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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-01-21 · 3 (21.1.1931) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
3 (21.1.1931)
Date
1931-01-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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immer wieder einhämmern würde, daß die Juden an der jetzigen Notlage schuld seien. Diese Irregeleiteten aber werden durch Auftlänrngsdemühungen von jüdischer Seite laum zu erreichen sein, einerseits, weil sic gegenüber derartigen Versuchen von jüdischer Seite von vornherein mißtrauisch sind, andererseits auch deshalb, weil sie an dein Problem des Antisemitismus gar kein so stades Interesse nehmen, um sich näher damit zu beschäftigen. Durch ihre Zugehörigkeit zu politisch antisemitisch eingestellten Parteien sind aber gerade diese beinahe Indifferenten eine cfceiifo große Gefahr für die Juden wie die Fanatiker. Was ergibt sich daraus? Ihr kämpft nur gegen ein Symptom, wenn ihr den Judenhaß altern bekämpfen wollt. Um aber das! Uebel an der Wurzel zu packen, muß es euer Bestreben sein, die Weltanschauung zu ändern, die notwendig zum Antisemitismus führt, die Weltanschauung, die den Klassen- und Rassenhaß predigt, der ein Anderssein gleichbedeutend ist mit einem Schlechtersein, die sich sozial gebärdet, sich aber dennoch skrupellos des Kapitals bedient, um Schwächere auszubeuten, zu unterdrücken, ja selbst zu vernichten. Für sie gilt das Bibel wort nicht, daß alle Menschen Brüder sind/ für sie ist der ewige Frieden eine Utopie. Juden, seid denn ihr allein die Geknechteten? Leiden nicht alle Minderheiten ebenso sehr wie ihr? Muß es immer so bleiben? Nein, in der ganzen Weit gibt es edle Menschen jedes Glaubens, die für den Böllerfrieden kämpfen gegen Millionen von Unvernünftigen, mit dem Mute, der dieser großen Sache würdig ist. Für diese Vorkämpfer des ewigen Friedens gibt es nur Menschen ohne Borrechte von Geburt, Rasse und Glauben, ohne Vorrechte von Rang und Reichtum, nur Menschen, die ein Recht auf ihr Leben haben bis zum letzten Atemzuge, bereit, es mutvoll zu verteidigen gegen gewissenlose Kriegshetzer, die fremdes Leben ihrem Gelüste nach Reichtum, Macht und Ruhm opfern möchten. Ihr zahlreichen Inden, die ihr noch fernstehl diesen Vorkäurpfern für den Frieden, warum zögert ihr noch? Lockt es euch nicht, Mitarbeiter an einem großen Werke zu sein, das die Men sch he^ t um einen gewaltigen Schritt vorwärts bringt und die Sicherheit eures Lebens und eures Wirkens vermehrt, indem es zwangsläufig viele, die ihr noch für eure Feinde haltet, zu euren Freunden wandelt. Wohl wächst die Bewegung für den Frieden, aber sie wächst zu langsam, weil :hr die Geldmittel fehlen, um ihre hohen Ideen durch Wort und Schrift so zu verbreiten, wie es wünschenswert ist. Warum opfert ihr nicht wenigstens dre- 'Mark im ganzen Jahre, um auch der deutschen Friedensgesellschaft anzugehören, oder der Internationalen Frauen Liga für Frieden und Froheit, ihr jüdischen Frauen. Sollen eure Söbne einem neuen Kriege zunr Opfer fallen, weil ihr es gleichgültig soweit kommen ließet? Oder seid ihr schon so resigniert, zu fürchten, daß eure Kinder auch ohne Krieg von der Welle des Judenhasses erfaßt und hinweqgesvült werden? Weder das eine noch das andere darf geschehen, darum beugt vor! Noch einmal! Der Antisemitismus ist ein Teilproblem, das nur die Juden angeht, die Herbeiftihrung des ewigen Friedens aber in ein Menschheitsproblem. Wer für dieses gewonnen wird, kann nicht Antisemit bleiben, und es »vären sehr viele zu gewinnen, die ihren Antisemitismus aufgeben würden. um der großen Idee willen, die ihren Nachkommen Glück und Leben sichert. Jugendgemeinschaft der jüdischen Reformgemeinde Berlin Am Donnerstag, den 2ft. Januar, abfends 8 Uhr, im MOSSE-HAUS, Leipziger Platz 15, REZITATIONS-ABEND