Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 4 (28.1.1931)
- Date
- 1931-01-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Buch. Sein Blick ist in die Zukunft gerichtet. Sein Goldenes Zeitalter ist, wie es die jüdischen Apologeten so gerne betonen, in der kommenden und nicht in der vergangenen Zeit. Ein vorragender moderner Theologe und Philosoph' hat neulich viele Kübel Balten Wassers! und frostigen! Zweifels Liber den Begriff des Fortschrittes ausgegossen. Mer der Jude hat gleichwohl den Glauben im Herzen, daß hie Bistouen der Propheten nicht leere Bistonen bleiben' werden. Bevor dasl Ende kommt, wenn es kommen mußj, wird es, so glaubt er, mehr Erkenntnis Gottes aus Erden geben, mehr Gerechtigkeit, mehr Frieden, ja sogar mehr Glück.' Und alle diese Ideale find die Ideale, siich die Leistungen dieses alten Buches. Sogar die eine offenbare Begrenzung des Alten Testamentes bildet ebenfalls in gewissem Sinne eine Stärke. Dieser unerschpöfliche Glaube an Gott und an Gottes Gerechtigkeit, welche keine Verfolgung und kein Elend zerstören konnten, es quoll dem Juden aus süner Heiligen Schrift zu. Franz Delizisch wird heutzutage wenig gelesen. .Ich will darum fernen Bortrag mit einem Zitat von ihm schließen. „Das ist gerade der heroische Zug in dem Glauben des' Men Testamentes: Mitten unter den Rätseln dieses Lebens und angesichts des Tuntels, welches das jenseitige Leben einhüllt, wirft er sich ohne Rückhalt in die Arme Gottes." Und das war auch eine große Leistung. (Ins Deutsche übertragen von B. W. Segel.) Die Welt der jüdischen Orthodoxie Ist es nach dem jüdischen Religionsgesetze erlaubt, beim jüdischen Gottesdienste einen gemischten Chorgesang — zusammengesetzt aus Männer- und Frauen- oder Mädchenstimmen — zu verwenden? Vor kurzem hat in Bromberg — wie Zeitungen meldeten eine Gruppe religiöser Juden sich an das Departement für Bekenntnisfragen beim polnischen Kultusministerium mit der Bitte gewandt, den Bromberger Rabbiner Dr. Sonnenschein und den bortigeu Schächter ihres Amtes zu entheben, da sie in einer Synagoge beten, in der eine Orgel gespielt wird und ein Frauenchor singt. „Dadurch verlieren diese Leute au Ansehen und Würde", heißt es in der Eingabe. Dieser Vorfall bringt mir einen religiösen Kampf in Erinnerung, der sich im Jahre 1902 in der jüdischen Gemeinde in Gnesen abgespielt hat. Der Borstmü) der Synagogen-Gemeinde Gnesen hatte beschlossen, beim Gottesdienste einen gemischten Chorgesana — zusammengesetzt aus Männer-, Frauen- oder Mädchenstimmen — einzuführen. Der damals dort amtierende Seelsorger, der kürzlich in Hamburg verstorbene Rabbiner Herr Dr. Jacobson, legte gegen Len Vorstrndsbeschluß Protest ein. Die Gemeindevertretung bat Herrn Dr. Jacobson um den Nachweis, auf welche Quellen sich sein Protest stützt. Daraufhin gab er das folgende hochinteressante .Gutachten ab, dem er das Votum voranschickte: „Die Verwendung eines gemischten C h o r - gesanges beim jüdischen Gottesdien st e ist nach dem jüdischen Religionsgesetze zu verbieten." Das Verbot wird durch Folgendes begründet: I. Das Siegeslied am Schilfmeere wurde in getrennten Männer- und Frauenchören gesungen. Erst sang Moses mit den Männern, nachher Mirjam mit den aus dem Kreise der Männer herausgeführten Frauen. Also selbst damals, unter dem mächtigen Impuls des Augenblicks, der ein elementares Durcheinand er wogen der Männernnd Frauenstimmen gewissermaßen als eine natürliche: Auslosung der gewaltigen Ekstase gefordert hätte, blieb sich Israel der Zugehörigkeit des gemeinschaftlichen Singens von Männern und Frauen bewußt. Wie stark mußte in :hm, um eine solche Selbstbeherrschung zu ermöglichen, die Empfindung für die Ungehörigkeit wurzeln! II. B. M. 15, 1. 