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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-01-28 · 4 (28.1.1931) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
4 (28.1.1931)
Date
1931-01-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IWchllberaleZeilW Oroon -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. ItmfnidL Lebakie»,: 8(111 liyU Wc Barelnlguna für bu überale Znöealn« übernimmt nnr De biefenigen Annützr, bie «nsdrücklich «ls in ihre« Flamen «der in ihrem 4ümrage»«>faht aetennzeichnet m»b.bie Vee- «Moerinng. AS« andere» «rtuel, Aentzernngen nnb Bae ichtüge «scheine« nnker berVmantmerMng berLebeltinn. vi« »Jüdisch-liberal« Zeitung" erschein« jede« Mittwoch. »edaNion »ad Geschäftsstelle: verlia S«11. Haüesch« Str. I Sf: Berg mann 3358, 3350 lktont«: Berlin NW 7, 137060 _gnng für bns liberale Znbentum) Nnchdrnck fümtlicher Vriginal-Beitrüge nnr mit Verheriger Genehmigung ber _ Rebamen gestattet._ Dezngspreis burch bie GeschSftssteU« '/«jährlich M. 3.— Linzelnnmmer OLL. Bei freier Zufenbnng i. 3nlanb 630 Aür bie AUtglieber ber Bereinigung ist ber vezngsprei« im Mitgliedsbeitrage enthalte«». Anzeigenpreise: Die 12gefpalt.Nonpar«iltezeile635 Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigenannahme bei der Geschäftsstelle«. famtl. AnNducen-EMsdit. Nr. 4_Berlin, 28. Januar 1931 11. Jahrgang Die jüdische Vevölkerung lu Deutschland Die Konzentration in Berlin — Zur AuslSnderfrage — Aussterben? Berufsschichtuug Bon Bruno Woyda. Als Beröftentlichung der Akademie für die W'ssenschaft des Judentums erscheint gegenwärtig*) von demi ehemaligen Direktor des Statistischen Amtes der Stadt Berlin, Prosessor Tr. Heinrich Silbergleit, ein aus Grund von amtlichen Materialien bearbeitetes Werk über „Die Bevölkerung^ und Berufsverhältnisse der Juden im Deutschen Reich". Der erste Band, der den Freistaat Preußen behandelt, liegt nun vor. Er ist eine Fundgrube für jeden, der sich, wo auch immer, mit jüdischen Fragen befaßt- Die hier aus Grund der Volkse und Berufszählung von 1925 zusammengestellten und bis in die neueste Zeit ergänzten Zahlen bilden eine wertvolle Grundlage für die Erörterung zahlreicher jüdisch-aktuler Probleme. Die Umbildung der Judenheit in Deutschland seit der Emanzipation wird zahlenmäßig dargestellt und der krisenhafte Zustand der deutschen Juden wird offenbar in der Gegenwart. Wodurch ist diese Krisis verursacht und welche Wege gibt es zur Abwendung der Gefahr völliger Vernichtung? Man muß vier Gesahrquellen unterscheiden, wobei es selbstverständlich ist, daßauch zwischen diesen vier Quelq len gewisse Verbindungen bestehen unddaß jede von ihnen nicht nur im jüdischen Kreis sondern auch im Gesamtgeschehen der Zeit ihre Entstehung hat. * Wir brauchen wahrlich nicht die Statistik, um uns bewußt zu werden, wie gewaltig die Aenderung des Weltbildes in den letzten hundert Jahren gewesen ist. Und dennoch verblüfft der Gang der deutschen Judenheit seit jener Zeit. Für das Jahr 1817 findet sich in dem Buche eine Tabelle, die die 42 Preußischen Städte jener Zeit mit 500 und mehr Juden enthält. Die Spitzenziffern lauten: Breslau 4 409 jüdische Einwohner, Posen 4025 „ „ Berlin 