Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 4 (28.1.1931)
- Date
- 1931-01-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Vas hat das alte Testament für die europäische KuNmentchhelt geleistet? VonClaudeG. Soviel also was die Gottesauffassung des Alten Testa-! mentes und seine Leistungen nach dieser Richtunganbetrisst. Lassen Sie mich nun einen oder zwei Punkte berühren, die eng mit dieser Auffassung verbunden find, aber trotzdem besser als besondere Vorzüge behandelt werden. Bon diesen der erste ist die unlösbare Verflechtung von Religion und Ethik. Der Dienst am Menschen ist der beste und echteste Dienst Gottes. Das Ritual ist der Gerechtigkeit untergeordnet. Das ist alles mit äußerster Selbstverständlichkeit hingestellt, aber es ist sicherlich eine große Leistung. ,Hch habe Freude an liebender Güte und nicht am Opfern." „Was fordert Gott vo:z: Menschen? Nichts als Gerechtigkeit, Liebe, Güte und Demut." Es macht tiefen Eindruck, daß wir diesen Grundton nicht nur bei den Propheten finden, sondern auch im Psalter und in den Sprüchen. Zwar scheint das „Gesetz" auf das Ritual kaum geringeres Gewicht zu legen, als auf die ethischen Gebote, aber es darf nicht übersehen werden, daß eben dieses Gesetz dem Zehn-Wort den Ehrenplatz einräumt und das Zehnwort erscheint den Juden noch immer als der Inbegriff aller sozialen Ethik, trotz der gönnerhaften und herablassen-- den Kritik, die es jüngst über sich ergehen lassen mußte. Und wenn das Zehn-Wort (oder die Zehngebote) auch e i n scheinbar rein zeremonielles Gebot enthält, so ist dieses Gebot für den Juden pon einem besonderen Reiz und Zauber und er erfüllt es mit besonderer Zärtlichkeit und Heiligung. Dem Juden erscheint der Sabbat, der die Ruhe sowohl wie die Arbeit heiligt, eine große soziale Leistung, gestellt unter den weihenden Schutz der Religion. Aber an den Sabbat kniipfen sich Erinnerungen, die ihm eine noch größere Bedeutung verleihen. Diese Erinnerungen sind vielleicht im Absterben begriffen, aber sie sind noch lange nicht tot und vielleicht werden sie nie ganz sterben. Erinnern Sie sich an Heine's Wort ftt seinem Gedicht „Prinzessin Sabbath"? Er ist geheißen Israel, Ihn hat verwandelt Hexenspruch in eineil Hund, Hund mit hündischen Gedanken, aber an jebem Freitag abend In der Dämme rungsstunde plötzlich Weicht der Zauber und der Hund Wird aufs Neue ein menschlich Wesen. Dann ward che Braut begrüßt: „Kom, o Braut, Komm, o Braut!" Und mit der Ankunft des Sabbat kam seine Freude, seine zärtliche, humane, unaussprechliche Freude, die vielleicht nur der altväterliche, den Ritus streng beobachtende Jude ganz fühlen kann, die aber der Außenstehende sicher nicht nachzuenrpsinden, nie ganz kennenzulernen vermag. Und diese Freude war ein Produkt des Gesetzes, gerade so wie es die anderen großen sozialen Grundlehren ebenfalls waren: „Gerechtigkeit, Gerechtigkeit sollst du erstreben. Du sollst das Recht des fremden Beisassen und der Waise nicht verfälschen.^ Du sollst keine Bestechung nehmen, Du sollst den fremden Beisassen nicht bedrücken, Du kennst das Herz des fremden Beisassen. (Ich will, wie Sie sehen, betreffs der Übersetzung des Wortes „Ger" nicht streiten, denn war nicht die große Mehrheit aller Fremden, mit der die antiken Gesellschaften in Berührung kamen, fremde Beisassen?) Bedenke, daß du ein fremder Beisasse im Lande Aegypten warst. — Haben die Aegypter *) Vortrag von bm Verfasser gehalten beim Antritt des Präsibiums der „Society of Studies on the old Testaments" in London. IRotifefiore*) (Schluß., die Israeliten geliebt? Urngekehrt, sie unterdrückten sie. Aber hier ist keine Heimzahlung Maß für Maß. „Den fremden Beisassen sollst du nicht unterdrücken." Diese Gebote habm für den Juden eine besondere Bedeutung und wir zählen sie zu dm bedeutendsten