Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 52 (24.12.1930)
- Date
- 1930-12-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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18. Jahrgang Nummer 52 Wisch-liberale Zeitung Beilage 24. Dezember 1930 Umschau S. Reichskovfererrz res Verbandes oftjüdijcher Organisationen in Deutschland. Sonntag, den 4. und Montag, den A. Januar 1931, findet in Hannover die VI. ReichÄon,erenz des Verbandes ostjüdischer Organisationen in Deutschland statt. Für die Konferenz wurde folgende Tagesordnung jerr- L-esetzt: I. Sonntag, 10 Uhr: 1. Eröffnung und Begrüßung («o*= nmet 'Haarpuder), 2. Wahl des Konferenzpräsidiums und Permanenzausschusses, 3. Rechenschaftsbericht (liegt gedruckt vor-. Einleitendes Referat: Benzion Fett. II. Sonntag, 15 Uhr: 4. Generaldebatte. III. Montag, 10 Uhr: 5. Unsere wirtschaftliche Lage und das Genossenschaftswesen. (Referenten: Tr. Israel Tandes, Tr. David Büschel), 6. Organisation und Presse (Josef Holländer), 7.4 Jugend- und Kulturarbeit (Tr. Alexander «ofenseld). IV. Montag, 15 Uhr: 8. Diskussion, 9. Bericht des Permanenzausschusscs, 10. Entlastung und Neuwahl. (Jta) Wo wohnten die ersten Juden in Deutschland? In Anwesenheit des Regierungspräsidenten von Trier, des Oberbürgermeisters, des Landrates, des Leiters des Provinzialmuseums in Trier und einer Reihe namhafter Historiker sowie zahlreicher Zuhörer hielt Tr. Adolf Altmann-Trier auf Einladung der Gesellschaft für nützliche Forschungen im Bortragssaale des Provinzialmuseuins einen Vortrag über das früheste Vorkommen des Juden in Deutschland. — In diesem Bortrage, der eine scharf zusammengefaßte Uebersicht über die bisher geführten Untersuchungen Dr. Altmanns über das Vorkommen der Juden in Deutschland gab, gelangte der Referent zu einem Ergebnis, das, nach Ansicht der anwesenden Historiker, geradezu eine Revolution der Wissenschaft bedeutet. Durch die Auswertung bisher in diesem Zusammenhänge nur sehr unvollkommen verwerteten und zum größten Teil gänzlich unbekannten historischen Quellen Materials sowie durch die Verwertung höchst bedeutsamer archäologischer Funde — wie einer Tonbildlampe mit reliesartig eingebrannter Menorah, dem ersten und einzigen Fund dieser Art auf deutschem Boden, und Terrakottasiguren, jüdische Karikaturen darstellend, alles aus dem 3. und 4. Jahrhundert — konnte Dr. Altmann den Nachweis erbringen, daß Juden in Deutschland innerhalb eines geordneten jüdischen Gemeinwesens im römischen Trier zuerst gelebt haben und nicht — wie die Forschung bisher annahm — in Köln. Bronnen ein Patentarier. Die „Rheinische Zeitung", Köln, bringt in ihrer Nummer vom 15. Dezember 1930 folgende Notiz über Arnold Bronnen, die für literarisch interessierte jüdische Kreise wissenswert sein dürste, für die wir aber die Verantwortung dem genannten Blatt überlassen müssen: Der Dichter Arnold Bronnen, der zu den Nationalsozialisten und Fememördern hinübergewechselt ist, behauptet öffentlich, er sei Deutscher im rassischen, nicht nur im staatsbürgerlichen Sinne. Er fühlt sich als Patentarier, in Deutschtum und Geburt Herrn Göbbels ebenbürtig. Ter Vater dieses Patentariers ist der Wiener Gymnasialprofessor Dr. phil. Ferdinand Bronner, der am 15. Oktober 1867 als Sohn jüdischer, streng orthodoxer Eltern in dem galizischen Städtchen Oswiecim, Kreis Krakau, geboren wurde. Ferdinand Bronnen ist am 10. Dezember 1886 zum Katholizismus übergetreten. Aber Herr Arnold Bronnen ist ein Patentarier! Dr. Goebbels in