Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 3 (21.1.1931)
- Date
- 1931-01-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Einwanderung nach Palästina endgültig zu verbieten. Ls wird darauf hingewiesen, daß die Araber Palästinas unter dem türkischen Regime weitgehende Selbstverwaltung genösse,:, autonome Gemeinde- und parlamentarische Körperschaften besaßen und an der Verwaltung in gleicher Weise Teil hatten wie die Türken. Schließlich wird der Vorschlag gemacht, land-- los gewordene Araber im Huleh-Gebiet anzusiedeln. Das neue jüdische Gemeindegeseh für Italien in Kraft Durch die soeben erfolgte Veröffentlichung in der „Gazctta Ust'iciale", dem italienischen Amtsblatt, hat das im Oktober v. I. angekündigte königliche Dekret über die Verwaltungsnormen für die jüdischen Gemeinden in Italien und die Schäftung eines Gesamtverbandes der jüdischen Gemeinden Italiens (Unione delle Communita Jsraelitiche) Rechtskraft erlangt. Auf Grund des neuen Dekrets gehört jeder Jude zwangsläufig einer jüdischen Gemeinde an. Austritt aus einer jüdischen Gemeinde ist nur durch Religionswechsel oder durch eine ösientlich in vorgeschriebener Form abgegebenen Erklärung, weiterhin nicht mehr als Jude betrachtet werden zu wollen, möglich. Die Gemeinden haben für oie Erhaltung der Kultuseinrichtungen und die religiöse Unterweisung der Jugend Sorge zu tragen. Sie haben das Recht, Steuern auszuschreiben und aus Grund staatlichen Stenerpeivilegs einzuziehen, und werden innerhalb des Königreichs und der Kolonien werden in einem Zwangsverband, der Union der jüdischen Gemeinden Italiens, die als ofsizie/ke Repräsentanz der italienischen Judenhert gilt, zusammen geschlossen. Die Union wird durch gewählte Organe repräsentiert. Der Kongreß der Gemeindedelegierten ist befugt, zum Zwecke der Durchführnmg seiner Aufgaben Umlagen einzuheben. Das neue Gesetz. regelt auch zum ersten Mal die rechtliche und wirtschaftliche Stellung der Rabbiner. Es sieht die Bildung eines obersten Rabbinatsratcs, der aus drei Mitgliedern bestehenden Consulta Rabbinica, vor. die die Aufgabe hat, die Gemeinde-Union in religiösen Angelegenheiten zu beraten Ter Oberrabbiner von Rom, D-r. Angelo Sacerdoti, bat in einein Gespräch mit dem Jta-Bertreter 'n folgender Meise seiner Meinung über d^e Bedeutung des neuen Gemerndegesetzes für die künftige Entwicklung des jüdischen Lebens in Italien Ausdruck gegeben: Bisher war die rechtliche Grundlage der jüdischen Gemeinde Italiens, die nach chrem Schöpfer, dem Minister Ratazzi, benannte „Lex Ratazzi", deren hauptsächliche Bestimmungen auch weiterhin in Kraft bleiben. Das neue Gesetz erftreckt sich aber in seiner Wirksamkeit im Gegensatz zur ,sLex Ratazzi" auf ganz Italien und die Kolon'en. Der territoriale Umfang der jüdischen Gemeinden wird vergrößert werden, sodaß zahlreiche verstreute kleine jüdische Gemeinschaften, die bisher keinem Genre-ndeverband angehört haben, mit erfaßt werden. Weiter werden alle bisher selbständigen jüdisch-relrgiöscn und philanthropischen Institutionen von nun ab der umnittelbaren Aufsicht der Gemeinden unterstehen. Von besonderer Bedeutung ist die Bestimmung im Statut des neugeschaffenen Zwangsverbandes der jüdischen Gemeinden, die