Leistungen und Ruhmestaten unserer hebräischen Bibel. Ich habe gewisse Gesetze zitiert, über deren Bedeutung kaum zweierlei Meinung bestehen kann. Nun aber will ich, von einzelnen Gesetzen zum Gesetz als Ganzm übergehend, ein Wort sagen und da kann es schon sehr leicht zweierlei Meinung geben. Wie reagiert der liberale Jude auf das Gesetz? Ich bin nicht berechtigt, diese Frage zu beantworten, ich kann nur sagen, wie ein gewisser, einzelner liberaler Jude aus das Gesetz reagiert. Abgesehen von den großen Aussprüchen und Lehren, me sich im Gesetz finden, dem „Höre Israel", denr Zehn-Wort und ähnlichem, abgesehen von einer Anzahl kostbarer und bleibender Verfügungen wie die oben zitierten ist das „Gesetz" für mich das Symbol des Gesetzes. Noch mehr, es ist für mich das 'Symbol des moralischen Gesetzes, das trotz der.menschlichen Entwicklung, der menschlicher Veränderlichkeit und ^>em menschlichen Verfall für den jüdischen Theismus ewig und göttlich ist. „Die ungeschriebenen und unerschütterlichen Gesetze des .Himmels, sie sind nicht von heute und nicht von gestern, sondern immerwährend. Niemand vermag ihre Geburtsstunde anzugeben." Ich wäre vielleicht geneigt, den Plural in diesen: Satz von Sophokles in einen Singular zu verwandeln, aber sonst unterschreibe ich seine Worte ganz. Und da halte ich kraft des Blutes zu meinem Stamm: Gesetz ist für mich als Juden ein integrierender Teil der Religion. Das Gesetz der Gerechtigkeit ist zweifellos zurr: Teil die Schöpfung des Menschen, aber für jeden einzelnen Menschen ist es, so lehrt der jüdische Theismus, außerhalb des Menschen; seine letzte Wurzel, sein ewiger Bürge, ist Gott. Zustimmend übersetzt der Jude in seine eigene Sprache jene einfachen Worte, mit denen Plato seiner: letzten Dialoo., einleitet: „Sagt mir, Fremdlinge, ist es ein Gott oder ein Mensch, der der Urheber eurer Gesetze war?" — „Ein Gott, Fremdling, in vollster Wahrheit ein Gott." Im Hintergründe des Gesetzes, im Hintergründe sogar des Pentateuch mit allen seinen Unvollkornmenheiten ist Sott. Und so ist denn auch der liberale Jude geneigt, die Rollen des Gesetzes (Thorarolle) an dem weihevollsten und vornehmsten Platz in der Synagoge aufzubewahren und er blickt immer ruf das Gesetz als auf einen edlen Teil seines geheiligten Buches. Aber da ist noch etwas mehr dabei. Das Gesetz ist mir auch noch aus anderem Grunde teuer. Es ist mir ein heilsanrev Mahner, es ist mein äußeres Gewissen, das meinen: inneren Gewissen entspricht und es rechtfertigt. Das Gesetz symbolisiert das „Du mußt!", vor welchen: ich mich beuge. Das Gesetz symbolisiert das „Du sollst!", auf das ich nicht antworte: „Ick kann nicht!",s andern: „Ich kann." In diesen Tagen, da die Sünde so oft übersehen wird oder hinweginterpretiert als Unkenntnis oder Krankheit oder Fehler der Vorfahren oder der Umwelt oder was sonst, ist es für mich erquickend, ernmnternd und begeisternd, an das Gesetz zu denken und zu glauben, daß es im tiefsten Grunde Gottes Wille und Gottes Befehl ist. Es erfrischt mich, die Worte „Du sollst!" und „Du sollst nicht!" zu hören. Denn was meine.Wenigkeit anbetrisst, so weiß ich, daß alle jene Beschönigungen und Erklärungen der Sünde nichts als dummes Zeug und Unsinn sind. Ich tue das Unrechte, aber ich kann das Rechte tun. Ich empfinde quälende Scham,, wenn ich das Unrechte getan, gerade weil ich weiß, daß ich das Rechte hätte tun könne». Wie Rousseau sagt: „Meine schlimmste Qual, wenn ich unterliege, ist, daß ich fühle, ich yätte widerstehen können. Oftmals, so schwach ich bin, besiege ich die Versuchung und tue das Rechte und ich weiß, daß ich immer so handeln sollt» und daß ich es tun konnte, wenn ich gewollt hätte oder — was das Grauenhafteste ist — daß ich heute das Rechte zu tun imstande wäre,, wenn ich es gestern