Rathenaus Arbeitszimmer. Walter Oehme und Kurt Caro haben im Verlag Ernst Rowohlt, Berlin, ein Buch erscheinen lasten, das den Titel „Kommt das dritte Reich?" trägt und einen erschöpfenden Ileberblick über Wesen, Organisation und Programm der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei gibt. In dem „In Rathenaus Arbeitszimmer" überschriebenen Kapitel heißt cs u. a.: T^e Häuser der Hedemannstraße in Berlin haben ein wechselvolles Schicksal hinter sich. Als der Krieg ausbrach!, war o:esc neue Straße ein Durchbruch vom Anhalter Bahnhof zur Friedrichstadt, kaum vollendet. Im .Kriege bat das Reich die neuen, modernen Häuser erworben und die Kriegsrohstofsgefellschaft hat in der Hedemannstraßc ihre umfangreichen Quartiere aufgeschlagen. Dort etablierte sich der große Generalstab für den Wirtschaftskrieg. Walther Rathenau wurde der Leiter und schuf eine umfassende Organisation, um die Kriegsvcrsorgung der kämpfenden Heere sicherzustellen. Doch all Vas liegt 16 Jabre zurück. Rathenau ist tot, und nur eine Bronceptalette, die an einem der Häuser der Hedemannstraße angebracht ist, verkündet noch, daß oer später ermordete deutsche Reichsaußemninister an dieser Stätte gewirkt bat. Leit dem Somnrer 1930 befindet sich im vierten Stock des gleichen Gebäudes oas Berliner Ganbüro der Nationalsozialisten, in dein der Reichstagsabgeordnete Tr. Goebbels „ein König absolut" ist. Auf militärische Allüren wird großer Wert gelegt, lieber 20 Räume, in denen die einzelnen zivilen nnd militärischen Abteilungen der Berliner Zentrale untergebracht sind, liegen an einem langen Korridor. Dr. Goebbels, dessen Privatbüro sich ganz am Ende dieses Ganges befiirdet, liebt im übrigen historische Erinnerungen. Wie es Leute gegeben hat, die Millionen dafür opferten, um m bem angeblich echten Bett der Marquise von Pompadour zil schlafen, so macht es Joseph Goebbels großen Spaß, nunmehr das gleiche, wenn auch durch eine Holzwand halbierte Arbeitszimmer zu besitzen, ime einst Walther Rathenan. Mit Schmunzeln und Wohlgefallen erzählt er diese Tatsache sedem, der es hören will, denn in seiner Geschichtsauffassung erscheint es idm als ein Symbol für den Wandel der Zeiten. Die Wiener Welthandelshochschule führt das antisemitische Stvdentenrecht ein. Das Rektorat der Hochschule für Welthandel hat das sofortige Inkrafttreten des „Deutschen Studcntenrechtes" verfügt, welches der aus dem völkischen Rasseuprinzip fußenden „Deutschen Studentenschaft44 eine bevorzugte Stellung einräumt. Anstelle des verfassungsmäßigen StaatS- Mrq-erschaftsprinzips tritt nun das Prinzip der „Volksbürgorsrbaft44. Ta die Gefahr besteht, daß das Prinzip der Volksbürgerschaft auch in andere Gebiete des öffentlichen Lebens Eingang findet nnd die versa ssunqsmäßige Gleichberechtigung aller Staatsbürger bedrohen wird, dürften die verantwortlichen jüdischen Körperschaften gegen die Einführung des völkischen Studentenrechts an den Hochschulen beim Bersassnngsgerichtshos Einspruchs erheben. (Jta) Das Wiener erzbischSfliche Palais Zentralstelle des Judenboykotts. Der unter dem Protektorat des Wiener Erzbischofs Kardinal Pisfl stehende „Allgemeine Wiener Kirchen bauverein44, der auch im Wiener Erzbischöflichen Palais seinen Sitz und seine Beratungsstelle hat, versendet Ausrufe zur Bei trittserklärung, übrigens auch au Juden. In dem Aufrufe, der von Monsignore Dr. Joses Schulenberg und Mosigrwre Josef Wagner gezeichnet ist, heißt es u. a.: „Der Allgemeine Wiener Kirchenbauverein hat für seine unterstützenden