des Schauspielers am Berliner Staatstheater Gad Shelaso: Aus alter und neuer jüdischer Dichtung GÄSTE WILLKOMMEN! Versammlungskalender Berlin-SchSneberg-Ailmerrdorf. Liberaler Verein für die Angtlegenheitm der Jüdische« Gemeinde zu Berlin E. V. Die Lezirksgruppeu Schöueberg und Wilmersdorf veranstalte« am Mittwoch, dem 28. Januar 1931, abeuds 8 Uhr pünktlich, im Bürgeruttistersaal des Rathauses Schöueberg, Rudolph Wilde-Platz, ein« Mitgliederversammlung. Es wird der Vorstand der Bezirksgruppeu neugewählt. Anschließend daran findet ein Vortrag von Herrn Rechtsauwalt Dr. Ernst Emil Schweitzer statt, betitelt: „Liberaler Wahlsieg - was nuu?" (Der Brief des Herru Rabbiner Dr. Laeck; Unsere Stellung zu Dr. Tietz; Die Neubesetzung des Gemeindevorstandes: Der zionistische Wahlprotest.) Die Einführung von Gesinnungsgenosse« als Gasten ist zulässig» jedoch weg««- der Punkte 1 und 2 erst ab 8.39 Uhr. Es habe« auch die Mitglieder anderer Bezirksgrupp«» Zutritt. Freie Aussprache. Gottesdienste * verkbr»Rsrb«l. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Freitag, den 23. Javuar, abeuds 7.15 Uhr» Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Solvmvaski. Sonnabend» vormittags 1v Uhr. Gottesdienst. Berlin-Vstru. Liberal« Synagoge Osten, Aula Midcheofchnle Kaiferstratzr 38. Freitag, den 23. Januar, abends 7.3V Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Cohn. Yerliu-Westend. Liberale Synagoge Westend, Lekstikowstraß« 7-8, Aula. Freitag, den 23. Januar, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Prediger Dr. Andorn. Berlin. Jüdisch« Reform-Gemeinde. Gottesdienst« am Sonntag, dem 25. Januar. Johauuisstratze 16: vormittags 10.30 Uhr; Predigt: Dr. Lehmann. Kleiststratz«!0: vormittags 10.30 Uhr; Predigt: Dr. Rosentbot. Tie meisten Menschen, ahnen nicht, wie groß dauernd die Kriegsgefahr ist, die über den Böllern Europas schwebt. Eine zielbewußte Aufklärung würde genügen, um sie zu Anhängern des Friedens zu machen. Man brauchte ihnen nur zu beweisen, wie sehr sie von einer rüstungs- und kriegsfreundlich gesinnten Presse belogen werden. Diese Ausllärung kostet leider mehr Geld, als der Bewegung bis jetzt zur Verfügung steht. Warum gebt ihr nicht mit vollen Händen, ihr wohlhabenden, warum nicht euer letztes Scherflein, ihr armen Juden'. Ibr gebt es nur zu eurem Schutz. Besonders ihr Juden in den Kleinstädten und auf dem flachen Lande, denkt daran, daß ihr verloren seid, wenn die antisernitischen Parteien der Kriegshetzer noch mächtiger werden und über euch hersallen. Laßt euch durch kleinliche, persönliche Interessen nicht hemmen! Bangt ihr um euren Reichtum, ihr Besitzenden? Ter Friede kann nur erhalten bleiben, wenn jedem Menschen Lebensraum und Lebensmöglichkeit zugestanden wird. Die Zusammenballung des Kapitals in wenigen Händen begünstigt die Unzufriedenheit und führt letzten Endes zu Haß und Krieg. Was nutzt aller Besitz, wenn das ausgehungerte Boll, von antisemitischen Führern aufgehetzt, eines Tages über euch herfällt! Vergebens werdet ihr geltend machen, daß die reichsten Männer Deutschlands und der Welt keine Juden sind. Ihr aber, ihr Juden in den kleinen Städten, fürchtet ihr den Boykott oder die scheelen Blicke eurer Mitbürger, wenn sie sehen, daß ihr für sriedenssreunöliche Bestrebungen eintretet? Nehmt dies in Kauf, man traut euch auch sonst nicht. Seid mutig, gebt den Zugänglichen, den Vernünftigen unter euren christlichen Bekannten eine der Zeitschriften der deutschen Friedensgesellschaft zu lesen. Führt ihnen das entsetzliche Unglück eines kommenden Krieges vor die Augen, beweist ihnen, daß gegen Fliegerbomben, gegen Gasangrosse aus der Luft keine Grenze schützt, kein Heldentum etwas ausrichten kann, daß solchen Angriffen selbst Greise, Frauen und Kinder wehrlos ausgesetzt sind. Man wird hier und da doch erkennen, daß jck>er Haß, also auch