20. 21. Raschi im Kommentar. Midrasch Mechilta zur Stelle. II. In der Weissagung einer großen Wehklage, die einst in Jerusalem angestimmt werden wird, schildert der Prophet Secharjah, wie in jeder Familie die Männer für sich und die Frauen für sich die Klagelieder singen. Ter Ausdruck „unschehem lebhad" „und ihre Frauen für sich" wird fünfmal wiederholt. Daraus folgert der Talmud in einem Schluß vom weniger Selbstverständlichen auf das Selbstverständlichere — Kal wachomer —: wenn schon bei Trauerliedern die Trennung der Geschlechter erforderlich ist, um wie viel mehr ist sie in jedem andern Falle, bei freudiger, gehobener Stimmung, und wie am meisten im Gotteshause beim'Gebete geboten. Secharjah 12, 11—14. Raschi und Kimchi im Kommentar. Talmud Jeruschalmi, Sukkah V, 2: Talmud Babhli, Sukkah 52, a. III. Ein ganz deutlicher Ausspruch des Talmud lautet: wenn Männer singen und Frauen einfallen, d. h. also, wenn Männer- und Frauenstimmen chormäßig zufrmmenklingen, so ist das Terizutha, eine schamlose Durchbrechung jüdischer Sitte. Talmud Babhli, Sotah 48, a. IV. In unserm Ritnalkodex Schulchan aruth, der die maßgebliche Norm für unser religiöses Verhalten bildet, wird bestimmt: es ist darauf zu achten, daß! auch wahrend des Schema-Gebetes, wo die von diesem wichtigsten Bekenntniß-Gebete geforderte strenge Andacht auf die andere Stimme kaum achten läßt, keine Frauen-Singstimme: nicht emmal die der eigenen Frau, ertöne; — wozu der Glossar des Rabbi Abraham Gombiner notiert: auch keine Mädch e n st i m m e. Schulchan arukh Orach Chajjim 75, 3. Magen Abhraharn z. St. Note 6. V. Als im Jahre 1814 nach dem ersten Pariser Frieden Kaiser Franz von Oesterreich in seine Residenz zurückkehrte, wollte auch die Wiener Kultusgemeinde eine besondere Dankseier in ihrer Synagoge ^veranstalteten und wandte sich durch ihre takmudgelehrten Vertreter an den bereits hochberühmten, heute als allererste Autorität anerkannten Rckbbiner Mose Softr in Preßburg mit der Anfrage, ob bei urefem außergewöhnlichen Anlasse nicht die Benutzungf eines gemischten Männer- und Frauenchores gestattet sei. Sern Bescheid lautet durchaus verneinend. ..Es kann gar kein Zweifel darüber obwalten", heißt es m dem betreffenden Gutachten, „daß die Pflicht, den Landes- Gottesdienste Liberale Syvagege Norde«, Schönhauser Alle« 162. Freitag, den SV. Januar, abends 7.15 Ahr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Swarstnsti. S»n«atend, vormittags 15 Ahr, Gottesdienst. VerttA-vfte«. Ltderale Sgnagoge Oste«, Anla Mädcheaschal« Laiserstrntze 30. kreilag» den 30. Januar, abends 7.30 Ahr, Gottesdienst. Predigt: )r. Plotte. verlittiMeftend. Ltderale Synagoge Westend, Leisttkowstrad« 7-8, Anla. Freilag, de» 30. Januar, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Diehler. Saite. Jüdische Ne|or«»Ge«etnde. Gottesdienste am Sonntag, dem 1. Februar. Johavnisstrab« 16: vormittags 10.30 Uhr; Predigt: Dr. Zelski. KleiMraste 10: vormittags 10.30 Ahr; East predigt: Rabbiner Dr. Silderstei«, Stargard. fürsten zu ehren und zu feiern, eine der wichtigsten ist, die uns Juden obliegen. Während der Patriotismus im Allgemeinen mit der Rüigion weniger zu thun hat, ist er für uns Juden ein direktes; göttliches Gebet. Wer den irdischen Herrscher nicht gebührend ehrt, versündigt