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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-01-21 · 3 (21.1.1931) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
3 (21.1.1931)
Date
1931-01-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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» 11 Jahrgang Kammer Z * Mlsch-tlberale Zeitlmg Beilage 21. Januar 1931 Was hat das alte Testament für die emopaijche kultnrmenfchhelt geleistet? Von Claude G. Atontesiore Cs wird, >vie ich ersehen kann, nicht als ungeziemend empfunden, daß unter den Präsidenten einer Gesellschaft zum Studium des Alten Testamentes auch ein Jude sich befinde. Denn dem Juden ist das Alte Testament, — man mag dies als einen Vorteil oder Nachteil ansehen, — das Alte Testament qNein und nichts anderes, seine Heilige Schrift schlechthin. Das ist seine Bibel und nicht nur ein Teil seiner Bibel und noch,dazu der minder wichtige Teil. Aber ob er nun deswegm reicher oder ärmer, besser oder schlimmer daran sei, das Alte Testament ist nun einmal seine ganze Bibel. Was hat nun ein Jude betreffs der Bibel zu sagen, wie schätzt er sie ein in diesem Jahre des Heils 1930? Mir Weint, es müsse ein gewisses Interesse, sogar eine gewisse Pikanterie in solchen Fragen und ihren Antworten liegen. Aber dieses kleine Fürwort „er" ist.unbestimmt und in meinen! Falle vielleicht irreführend. Denn, obgleich ich eine ganz durchschnittliche Person bin, so kann ich doch nicht bean- Wruchen, die durchschnittlicher Jude zu sein. In Bezug auf mein Verhältnis zum Alten Testament kann ich nicht beanlvruchen, ein repräsentativer Jude zu sein. Dafür bin ich viel 6unorthodox, viel zu modernistisch, viel zu liberal, vielleicht ar ein wenig zu alleinstehend, und — ich hoffe nur im hstäblichen Sinne des Wortes, — exzentrisch. Daher gilt alles, was ich sage, nur für mich allein, obgleich ohne Zweifel ein gut Teil mehr oder weniger liberaler Juden mit mir mehr »der weniger eines Sinnes sind. Ich möchte noch folgendes hinzusügm: gleich wie man behaupten darf, daß, in gewissen Grenzen, wer sich als Christ fühlt, auch ein Christ ist, so, wer sich als Jude fühlt, auch ein Jude ist. Wie gesagt, ist das Alte Testament des Juden Heilige Schrift, seine einzige Bibel. Aber was verstehen wir heut- Mtage unter „heilig"? Das ist eine viel zu schwierige Frage, als daß ich sie beantworten könnte. Doch ich' möchte hierzu folgendes sagen: Sind nicht Vater und Mutter, in einem gewissen übertragenen Sinne, heilige Personen für uns? Gleichwohl betrachten wir sie als vollkommen nur so lange wir Kinder sind. Sobald wir erwachsen sind, ändert sich das Verhältnis, obgleich wir sie bewundern und herzlich lieben, wissen wir, daß sie ihre Fehler haben, obwohl ihre Vorzüge ihre Fehler bedeutend überwiegen, und wir wissen auch, was diese Fehler sind. So kann auch ein Buch mir heilig fein, aber ich muß es deswegen noch nicht als vollkommen betracht en. Andererseits ist das Alte Testament auch dem liberalen Christen in einer gewissen Art heilig, in einer gewissen Art inspiriert. Betrachte ich das Alte Testament auf dieselbe Weise als heilig und inspiriert? Ich glaube, nicht ganz. Das berühmte: „in gewissen Teilen und in einer gewissen Art", welches christlich« Kritiker des Alten Testamentes so gern anweuden, könnte ich wohl ebenfalls akzeptieren, allein ich müßte es anders interpretieren. Ebensowenig wie ich zugeben kann, daß der Urheber dieses Wortes recht hatte,, indem er annahm, daß er und seine Zeitgenossen an der Zeiten Wende standen, nämlich am Ende des alten und in der nächsten Nähe des neuen Aeon, so wenig kann ich die Anschauung unterschreiben, daß es Gottes wohlüberlegte Absicht war, von Moses bis Maleachi bloß eine geteilte und unvollständige religiöse Erleuchtung scheinen, den vollendeten und ganzen Glanz jedoch erst bei der Ankunft