gegen den jüdischen Mitbürger, unberechtigt ist, wenn er einem unbegründete« Vorurteil entspringt. Tie Sache des Friedens marschiert. Wohlauf, beteiligt euch an dem Kampfe für den Gedanken, den schon der Prophet Jesaja als das hehrste Zukunftsideal mit den unvergänglichen Worten verherrlichte: „Einst wird wohnen der Wolf mit dem Lamme, und der Tiger wird lagern neben dem Böcklein und Kalb und junger Lep und Masttier zusammen, ein kleiner Knabe wird sie leiten. Kuh und Bär werden weiden, und ihre Junger: zusammen lagern, und der Leu Stroh fressen wie ein Rind." Metaj Opet-Fußi, BreStau. * Aus der Bewegung Köln. Herr Konsul Max Grünbaum, das bekannte Vorstands- Mitglied der Leonhard Tietz A.-G., ist durch freundliche Spende de» satzungsmäßigen Beitrages lebenslängliches Mitglied der Bereinigung für das liberale Judentum geworden. Herr Konsul Gründaum hat lang« Jahre dem Borstand der Synagogengemeinde Köln angehört und ist stets für liberale Bestrebungen eingetreten: er ist als Philanthrop in allgemeinen und in jüdischen Angelegenheiten über den Rahmen seiner Vaterstadt hinaus bekannt. Königsberg/Pr. (Vortragsabend der Ortsgruppe der Bereinigung für liberales Judentum.) Die Ortsgruppe Königsberg der Bereinigung für liberales Judentum hatte die Angehörigen der Synagogcngemeindc zu einem Vortragsabend in den Räumen des Republikanischen Klubs eingeladen. Der Abend wurde von dem Vorsitzenden Kaufmann Isidor Fabian geleitet. Das erste Referat hielt Rechtsanwalt Dr. Erwin Lichtenstein Über „Die Juden in der Krise". Der Redner führte aus: Er wolle hierbei nicht auf di« Wirtschaftskrise eingehen, in der sich die Juden befänden und derznfolge zahlreiche Existenzen proletarisiert seien,, sondern sich im toesenblichen auf die politische Krise beschränken. Die, palästinensische Judmheit und damit der Zionismus sei durch die- Herausgabe des „Weißbuches" der englischen Regierung in eine besondere Krise geraten. Das „Weißbuch" habe auf zionistischer Seite einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen Und man habe der englischen Regierung Wortbruch vorgeworfen. Objektiv müsse dagegen, festgestellt tverden, daß die Engländer niemals versprochen hätten) die Interessen der Juden gegenüber den Arabern einseitig zu fördern. Der Zionismus, der als jüdisches Ziel stets den Aufbau Palästinas propagiert habe, damit die Judenheit in den Diasporaländern au-, der politischen Krise herauskämen, erlitte selbst die schwerste politische Krise, die man sich denken könne. Auch in Palästina und gerade dort sei die Judenfrag« nicht gelöst. Palästina sei kein veineS; Judenland und stelle nur einen Teil der Diaspora dar. Dem Zionismus gegenüber sei zu betonen, daß nicht das Nationale, sonder» das Religiöse entscheidend sei. Der Redner untersuchte sodann die' ■ Frage, ob die Weltanschauung, die die Mehrheit der deutschen Jude» vettrcten haben, nämlich die der Synthese von Deutschtum und Judentum, Schifsbrnch erlitten habe, wie es von zionistischer Seite behauptet worden sei. Diese Frage sei von vornherein zu verneinen. Man habe die Nationalsozialisten zuerst als politische Narren verschrien und sei heute in das entgegengesetzte Extrem verfallen, buch man sie viel zu er^st nähme. Der verlorene Krieg, die Revolutio« und die Wirtschaftskrise des Kapitalismus hätten eine radikal-sozial listische Bewegung erzeugt, die sich zum Teil im Kommunismus zum anderen Teil im Nationalsozialismus äußere. Die Führer der Nationalsozialisten seien keinesfalls Leute mit den Qualitäten eines reaktionären Volksführers, sondern sie seien meistens Demagoge« oder Psychopathen. Bemerkenswert sei, daß gerade die ungermanischsten Nemente innerhalb des Nationalsozialismus aus Minderwertigkeitsgefühl heraus gegen die sogenannte Ueberfvemdung Deutscher Art durch das Judentum aufträten. Die Bewegung Hab« dem Katholizismus