getan hätte." „Wenn du willst, kannst du das Gebot halten", sagt Ben Sira (XV, 15) und der Kommentator Dr. Charles bemerkt: „DaS ist die normale jüdische Lehre von: freien Willen: es ist bezeichnend für diese Lehre, daß der göttlichen Gnade hier eine untergeordnete Rolle eingeräumt wird." Ich bin nicht sicher, daß Dr. Charles so ganz im Unrecht ist, sei es für btc Apokryphen oder das Alte Testament oder das Judentum als ganzes. Vielleicht geschieht es deswegen, daß ich vor dem Gesetz weder zurückweiche noch verzage, obgleich bei Bitten wie: „Schlffe mir ein lauteres Herz, o Gott" oder: „Lehre mich, deinen Willen zu tun!" in mir etwas widerhallt und ich ihre Berechtigung wohl fühle und glücklich bin, daß sie sich im Alten Testamente finden. Daher kommt es auch vielleicht, daß einer wie ich, der trotz allen Wandlungen doch in der Linie der jüdischen Tradition steht, mit vollem Herzen den Mouton von Rousseau's Savoyischen Bikar zustimmen kann, wenn er von Gott sagt: ,^Jch verlange von ihm nicht einmal die Kraft, das ijGute zu tun. Wie sollte ich von ihm etwas verlangen, was er mir gegeben hat? — Hat er mir nicht ein Gewissen gegeben, damit ich das Gute lieben soll; Verstand, damit ich es erkenne, Freiheit, das Gute zu wählen? Wenn ich das Böse tue, so habe ich keine Entschuldigung. Ich tue es, weil ich es tun will, von Gott zu verlangen, daß er meinen Willen ändere, hieße, von ihm dasselbe verlangen, was er von mir verlangt, es hieße, von ihm verlangen, daß er meine Arbeit leiste und ich den Lohn enchsange." Das ist, wie ich zugebe, einseitig, es ist nicht die ganz» Wahrheit. Einer meiner Freunde sagte zu mir vor kurzem: „Für nnch bin ich immer ein äußerst verrottetes und schwaches Wesen. Was ich immer Gutes getan haben mag, war alles das Werk Gottes. Das fühle ich ganz lebhaft." Diese Worte scheinen mir einer Wirklichkeit' zu entsprechen. Gleichwohl entsprechen auch Rousseau's Worte einer Wirklichkeit, wie ich glaube. Und wenn Sie die einen, nämlich Rousseau's Worte, ein jüdisches und alttestamentarisches Stück der Realität, und die anderen, also die Worte meines jüdischen Freundes, ein christliches und neutestamentliches neunen wollen, so ist mir das recht, unter der Bedingung, daß Sie mir zugestehen, daß beide wertvoll sind und dqß keine von beiden ganz falsch und auch keine von beiden ganz wahr sind und die ganze Wirklichkeit umfassen. Soll ich nun an: Ende zwei oder drei Schluß-Sentei^en hinzufügen? Die Mannigfaltigkeit und sogar das Widerspruchsvolle des Alten Testamentes bildet, wenn nicht eine:: Teil seiner vollendeten Leistung, so doch einen Teil seiner Anziehungskraft und seines Reizes. Verschieden waren die Stimmungen, die dieses Buch hervorgebracht und die verschiedensten Stimmungen finden darin Hilfe und Abklang. Hier ist etwas für jene Stimmung, wenn wir die Notwendigkeit des Institutionellen und des Auswärtigen fühlen, aber es wird uns auch uianches für den Fall geboten, wem: wir mit Gott allein zu sein wünschen. Hier ist die Forderung nach sozialer und nach persönlicher Gerechtigkeit, hier ist .die Geringschätzung des Aeußerlichen und Zeremoniellen. Es sind hier Stimmen, die uns zur Reue mahnen und Stimmen, die unz zurufen: „Verzweifle nicht!", eine milde und erquickende Stimme, die uns erzählt von Erbarmen sowohl als von Grechtigkeit, von der Vergebung wie von der Strafe, von der Liebe wie von der Erhabenheit des Einen unb Einzigen Gottes. Was ich anderwärts die „rauhen Ränder" des Alten Testamentes zu nennen gewagt habe, ist in einen: gewissen Sinne ebenfalls eine Leistung. Sie befähigten das Judentum, vorwärts zu schreiten, sie regten die Entwicklung an. Das Alte Testament ist im großen Ganzen ein hoffnungsvolles Von der Mhne: \ Luftfahrt A-G j Am Königsberger Neuen Schauspielhaus wurde kürz- \ lich unter der Regie des Intendanten Dr. Fritz Jessner, < eines Vetters und Schwagers von Professor Leopold Jesss n e r, das Schauspiel „Luftfahrt A.