3699 „ „ Lissa 3 644 „ Wie hat sich das Bild seit jener Zeit gewandelt! Breslau und Posen zählten mehr jüdische Bewohner als Berlin und Lissa stand diesem nur tvenig nach! In Fordon, Schwersenz, Kempen, Zempetburg, Wreschen und Märkisch-Friediand bildeten die Juden über die Hälfte der gesamten Zivilbevölkerung! Von den etwa 127 000 Juden des damaligen preußischen Staatsgebietes" wohnte jeder 35. in Berlin. Und 1925? Von den 404 000 Juden Preußens wolinen 173000, also jeder zweite oder dritte, in Berlin! Berlin beherbergt mehr Juden als alle anderen preußischen Großstädte insgesamt. Und ein Prozentsatz von 10 v. H. der gesamten Bevölkerung wird in keiner Stadt Preußens mehr erreicht. So ist die Struktur der Judenheit in 100 Jahren völlig verändert geworden. Aus den Kleinstadtmenschen wurden Großstädter. Und das bekannte Scherzwort, nach dem der Berliner Jude entweder aus Breslau oder aus Posen stammt, erfährt so eine interessante Illustration durch dse Statistik. Und zu diesem inneren Werden der deutschen Juden kommt nun noch der Einfluß, der durch die Zuwanderung ausläudrscher Juden geübt wird. * Auch zur Erkenntnis der Bedeutung der Ausländerfrage liefert das Silöergleitsche Werk äußert wertvolles Material. Unter Tausend der Gesamtbevölkerung im Preußischen Staat wurden 1925 etwa 2 jüdische Ausländer gezählt — ein Beweis für die Albernheit des antisemitischen Geredes über die „jüdische Ausländergesahr", wenn diese Kreise nicht eigene Minderwertigkeit befürchten. Von außerordentlicher Bedeutung aber ist die Ausländerkrage für die Judenheit in Deutschland selbst. Das Gesicht der Judenheit in Deutschland wird zum nicht unerheblichen Teil durch nichtdeutsche Juden gebildet. Man mag das wollen oder nicht, die Tatsache bleibt. Man veranschanliche sich nur einmal die folgenden Zahlen: Ter Prozentanteil der Ausländer beträgt in Preußen bei der männlichen Gesamtbevölkerung 1,67 o/o weiblichen Gesamtbevölkerung 1,59 o/0 männlichen jüdischen Bevölkerung 20,52 o/o weiblichen jüdischen Bevölkerung 17,39 o/0 Ter Anteil der Ausländer bei den Juden in Preußen -st also über zehn mal so starb als bei der Gesamtbevölkerung. *) Akademie-Verlag Berlin 1930. In Berlin ist jeder vierte Jude ein Ausländer, in Hannover, Bochuin, Gelsenkirchen, Essen, Köln ebenfalls. In Magdeburg, Kiel, Tortmund', Wiesbaden, Tuisburg jeder dritte, in Altona und Hamborn sogar jeder zweite. * Sodann eine dritte Feststellung der Statistik. Bei rhr handelt es sich um die Aufdeckung eines Vorganges, der in weit stärkerem Maße als die bisher geschilderten. Umwandlungsprozesse aus dem Eigenwillen der Judenheit resultiert. Was Silbergleit der Statistik über den Geburtenmangel und den sich hieraus ergebenden Sterbeüberschuß der deutschen Judenheit entnimmt, veranlaßt ihn zu dem Urteil: „Das alles ist nicht mehr krisenhaft, das ist vollständiger Zusammenbruch der jüdischen Bevölkerungsentwicklung von innen heraus!" Nur einige Zahlen, die dieses llrteil illustrieren: In den Jahren 1911 bis 1924 kam nach Abzug der Sterblichkeitsüberschüsse bei der G es am tbevölkerung ein Geburtenüberschuß von 3019100, bei den Juden ein Ster blichkeit s Überschuß von 18252 