des Propheten von Galiläa erstrahlen zu lassen. Und diese Verschiedenheit im Urteil bringt andere Verschiedenheiten mit sich. Sie bringt manche Verschiedenheiten in der Würdigung. Das Alte Testament ist für mich, wie für manchen Christen, unvollkommen, aber es teilt diese Unvollkommenheit mit allen anderen Büchern, mit allen anderen menschlichen Schöpfungen, obgleich der Geist Gottes auch bei ihrem Zustandekommen mitgewirkt haben mag. Ich habe es nicht nötig,, sorgsam darauf bedacht zu sein, nichts im Alten Testament viel zu hoch einzuschätzen, damit ich eine entsprechende Distanz zwischen dem Alten und Neuen Testament einhalte. Aus diesen,, wie aus anderen Gründen würde ich zweifellos geneigt sein, manches im Alten Testament auf eine höhere Stufe zu stellen, als dies gewisse christliche Theologen tun. Und aus ebm diesem Grunde wäre ich dreist genug zu behaupten, daß ich manche Dinge im Alten Testament treffender einschätze, als meine christlichen Brüder; ebenso wie ich andererseits überzeugt bin — ist das nicht schon ein fast unerträglicher Dünkel? — andere Dinge im Alten Testament treffender einzuschätzen, als meine jüdischen Brüder. Bon meinem Gesichtspunkt aus werden nämlich oft zwei entgegengesetzte Fehler m Betreff des Alten Testamentes begangen. Der erste Fehler, der mehr aus Seiten der Juden als ans der der Christen zu finden ist, besteht darin, daß in den Text moderne Errungenschaften hineingelesen werden, welche in Wirklichkeit sich nicht darin finden. Das ist der Fehler der Uebertreibung, der Ueberverherrlichung. Der andere entgegengesetzte Fehler ist die unangebrachte Herabsetzung. In den Schriften von Gunkel und anderen protestantischen Theologen z. B. kann mau öfter Sätze wie folgende finden: „Wir müssen aufpassen, um einer alttestamentlichen Stelle nicht einen neutestamentlichen Sinn unterzuschieben", mit anderen Worten, wir müssen der alttestamentlichen Stelle eine möglichst niedere Deutung geben, um die angemessene und gewollte Distanz zwißchen dem Alten und Neuen Testament aufrechtzuerhalten. Aber hier ist noch etwas mehr. Und da bin ich im Be-- ÖTtffc zuzugeben, daß ich, der unfraglich liberale Jude, aus! einem gewissen Grunde das Alte Testammt vielleicht etwas unbillig und auch viel zu leichthin beurteilen mag. Biele meiner weniger fachmännisch gelehrten christlichen Freunde scheinen zu denken, daß das Judentum, gleichviel ob das orthodoxe oder das liberale, eben die Religion des Alten Testamentes sei — was immer solch eine komplizierte Religion sein mag — und weiter nichts. Aber das ist ein großer Irrtum. Nun, eben so wie die Christen das Alte Testament zum Teil nach dessen Beziehungen zum Christentum beurteilen, so beurteilen es die Juden nach seinem Verhältnis zum Judentum. Das Judentum hat nicht mit dem Alten Testament ausgehört. Es ging weiter, wuchs und entwickelte sich, lind es geht noch immer weiter und wächst und entwickelt sich. Der Geist Gottes war mit den Juden in dm Zeiten des Alten Testamentes, der Geist Gottes war,, wie ich meine, mit ihnen in späteren Zeiten, der Geist Gottes (ich sage das mit aller Zurückhaltung, Demut und Ehrfurchtt) ist mit ihnen in unseren Zeiten. In der Geschichte und Entwicklung der jüdischen Religion hat es manchen Rückschritt, manchen Stillstand gegeben, aber es gab auch manchen Fortschritt und Aufschwung; mancher Fortschritt und Aufschwung gehen auch in der Gegenwart vor sich Wenn es aus irgend eine Weise möglich ist, von der Religion des Alten Testammtes zu sprechm — wenn dieses Wort irgend eine Bedeutung hat, dann möchte ich sagen, daß die Religion der besten der Rabbinen, sagen wir um 400 nach Christi Geburt, im großen und ganzm eine höhere und bessere Religion war als die des Alten Testamentes. Und um meine Ansicht klarer auszudrücken, überspringe ich die dazwischen liegenden 1530 Jahre und möchte