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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-01-14 · 2 (14.1.1931) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
2 (14.1.1931)
Date
1931-01-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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J Auch bei der polnischen Presse sei aus demselben Grunde ein starker Rückgang derAuflagezifser festzustellen. Allerdings müsse zugegeben werden, daß sich die polnische Sprache auf Kosten des Jiddischen hauptsächlich in den Kreisen der Jugend als Umgangssprache ausbreite. Wenn sich auch heutzutage niemand mehr des Gebrauches der jiddischen Sprache schäme, werde doch in jüdischen Kreisen mehr polnisch gesprochen als früher. Die sprachliche Assimilation habe tatsächlich große Fortschritte gemacht. 100 Zähre verschlafen In Amsterdam hat, wie die Jüdische Telegraphen-Agcntur meldet, eine Konferenz der Oberrobbiner der holländischen Provinzen stattgefuirden. Tie Konferenz nahm in scharfer Weise gegen den von ausländischen Kreisen gemachten Versuch, die jüdisch-liberale Bewegung nach Holland zu übertragen, Stel lung. Die Konferenz gab ihrer Meinung dahin Ausdruck, daß das liberale Judentum nicht auf dem Boden eines positiven Judentums stehe, und sprach die zuversichtliche Erwartung aus, daß sich die holländische Judenheit geschlossen von der Bewegung sernhalten werde. Wir zweifeln nicht daran und die Erfahrungen in den verschiedensten Ländern bestätigeir die Vermutung, daß durch derartige Beschlüsse der Sache des liberalen Judentums der beste Dienst geleistet wird. Das Recht des jüdischen Studenten Protestkundgebung der K.C.-Ver-indungen. Tic anläßlich des 27. ordentlichen K.C.-Tages am 10. und 11. Januar 1931 in Frankfurt a. M. versammelten Mitglieder des Kartell-Convents der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens (K.E.) haben mit Empörung davon Kenntnis genommen, daß in mehreren Studentenparlamenten Beschlüsse gefaßt wurden, bei den Staatsbehörden auf Einführung des numerus clausus für alle jüdischen Studierenden hinzuwirken. Alle gesitteten Kreise des deutschen Volkes müssen sich gegen ein derartiges Vordringen der Unkultur und des Ungeistes energisch zur Wehr setzen, iu dein Bewußtsein, daß es deutschen Wesens unwürdig ist, in Deutschland geborene, in deutscher Kultur erzogene und im deutschen Wesen wurzelnde Studenten von deutschen Schulen auszuschließen. Die Uebertragung von Balkansitten aus deutsche Hochschulen wäre eine nationale Schmach, der die Staatsuud Hochschulbehörden entschieden Widerstand leisten müssen. Vielfach haben bei studentischen Kundgebungen die Chargierten akademischer Verbindungen von den jüdischen Korporationen einen auffälliger: Abstand gehalten, um ihnen ihre Mißachtung zu zeigen. Hier handelt es sich um eine Aechtung von jungen Männern, die lediglich ihrer Abstammung und ihres Bekenntnisses wegen mit tiefster Mißachtung behandelt werden. Wir fordern entschiedene Abkehr von diesen Verfallserscheinungen akademischen Anstandes, weil wir uns bewußt sind, daß dem deutschen Studenten jüdischen Glaubens aus deutschen Universitäten das gleiche Heimatrecht zusteht, wie allen anderen Kommilitonen. Den Kamps um unser ureigenes Recht als deutsche Studenten werden wir bis zum letzten Atemzuge führen und hegen die gewisse Erwartung, darin von allen deutschen Volksgenossen unterstützt zu werden. Frick verhindert die Einberufung jüdischer Ausländer in Preußen In einer kleinen Anfrage im Landtag hatte der Abg. Nuschke (Staatspartei) daraus hingewiesen', daß trotz eines Landtagsbeschlusses, Ausländer nach zehnjähriger einwandfreien Aufenthalt in Deutschland einzubürgern, sich die Fälle häuften, in denen völlig einwandfreie Persönlichkeiten selbst nach einem Aufenthalt von zwanzig und mehr Jahren vergeblich auf die Einbürgerung warteten. Die zuständige