zustande. In den folgenden 4 Jahren, 1925—1928, beträgt der Sterblichkeitsüberschuß bei den Juden rund 5100, während sich bei der Gesamtbevölkerung ein Geburtenüberschuß von etwa 1180000 ergibt. Als natürliche Folge ergibt sich aus diesem ständigen Sterbeüberschuß der deutschen Judenheil ihre Ueberalterung. Gehört von der Gesamtbevöl-- kerung des Staates über ein Viertel (25,9 o/0) dem Kindheitsalter an, so bei den deutschen Juden noch nicht ein Sechstel (16,3 o/o). Um diese „geradezu ins Groteske, ausartende Abnormität des Altersaufbaues der deutschen jüdischen Bevölkerung" auszuzeigen, genügt tatsächlich der eine Hinweis: „Nur 19 923 Kinder bis zu 5 Jahren, aber 28106 Personen im Alter von 45 bis 50 Jahren unter den inländischen Juden!" Wahrlich, das Gespenst vom Untergang der deutschen Juden scheint hier durch die Ziffern erwiesen. * Und nun noch eine letzte kürze Betrachtung über die Berufsverhältnisse der Juden im Deutschen Reich. Dabei muß allerdings darauf hingewiesen werden, daß durch die Entwicklung der letzten Jahre gerade auf diesem Gebiete die Ergebnisse der Erhebung von 1925 in mancherlei Hinsicht korrekturbedürftig sein dürften. Die Ausländerfrage ist natürlich auch hier von Bedeutung: fast jeder fünfte erwerbstätige Jude ist Ausländer. Die Berufsgliederung der inländischen und der ausländischen Juden ist.keineswegs übereinstimmend; sie soll jedoch bei den nachstehenden Tabellen unberücksichtigt bleiben. Zunächst soll die folgende Zusammenstellung eine Uebersicht über den Anteil der nichtjüdischen und der jüdischen Bevölkerung Preußens an den verschiedenen Wirtschastsabteilungen vermitteln: Die Erwerbstätigen und die berufslosen Selbständigen Preußens am 16. Juni 1925: In absol. Zahlen Wirtschaftsabt eilungen Gesamtbevölkerg. Juden Hundeitteilen Gesamt-1 q1tv bevölkr. | Ouocn l. Landwirtschaft, Gärtnerei und Tierzucht, Forstwirtschaft und 5 593 144 3324 26,3 Fischerei. 2. Industrie u. Handwerk einschl. 1.5 7 771 799 36,6 Bergbau und Baugewerbe . . 3. Handel und Verkehr einschl. 49318 21,9 Hast- und Schankwirtschaft . . 3 248 145 112188 15,3 49,7 4. Oeffentl. Verwaltung, Beamte der Rechtspflege, auch Heer und Marine. 488 715 1563 2.3 0,7 6. Kirche, Gottesdienst, Rechtsberatung, freier Beruf . . . 6. Gesundheitswesen it. hygienische 432 333 9761 2,0 4.3 Gewerbe einschl. Wohlfahrtspflege. 356 416 8297 1.7 3,7 7. Häusliche Dienste u. Erwerbstatigkeit ohne feste Stellung oder ohne Angabe der Betriebs- Zugehörigkeit . 8. Ohne Derufsangabe .... 1 091 435 2 285 046 6338 34734 5,1 10,7 2.8 15,4 Insgesamt 21 267 033 225523 100,0 100,0 Ein Vergleich der beiden letzten Spalten der Tabelle zeigt, welche gewaltigen Verschiedenheiten die Berufsgliederung der jüdischen und der nichtjüdischen Bevölkerung aufweist. Ist bei der Gesamtbevölkerung jeder vierte in der 1. Gruppe (Landwirtschaft usw.) tätig, so gilt das bei dem jüdischen Bevölkerungsteil nur für jeden 67.! Und während in der 3. Gruppe Handel und Verkehr einschl. Gast- und Schank- Wirtschaft — von der Gesamtbevölkerung jeder sechste seinen Erwerb findet, ist es bei den Juden jeder zweite. Zum Schluß sei noch eine Tabelle wiedergcgeben, aus der hervorgeht, inwieweit es sich bei den Erwerbstätigen um selbständige, um Angestellte und um Arbeiter handelt. Promillenverteilung der Erwerbstätigen Preußens nach der Stellung im Berus am 16. Juni 1925: Stellung im Beruf Gesan männl. atbeoölkerung in "/oo toeibl. | zus. Juden in %o männl | weibl. | zus. Selbständige . . . 