mich erkühnen zu sagen: da ich, metaphorisch gesprochen, gleiche sam auf den Schultern dieser alten Rabbinm stehe und daher einen weiterm Gesichtskreis umfasse, als sie, so ist meine Religion, mein Judentum irn großen ganzm höher als das ihrige. (Selbstverständlich meine ich damit nicht meine persönliche Religion oder Religiosität, die sicher tief unter der ihrigen steht.) So ist es denn unvermeidlich, daß wir alle das Alte Testament teilweise nach dem beurteilm, was wir gerade jetzt glauben, was wir gerade in unserer Zeit als gut und wahr, als das Höchste und das Edelste ansehen. Nein, da hmtzutage die Anschauungen der Juden und der Christen in Bezug aus religiöse und ethische Fragen, mit denen das Alte Testament zu tun hat, in einem sehr hohen Grade übereinstimmen, so wird auch unsere Bewertung des Alten Testamentes und seiner Bedmtung in einem sehr hohen Grade die gleiche lein. Bon manchen seiner großen Leistungen dmken Juden und Christen gleich oder vielleicht richtiger, wir sollten übereinstimmen, daß dieser und jener Ausspruch,, diese und jene Lehre zu seinen größten Leistungm gehören: Michas berühmtes: „Was verlangt Gott von Dir?" z. B. Wir sollten übereinstimmen, daß dieser Satz zu den größten Leistungen des Altm Testamentes gehört und daß dies an sich eine sehr große Leistung ist. Ich erinnere mich dunkel, daß Sir George Adam Smith irgendwo sagt, Micha VI, 8 sei nur von Matthäus XI, 20—30 überboten. Nichtsdestoweniger gibt es manche, nicht sehr viele, aber sehr wichtige Dinge im Alten Testamente, die den Juden ungleich teurer und wertvoller sind, als den Christen. Ja, sogar jene großen Dinge, bezüglich deren das Urteil der Christen und der Jüden übereinstimmt, wie z. B. jene Verse in Micha mögen dem Juden teurer sein als dem Christen: er hegt in Bezug zu ihnen einen gewissen Familien- oder Sektenstolz. So mag Hamlet einem Schweden und einem Engländer gleich groß erscheinen, aber er wird letzterem gleichwohl teurer sein als dem Schweden. Indessen nicht dieser Unterschied war es, an den ich dachte. Ich dachte zuvörderst an Worte, wie das berühmte „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewigem ist einig-einzig! Und du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele und deiner ganzen Kraft!" Schon der Klang dieser Worte, sei es im Hebräischen oder in einer anderen Sprache, ist für den Inden durchtränkt und gesättigt mit Assoziationen, Erinnerung, traurigen und glorreichen, die der Jude ganz für sich allein haben muß. Und sie sind für ihn von enormen Wert und großer Intensität. Sie bedmten dem Juden notwendig etwas ganz besonderes, gleich wie die Worte: „Kommt zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid", dem Christen etwas?anz besonderes bedeuten. Ebenso wenig wie ich Anteil haben ann an dem Reichtum der Bedeutung und der Assoziationen, die diese Worte Ihnen vermitteln, so wenig können Sie an dem Reichtum teilhaben,, den jene anderen Worte für mich bergen. Oder, wiederum, ein Wort wie ,Hhr seid meine Zeugen" oder ,Jhr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heilig Volk sein", oder „Wisse also dies am heutigen Tag und leg es an dein Herz, daß der Ewige ist Gott im Himma und auf Erden, keiner ist außer ihm". Oder „An jenem Tage wird der Ewige einzig und seine Name einzig sein". Sogar eine irrige Uebersetzung kann durch die Jahrhunderte geheiligt und mit besonderen Hoffnungen und Verheißungen durchtränkt werden: z. B. „Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde gesegnet werden". Was diese Worte dem Juden bedeuten, können sie dem Nichtjuden nicht bedeuten. So kommt es, daß die Bedeutung des Alten Testamentes ür die Juden notwendig verschieden ist von seiner Bedeutung ür den Christen. Das ist die eine Rechtfertigung für mein Unternehmen an diesem Abend. Für einen Buddhisten wäre, wie ich annehme, die