Mit glieder eine Wirtschaftshilfe eingerichtet, welche große Vorteile bietet. Die Mitglieder werden auf bewährte, christliche, arische Geschäfte aufmerksam gemacht, welche sich bereit erklärt haben, bei Einkäufen Preisermäßigung zu geben. Vorteile: Sie finden auf leichte Art gute, christliche, verläßliche Geschäfte und schützen sich vor Uebervorteilung!" Dazu bemerkt die von Robert Stricker herausgegebeue „Neue Welt44: „Bemerkenswert ist, daß sich der fromme Aufruf nicht mit der Unterstreichung des konfessionellen Momentes begnügt, sondern den Rassenstandpunkt hervorhebt und von „arischen44 Geschäftsleuten spricht. Man will den Hakenkreuz lern offenbar keinen Vorsprung lasten. Der .Herr Erzbischof und Kardinal guckt Herrn Hitler die Methode ab. So sind die Wiener jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden zwischen zwei Feuer geraten. Die Katholiken und Hakenkreuzler auf der einen Seite, auf der anderen die Sozialdernokraten, welche den Grundsatz aufstellen, daß man nur in ihren Warenhäusern und Betrieben kaufen darf, weil man sonst bc trogen wird.44 Die Zeitung bringt eine Zuschrift aus kaufmännischen Kreisen, in welcher daraus hingewiesen wird, daß das katholische Hauptblatt „Die Reichspost44 fast ausschließlich Inserate jüdischer Firmen bringt und an ihnen verdient, während andererseits der Kirchenbauverein Boykottpropaganda betreibt. Auch wird darüber geklagt, daß unter dem sozialdemokratischen Stadtregime die städtische Plakatierungsunternehmung Hakenkreuzplakate affichiert, auf denen ebenfalls zum Boykott der jüdischen Geschäftsleute ausgefordert wird. Wenn der Bürgermeister Seist beleidigt wird, verweigert die Gemeinde Wien die Plakatierung, aber ein ganzes Volk darf mau beleidigen und schädigen! (Jta.) 6 Aus den Gemeinden Aus alkm Teilen des Reiches gehen uns Berichte über Chanukahfeiern zu. Wir müssen uns damit begnügen, generell die erfreuliche Tatsache festzustellen, daß wie alljährlich so auch in diesem Jahr zur Chanukahzeit sich überall reges jüdisches Leben, teils in künstlerischen. teils in geselligen Veranstaltungen zeigt und daß an diesen Veranstaltungen die jüdische Jugend besonderen Anteil hat. Es ist uns jedoch leider nicht möglich, diesen Berichten hier Raum zu geben. Berlin. (E r h o l u n g s h e i tu für jüdische Akademi - k e r.) Die .Hochschule für die Wissenschaft des Judentums hat aus dem Nachlasse der Eheleute Justizrat Wilhelm .Hausmann und Frau Margarete geb. Frank in Areudsec, direkt am Strand, ein schloßartiges Gebäude mit großem Park geerbt, das als Erholungsheim für jüdische Akademiker und deren Ehefrauen eingerichtet Werben soll. Die Eröffnung wird voraussichtlich zu Pfingsten 1931 erfolgen. Berlin. (Preisausschreiben der Moritz Mannheimer-Stiftung.) Tie Moritz Mannheimer-Stiftung hatte ein Preisausschreiben veranstaltet. Verlangt wurde die Bearbeitung eines Themas über „Menschenliebe, Gerechtigkeit und Duldsamkeit als Grundpfeiler der menschlichen Gesellschaft'4. Das Preisrichterkolleginm der Mannheimer-Stiftung, bestehend aus Herrn Stadtverorduetenvorsteher Haß-Berlin, Herrn Gcheimral Mahling Berlin als Vertreter,, des Rektors der Universität Berlin, Herrn Professor Banmgardt und Herrn Rabbiner Dr. Leo Baeck, pal in seiner Sitzung von der Verteilung eines ersten, zweiten und dritten Preises abgesehen. Es hat drei gleiche Preise von je Mk. 300,— nnd einen Aucrkeniuitlgspreis von Mk. 100,— zncrkannt. Preisträger sind: Herr Dr. uied. Ockct, Guben, Poststraße 46; Herr Richard