte ich mai Kind noch amol. Mai Rebekkche schüttelte ihren Kopf und streichelte maine Hände und sagte: „Sie sind alle geloffen hinter inirr her. Ich bin ihnen aber entwischt." Als ich aber sagte maim Rebekkche, daß Gott zu sich gerufen chat ihre Mutter und ihren Bruder, da fing se an zu schreien so laut, daß ich ihr hielt aus Angst maine Hand vor ihren Mund. Wir gingen zeruck. Ich hatte genommen Rebekkche bei der Hand. Das Jammern von mai Kind schmerzte mich mehr, wie die Messerstiche, welche ich chatte in mai’m Laib. „Ich will zu mai Mamme", jammerte Rebekkche. „Ich will mai Isaac'che sehn." Plötzlich ließ das Kind los maine Hand, blieb stehn ganz erschrocken. „Was is Rebekkche?", fragte ich. „Dal" sagte das Kind. Ich sah hängen an ainem Fensterkreuz eine nackte jiddische Frau mit schwarzes Haar, welches man ihr chatte gerissen auf die Brust. Die Jüdin, die die Herren Mörder von der Universität chatten geschändet, hing herunter an der Mauer von dem Haus. Sie streckte heraus ihre Zunge, welche war ganz dick. Auf ihrem Bauch chatte man gemacht mit Kohle ein — „mögen Dovid", will der Jude noch sagen, aber er schluckt das Wort herunter, denn plötzlich wird die Stimme der Schlafstellenvermieterin hörbar. Frau Schniese, die nebenan in der Schlafkammer liegt, ruft mit einer kratzigen Stimme: „Is dort jemand?" — — — „Wenn jemand in der Küche ist, dann sag ich: raus!!!" Der Jude schweigt und bewegt sich nicht. So lange verhält er sich still, bis aus der Kammer wieder beruhigende Schnarchlaute dringen. Dann klagt er: „Ja, ich bin ain unglicklicher Mann. Und ich chob uff der Welt niemanden, welchen ich kann sagen main Laid außer mai Rebekkche. Darum vergesse ich auch nicht, wenn ich spreche mai Morgengebet, zu bitten Gott, daß er mir läßt gesund mai Rebekkche. Kenne Se maine Tochter?" Josef schüttelt den Kopf. Er schläft erst seit acht Tagen in der Schniese’schen Schlafstelle. „Oi, das is ä schaines Mädchen! Ich sage Ihnen: Wer geht an se vorbei, muß werfen ein Auge auf sie. Ich will machen eine Wette mit Ihnen, daß Se haben noch nich gesehn so e schaines Mädchen. So e bechaintes Mädchen. So e guttes Mädchen. So ä kluges Mädchen. Und so ä tüchtiges Mädchen. Oi so tichtig« Wenn Se mochten sich intressieren derfier, ich könnte erzähl’n Ihnen von ihrer Chochme. Wie wir kamen nach Berlin, sagte ich zu maine Tochter: „Rebekkche", sagte ich, „wir wollen beide verdienen Geld und wollen alles legen zeruck, was wir kennen eriebrigen. Denn ich will sparen, um mir wieder zu koofen ainen Laden. Und Rebekkchen ging in de Häuser, ze fragen nach alte Sachen und se baldowerte aus ein paar Jieden, die ihr zahlten for de Klaider ä schaines Geld. Und wos soll ich Ihnen sagen?! Das Mädchen is so tichtig, daß se verdient mehr wie ihr Vater. Alle paar Tage kommt se an und gibt mir wos in de Hand, das ich kann legen zeruck for main Laden. Aber so ä guttes Mädel mai Rebekkche is, so stolz is se auf ihre Chochme. Ich kann nich bringen aus sie heraus die Adresse von de Jieden, welche zahlen for de alten Klaider so a schaines Geld." Der Jude lacht. „Ja, so is mai Rebekkche, wenn se nachher wird sain uffgestanden, ich werde se holen in de Kiche, damit Se sich kennen ieberzeugen davon, ob ich chob zuviel gesagt von mai Rebekkche oder nich. Und Sie werden schon sehn, daß mai Tochter is ne Scheenhait. A Dutzend Kavaliere könnt haben mai Rebekkche uff eenmal. Aber se lacht aus alle Männer, die wollen besitzen ihre Scheenhait, weil se noch is ain Kind, weil se nur kennt die aine Liebe zu ihrem Vater." Der Jude hat sich bei der Schilderung der liebenswürdigen und bewundernswerten Eigenschaften und Fähigkeiten seiner Tochter in eine so laute Begeisterung hineingeredet, daß Frau Schniese davon aufgewacht ist. „Is da jemand ‘in der Küche?" fragt sie ängstlich. „Kommen Se", zischt der Jude Josef zu. Darauf zieht er ihn mit unter den Tisch. Dort hocken sie beide dicht beieinander, als Frau Schniese in der Küche erscheint. Frau Schniese, die nicht das Licht anzuknipsen wagt, sieht die Männer nicht. Froh darüber, nichts