Bedeutung wiederum ganz verschieden, während ein überzeugter Atheist hier überhaupt keine Leistung, sondern etwas Gleichgültiges, Unnützes sehen mag. Das Alte Testament ift für ihn schöne Literatur mit wenig Inhalt, viel schöner Klang und Begeisterung mit geringer Bedeutung und nicht viel Sinn. Es mag gesagt werden, daß der liberale Jude, während er die Unvollkommenheiten des Alten Testamentes einsieht, während er die Schlacken sowohl als das Erz wahrnimmt, er doch eine gewisse Zärtlichkeit für die Schlacken und die Unvollkommenheiten empfindet, ebenso wie eine tiefe Zuneigung für das Vornehme und das Erz darin. Sie erinnern sich der wundervollen Worte in Jawes Lee's Wife: „Der Mann war für mich die ganze Welt mit ihren Blumen zum Bewundern und ihrem Unkraut zum Bedauern, das eine wie das andere zum Lieben," Worin also beruht für mich die'Bedeutung des Alten Testamentes? Zunächst und vor allen Dingen erscheint mir das Buch als eine große Hochschule des TheiÄnüs. Es enthält für mich alles Wesentliche des religiösen Theismus in höchst nachdrücklicher Form. Es umfaßt und präsentiert jene Eigenschaften und Elemente des religiösen Theismus, welche seinen Nerv und Grundfelsen und zugleich sein tiefstes Problem und seine größten Schwierigkeiten bilden. Die Form, in welcher das Alte Testament sie darbietet, mag sehr unphilosophisch sein, bisweilen sogar rauh und primitiv, aber in einem gewissen Sinne ist ebm dieses Rauhe und Primitive ein Teil des Wertvollsten des Alten Testammtes. Der Theismus des Altm Testamentes ist der unverzagte und unnachgiebige Theismus des Persönlichen Gottes. Hier haben wir den Gott, der herrscht und regiert, dm Gott, der gerecht und barmherzig und liebevoll ist, dm Gott, zu dem man beten kann und der zum Menschen in Beziehung tritt, der das Gute belohnt und das Böse bestraft, den Gott, der hilft und schützt, den einm und einzigen Gott. Was ich jetzt sagm will, sage ich mit Zögern, aber es scheint mir, wenn Metaphysik und Theologie uns erlauben, so bedürfen wir für unfern religiösen Theismus ziemlich genau alle die Charakteristikm von Gott, die das Alte Testament bietet. Wir brauchen sogar obgleich es heutzutage unfashionable ist, das zu erwähnen, teils wegen der Aufklärung, teils weil wir so erhaben und moralisch sind — wir brauchen sogar Lohn und Strafe! Es mag uns obliegen, manche dieser alttestamentlichen Charakteristiken mehr in Einklang mit unseren modernen Begriffen von der Gottheit zu bringen, aber ob in der einm ob««: im der anderen Form, mir scheint, daß wir ihrer aller bedürfen. Wenn unser Theismus unfähig ist, sich die eine oder die andere dieser Charakteristikm zu eigen zu machen, dann ist dies eine unzulängliche Art von Theismus — jedenfalls nicht jener, an den Juden und Christen weit mehr als zwanzig Jahrhunderte gewöhnt sind. Nun scheint es mir von immensem Vorteil zu sein, diese wesentlichen Charakteristikm des religiösen Theismus dargeboten zu besitzen in entsprechender Lauterkeit, in großer Einfachheit, in äußerster Kühnheit, ohne Bedenken, Konzessionm und Abschwächungen und, in fast kompletter Ahnungslosigkeit bezüglich der enormen, erschreckenden Schwierigkeiten, die sie einschließen. (^ übersehe nicht Job und noch eine oder zwei isolierte Stellen, aber im allgemeinen ist das, was ich sage, zutreffend.) Das Alte Testament bildet gleichsam eine Standarte. An seinem Theismus, — wohlgemerkt, an dessen bester, reinster und höchster Ausdrucksform — müssen wir unserm Theismus von heutzutage heranzubringen suchen, oder ihn in derselben Höhe zu erhalten. Eben seine Einfachheit und Unverzagtheit sind für mich eine fortwährende Tröstung, eine andauernde Ermunterung, eine bleibende Erfrischung der Seele. Sodann, abgesehen von diesen wesentlichen Elemmtm, über die ich nicht nötig habe, weitläufig zu reden und die es überflüssig ist durch Zitate zu illustrieren, gibt es im Altm Testammt andere dm Theismus betreffende Elemmte, die mir ausgezeichnet und wertvoll erscheinen. 