preußische Stelle habe den Bescheid erteilt, nach dem Staatsangehörigkeitsgesetz von 1913 hätten die Länder die Möglichkeit Einbürgerungen zu widersprechen, über die der ReichsrÄt zu entscheiden habe. Von dieser Möglichkeit habe nur ein einziges Land Gebrauch gemacht, eine Entscheidung des Reichsrates habe aber noch nicht herbeigeführt werden können. Die Anfrage sprach die Vermutung aus, es handele sich hierbei um Thüringen. In der Antwort des preußischen Innenministeriums heißt es, die preußische Regierung trage nach wie vor den: Landtagsbeschluß Rechnung und auch der Reichsinnenminister habe alle Landesregierungen um ein gleiches Vorgehen gebeten. Richtig sei, daß in den erwähnten Fällen nur Thüringen Einspruch erhoben habe. Wahlen in Zerusalem Nach beit Jta-Nachrichten haben am 5. Januar d. I. zum ersten Mal die Wahlen zu der palästinischen jüdischen Versammlung stattgefunden. Es ist dies eine gesetzlich anerkannte Körperschaft zu der aus Grund! einer von der Mandatsverwaltung erlassenen Verordnung gewählt wird. Nach den Mitteilungen der Jta-Nachrichten hat dis Agudath Js raet sich an den Wahlen nicht, beteiligt, weil sie eine gesonderte Gemeinschaft bilden will. Ihre Anhänger haben in den Stroüen Jerusalems Posten ausgestellt, tvelche die orthodoxen Juden daraus hingewiesen haben, daß. ihnen die Abgabe der Stimme verboten sei. Die sephardischen Rabbiner haben Plakate verbreiten lassen, in denen sie die orthodoxen orientalischen Inden darauf hingewiesen haben, daß. es eine Sünde sei, sich an der Wahl zu beteiligen, weil Frauen an ihr teilnehmen. Der geistliche Führer der sephardischen orthodoxen Juden, Rabbiner Jacob Meir scheint wiederum eine Sonderstellung eiuzunehmen, denn er hat dies Verbotsdekret nicht unterschrieben. Auf der anderen Seite existiert eine besondere Liste der fortgeschrittenen Frauen. Tie yemelitischew- Juden sind nach dein Bericht der Jta-Nachrichten durch die ganzen Wahlvorgänge in Verwirrung gebracht, sie scheinen keinen rechten Begriff von dem zu haben, was überhaupt vorgeht und was die an der Spitze der Listen stehenden Personen wollen. An den Wahlen haben sich durchschnittlich dann nur 60 Prozent der Stimmberechtigten beteiligt; in Jerusalem gingen nur 55 Prozent der eingeschriebenen Wächter zur Wahlurne. In Jerusalem hat die sozialistische Arbeiterpartei rund 3600 Stimmen erhalten, einschließlich der sephardischen Arbeiterpartei. Auf die radikalen Revisionisten (Jabotinsky Liste) einschließlich der sephardischen Revisionisten entfielen rd. 2600 Stimmen, auf die sephardische Liste 1100, auf die orthodoxen Misrachisten 550, auf die allgemeinen Zionisten 460, auf die Frauenliste 360, aus die Jemeniten 225, auf die links Poalzionisten 109 und auf die Kommunisten 126. Es scheinen also nicht weniger als 41 Listen Vorgelegen zu haben und ein Teil der sephardischen Juden hat sich um die Warnungen nicht zur Wahl zu gehen, nicht gekümmert. Nach dein bisherigen Gesamtergebnis haben die sozialistische Arbeiterpartei 13 und die Revisionisten 7 Sitze erhalten. Wir führen all das auf) nicht weil, es sich um weltbewegende Ereignisse handelt, sondern um das Durcheinander zu zeigen, der in Palästina unter der Herrschaft des Zionismus leider unter den Juden vorhanden ist. Es geht alles darüber und darunter, von irgend welcher Einigkeit ist nicht die Rede, Gruppen und Grüppchen streiten sich und die radikalen Elemente siegen natürlich. Das ist das so hoch gepriesene Zentrum, von dein auS nach den Lobgesängen der zionistischen Presse eine neue Welle gewaltigen jüdischen Lebens sich über die Welt breiten soll! Das eS so kommen muß, ist klar, denn wo soll wirklich Uebereinstimmung zwischen den Inden entstehen, die aus den verschiedensten Ländern und Kulturen kommend sich in Palästina zusammen gefunden baden? Tie Tatsache, daß die Sozialisten und die Revisionisten die