Verdächtiges bemerkt zu haben, schurrt sie in ihre Kammer zurück. Die Männer kommen wieder unter dem Tisch hervorgekrochen. Der Jude grinst. Er hat ja gewußt, daß Frau Schniese aus Furcht nicht das Licht anknipsen wird. Während er wieder seinen Platz am offenen Fenster einnimmt, setzt sich Josef auf den Stuhl am Herd. Die Männer sprechen nicht, und sie sprechen sehr lange nicht, da sich die beruhigenden Schnarchgeräusche aus der Schlafkammer nicht einstellen. Infolge dieser erzwungenen Stille schläft Josef in der dunklen Küche am Kochherd ein. Der Jude stemmt sich vorsichtig am Tisch auf und lehnt sich aus dem Fenster hinaus. "Während er sich vom kühlen Nachtwind den Bart kämmen läßt, steht seine Tochter Rebekka zusammen mit einer Dirnenkollegin an einer Straßenecke Bettkunden erwartend. Außer Alex, der Rebekka die Wohnlaube häufig zur Verfügung stellt, darf niemand wissen, daß die Tochter des Juden seit einiger Zeit ihren Körper für Geld preisgibt. Aber Alex hat sein Versprechen nicht gehalten. Mit der dringenden Bitte um Verschwiegenheit hat er seinem Freunde Bartel das Folgende anvertraut: Eines Tages war Rebekka zu ihm gekommen. „Alex?" hatte sie ihn gefragt. „Kannste sein stumm wie ein Grab?" „Ja", hatte Alex gesagt und das Ja mit einem Händedruck bekräftigt. „Gut", hatte Rebekka gesagt. „Also hör’ zu: Wenn ich habe heute Nacht Glück, ich komme in Deine Laube. Is se frei?" „Wat?" hatte Alex gesagt. „Du willst uff’n Strich jehn?" „Ja", hatte Rebekka gesagt. „Es is nich sehr schön, so zu schlafen mit fremde Männer. Aber main Körper is doch nichts mehr wert, seitdem er is geschändet worden beim Pogrom, wo ich noch war ain Kind. Und wenn main Körper noch is wert zu was, dann nur dazu, daß ich mit ihm kann verdienen einen Laden for mai Vater." Und dann hatte sie Alex beschworen, ihrem Vater nichts zu N 24, Oranienburger Str. 29, Weidendamm D2 5921 Freie Justin MksfiochscBde Zweiter kontradiktorischer Abend: Brauchen wir eine jüdische Schule? R.4. Dr. Max Kollenschar R.-A. Dr. Walter Breslauer Montag, den 2. Februar, abends 8 Uhr im Logenhaus Kleiststrasse 10 (Dritter Abend: Dr. Ludwig Holländer / Kurt Blumenfeld: „Deutschjüdische und nationaljüdische Anschauung“, am 16. Februar, ebenda). Hörergebühr: Mk. 1.— sagen, daß sie bei dem Pogrom vergewaltigt worden ist. Als Alex sich ein paar Wochen später bei ihr erkundigt hatte, was denn ihr Vater dazu sage, daß sie ihm jetzt alle paar Tage Geld gibt, hatte sie geantwortet: „Wenn ich jetzt komme zu mai Vater und bringe das Geld, dann sagt er immer ganz außer sich vor Freude: Ich möchte nur wissen, wie es kommt, daß mai Rebekkche so viel mehr verdient, wie ihr Vater. Und ich sag ihm dann immer: Weil Dain Rebekkchen is ain schaines Mädchen. Und wail die Laite lieber geben de alten Sachen ainem schainen Mädchen, als ainem Mann, welchem liegt de Zoris im Ponim. Und dann lacht main Vater immer." Auch das hatte Alex dem Bartel erzählt. Noch immer steht Rebekka an der Straßenecke. Vergeblich späht sie nach Kundschaft aus. Sie wird immer müder. Fortwährend gähnt sie. Auch ihr Vater, der aus dem Küchenfenster hängt, gähnt immerzu. Schließlich legt er seinen Kopf auf das kühlende Fensterblech. ln dieser unbequemen Lage, in der ihm die Kante des Fensterbrettes den Brustkorb quetscht, schläft er ein. Als Frau Schniese am Morgen in die Küche kommt und die beiden schlafenden Männer bemerkt — den einen mit dem Kopf auf dem Fensterblech, den anderen mit dem Kopf auf dem Herd —, staunt sie mit einer kräftigen und ärgerlichen Stimme: „Nanu, wat is denn das?!" (Fortsetzung folgt.) :: ★:: BUCHERSCHAU ♦4444+»4»44»»»M»M444444444444«44»4»»4444»4»44» 44-44^ Literarische Notiz. Unter dem Titel „Freie Jüdische Monatsschau" beginnt in Berlin eine Revue für Politik, Literatur, Wissenschaft, Kunst und Buchkritik zu erscheinen. Diese neue Zeitschrift wird neben einer ständigen Rubrik „Monatsschau der Zeit", in der die jeweilige jüdische Situation in präziser Form glossiert werden soll, nur solche Aufsätze zum Abdruck bringen, die wert erscheinen