1. Es ist ein glücklicher Theismus, man könnte sogar sagen, ein gesunder Theismus. Daß „Wohlergehm der Segen des Alten Testammtes" sei, ist eine sehr unzulängliche Bemerkung, und kaum hat Bacon sie ausgesprochen, so geht er schon daran, sie einzuschränkm. Aber sie ist mindestens insofern wahr, als nach dem Altm Testament des Menschm richtiger und eigentlicher Zustand die Freude zu sein hat. Frmde ist das Ergebnis und der Lohn der Gerechtigkeit religiöse Frmde aber ist die höchste Form der Frmde. Es ist im Alten Testament nicht wenig von Sünde die Rede, doch nicht zu viel. Es ist darin manches von der Hinfälligkeit des Lebens gesagt, doch nicht zu viel. Trotz der vielen Trauer und der Leiden, die darin erzählt wecken und der gelegentlichm Bestürzung als Folge, ist von Pessimismus und Verzweiflung kaum eine Spur. Das Lebm erscheint durchaus als lebenswert. 2. Der Gott des Altm Testammtes, — wenn der Ausdruck nicht seltsam erschiene, würde ich sagm, der beste Gott des Altm Testammtes — hält die Mitte zwischm den zwei schlechten Extremen der Erbarmungslosigkeit und der Gutmütigkeit. Unter den Stellen des Alten Testamentes, die für dm Juden von der tieferen Bedmtung und den heiligsten Assoziationen erfüllt sind, möchte ich solgmdm berühmten Ausspruch im Exodus erwähnen: „O Ewiger, Ewiger, barmherziger und gnadenreicher Gott, der du langmütig bist, 'reich an Gnade und Treue, der du die Gnade bewahrst den Tausenden, der du vergibst Missetat, Frevel und Sünde, aber dm Schuldigen nicht ungestraft lassest!" Das Lebm, welches das Alte Testament von Menschm fordert, hält die Mitte zwischm Sorglosigkeit und ersterbender Angst. Der Mmsch steht aufrecht, er hat niemanden und nichts zu fürchten, außer Gott, aber Gott hat er zu fürchten, obgleich er ihn auch, das ist das Gesetz aller Gesetze, zu lieben hat. Religion soll des Menschen Leben ausfüllen,, aber es nicht erdrücken. 3. Es ist ein männlicher und humaner Theismus. Human klingt befremdlich in Verbindung mit Theismus und klingt eher tadelnd als lobend. Aber ich gebrauche das Wort hiet in einem besonderen Sinn. Als ich die Noten zu diesem Vortrag vorbereitete und vom Schreibtisch aufblickte, sagte ich zu einem lieben Freunde, der im Zimmer war, — er ist ein Geistlicher der Kirche von England —: „Was gefällt Jhnm besonders am Alten Testammt?" Er antwortete auf der Stelle: „Seine Humanität. Es ist ein so humanes Buch." Dann wandte ich mich an einen anderm Freund, der sich ebenfalls im Zimmer befand: „Und was lieben Sie besonders am Alten Testammt?" „Seine Männlichkeit" war die Antwort. Unter entsprechender Reserve und gewisse Ausnahmen zugegeben, sind, wie mir scheint, beide Antworten richtig. Das Alte Testament hat manche Schwächen, es sind die Schwächen der Jugend und der unverbildeten Menschmnatur. Selbst wo uns am Alten Testammt seine Härtm, sein Rachegeist, seine Verwünschungen rnißfallm, sind alle diese Mängel doch von schlichter menschlicher Art. Es ist selten (ich will nicht sagen nie) etwas Perverses, Ekelhaftes oder Abstoßendes dabei. So verhält es sich auch mit der Moral, mit der Ethik des Alten Testamentes. Es ist darin viel von gnadenreicher Liebe die Rede, aber auch viel von Gerechtigkeit, viel von Mitleid, aber nichts ist darin, das kleinlich, geziert oder smtimmtal wirkte. 4. Das Alte Testament befaßt sich nicht damit, theoretisch eine Harmonie herzustellen zwischm seinen zarten und seine» strengen Konzeptionm von Gott: Gott ist einerseits vergebend und barmherzig und zugleich^erecht und vergeltend. ES bietet beide Elemmte in einer Einheit, die unseren Zielen für praktische Zwecke dient. Ebmso verhält sichs in Bezug auf die

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