keine Nackenschläge zufügen können. Dieser stehe' ungv» schwächt da. Dagegen habe die evangelische Kirche nicht verhüte» können, daß ihre Anhänger zu einem erheblichen Teil im nationalsozialistischen Lager tätig seien, wobei sie alle Forderungen christlich« Ethik hintanstellten nnd die Übelsten Terrorakt« duldeten und fog« mitmachten. Redner ging sodann auf die Frage der nationalen Minderheiten ein und lehnte mit Entschiedenheit die Forderung der Zionisten ab, daß die deutschen Juden sich jüdisch-national fühle» sollten. Durch die Erschütterung des jüdischen Berufslebens würden auch die Synagogengemeinden sehr stark in Mitleidenschaft gezogen. Die Gemeinden müßten die Verarmung berücksichtigen. Sie müßte» sich darauf einstellen, künftighin bescheidenere Gotteshäuser zu baueck und eine rationellere Etatspolitik zu betreiben, Der Gottesdienst müsse gestrafft und gekürzt werden, damit er den heutigen Menschen ein stärkeres innerliches Erlebnis gäbe. An der Aussprache, di« dem Referat sich, anschloß, beteiligten sich Bücherrevisor Oskar Eichel^ bäum, sowie die Rechtsanwälte Dr. Holz und Dr. Ros« «ha in. Danach referierte Rechtsanwalt Dr. Holz über den Landesverband preußischer Synagogengemeinden. Dieser habe die Ausgabe, das neue Judengesetz vorzubereiten, ein Musterstatut für sämtliche preußischen Gemeinden zu schaffen, den lleinen und leistungsschwachen Gemeinden Unterstützung finanzieller Natur angedeihen zu lasse», das soziale Niveau der Kultusbeamten zu heben und für die Aufrechterhaltnng des ordentlichen Gemeinwesens in den einzelnen Gemeinde» durch Erhaltung und Ausbau von Gotteshäusern und Friedhöfen sowie Förderung des Religionsunterrichts zu sorgen. Weiterhin ergäbe sich für ihn die Aufgabe, gemeinsam mit den nichlpreußischen LansdeS-- ganz gewiß hat keins in seiner Jugend der Menschheit soviel geschenkt an fruchttragenden Ideen für die Jahrtausende! — Das Wandern der Juden war aber auch in späterer Zeit nicht immer von der bitteren Notwendigkeit diktiert! Sie hätten sich ja nur zu assimilieren brauchen, religiös oder kulturell, jo war es mit Verfolgung und Verjrgung vorbei! Nicht also die Not allein und der Zwang, sondern eigentlich die Idee treibt sie zu ihren Wanderungen! Ganz abgesehen davon, daß diese oft ganz spontan und freiwillig erfolgten, wie die Rückkehr aus Babylon, die Uebersichlung nach Alexandria, Rom oder Spanien! Vollends jenes geistige Warvdern in die Mystik oder den Sozialismus erfolgten doch ganz ohne Not, nur aus inneren Motiven: Nein, der Jude wandert nicht aus Not, als Verfluchter, der nie findet, was er sucht! Wir sehen ja an uns selbst deutlich, weshalb wir nichtjüdische Kultur elemente suchen: nicht weil wir mit unserer Üeberliefernng unzufrieden sind und sie durch andere Religion ersetzen wollen, sondern weil wir sie bereichern, von neuen Seiten sie verstehen und dadurch sie auch vertiefen und in unserm Innern verstärken wollen! Wir glauben nicht an die Erlaubnis stillzustehen! Und das stärkste Element unseres Glaubens, das Innerlichste des ganzen jüdischen Religionsshstems scheint uns zu sein die Idee des Fortschritts, der Entwicklung: daß dem Menschen die Kraft und die Aufgabe zngewiesen ist, die Welt zu vervollkommnen und die Menschheit höheren Zielen zuzuführen. Ja, der Jude kanH die Geschichte selbst nur unter dem Bild des Manderns auffassen! Nur so ist es zu begreifen, daß der Prophetismus unseres doch so Keinen Völkchens die Idee der Menschheitsgeschichte konzipieren konnte, die er doch geschaffen hat. Das Wort „am Ende der Tage" zeigt, daß das Judentum die Geschichte nicht als ein Werden und Vergehen, als ein bloßes Auf urrd Ab von Völkern und Kulturen, die sinnlos auftauchen und verschwinben, ausfaßt, sondern als ein Wandern nach einem Ziel! „Unser eigenes Geschlecht ist aus Aegypten gezogen" und „Die Göttesherrlichkeit begleitet