Paul Frank, Eharlottcnburg, Scharrenstraßc 38; .Herr Dr. Jaeobus, Wilmersdorf, Uhlandstraße 77; Herr Oberstndiendirektor Tr. Paul Poppe (Paul Schirmer), Charlottcnburg, Kaiserdamm 31. Berlin. (Musikalische F e i e r st u >! d e.) Zum Besten seiner Mittelftandshilfe veranstaltete der Synagogenbezirk Moabit-Hansaplatz arn Sonntag, abends, im Tempel Levetzowstraße eine „Musikalische Feierstunde44. Vertreter der städtischen nnd Gemeindebehörden, jüdische und evangelische Krankenschwestern vereinigten sich mit den Gemcindemitgliedern, um den herrlichen Gesängen des Oberlautors Wilhelm Friedmann (Schuberts „Allmacht44, Birnbaums ,.Ha'chkiivenu"l und der Frau Paula Guttmaun („Largo" von Händel, „Entsagung44 von Mendelssohn etc.) zu lauschen. Der Shiicgogeuchor unter Leitung seines neuen Dirigenten Dr. Oskar Guttnrann gab sein Bestes her. Rabbiner Dr. Lewkowitz hielt eine nach Inhalt und Form vollendete Ansprache über die Musik als Weg zu den Herzen der Menschen und zu der in heutiger yut o notivendigen Gebefrcudigkeit. Eine wohlgelungene, eindrucksvolle Feierstunde! Berlin. (Presseabend des Hilf s Vereins der deutschen Juden.) In dem großen Saal m Bd}k(ifdjcn Bahnhof in Berlin, den die Baubehörde dem Hilssverein der deutschen Inden zur Verfügung gestellt hat, fand ein Presseabend zur Information über den Fürsorgedienst der Hilfsvereins für Turchwanderer an diesem Bahnhof statt, an dem Vertreter großer deutscher und jüdischer Zeitungen teilnahmen. Herr Arthur Goldschmidt vom Hilssverein der deutschen Juden gab zunächst eine Schilderung des Bahnhofsdienstes. Die 'Mittel für den jüdischen Bahnhofsdienst wurden vor der Uebcrnahme durch den Hilssverein der deutschen Juden im Jahre 1921 durch Subventionen des .Hilfsvereins und anderer jüdischer Organisationen sowie durch freiwillige Spenden aus dem verhältnismäßig kleinen Kreise aufgebracht. Der Bahnhofsdienst wurde im Juli 1921 vom Hilfsverein übernommen. Er sorgte für seine Finanzierung und übte über die Tätigkeit der Beamten'des Bahnhofsdienstes zunächst gemeinsam mit dem Komitee, das den Bahnhofsdienst bisher durchgeführt hatte, Kontrolle aus. Später gingen Verwaltung und Organisation des Bahnhofsdienstes ganz auf den Hilfsverein über. Der Schlesische Bahnhof wird von Auswanderern aus ostprcußischen Staaten passiert, die nach deutschen, belgischen, französischen, holländischen, englischen, italienischen und anderen europäischen Häfen zwecks Auswanderung nach Uebersee gehen bezw. zurückwandern oder aber kontinentale Reiseziele erreichen wollen. Es handelt sich dabei um einzelne Reisende sowie um Auswanderertransporte, die von Schisfsgesellschaftcn oder jüdischen Emigrationsvcreincn organisiert Werden. Durch den Bahnhofsdienst des Hilssvercins» werden auch Nicht-» judcn in erheblicher Zahl betreut. In dem Durchwandercrsaal tmrd den Passanten, die eine lange Bahnfahrt hinter sich und noch vor sich haben, vorübergehend Aufenthalt gewährt; sie erhalten dort auch Erfrischungen. Der Hilfsverein trägt die Kostm für Heizung und Beleuchtung, beteiligt sich an Rcnovierungskosteii, sorgt für Ausstattung mit dem nötige» Mobiliar und sanitäre Einrichtungen. Ter Dienst auf dem Schlftischcn Bauhof wird durch drei vom frühen ^Morgen bis nachts tätige Beamte versehen. Die Drirch- «vanderer erhalten Informationen bezüglich der Reise sowie zuständiger Stellen — Behörden, Organisationen, Konsulate — in Berlin, au die sie sich eventuell zu werden haben. Es erfolgt ihre U-ebqr^ führung nach anderen Berliner