-G." von John dos \ Passos, deutsch von Herbert E. Herlitschka, aufge-! führt. Dieses Stück, das eine Auseinandersetzung zwischen Ka- I pitalismus und Sozialismus in seinen stärksten Extremen ' in Amerika darstellt und uns auf der einen Seite den Sie-! geslauf einer neugegründeten amerikanischen Lustschissährtsgesellschast, aus der anderen Seite die Niederdrosselung streikender Arbeiter zeigt, enthält in seinem Helden, dem Arbeiterführer Walter Goldberg, eine interessante jüdische Bühncnfigur, die besonders durch die Tragik, mit der sie der Dichter ausgestattet hat, fesselt. Goldberg, ganz seiner Idee hingegcben, liebt gläubiges christliches Mädchen, dessen Brüder Judenfeind ist. Er setzt sich mit der Geliebten über das wesentliche seines Judeseins auseinander. „Wir alle tragen irgendwo ein Stück Ghetto mit uns herum, zweitausend Jahre der Gefangenschaft! Ich komme mir vor wie ein alter Zellenbruder!" Das ist Goldbergs Auffassung von dem jüdischen Menschen in sich. Er, der ein Idealist von reinstem Wasser ist, wird durch von seinen kapitalistischen Gegnern bestochene Spitzel bei einer Streikversammlung fälschlicherweise des Mordes bezichtigt. Ja, man steckt ihm sogar einen soeben abgeschossenen Revolver in die Tasche, um ihn sofort darauf zu verhaften. Das Gericht verurteilte ihn zum Tode durch den elektrischen Stuhl und Goldberg, in dem Walter Süßenguth einen lebenswahren Idealisten auf die Bühne stellt, haucht als Opfer eines Justizmordes sein Leben aus, während seine christliche Geliebte verzweifelt. — Das in den beiden ersten Akten zu sehr in die Breite gehende Stück hat besonders im dritten Akt starke dramatische Wirkung. Wir finden in ihn: auch einen jüdischen Kapitalisten, den Realitätenhändler Blomstein, der aber in nichts sich von den sonst im Schauspiel dargestellten nichtjüdischen Kapitalisten unterscheidet. Die Regie bot eine Reihe künstlerischer Feinheiten. * LUiom Franz Molnar's Vorstadtlegende „Liliom" wurde zu gleicher! Zeit an der Volksbühne Berlin und am Künigsberger Reuen Schauspielhaus herausgebracht. In diesem Stück, das dramatisch seine Bedeutung hat, erleben wir eine soziale Tragödie mit mystischem Hintergrund. Vom Standpunkt des deutschen Juden ans interessiert uns die jüdischen Figuren des Stückes. In der Person des Wolf Beiseld zeigt uns der Dichter einen jüdischen Dienstmann von hochanständigen: Charakter, der sich durch Mühe, Fleiß und Sparsamkeit bis zum Besitzer eines Kaffeehauses heraufarbeitet. Er schützt die Heldin des Stückes, die Julie, als diese ihren Mann verloren hat. — Der jüdische Fabrikkassierer Linzmann ist ein alter ehrenwerter Angestellter, der von Lil i o m und seinen räuberischen Genossen überfallen wird, die Banditen aber in Schach zu halten weiß, sodaß sich Liliom, der kein Entrinnen vor den: Revolver des überfallenen Linzmann sieht, sich durch einen Stich durch die Brust tötet- In der Selbmordecke des Himmels sehen wir ihn dann wieder und hier begegnet er dem jüdischen Advokaten Dr. Reich, der infolge wirtschaftlicher Verschuldung durch Selbstmord geendet. Die Mischen Figuren sind echt und ohne Verzerrung von M o l n a r auf die Bühne herausgebracht. Zugleich in Frankfurt an: Main und vom Landestheater für Ost- und Westpreußen wurde Werner Ackermann's „Fünf Akte Lotterie" uraufgeführt. Dieses überaus schwache Stück zeigt ucktz einen mauschelnden, ausdringlichen jüdischen Geldverleiher in der Person des Orchideus Rabenalt. Derartige Bühnenfiguren sollten besonders in einer Zeit, in der der Jude durchaus zu unrecht Angrisfsobjekt weitester Kreise geworden ist, von der Bühne verschwinden. Kurt Sabatzky Politik und wissenschaftliche