198,7 91,4 161,8 567,2 243,6 483,2 Angestellte u. Beamte 188,6 136,9 170,9 326,8 369,5 337,9 Arbeiter. 555,7 304,2 469,4 82,8 87,4 83,9 Mithelsende Familienangehörige . . . 56,1 340,5 153,7 22,6 224,8 75,2 Hausangestellte . . 0.9 127,0 44,2 0,6 74,7 19,8 Die Tabelle zeigt, daß im Jahre 1925 noch etwa jeder zweite erwerbstätige Jude als Selbständiger seinen Erwerb hatte. Man kann Wohl annehmen, daß gerade in dieser Hinsicht seit 1925 .eine erhebliche Veränderung eingetreten ist. Etwa jeder dritte erwerbstätige Jude war als Angestellter oder Beamter tätig, jeder zwölfte als Arbeiter. Im Durchschnitt der Gesamtbevölkerung hingegen war ungefähr jeder zweite Erwerbstätige Arbeiter, jeder sechste Angestellter oder Beamter und jeder sechste selbständig. * In einem weiteren Artikel soll Einiges zur Nutzanwendung dieser statistischen Erkenntnisse gesagt werden. Denn so viel ist gewiß: es genügt nicht, zu jammern oder notwendige Taten durch wohltönende Phrasen zu ersetzen, und es ist auch nichts damit geholfen, wenn utopische Heilslehren verkündet werden, die die Lebenspraxis doch nicht beachtet, lieber all das soll in einem zweiten Artikel gesprochen werden. Hier aber noch ein Wort des Dankes an Heinrich Silbergleit. Er sagt in diesem Werke von dem Alter von über 65 Jahren einmal: „Ohne Gegenwart und ohne Zukunft. Eine Belastung der Volkswirtschaft, da es nur an Güterverbrauch, nicht aber mehr an der Gütererzeügung teilnimmt. — die landläufige, reichlich materialistische Vorstellung, die man aber nicht einmal als völlig abwegig zurückweisen kann." Nun, hier widerlegt sich der Autor selbst. Vielleicht verrät das Werk das Alter des Autor^durch das Können und die Erfahrung, die hier Gestalt gewannen. Aber ohne Gegenwart, eine Betastung? Nein! Voller Dank für 'das vollbrachte Werk harren wir auf den zweiten Band. Annahme des Schächtverboles im thüringischen Gesehgebungsausschutz Ter Gesetzgebungsausschuß des Thüringischen Landtags nahm das Schächtverbotsgcsetz in zweiter Lesung an. Dafür stimmten die Nationalsozialisten, der Landbund und die Vertreter der Wirtschastspartei. Der Stimme enthielten sich, die Deutsche Volkspartei, die Sozialdemokraten und die Kommunisten, so daß also gegen das Gesetz niemand stimmte. Nach der Sitzung wurde von« Fraktionsführer der Deutschen Wirtschaftspartei mitgeteilt, daß die Wirtschaftsparteiliche Fraktion die Stellungnahme ihres Vertreters im Gesetzgebungsausschuß nicht billige. Die Wirtschaftspartei sei in ihrer großen Mehrzahl aus wirtschaftlichen Gründen gegen die Annahme des Gesetzes. Dies s ei auch von den Thüringischen .Handelskammern als durchaus beachtlich anerkannt worden. Seuvet den fälligen Veilrag für das 1. Quartal 1981 auf das Postscheck-Konto der Vereinigung für das liberale Judentum Berlin Nr. L87999 ein.

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