Bahnhöfen; Depeschen werden für sie abgesandt; Gepäckangelegenheiten werden erledigt, insbesondere auch >vo cs sich um Gcpäckrecherchen, liegengebliebenes und cherloremgegangenes Gepäck handelt. Für die ärztliche Behandlung Kranker wird nach Möglichkeit gesorgt. Von den Emigranten werden während ihres Aufenthaltes auf dem Bahnhof schädliche Elemente ferngehalten. Dem Bahnhofsdienst werden von Bahnbehördeu, Polizeistalionen und jüdischen Institutionen schutzbedürftige Auswanderer zugeführt. In den letzten neun Jahren passierten den Schlesischen Bahnhof 292600 Aus- und Rückwanderer, darunter sehr viel Frauen und Kinder. Ter Bahnhofsdienst wird ständig von der Zentrale des Hilfs- Vereins in Berlin überwacht, von der die Beamten generelle Jnstruklionen nnd von Fall zu Fall Anweisungen erhalten. Sodann sprach Herr Goldschinidt über besonders charakteristische Phasen der jüdischen Auswanderung aus Osteuropa sei: Anfang des Jahrhunderts bis zur Gegenwart, Tie wechselnden Dimensionen spiegeln sich in den Zahlen der jüdischen Einwanderung nach den Vereinigten Staaten wider. Die furchtbaren russischen Pogrome in den Jahren 1903, 1905 und in den folgenden Jahren hatten eine fluchtähnliche Auswanderung zur Folge. Die Einwanderung nach den Vereinigten Staaten schwoll gewaltig an, wie die nachstehenden, Zahlen für die Fiskaljahre 1900—1910 zeigen: 1900: 60 764; 1901: 58 098; 1902 : 57 688; 1903. 76 203; 1904: 106 236; 1905: 129 910; 1906: 153 748; 1907: 149 182; 1908: 103387; 1909: 5 551; 1910: 84 260. In den Jahren 1901—1913 nahmen von den «Deutschland durchziehenden Auswanderern 200 000 bie .Hilfe der Auswandercrvrganisation des .Hilfsvereins in Anspruch. Der Durchzug von ausländischen Aus- und Rücktvandercrn durch Deutschland, insbesondere Preußen, lvar stark einschränkenden behördlichen Bestimmungen unterworfen; es bestanden Kontrollmud Registrierstationen für .dieselben, zu denen die Vertrauensleute des .Hilfsvereins Zutritt hatten. Gemeinsame Schutzkomirees vom Hilssverein und der Jewish Colonisation Association nahmen an der russischen Grenze die Emigrationsfürsorge wahr. Nach dem Weltkriege ist in immer stärkerem Maße eine Restriktionspolitik seitens überseeischer Staaten geübt worden, die sich insbesondere gegen die Auswanderung aus ost- und südeuropäischen Ländern richtet und sich in katastrophaler Weise gegen die Juden in diesen Ländern auswirkt. Im Fiskaljahr 1921 waudecteu nach den Vereinigten Staaten 110036 Juden ein. Durch Gesetze der Vereinigten Staaten in den Jahren 1921 und 1921 wurden Quoten für die einzelnen Länder: Qfestgesetzt. Nach dem Gesetz vom Jahre 1924 fielen die Zahle» auf: Fiskaljahr 1925: 10 292; 1926: 10 267; 1927: 11483; 1928: 11639; 1929: 12 479; 1930: 11526. Kanada hat eine von gleichen Tendenzen geleitete, wenn auch nach andern Zulassnugsprinzipien gestaltete Abschließungspolitik getrieben. 1928 tjat Australien, 1930 die Südafrikanische Union durch Aufstellung tvinziger Quoten die Einwanderung aus Ost- und Südosteuropa auf ein minimales Maß herabgesetzt. England hat seit dem Kriege die Einwanderung aufs stärkste beschränkt. Durch die gegenwärtige ökonomische Weltkrise werden der Einwanderung verhängnisvolle Hemmuguen auscrlegt. In den Vereinigten Staaten bestanden schon früher Tendenzen, die Einwanderung auf Jahre hinaus gänzlich zu inhibieren. Diese Tendenzen sind jetzt besonders stark zur Geltung gekommen. Die Fürsorgearbeit des Hilssvercins wird außer von der Zentrale durch die Schutzkomitees in .Hamburg