sich ebenso schwer wie derjenige, der keine T e p h i l l i n a n l e g t (und damit gleichsam das Joch des llimmlischen Herrschers abschüttelt). Es muß 'darum alles aufgeboten werden, die beabsichtigte Huldigung so prächtig uub schön wie nur möglich zu gestalten irnd das Gefühl unserer Dankbarkeit und Verehrung in eindrucksvolle Form zu kleiden. Aber grade daruni muß auch alles vermieden werden, was den Anschein erwecken könnte, als ob toir, um den Fürsten seiner Bedeutung und unserem Gefühle entsprechend zu feiern, unser Religionsgesctz. verletzen müßten; denn das wäre unsererseits eher eine AnÜage als eine Verherrlichung. Die würdigste Art der Huldigung ist die, in der zum Ausdruck kommt: wir danken dir, Fürst, daß du uns in der Bethätigung unserer Gl aubensv orschri fteu nicht bes ch r a u k t st und h i n d e r st u it ä> auch a l s Feier für d i ch nur das will st, w a s unser religiöses Gewi ff en u i ch t beschwert." Daß aber der geplante Chorgesang gegen unsere Satzungen verstößt und seine Ausführung unser religiöses Gewissen beschweren würde, bedarf keiner langen Darlegung, das geht klar aus den Quellenschriften unserer Religion hervor." Nachdem er dann diesen Quellennachweis geführt hat, schließt er mit den Worten: „Unser Gebet für den Kaiser würde bei Gott keine Erhörung finden, und unsere Loblieder für ihn würden wirkungslos verhallet:, wenn wir sie mit einem gemischten Chore begleiteten. Darum wachet streng darüber, daß solcher Gesaug it: euren: Gotteshause nicht ertöne, damit wir hoffen,dürfen, daß unser i n - brLustiges Flehen für den geliebten Herr scher, sein Haus und sein R e i ch a n g e n e h m s e. vor dem Herrschaft verleihenden König aller Könige, und auch unser Gebet beitrage, sein Glück zu fördern. Responsen Chathanr Sopher, Abtheilung Choschen Mischpat No. 190. Aus vorstehenden Aussprüchen, Bestimmungen und Entscheidungen ist ersichtlich, daß die von der geehrten Gemeinde- Vertretung in Erwägung gezogene Einrichtung nach dem Mischen Religionsgesetze unstatthaft ist und mein hiermit wiederholtes ergebenes Ersuchen, den diesbezüglichen Beschluß wieder aufheben zu wollen, von: religiösen Gewissen geboten wird. Aus dem Kanrpf ging Herr Rabbiner Dr. Jacobson als „Sieger" hervor: Die Einführung des gemischten Choraesangs unterblieb damals in Gnesen. Heinrich K u r tz i g. Aus der Bewegung Weltverband für religiös-liberales Judentum. In aller Erinnerung ist noch die imposante Tagung der „World Union sor Progressive Judaism", die in: vergangenen Juli in London staitsand und zu der auch aus Deutschland eine große Anzahl von Teilnehmern und Delegierten erschienen waren. Das Protokoll der Tagnng, der gesamte Wortlaut aller Referate, Diskussionen und Beschlüsse, liegt nunmehr in einer 310 Seiten umfassenden Broschüre vor und kann von der „Vereinigung für das liberale Judentum e. B.", Berlin SW. 11, Hallesche Straße 1, bezogen werden. Der Buchhändlcrpreis ist RM. 3,—; Mitglieder zahlen einen Vorzugspreis von RM. 2,—. (Siehe auch heutigen Inseratenteil.) Wiesbaden. (Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Judentum.) Am Mittwoch, dem 14. Januar ds. Js., sprach im Kreise der Ortsgruppe Herr Oberkantor Nußbaum über das Thema: „Der Geureindegesang". Der Redner gab zunächst einen historischen Ueberblick über Entstehung und Entwicklung des Gemeindegesanges in den Gotteshäusern überhaupt und in den jüdischen speziell. Um dem Tohuwabohu, das früher in den jüdischen Gotteshäusern herrschte, Einhalt zu bieten, schuf