als eine seiner Aufgaben die Teilnahme an der allgemeinen religiösen und sozialen Arbeit des Judentums, sowie die Ausrechterhaltung geistiger und kultureller Beziehungen zu den jüdischen Gemeinden des Auslandes festseht. Ter Verband wird außerdem für die Erhaltung der historischen., bibliographischen und Kunstdenlmälek des italienischen Judentums und die Verbreitung und Förderung der jüdischen Kultur Sorge zu tragen haben. Ter Consulta Rabbinica, dem neuen dreigliedrigen rabbinischen Rat, oblieat die Kontrolle der gesamten geistlichen und allgemeinen Tätigleitteit des Gemeindeverbandes und die Aufficht über das italienische Rabbinerseminar. Das neue Gesetz wird zweifellos eine Stärkung, des jüdischen Lebens in Italien zur Folge staben. Alle von den jüdischen Mitgliedern der mit dem Entwurf des Gesetzes beauftragt gewesenen Kommission geinachten Vorschläge erscheinen in dem Gesetz berücksichtigt. Der Mailänder Rechtsgelehrte Professor Mario Faleo, oer neben "Oberrabbiner Sacerdoti und dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Rom Advokat Angelo Sereni eines der jüdischen Kommiffionsmitglieder war, erklärt, mit dem neuen Gesetz sei das seit dem Jahre 1865 angestrebte Ziel einer einheitlichen Organisierung der italienischen Judenbeit erreicht. Die nunmehr als öffentlich-rechtliche Körperschaften anerkannten und nach jüdisch-traditionellen Grundsätzen organisierten Gemeinde erhalten durch das neue Gesetz die Möglichkeit, ihre Tätigkeit zu vertiefen und auszrr-- breiten. Interessante Ausgrabungen in Palästina Professor Sukenik, der Archäologe der Jerusalemer Universität, der seit einigen Wochen in Berlin weilt, berichtete in der Deutschen Archäologischen Gesellschaft über neue Gräberfunde in Palästina, die aus bisher unbekannte Bestattungsgebräuche in der Epoche um Christi Geburt Hinweisen. Seit längerer Zeit werden in Palästina Steinkisten gesammelt, zu klein, um als Sarkophage zu dienen. Jetzt erst ist ihre ehemalige Verwendung aufgeklärt. In den Familiengräbern, die in Höhlen oder in künstlichen Felslöchern angebracht wurden, fanden bald die neu hinzukommenden Leichen keinen freien Raum. So wurden diese zuerst in die länglichen Grablöcher gelegt, woraus man diese durch eine Steinplatte verschloß. War die Verwesung vollzogen, öffneten die Verwandten feierlich das Grab, überführten die Knochen in eine steinerne Gebeinkiste, wie wir deren jetzt zu Hunderten finden, und diese wurden endgültig in einem tiefer gelegenen Loch! «lufbewahrt. Diese Gebeinkisten oder Ossuarien haben flache, gewölbte oder giebelförmige Dächer oder sind fast immer durch im weißen Kalkstein geschnittene Ornamente verziert. Eine offenkundige „Kerbschnitt-Technik", die darauf hinweist, daß vor Gebrauch der Kalksteinkisten ehemals hölzerne Kiste:: in Gebrauch waren. Viel ist aus den Inschriften zu ersehen. Da lesen wir in flüchtiger Kursivschrift jüdische und aramäische Namen, einige aus den: Geschlecht des Hohepriesters Gamaliel, auch. Mitglieder des Sanhedrin werden genannt. Die Zeit dieser Steinkisten läßt sich mit Gewißheit feststellen, es handelt sich uür das vorchristliche Jahrhundert und um die Periode nach Christi Geburt bis zur zweiten Zerstörung des Tempels (70 