und Bremen durchgesührt sowie durch Vertrauensleute an den deutschen Grenzen. Bahnhofsdienste des Hilssvercins bestehen noch in Neu Bentschen an der deutschpolnischen Grenze und in Osnabrück. In dem „Korrcspondcnzblalt für Auswanderungsinrü Siedlungswesen44, das der .hilssverein herausgibt, werden Informationen über Landes-, Wirtschasts- und Arbcitsvechältnissc, Ein- und Auswanderung gegeben; es wird über die Restriktionspolitik der einzelnen Staaten berichtet und Stellung dazu genommen. Der Hilfsvecein, der vom Reichswanderungsamt als gemeinnützige Auskunftsstelle für jüdische Turchwandcrung und Auswanderung anerkannt ist, steht mit Emigratiousocganisationen in enger Verbindung, namentlich auch mit der Jewish Eolonization Association und der Hicem (Hias Jca Emigdirect) und den ihr augeschlojfeucn Komitees. Der Hilssverein gehört der Permanenten Konferenz zum Schutze der Wanderer und dem Beratungskomilee für Flüchllingsangelegeuheiten beim Völkerbund als Mitglied an. Die Auswanderung ivird immer mehr ein Problem voll unendlicher Schwierigkeiten. Tie Welt verengert sich immer mehr für Auswanderer, insbesondere für die unter ungeheurer Not leidenden Juden des Ostens. Daher ist die AuSwanderungssürsorge und 'Kooperation aller beteiligten Organisationen eine der dringendsten und bedeutungsvollsten humanitären Aufgaben. Herr S. Lifschitz vom Hilssverein ergänzte die vorstehenden Ausführungen in Bezug auf die Arbeit des jüdischen Bahnhofsdienstes am Schlesischen Bahnhof durch Schilderung von Einzelfällen sowie durch Ausführung von Beispielen aus dem Kampfe des Hilfsvereins gegen Ausbeutung von Auswanderern. Breslau. (P r i m ä r a rz t w a h i am Israelitischen K rankrnhause.) Anstelle des vom 1. April 1931 ab emeritierten; Herrn Geheimrat Dr. Rosenstein ist vom Vorstände des Israelitischen Krankenhauses Herr Professor Dr. Fritz .Heimann zum Primärarzt der gynäkologisch-geburtshilflichen Abteilung gewählt worden. Professor Heimann ist ein Schüler von Geheimrat Otto Küstner, unter dessen Leitung er an der hiesigen UinversitätsfrauenMniL 15 Safjre, die letzten 9 Jahre als Oberarzt der Klinik gearbeitet hat. Auch pathologisch-anatomisch unter Geheimrat Beuda und biologischbakteriologisch unter Geheimrat Morgenroth war Professor Heimann tätig. Eine große Reihe wissenschaftlicher Arbeiten sind die Frucht dieser Tätigkeit. Besonders mögen hervorgehoben werden die Arbeiten, die sich mit den operativen Methoden in der Gynäkologie; beschäftigen. Auch die Strahlenbehandlung fand in Professor Heimann einen sehr eifrigen Förderer, was neben zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten besonders in dem von ihm herausgegebenen. Buch „Die Strahlenbehandlung der gutartigen und bösartigen Geschwülste44 feinen Ausdruck findet. Professor Heimann ist seit Gründung der Breslauer Röntgenvereiuigung ihr erster Vorsitzender. Chemnitz. (Aus dem Gem e i u d e le b e n.) Vor der Neuwahl für die turnusmäßig ausscheidenden Gemeiirdc-Berordneten waren in diesem Jahre die Zionisten hier besonders rührig. In Versammlungen und in Artikeln einer kleinen Leipziger jüdischen Zeitung agitierten sie besonders für ein „demokratisches gleiches Wahlrecht der Juden nichtdeutscher Staatsangehörigkeit44. Sie hofften dadurch wohlmeinende Nichtzionisten auf ihre Seite zu dringen. In der vorwöchentlichen Wahl sind sie jedoch mit 85 gegen 186 Stimmen un'.e.'eZm. Tic Wahlbeteiligung betrug etwa 60 o/o. Sämtliche 6 Kandidaten der liberalen Liste wurden gewählt. — In einer