Berichte Zu den Ausgrabungen in Palästina. Bisweilen muß dem ernsten Juden die krampfhafte Bemühung gewisser jüdischer Politiker, alles, was geschieht, als Leistung einer politischen Gruppe hinzustellen, so grotesk erscheinen, daß man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Durch die jüdische Presse geht in den jüngsten Wochen ein Bericht — auch die Jüdisch-liberale Zeitung hat ihn nach der Meldung der Jüdischen Telegraphen-Agentur zum Abdruck gebracht — der, wenn er in der vorgetragenen Form zutreffen würde, in der Tat sensationelles Interesse Hervorrufen müßte: „Professor Sukenik, der Archäologe der Jerusalemer Universität, der seit einigen Wochen in Berlin weilt, berichtete in der deutschen archäologischen Gesellschaft über neue Gräberfunde in Palästina, die aus bisher unbekannte Beüattungsgebröuche in der Epoche um Christi Geburt Hinweisen.^ Das Bemerkenswerteste an dem Bericht ist wohl die, allerdings mit einem Fragezeichen versehene, Kombination, daß man möglicherweise die Gebeine Jesu entdeckt habe. Schnell folgt die Berichtigung dieser höchst gewagten Hypothese. Professor Lietzmann, der Vertreter der neutestamentarischen Theologie an der Berliner Universität, teilt mit, daß Sukenik in seinen: Vortrage nicht die leiseste Andeutung einer solchen Identifikation gemacht habe. Er habe lediglich betont, daß der von ihm aufgefundcne Totenschrein zum ersten Male die aus dem Namen Jehoschua abgekürzte Namensform: Jeschu inschriftlich belege. Sachkenner konnten von vornherein keinen Zweifel daran liegen, daß es sich bei dem Bericht um eine Entstellung handle, bei der dahingestellt sein mußte, ob sie nur auf Mangel an Verständnis oder auf eine bewußte Tendenz zurückzuführen sei. In dieser Ueberzeugung mußte die Tatsache bestärken, daß der Bericht auch in dem übrigen wesentlichen Teile unmöglich eine zuverlässige Darstellung dessen sein konnte, was Professor Sukenik ausgeführt hat. Es wäre diesem Gelehrten, an dessen ernster, wissenschaftlicher Wahrheitsliebe kein Zweifel gehegt werden darf, nicht zuzumuten, daß er als völlig neue Erkenntnis über „bisher unbekannte Beftattungsgebräuche" in einer gelehrten Gesellschaft ausgeben würde, was in Wirklichkeit schon seit langen: bekannt ist. Ueber die Verwendung vor: Ossuarieu (kleine Gebeinkästen, in denen die Gebeine jüdischer Leichen nach der Verwesung der leichtverweslichen Teile zur endgültigen Beisetzung kamen) schreibt schon S. Klein in seinen: „Jüdisch-palästinensischen Corpus Jnscriptionum", das 1920 erschienen ist, und noch früher in seiner „Talmudischen Archäologie" (Bd. II) Samuel Krauß, beide in ihren Anmerkungen auf die durchaus reichhaltige und weit zurückgehende Literatur verweisen, so daß es sich bei den Funden, von denen Professor Sukenik berichtet hat, ausschließlich um eine Erweiterung der schon bisher bestehenden Kenntnisse handeln kann. Die ganze sensationelle Aufmachung dieses Berichtes sieht ganz danach aus, als ob hier der Versuch gemacht werden soll, die ruhig fortschreitende Forschungsarbeit eines ernsthaften Gelehrten politisch auszuwerten und ein Verdienst, das durchaus der Forschung früherer Zeiten zuerkaunt werden muß, auf die Hebräische Universität zu übernehmen, um damit auch jene, die etwa an der unbedingten Notwendigkeit dieses jüdisch-nationalistischen Instituts Zweifel hegen könnten, zu Freunden dieser wissenschaftlichen Forschungsstält« zu gewinnen. Es könnte nicht im Interesse der ernsten wissenschaftlichen Arbeit liegen, die dort geleistet wird, wenn solche Entstellungen in Umlauf gesetzt werden. Berichte über ernste Forschungsergebnisse werden der Universität größere Dienst« leisten, als politisch gefärbte Veröffentlichungen, die nur geeignet sind, in d:e Wirklichkeit solcher Leistungen Zweifel zu setzen. A C. — L.