v. Chr.). Man hat also hier zuverlässige intime Zeugnisse aus der Zeit Jesus' von Nazareth, es finden sich einige Namen, die nur im Neuen Testament Vorkommen. Ueberaus stark wirkt die Inschrift einer Steinkiste: „Jeschua bar Jehoseph"" (Jesus, Sehn Josephs). Pros. Sukenik will nicht die Möglichkeit als naheliegend bezeichnet haben, das; es sich hier um die Gebeinkifte Christi handelt. <Lc knüpft daran nur die folgende Bemerkung: Der Name Jeschua ist an und für sich selten mW für die damalige Zeit nur wenig bezeugt. Hinzukommt, daß dieser Jeschua als Sohn Josephs bezeichnet wird. Gewiß, der Name Joseph ist häufig, aber immerhin ist das Zusammentreffen ein seltsames. Das Ossuar selber ist von sehr einfacher Form und trägt nicht den reichen Schmuck, deir viele andere aufweisen; es ist auch bei der Beschriftung kein Künstler hinzugezogen worden, wie das sonst üblich war, sondern die Schristzüge den Angehörigen selber angebracht. Dies alles wie auch dav sind ein wenig unbeholfen in einfacher Kursivschrift von den Angehörigen selber angebracht. Dies alles wie auch das Idiom der Niederschrift könnten gut auf den Menschen Jesus paffen, aber eine Identifizierung wird immer unmöglich bleiben. Die gefundenen Knochen mehrerer dieser Ossuarien werden anthropologisch vermessen, dazu fehlen in Jerusalem die Mittel. Diese Arbeiten sollen in Berlin von Geheimrat Birchow ausgesührt werden. Pros Subenik glaubt, daß manches Erstaunliche über die damalige Rassenzusammensetzung des jüdischen Volkes herauskommen wird. Das Archäologische Institut des Deutschen Reiches wird noch in diesen: Jahre das ganze Material Sukeniks veröffentlichen. Prof. Schubart wird manche schwer leserliche Inschrift noch entziffern. Jedenfalls haben diese Forschungen die Realitäten der Heiligen Schrift uns um vieles näher gerückt. Demnächst soll eine große Nekropole nahe bei Jerusalem ausgegraben werde::, sie verspricht reiche Funde. Nach Feststellung der Ergebnisse solle:: alle Gräber wieder auf immer verschlossen werden. Prof. Sukmik versicherte, daß nur zögernd und mit aller Pietät bei diesen Ausgrabungen und Forschungen vorgegangen wird. * Aus den Gemeinden Aurich. (Jubiläum.) Als erste Vorsteherin des hiesigen Wohltätig leitsvereins Malbisch arumim beging Fräulein Minna Wallheimcr ihr vierzigjähriges Jubiläum, die ihr Amt stets gewissenhaft und pflichteifrig führte, Beweise der Anerkennung uird der Dankbarkeit gegeben. Berlin. (8 0. Geburtstag des Staatsrats Testet.) Am Sonntag, dem 11. Januar, fand im großen Saale des Brüdervereinshauses ein Doppclfest statt, dessen Verlauf bei allen Teilnehmern einen tiefen Eindruck hinterließ: die Feier des 80. Geburts» tages des Führers der russischen Juden in Deutschland, Herrn Staatsrat Jacob Teitel, der auch von den russischen Juden in den übrigen Ländern hochverehrt und als ihr Führer anerkannt wird, und die Feier des zehnjährigen Bestehens des Verbandes russischer Juden in Deutschland, dessen Wirken zur Erhaltung Hunderter, ja Tausender notleidender jüdischer Flüchtlingsfamilien beigetragen hat. Zu der Doppelfeier hatten sich Hunderte russisch-jüdische Familien und auch zahlreiche Persönlichkeiten der deutsch-jüdischen Gesellschaft mit ihren Damen