Salomon Sulzer den vierstimmigen Chorgesang; er ging aber zu weit, indem er der Gemeinde jede intonierende Aeußerung wegnahm. Der goldene Mittelweg ist einzuschlagen. Die Gemeinde muß beschäftigt werden, soll sie nicht den Gottesdienst stören. Die Gemcindegesänge müssen sich durch Einfachheit, leichte Faßlichkeit, scharf« Rhythmik, Volkstümlichkeit und Begrenzung im Stimmumfang auszcichnen. Einer der besten Gemeindegesangskompo-' uisten ist Professor Kirschner-München. Di« wichtigste Frag« ist naturgemäß die Einführung des Gemeindegesanges. Zu diesem Zwecke ist die Zusammenstellung der Gemeindegesänge in einem besonderen „Gesangbuch" erforderlich. Ein solches wird von der „Liberalen Kommission des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden" bereits vorbereitet. Die Einheitlichkeit der Texte kann nur durch di« Einführung des „Einheitsgebetbuches" erzielt werden. In den Gemeindegesang hinein kann am besten die Jugend führen; darum ist es unbedingt exsorderlich, daß der „liturgische Gesang" einen integrierenden Unterrichtsgegenstand in allen jüdischen Religionsschulen bildet, wie dies in unserer Gemeinde bereits seit zwei Jahrzehnten der Fall ist. — In der lebhaften Diskussion, an der sich vor allem di« Herren Dir. Dr. Goldstein, Rabb. Dr. Lazarus und Lehrer Eapell beteiligten, wurden besonders nochmals die Fragen des Einheitgebetbuches, der Aesthetik im Gottesdienste und des Jugendgottesdienstes besprochen. Dar Stindenbock Von WERNER TÜRK (1. Fortsetzung.) Allmählich beruhigt sich der Jude. Langsam senkt sich sein müder Kopf auf die Brust. Dabei bekommt der lange, schwarze Bart einen scharfen Knick. Gerade als der Jude einzuschlafen beginnt, wird er durch ein Geräusch aufgeschreckt. Scnief sitzt er da, als säße er nicht auf einem Stuhl, sondern in einem kenternden Boot. Die Augen hat er weit aufgerissen. Seine langfingrigen Hände berühren die Kinnbacken. Da fällt etwas zu Boden. Dann sieht der Jude einen Apfel quer durch die Küche rollen. >. n „Frau Schniese!" ruft der Jude. „Frau Schniese!Ä Aber er ruft vor Angst so leise, daß ihn Frau Schniese nicht hören kann. Jetzt starrt der Jude auf die halbgeöffnete Tür der Speisekammer. Denn diese Tür bewegt sich unaufhörlich leise knarrend. „Frau Schniese! Frau Schniese!“ Ein Mann kommt aus der Kammer herausgeschlichen. „Frau Schniese!“ Ein Mann nur notdürftig bekleidet mit einem völlig zerlumpten Hemd. Der Jude starrt den Mann an. Der bleibt in sich izusammensinkend stehen. Weit beugen sich seine nackten Knie unterhalb des Oberhemdes vor. Die Männer haben voreinander große Furcht. Keiner wagt zu sprechen. Keiner wagt zu fliehen. Plötzlich fällt Mond licht in das Gesicht des Zusammensinkenden. Da atmet der Jude befreit auf: „Ach, Josef, Sie sind’s." „Nich der Frau Schniese erzähl’n“, bettelt Josef. Der Jude antwortet nicht. Er kostet den Augenblick aus, der ihm eine solche Ueberlegenheit über einen seiner Schlafkumpane gibt. Der angstzitternde Josef denkt: ,Ich hab" immer über ihn gelacht, wenn sie ihn verhöhnt haben. Jetzt wird er sich rächen/ Der Jude ahnt die Gedanken und schweigt beharrlich. Und der fröstelnde Josef versucht, das Schweigen zu zerreden: „Ich bin nachts aufgewacht und hatte solchen Hunger. Da bin ich in die Speisekammer gegangen. Es war ja nur ein Appel. Ich tu’s auch bestimmt nich wieder." „Ich hab’ da nichts zu entschuldigen", meint der Jude in einem fast feindlich abweisenden Tone. ,Wird cr’s der Schniese. nu sagen?" fragt siel: Josef. „Oder wird er’s ihr nich sagen?