überwiegend gewinnen konnten, beweist von neuem, daß. wahrhaft religiöse Interessen leider in Palästina nicht gedeihen. Wie mag es nach diesen Vorkommnissen und Ereignissen aussehen, wenn drr glücklicherweise undurchführbare Plan nach Errichtung eines jüdischen nationalen Staates in Palästina Wirklichkeit würde? * Iernsale in, 8. Januar (I. T. A.) Bei den Wahlen zur Assefath Haniwchariin hat die Arbeiterpartei von den insgesamk abgegebenen 48 124 Stimmen 22 336, also 46 Prozent, auf sich vereinigt, und zieht als stärkste Partei in die neue Nationalversammlung ein. Bei den Wahlen im Jahre 1925 entfielen aus die Arbeiterliste 43 Prozent der abgegebenen Stimmen. Die zweitstärkste Partei in der neuen Nationalversammlung, die Revisionisten, haben den stärksten Stimmenzuwachs gegenüber 1925 zu verzeichnen. Während sie 1925 nur 7 Prozent der abgegebenen, Stimmen erhalten haben, sind diesmal 20 Prozeilt aller Stimmen auf die Jabotinsky-Liste entfallen. I Nathan Straus [ Im hohen Alter von 83 Jahren verstarb am Montag, dem 11. Januar, in New Aork Herr Nathan Straus, der große jüdische Philantrop und Menschenfreund. In der amerikanischen Judenheit ist die Trauer um Nathan Straus, auf den sie stolz war, groß. Nicht nur in Amerika, sondern in der ganzen Welt hatte der Verstorbene, dessen menschenfreundlichem Wirken die Abwendung von viel Unglück zu verdanken ist, und dessen Kinderschutzanstalten und Anstalten für Milch- Pasteurisierung, die er in zahlreichen Ländern gegründet hat, Tausenden von Kindern das Leben gerettet haben,, einen großen Namen. Nathan Straus wurde im Jahre 1848 in Ottersberg (Rheinpfalz) geboren, 1854 wanderten seine Eltern mit ihm aus Deutschland nach den Vereinigten Staaten aus. Im Jahre 1872 trat er in die Import-Firma seines Vaters L. Straus k Sons ein und wurde dann Teilhaber des New Yorker Warenhauses R. H. Mach & Co. sowie des Brovkllyner Warenhauses Abraham k Straus. In der demokratischen Partei New Dorks spielte er von je eine führende Rolle. 1898 wurde er Präsident des New Vorker „Board of Health". Von dieser Zeit an begann seine weltumfassende gesundheitliche und philantropische Tätigkeit. Er schuf insbesondere nicht nur in den Vereinigten Staaten, die er 1911 bei dem Berliner Internationalen Kongreß zum Schutze der Kinder und 1912 beim Tuberkulose-Kongreß in Rom offiziell vertreten hat, sondern auch in zahlreichen europäischen Landern Stationen zur Verteilung von pasteurisierter Milch. Noch vor dem Weltkriege schloß sich Nathan Straus der zionistischen Bewegung an. Im Jahre 1912 gründete er in Jerusalem Suppenkächen sowie ein Health-Büro, das mit dein jüdischen Pasteur-Institut und dem deutschen Malaria-Institut zu einem Institut in Jerusalem vereinigt wurde. Während des Krieges, im Jahre 1915, entsandte er ein Lebens Mittelschiff nach Palästina und brachte dadurch der hungernden jüdischen Bevölkerung dieses Landes Hilfe. Er spendete alljährlich größere Summen für jüdische, zionistische, und allgemeine philantropische Zwecke. Mehrere Male wurde er zum Ehrenpräsidenten der Zionistischen Organisation Amerikas gewählt. In den Jahren 1920 bis 1922 war er Präsident des American Jewish Congreß. Vor einigen Jahren gründete er in Jerusalem das große „Gesundheits-Zentrum", welches Abzweigungen in mehreren Orten Palästinas hat. Zur Erhaltung dieser Institution, die Angehörigen aller Konfessionen offen steht, spendete er eine große Geldsumme. 