eingefunden. Herr Teitel wurde bei seinem Erscheinen mit einer langdauernden Ovation und vom Oberkantor Golanin mit einem für diesen Zweck komponierten „Boruch" begrüßt. Geleitet wurde die Veranstaltung von Herrn Dr. Leo Bramson, Vorsitzenden des Verbandes „Ort", der neben Teitel ein Vorkämpfer für die Emanzipation der Inden in Rußland war. Bramson bedauerte es tief, daß nicht, wie vorgesehen war, der Historiker des Judentums, Simon Dubnow, der durch Krankheit ans Bett gefesselt ist, der Feier vorsteht. Er gab eine Charakteristik der großen Persönlichkeit Teitels und einen Umriß der Wirksamkeit von Teitels Schöpfung: dem Verbände der russischen Inden. Es sprachen dann der Schatzmeister und Vizevorsitzendc des Verbandes, Dr. A. Goldenberg, der Vizevorsitzende Dr. B. Schirman und das stellvertretende Vorstandsmitglied Dr. Joseph Kahn, die das Wirken des Verbandes Umrissen und insbesondere darauf hinwiesen, daß die Feier in dieser Zeit der Not in einem schlichten Rahmen vor sich geht. Es kamen dann Vertreter des deutschen Judentums zu Worte. Je ein Vertreter des Preußischen Landesverbandes und der Berliner Jüdischen Gemeinde begrüßten den Jubilar und den Verband herzlich. Justizrat Dr. Julius Brodnitz, Vorsitzender des Ccntral- Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, sprach über die jüdische Hilfssolidarität, die die Grenze zwischen Ost und West überschreitet, und gab seiner Verehrung für den großen Juden und Menschen Teitel Ausdruck. Der russische Jude hängt — wie der deutsche Jude und der Jude überall — treu an der alten heimatlichen Erde. Sein Weltbürgertum hat seine Wurzeln in der .Heimat. Ein bodenständiges Judentum bringt Männer wie Teitel hervor, die ihrer Zeit Symbol sind. Der Redner wünschte den russisch-jüdischen Brüdern ein herzliches Glück aus und eine gute Zukunft. Herr Dr. Bernhard Kahn sprach als einer der jüngeren Freunde von Jacob Teitel Worte der Huldigung für den greisen Menschenfreund. Für den Hilfsverein der deutschen Juden sprach in Vertretung des Herrn Dr. James Simon Herr Sanitätsrat Dr. F e i l ch e n - f e l d, der daran erinnerte, daß der Hilfsverein schon in den Borkriegsjahren den Staatsrat Teitel tatkräftigst unterstützte, namentlich wo es galt, den russisch-jüdischen Studierenden außerhalb des Ansiedlungs-Rayons Hilfe zu bringen. Teitel, der damals Deutschland besuchte, fand bei den führenden Persönlichkeiten des Hilssvereins, Dr. James Simon, Paul Nathan und Dr. Bernhard Kahn, Rat und Hilfe. Andererseits verdankte der Hilssverein ihm, als einer im Mittelpunkt der jüdischen Interessen in Rußland stehenden Persönlichkeit, tvertvolle Informationen über die dortige Lage der Juden. Heute unterstützt der Hilssverein die Arbeit des Verbandes der russischen Juden. Der Vorsitzende des Hilssvereins, .Herr James Simon,, habe im Jahre 1925 eine Sonderaktion für das Hilsswerk des Verbandes eingcleitet, die ansehnliche Beträge erbrachte; das Ergebnis einer vor zwei Jahren vom Hilssvereiu in Frankfurt a. M. durchgeführten Aktion floß zum größten Teil dem Verbände zu. In der Arbeit des Verbandes kommt das Prinzip der Selbsthilfe zum Ausdruck, ein gesunder Zug von Optimismus beseelt insbesondere den Führer des Verbandes, Staatsrat