* Der Jude läßt ihn noch einige Sekunden im Zweifel. Josef bettelt, winselt, klagt und fragt vielleicht zum zwanzigsten Male: „Werden Sie’s der Frau Schniese sagen?" „Bin ich vielleicht ä Polizist?" 'antwortet der Jude. Da lächelt Josef. Erst lächelt er nur zaghaft. Dann aber wird sein Lächeln immer breiter, faltentiefer. „Sie sind ein juter Mann", meint Josef. „Man hat Sie woll wieder jeärjert, daß Se nachts aus de Stube rausjejangen sind?" „Geärgert?!" fährt der Jude zornig vom Stuhl auf. „Getreten hat man mirr. Getreten in main Bein!" 0,Warum denn das schon wieder?" erkundigt sich Joset mit lebhafter Anteilnahme, „Weil ich chab geschrie’n aus’n Traum. Aber kanu ich vielleicht wos datier, wenn ich werde geplagt von so gräßliche Traime?" „Nee, nee, weeß Jott nich", beeilt sich Josef zu sagen. Denn noch immer befürchtet er die Gefahr, daß der Jude es sich plötzlich anders überlegt und ihn doch verrät. Deshalb gibt er sich Mühe, ihn so freundschaftlich zu behandeln, wie es ihm möglich ist. Der Jude geht erregt in der Küche auf und ab. Seine klebfeuchten Fußsohlen lösen sich bei den leisen nackten Schritten hörbar vom Fußboden. Nachdem er ein paar Mal hin und her gelaufen ist, bleibt er vor Josef stehen und sagt: „Wenn man chot durchgemacht wos Furchtbares, dann muß es bleiben hinter ai'rn. Dann darf es nich gehn mit ai’rn durch alle Traime, daß man muß hör’n und sehn und fielen immer wieder, wie alles is gewesen in Wahrheit. Wie die Studenten haben gemacht unter die Jieden ein Pogrom. Wie sie haben zerschlagen die Fenster vor mai’m Laden. Wie sie haben geworfen alle Sachen auf die Straße. Wie sie haben geschlagen mit Stöcken auf mai Weib. Ah! — " Der Jude macht eine abweisende Handbewegung und setzt sich wieder, ans offene Fenster. „Was soll ich reden von solche Sachen." „Immer erzähl’ man", meint Josef auf den Juden ein paar Schritte zugehend. „Immer erzähl’ man. Das interessiert mir sehr. Wo war denn des?" „In Rumänien. Wo ich chob gelebt vierzig Jahre .. Der Jude sieht mit hohlen Augen eine Weile in die trübe Lichtpfütze, die auf der Tischplatte liegt. Dann fährt er fort: „Als ich sah mai Waib vor mir brechen zusammen, da packte ich ainen Waschkrug, um zu zerschmettern den Peiniger von mai Waib. Aber die Buben zerschlugen mit ihre Stöcke den Krug, und ich behielt nur den Henkel in mainer Hand. Und die Studenten brüllten vor Lachen, prügelten mich und stachen mich mit ihre Messer. Und ich wurde schwach und fiel um und lag auf dem Boden, der bespritzt war mit Blut überall. Und ich hörte Rebeckchen schreien, die sich chatte eingeschlossen Jn ein Zimmer, und ich sagte zu mai (Waib, die sich chatte gestellt auf die Knie, um zu beten zu Gott: „Wenn se vergewaltigen unser Rebeckche, dann will ich nich leben eine Minute länger auf dieser Welt." In diesem Augenblick kam gestürzt mai Sohn in den Laden. „Isaac“, sägte ich, man will antun Dainer Schwester ain Laid. Helf ihr. Man tritt schon ain ihre Türe." Isaac rannte nach hinten. Ich hörte ihn schreien. Ich hörte zerbrechen die Tür. Ich hörte Rebekkchen kreischen. Mirr wurde vor maine Augen ganz dunkel. Ich verlor die Besinnung. Als ich sie erlangte wieder, war es Nacht. Ich stancT auf, um zu sehen nach Rebekkchen und nach mai’m Sohn. Ich sah knien mai Waib, wie es hatte gekniet, als noch schien die Sonne und die Studenten wollten antun ain Laid mai’m Rebekkchen. „Sind Se alle weg?"/ fragte ich. „Sind se alle weg?" Mai Waib hatte geschlossen ihre großen, schainen Äugen und gab