1929 ließ er für das Institut ein großes Gebäude in Jerusalem aufführen. Das Gesundheitszentrum trägt seinen und seiner Gattin, Lina Gutherz-Straus, Namen. Lina Gutherz-Straus verstarb im Jahre 1930. Sie stand ihrem Manne in allen seinen philantropischen Werken Eine jüdische Sklavenkolonie auf Malta In einer Reihe von Aufsätzen im Londoner „Jewish Guardian" (10. u. 17. Oktober und 14. November 1930) bringt Cecil Roth sehr interessantes Material über eine bisher recht wenig bekannte Episode aus der jüdischen Geschichte, nämlich die Geschichte der jüdischen Sklaven aus der Insel Malta unter der Herrschaft der Malteserritter. Auf der Insel hatte es schon früher, noch zur römischen Zeit und im christlichen Mittelalter, Juden gegeben. Nachdem aber Malta zu sammen mit Sizilien unter der Herrschaft der Krone von Arragonien gekommen war, mußten die Juden aus Malta 1492, zusammen mit den übrigen Juden des spanischen Reiches, Malta verlassen, eine Zeitlang hatte es aus der Insel keine Juden gegeben. Das änderte sich, als Karl V. 1530 die Insel Malta den Johanniterrittern gegeben hat, welche 9 Jahre zuvor von der Insel Rhodos durch die Muselmänner vertrieben worden sind. Die Ritter setzten von der Insel aus ihren Kampf gegen den Mohammedanismns fort, sie befanden sich sozusagen in ununterbrochenem Kriegszustand mit dem Mosliur, und das führte dazu, daß sie fortwährend Schiffe kaperten, die nach, bezw. von .Häfen fuhren, welche den moslemischen Staaten gehörten. Die Besatzung und Reisenden aus diesen Schiffen wurden dann als Sklaven verkauft, so daß Malta, bis zu seiner Einnahme durch die Franzosen 1798, ein sehr bedeutender Sklavenhandelspunkt geworden war. Juden, Türken, Mauren wurden dort öffentlich versteigert, und zwar bildeten die Juden einen verhältnismäßig recht beträchtlichen Teil dieser Sklaven, weil sic eine große Rolle im Handel mit den Levanteländern spielten, daher oft die See kreuzen mußten und auf diese Weise in Gefangenschaft und Sklaverei gerieten. In jüdischen Augen wurde daher die Insel bald zum Symbol für alles, was in der christlichen Welt grausam und Hassens würdig erschien. Als die Türken 1565 Malta erfolglos belagerten, tauchte daher das Gerücht auf, die Juden hätten bei dieser Belagerung die Türken mit Geldmitteln versehen. In einer messianischen Prophezeiung, die unter den Juden am Ende des 17. Jahrhunderts entstand, heißt es auch, die Erlösung werde mit dem Sturz von vier gottlosen Reichen beginnen, unter denen Malta den ersten Platz einnehmen sollte. Ein englischer Reisender, Phillip Skippon, der Malta ungefähr 1663 besuchte, schreibt, es hätten sich damals auf der Insel mehr als 2000 Sklaven befunden, von denen etwa 2000 dem Orden und 300 Privatpersonen gehören. Einen kräftigen Kerl kann man, sagt er, für 120 -160 Malteser Scudi kaufen. Die Inden unters leiden sich von den übrigen Sklaven durcb ein Stück gelbes Tuch auf ihrem Hut oder Mütze. Nun nahm bekanntlich bei den Juden die Erlösung von Sklaven (Pidion Shoium) unter allen Wohltätigkeüsakten einen sehr hohen Platz ein. Diese Ausgabe wurde so hoch gewertet, daß, wenn ein reicher Jude starb und Geld für wohltätige Zwecke hinterließ, ohne diese Zwecke genau zu beftimmen, das Gels zürn Loskauf vou Sklaven verwendet wurde. Als nun die Ritter zu Beherrschern von Malta wurden und ihre ununterbrochene Kapertätigkeit begannen, welche so unheilvolle Folgen für die Juden hatte, entstand in Venedig ein besonderer Verein zum Loskauf von gefangenen Juden (Hebrath Pidion Shevuim). Venedig war damals der Hauptmittelpunkt des Handels mit den Levanteländern, an welchem die Juden, zum größten Teil nach Venedig von der Pyrenäischen Halbinsel gekommen, einen sehr starken Anteil nahmen. Der erste Verein entstand also in Venedig, nachher bildeten sich verschiedene Zweigorganisationen in den meisten großen sephardischen Gemeinden der westlichen Länder. Um 1683 war dieser Verein in Venedig der reichste und angesehenste unter allen großen jüdischen Vereinen. Außer der Besreiung der Gesänge nen im Mittelmeergebiet bemühten sich diese Vereine um die Freisetzung der Inden in Osteuropa, welche durch den. Chilnitzkhaufstand in der Ukraine 1648 in solch furchtbare Not gerieten und massenweise als Sklaven verkauft wurden. Die Leitung des Vereins zu Venedig lag