Teitel, dessen Arbeit zum großen Teil dem notleidenden jüdischen Kinde gilt. Der Hilfsverein har beschlossen, Herrn Teitel am heutigen Tage eine Gabe für die Kinderhilfe zu überreichen. Der Redner händigt Herrn Teitel einen Scheck aus. Nach zahlreichen Glückwünschen, die Vertreter anderer jüdischer Organisationen darbrachten, ergriff der Jubilar, Herr Teitel, das Wort, um in kurzen schlichten Worten den Rednern zu danken. Er wolle, sagte er, nicht von sich sprechen, sondern das traurige Los der Flüchtlinge und Heimatlosen schildern und zu herzhaften Taten aufsordern, da sonst der Verband der russischen Juden sein Rettmrgswerk einstcllen müßte. Die Feier wurde eingerahmt durch Darbietungen erster Künstler wie Maria Tschebotari, Mitglied der Dresdener Staatsoper, Victor Babin (Pianist und Komponist), L. Schirman, Adolf Metz (Professor des Rigaer Staatskonservatoriums), Anna Molk, Mitglied der Breslauer Oper. ' Eine besondere Episode auf der Feier war die Huldigung der Kinder für den Achtzigjährigen. Eine Gruppe Kinder aus der Berliner russisch-jüdischen Kolonie spielte in russischer Sprache eine alte Legende „Der gute id". Zum Schluß brachten die .mitwirkcnden Kinder einzeln ihre Glückwünsche dar. Den herzlichsten Beifall fand der jugendliche Bühnen- und Filmkünstler Mara Spiegel, der in einer selbst verfaßten Rede seine Begegnungen mit Herrn Teitel schilderte und zum Schluß einige Gedichte in englischer und deuffcher Sprache vortrug. Breslau. (Sitzung der Gemeindevertretung.) Nachdem die Regierung die Aenderung der Gemoindesatzung genehmigt hatte, die die Zahl der Gemeindevertreter aus 23 erhöht, damit auch die kleineren Parteien vertreten sein können, konnte die neue Gfemeindc-- Vertretung am 18. d. M. zu ihrer ersten Sitzung zusammentrete». Sic setzt sich nach dem Kompromiß vom 3. November zusammen aus 11 Liberalen (Peiser, Spitz, Gins, Horn, Bayer, Smoschewer, Korn, Tärnowski, Freundlich, Davidsohn und Frau Bial), 4 Zionisten (Jacobsohn, Meyer, Nothmann und Frau Rabin), 3 Konservativen (Schlesinger, W. Kober und Gluskinos), 2 Wirtschaftsparteilern (Foerdcr und Wolfs) und 1 Ostjuden (Goldstein). Die Sitzung wurde durch den bisherigen Vorsitzenden des Vorstandes, Geheimrat Goldfeld, eröffnet, der das Präsidium dem Alterspräsidenten Kober übergab. Unter seiner Leitung erfolgte die Wahl des Justizrats Peiser zum Vorsitzenden der Gemeindevertretung. Rechtsanwalt Jacobsohn wurde zweiter, Dr. Schlesinger dritter Vorsitzender; Bankvorsteher Silber-- mann erster, Rechtsanwalt Dr. Alfred Wolfs zweiter Schriftführer. Darauf erfolgte die Wahl des Geineindcvorstandes. Trotzdem auch sie unter das Kompromiß siel, tvurden in den einzelnen Wahlgängen, immer tvieder weiße Zettel abgegeben. Die Liberalen entsandten in den Vorstand Geheimrat Goldfeld, Paula Ollendorfs, Sanitätsrot Dr. Bach, Juftizrat Kalisch, Justizrat Dr. Martin Goldschmidt und Bankdirektor Sander (6), die Zionisten Zahnarzt Dr. Schachtel und Dr. William Roß, die Konservativen Kaufmann Mendel Hosfmann und Kaufmaiiu Dr. Frcyhan, die Wirtschaftspartei Maurermeister Perl und die Mittelpartei Rechtsanwalt Dr. Joseph Dienstfertig. Die Wahlen nahmen über eine Stunde in Anspruch. Mit einem Glückauf für die neue