Israel auf seinen Wanderungen", — das sind die uns geläufigen Ausdrücke dafür. Nicht so sehr Apologetik, nicht Verteidigung des jüdischen Besitzstandes, treibt Philo und Maimonrdes und Hermann Cohen zu ihrem Ausgleich zwischen jüdischer und zeitgenössischer Gedankenwelt, sondern der Wille, einer endgültigen Wahrheit näher zu kommen. Und nicht die Sensationslust und Neuerungsgier des Parvenüs ist es immer (wenn auch in den Unterschieden der Halbbildung manchmal), wenn wir so oft in der vordersten Reihe einer Moderichtung stehen, , sondern oft genug eine geheime metaphysische Sehnsucht und Ungeduld in den tiefsten Regionen der Seele, dem unendlich fernen Ideal so schnell wie möglich etwas näher zu kommen! Kann man das einen Fluch und eine Verdammnis schelten? Uns ist es höchste Seligkeit! Uns gilt es als Austgäbe, die der Weltgeist dem Menschengeschlecht gestellt hat, weil er sie selbst nicht lösen kann, da ja alles, Geistige und Sittliche nur im Kampf, in der Ueberwindung des Falschen und Schlechten überhaupt allein zustande kommen kann: So sind wir Menschen Helfer an der Vervollkommnung der Welt, Helfer des gottgewollten Fortschritts. Wandern ist uns Pioniertum für die Endzeit, und die Judenheit. betrachtet sich als Schrittmacher des Gotteswagens! Es glaubt: Das sei kein Kunststück, sich von dem Wellgeist gnädig per Schub auf die Gipfel des 1000 jährigen Reiches, in die Gletscher- Märchenwelt des andern Aeon, ,Her kommenden West", fahren zu lassen: Was soll man schließlich dort! Neinmit Picke und Nagelschuh durch Eis und Fels sich blutig ritzend selber hinaufzuklettern, jede kleinste neue Aussicht neu zu genießen und sich auf die nächste umfassendere zu freuen: das eigene ethische Ideal zu bereichern durch Kunst und Wissen der Hellenen, durch den römischen Geist der Gesetzlichkeit, durch den mittelalterlichen Geist der Mystik und die abstrakte Gedankenwelt des Arabismus, durch den Realismus der Neuzeit und die gesetzlich normierte Menschenliebe der Zukunft, — ja das heißt lebendig sein in jedem Augeujblick der Geschichte! Das ist jüdische Gesinnung! JA Schakla w'tarja, in Massa umattan, in der Diskussion und im Güben und Nehmen lebt der lebendige Organismus nicht öttet* sondern kommt er auch weiter: „Willst du dir aber das Beste tun, so bleib nicht auf dir selber ruhn!" Man wird selber mehr und bereichert das Ganze durch sein Wandern! Das kann natürlich nicht die Gesinnung seßhafter Menschen sein! Wer an der Scholle llebt, dem ist Wandere nichts weiter als Episode, Spazierfahrt oder eben bitter« Not. Seine Meinung muß sein: Das Alte allein ist da» Wahre, „Das alte Wahre, fass' es an!" Der Fortschritt kann nur durch ein Wunder von jenseits kommen, und der entsprechende Lebensimperativ muß dann heißen: Abwarten, demütig sich gedulden, bis das Chaos einer Götterdämmerung hereinbricht, und die Gnade eine Neue Welt schasst; oder er muß sich verzweifelnd ins Nirwana stürzen! Der seßhafte Mensch mußte das falsche Bild vom Fluch des ewigen Juden erfinden! Für uns aber ist Wandern das Ideal unserer inneren Struktur! Wir wandern zu unserer Selbstvervollkornrnnuug, zum Suchen der ewigen Wahrheit, zur Mitarbeit an der Vervollkommnung der Menschheit, in allen Leiden Strebende, Positivsten! Nur in dem Nervenzusammenbruch schrecklichster Not betet die S'licha: „Gott, wende das Wandern der Jakob^elte!" Wir aber wandern, wie der Prophet sagt, um das Lrcht und das Recht den Völkern zu bringen. Wandern ist der Ruhm des Judentums! Denn es ist gar kein eigentliches Wandern, kein zielloses Hinuitd Her-Gehen, sondern das Schreiten, von dem Zweig am Ende seines Jeremias sagt: Wir aber schreiten und schreiten und schretten Tiefer hinein in die eigene Kraft, Die sich aüZ Erden die Ewigkeiten, Und aus ihren Leiden den Gott entlasst!;

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