in den Händen von Levantiner und portugiesischen Juden, die deutschen und die italienischen Gemeinden waren, in der Leitung nicht vertreten, obwohl sie auch viel zur Vermehrung seiner Mittel beitrugen. Die Mittel wurden teilweise durch Schenkungen und Vermächtnisse beschafft, teilweise aber hatte der Verein eine ständige Einkommenquelle. Die Mitglieder verpflicht teten sich nämlich, auf alle Waren, welche sie von Venedig an jüdische Kauslcute verschifften, eine Steuer von 0,25 Prozent und für alle empfangenen Waren eine von 0,125 Prozent zu entrichten, die den Zwecken des Vereins dienen sollte. Dieser verhältnismäßig hohe Steuersatz ist begreiflich, wenn man sich erinnert, daß die venetianischen Juden sehr stark am Handel mit den Levanteländern interessiert waren.und in dieser Steuer eine Art Versicherungsprämie sahen. , Die Summen wurden in zwei getrennten Kassetten (caixete) gehalten, für die Levantiner und die Ponentiner (Portugiesen). Um 1742 betrug der Inhalt beider Kassetten 3500 Dukaten. Der ganze Fonds wurde von fünf Personen, welche Deputados doS Cautivos genannt wurden, verwaltet. Als 1742 infolge von inneren Streitigkeiten zwischen Levantiner und portugiesischen Juden die christlichen Behörden Venedigs erfuhren, daß dieser Verein über beträchtliche Mittel verfügt, beschlagnahmten die „„Jnquisitori sopra gli Ebrei" das Geld, um es zur Unterstützung der Leihbanken zn verwenden, welchen die Juden als Bedingung ihrer Zulassung in Benckng Hilfe leisten mußten. Seitdem kam der Verein unter die Kontrolle der Jnguisitori, ohne deren vorhergehende Evlaubuis der Verein keine Ausgaben machen durfte. In Hamburg entstand eine Zwergäbteilung des Verein? unter dem Namen Eamnra de Cautivos de Bmeza. Wie gesagt, erstreckte sich die Tätigkeit des Vereins von allen Teilen des Mittelrneergebietes bis nach Ungarn, Polen und die Ukraine, ja sogar bis nach Persien hin. Die Verbindungen waren damals sehr schwierig, ein Brief von Venedig nach Malta brauchte manchmal zwei bis drei Monate. Der Verein mußte also einen Vertreter auf Malta haben, um dort für die gefangenen Juden einzutreten. Nun war es unter der Herrschaft der Malteserritter den Juden im allgemeinen verboten, auf der Insel sich aufzuhalten, die Erlaubnis wurde nur in Ausnahmefällen für bestimmte Fristen erteilt. Aber die venetianischen jüdischen Kaufleute hatten auf Malta christliche Geschäftsfreunde, die mit ihnen in ständiger Verbindung standen. So wurden christliche Kaufleute auf Malta sozusagen zu „Konsuln" des jüdischen vencktianischen Verein? zum Loskauf von jüdischen Sklaven. Diese „Konsuln" erhielten kein Gehalt, sie leisteten aber gern ihre Dienste, weil sie ihrerseits dafür von den venetianischen jüdischen Kaufleuten Gegendienste erwarten durften. Der erste dieser Agenten war ein gewisser Baccio Bandinelli, vom Entstehen des Vereins bis etwa 1670. Nach -.ihm nahm diesen Posten ein französischer Kaufmann.Francois Garsin ein. Der venetianische Verein versprach den Agenten eine Belohnnng von 5 Piastern für jeden freigesetzten Juden. Garsrn weigerte sich aber, diese Belohnung anzunehmen, worauf ihm die Deputados schrieben: „Aesto größer wird Ihr Verdienst vor Gott sein und desto mehr wird er Sie belohnen, namentlich, weil Sie sich für eine Nation einsetzben, die von der Ihrigen verschieden ist." Ihrerseits erwiesen ihm die Deputados verschiedene Dienste, so bei der Verfrachtung seiner Waren in Venedig, 1671 erwirkten sie eine Einmischung des Rabbiners von Alexandrien bei der Eintreibung von Schulden, welche Garsin in dieser Stadt zu beanspruche» hatte. Garsin starb 1706, nach ihm bekleideten diesen Posten sein Sohn, Jean Baptiste, während der Dauer von zehn Jahren. Wenn die Malteser Galeeren von ihren Kreuzfahrten jurückkamen, besuchte der „Konsul" das Gefängnis, in wel°-

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