Session schloß der Vorsitzende. Darmstadt. (Antrag auf Auslösung der Gießener „S t u d e n t e n s ch a s t".) Die Demokratische Vereinigung, Ortsgruppe Darmstadt, hat in ihrer letzten Mitgliederversammlung folgenden Beschluß gefaßt: „Die Demokratische Vereinigung Darmstadt ersucht die demokratisch-staatsparteiliche Arbeitsgemeinschaft im Hessischen Landtag zu beantragen, daß die Gießener „Studentenschaft" wegen ihres Beschlusses über den Numerus clausus für jüdische Studenten sofort aufgehoben wird." Dieser Beschluß hat die folgende Begebenheit zum Hintergrund: In der letzten Sitzung des Gießener Studentenausschusses — im Volksstaat Hessen besitzen die Studentenschaften noch die staatliche Anerkennung und dürfen Ztvangsbeiträge einziehen — wurde mit den Stimmen der Großdeutschen ein nationalsozialistischer Antrag angenommen, der sich gegen den letzten Erlaß des hessischen Kultusministers Adelung über den Numerus clausus der hessischen Philologen richtet und ihn grundsätzlich ablehnt. Obgleich in Gießen nur ganz wenige Juden Philosophie studieren, wurde ebenfalls mit den Stimmen der Großdeutschen ein Zusatzantrag der Nationalsozialisten angenommen, der die Einführung des Numerus clausus für Studierende der jüdischen Rasse fordert. Die Annahme dieses Antrages stellt eine offensichtliche Provokation gegen den hessischen Kultusminister dar, der der Studentenschaft in einem vorher verlesenen Brief mitteilte, daß cs ihm fernliege, die Selbstverwaltung der Studentenschaft anzutasten, sofern sie nicht gegen die Reichs- und Landesverfassung verstoße. Der Brief bezog sich auf das Verhalten der Studentenschaft gegenüber einem Studierenden, einem von den Franzosen aus Straßburg ausgewiesenen deutschen Juden, den man für ein studentisches Amt ablehnte, weil er kein Deutscher sei. Dortmund. (R e p r ä s e n t a n t e n - V e r s a m m l u n g.) Die dieswöchige Sitzung beschäftigte sich in der Hauptsache Geld- bzw. Bewilligungsangelegenheiten. Es wurden bewilligt für die drei öffentlichen religionslvissenschaftlichen Vorträge in der Synagoge 850 RM., der Chewra für Untcrstützungszwecke 500 RM., dem Verein Secher Owaus für den täglichen Gottesdienst 100 RM., der Ostjüdischen Vereinigung für das Tauchbad 104 RM., dem Büro für Statistik der Juden 50 RM., der Vereinigung für Errichtung eines Kriegs-« fallenen-Ehrcnmals ein Sympathie-Beitrag. Bei der letzten Bewilligung entspann sich eine längere Aussprache, doch wollte man sich aus naheliegenden Gründen gleich den anderen Kirchengemeinden der Stadt nicht ausschließen. In dringlicher Sitzung wurden sodann noch bewilligt! für die Milchausgabe au bedürftige Volksschulkinder für etwa 8 Wochen 100 RM. und ein Restschulgeld für Kiirder an höheren Schulen von 300 RM. Zu Beginn der Sitzung fand eine längere grundsätzliche Aussprache statt, ob in diesen Geldangelegenheiten nicht die F i n a n z k o m m i s s i o n vorher zu hören sei. % Diese soll demnächst von Fall zu Fall mitberaten und bestimmen* Im jausenden Jahre wird Herr Konsul Jaköby weiter den Vorsitz in der Gemeindevertretung führen. Er konnte zu Beginn der Verhandlung mitteilen, daß trotz der außerordentlich schweren Wirtschaftslage die Finanzgcstaltung der Gemeinde