der ephemeren Tagesjournalistik nicht anheim zu fallen. Die Auswahl der einzelnen Aufsätze erfolgt ohne Rücksicht auf die Richtung oder Gesinnung des Verfassers, sondern lediglich nach geistigen Kriterien. Es wird eine „Auslese" der besten und wichtigsten Publizistik aus der Presse aller Sprachen geschaffen, so däß zu erwarten ist, daß der Inhalt dieser Zeitschrift ein wirkliches Abbild des jüdischen Lebens bietet. Das erste Heft enthält Aufsätze von: Prof. Dr. Erich von Kahler: Juden und Deutsche, Lion Feuchtwanger: Der historische Prozeß der Juden, Stefan Zweig: Der Dichter Schalom Asch, Feiler: Der Antisemitismus in psychoanalytischer Beleuchtung u. a. m. Ferner eine ausführliche Rubrik Buchbesprechungen. Jedes Heft wird ca. 70—80 Seiten stark sein und im Abonnement jährlich 10,—, halbjährlich 6,— Mk. kosten. Bestellungen auf die Zeitschrift sind zu richten an die Adresse des Verlages: Berlin W 50, Schaperstraße 30. Der große Brockhaus. Band V, Doc bis Ez. Die Arbeiten an dieser neuen Lexikonausgabe schreiten rüstig fort. Jeder neue Band bestätigt den ersten Eindruck: daß hier in volkstümlicher Weise, aber dennoch nicht unwissenschaftlich, Wissen auf allen Gebieten vermittelt wird. Das gilt in erster Linie für das Geschehen des Alltags. Es hat seine Geltung aber auch für die Gebiete der Religion und der Wissenschaft. ln dem nunmehr vorliegenden Bande finden sich zahlreiche Stichworte, die religiöse Themen behandeln. So beispielsweise mit christlichem Einschlag Dogmatik, Erbsündet Erlösung, Eschatologie, Evangelium. In jüdisches Gebiet fallen u. a. Elias, Elisa, Esra, Esther, Elohim. Stets ist die knappe und doch gründliche Beschreibung als erfreulich festzustellen. Auch ist die Objektivität, beispielsweise zu dem ausführlichen Beitrag „Ewiger Jude", vorbildlich. An dem Gesamturteil über den Brockhaus können deshalb Beanstandungen an Einzelheiten nichts ändern. Sie erhalten mehr die Bedeutung von Wünschen für spätere Auflagen. Man vermißt in dem Bande Dubnow, während Elbogen enthalten ist. Bei dem Thema „Entwicklung" wäre ein Hinweis auf ihre Anwendung in der Religion, bei „Ethik" ein Hinweis auf das Verhältnis vom Judentum .zur Ethik am Platze. Auch ist wohl nur ein Vergessen, daß bei „Ewiger Lampe" ausschließlich auf die Einrichtung im Katholizismus verwiesen ist. So bestätigt auch dieser Band des Brockhaus, daß es sich hier um eines der wertvollsten Nachschlagebücher der Neuzeit handelt, das den Grundsatz verwirklicht: wer Vieles bringt, wird Jedem Etwas bringen. Walter Löwenstein. Soeben erschienen: zweite Konferenz des Uleltvnrliandesior religiös - liberales Judentum unmi Mn ur mmtai Mtorj London, 19. — 2 2. Juli 1930. Relerai8— Diskussionen—Beschlösse Broschiert 310 Seiten RM 3.—, für Mitglieder zum Vorzugspreis von RM 2.— erhältlich durch HBreiniDung lllr das liberale Judentum i ll. Berlin SW 11, Hallesche Straße 1 Gewissenhaften Unterricht auf allen jüdischen Wissensgebieten (Religion, Geschichte, Barmizwovorbereitung etc.) vermittelt der Hörerausschuß der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums Berlin N. 24, Artilleriestr. 14, Telefon Dl, Norden0216 A Beut uns Familien- Anzeigen! Religiöse vortragsfoios Am Sonntag, den 1. Februar, vormittags HV2 Uhr spricht im Logen« haus, Kleiststr. 10, Herr RaUiNir Dr. Baeefc über Vor und nach dem Vortrage: Chorgesang Eintritt frei. Vorstand der Jüdischen Gemeinde Sie brauchen Englisch zum weiter kommen. Lernen Sie es bei mir. Langjährige Auslandspraxis. Angebote unter „C AN ADA" an die Exped. dieses Blattes. Teiein für Feuerbestattung ln Berlin ron 1874, e. ▼. »«. kMtealaa, faaartwUWxn Aaaahm V IS, LAtwwitral« 44, TaMoa: Lfttsow MO-M luseriereu luluit Geniknl maierarbeiten Renovierung von Wohnungen, Geschäftslokalen, Treppenfluren nnd Fassaden. Rodert Guthoim Berlin W 50 Kulmbacher Strasse 7 B5 Barbarossa 626|0 Verlag: Bereinigung für das liberal« Judentum e. B., Berlin SW. 11. — Verantwortlicher ßtebatteur: DiPl.-Firg. Bruno Woyda, Berlin SW. 29. — Druck: Hermann Wegner Lr Co., Berlin-Martendorf.