als befriedigend zu bezeichnen sei. Dortmund. (Vortrag in der Synagoge.) Am 11. Januar fand in der Synagoge in Dortmund ein Vortrag über das Thema „Der Gott der Rache" von Rabbiner Dr. Jacob statt. Der Besuch war außerordentlich groß, und zwar war das nichtjüdische Publikum bei weitem in der Mehrzahl. Dr. Jacob führte ungefähr folgendes aus: Es gibt Worte, denen schon die Sprache einen mißtönenden Klang mitgegeben zu haben scheint, um sie verhaßt zu machen; z. B. das Wort „Rache". Es klingt wie ein röchelnder Schrei. Wie lieblich klingt dagegen das Wort „Liebe". — Es ist ein unberechtigter Vorwurf, den man dem Judentum macht, daß es einen „Gott der Rache" anbete. Wer das Al>e Testament nur einigermaßen kennt, der weiß, daß darin der „Gott der Liebe" eine weit größere Rolle spielt. „Die Welt ist auf Liebe gegründet", solche und ähnliche Worte klingen durch die ganze Geschichte des Judentums. Es gibt keine Religion, die nur den Gott der Rache kennt. Das berühmte Wort „Auge um Auge, Zahn um Zahn", die Rachepsalmen, die biblische Blutrache scheinen der Auffassung von dem „Gott der Rache" eine Berichtigung zu geben. Die Talion, das ist Wiedervergcltung mit genau dem Gleichen (bei Körperverletzung die gleiche Verstümmelung), geht durch die ganze alte Welt. Die Rechtswissenschaft hat dafür den treffenden Ausdruck „spiegelnde Strafen" geprägt. Aber die Körperverletzung ist unverträglich mit einem Israel eigentümlichen Gedanken, mit der Lehre: „Der Mensch ist ein Ebenbild Gottes". Deshalb ist Shylock das ungerechteste und unwirklichste Zerrbild, das von dem „Juden" entworfen wurde. Natürlich kann auch der Jude hassen, kann sich zu rächen begehren und den Tob seines Feindes wünschen, aber wenn schon ein Jude als Messerstecher noch seltener ist als ein jüdischer Trunkenbold, s» wird es jedem Juden unmöglich sein, sich ein Ungeheuer wie diesen Shylock als seinen Stammes- und Glaubensgenossen vorzustellen. Vergeltung ist ein beherrschender Gedanke nicht bloß des Alten Testamentes, sondern der ganzen Menschheit, begründet in ihrem moralischen Bewußtsein, das nicht bloß die Strafe für eine Ueiieltat, sondern auch eine Gleichwertigkeit von Tat und Straflciden verlangt. Es ist das schwere Unrecht des Evangelisten und seiner Bergpredigt, daß sie es dem Scheine nach zu einer Lehre der jüdischen Religion, ja sogar zu einem Gebot der Thora gemacht haben, sich zu räche». Der Thora, die ausdrücklich verbietet, „Du sollst Dich nicht rächen", — des Moses, der Gott ausrusen läßt: „Mein ist die Rache!" Und die Propheten sagen: Der Gott der Rache ist die Hoffnung auf den Sieg des Guten. „Habt nur Geduld, Ihr braucht Euch nicht zu rächen. Es lebt ein Gott zu strafen und zu rächen!" Dieser Gott ist aber auch der Gott der Liebe, der nicht den Tod des Frevlers, sondern seine Umkehr will. Mit diesen Ausführungen suchte der Redner auch die Frage zu beantworten: Darf ein Volk auf Rache sinnen? Es gibt eine klare Richtlinie. Niemand darf behaupten, er kämpfe für den Himmel, wenn der Kampfpreis die Erde, ein Zuwachs an Macht ist. Die Weltgeschichte ist das Weltgerichts diese Gewißheit kann auch die Rachegelüste einer Nation zur Ruhe bringe»« — Allen gilt das Wort unseres größten Dichters: