Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 52 (24.12.1930)
- Date
- 1930-12-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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B « rsLMmlung wenig« Tage vorher zeigte der Borsitzende des Gemerndevorstandes, Herr Josef Kahn, wie wenig angreifbar die Mmtzkrdevexwaltung in ihrer sachlichen Tätigkeit ist. Di« jetzige libHal-e Majorität hat für orthodoxe Institutionen (2 Synagogen, Talmud-Thora, »UM.-.»!!'* und Schechita) Subventionen in einer Höhe gezahlt, die über die Steuerleistungen der sämtlichen Nichtdeutschen htnau-tzehen (orthodoxe Deutsche gibt es hier kaum ein halbes .Dutzend-. Die Wohlfahrt überläßt die Gemeindeverwaltung allerdings den Privaiversiiren, aber nur im Interesse der Wohltatempfünger selbst^ denn ein Wohlfahrtsamt der Gemeinde kann bei den hiesigen Verhältnissen auf keinen Fall soviel leisten wie die jetzt ehrenamtlich arbeitenden Ber-'l" erstände. Die von der Gemeindeverwaltung ins Leben gerufene ,7L: .-lfahrtszentrale unter Leitung des Rabbiners Tr. Fuchs, der alle Vereine sich angeschlossen haben, bietet die Gewähr, daß di« Nichtdeutschen nicht zurückgesetzt werden; die Wohltätigkeit kommt ihnen im Gegenteil ganz besonders zu gut. Zudem hat der jBorfiänd der Gemeinde durch einen Dispositionsfond die Möglichkeit, ,in blonderen Fällen einzugreiscn; so hat er u. a. im letzten Jahre dir Mnderverschickungen nach Kissingen und Wyk größtenteils finanziert. Den orthodoxen Unterricht hat die Gemeinde versucht, durch Uebernahme der Talmud-Thora im eigene Regie neuzuordncn, ist aber daran einstweilen noch durch den Widerstand der Orthodoxen sckbst verhindert worden. Aus-der Diskussion dieser Versammlung ist noch.die Ausführung des Herrn Georg Mecklenburg hervorzuheben, vkiosfen zugab, daß das zur Zeit herrschende Wahlrecht undemokratisch sei; es sei aber das kleinere Uebel und ein nottvendiges Nebel: Denn jda ' die nichtzionistischen Nichtdeutschen, Agudisten unb Chaßidim, 'Zionisten wählen, so würden bei vollständig gleichem Wahlrcckt die ■ Zionistelr -die absolute Majorität erhalten und die Gemeinde in eine Bolksgcmeinde verwandeln, was innerlich wie äußerlich zu unabsehbaren Konsequenzen führen würde! — Aus dem Gemeinde leben des letzten Jahres sei noch nachgetragen: Nach dein Tode des Ehepaares Hermann Großmann ist durch Testament deren Haus, im besten Teile der Stadt, für wohltätige Zwecke bestimmt worden; aus den Mietern ägnissen fallen der Gemeinde jährlich 300(1 Mt., der Stadt 4000 Mk. zu, — eine in unseren Tagen sicher seltene hochherzige Stiftung! — Die Gemeinde hat einen zweii en Freitag - A b e n d - G o t te s d i e n st für den ersten Sabbat jedes Monats eingerichtet, der großen Anklang gesunden hat. Die hebräische Liturgie ist stark verkürzt: Sie besteht aus Anfangschor Mismor schir, 'und Schlußchor Adon olom, soivie den Kantorgebeten: Mögen owoth, R'zeh, Kiddusch und Kaddisch. « In die zwei größeren deutschen Gebete sind Sch'ma, Kodosch und Jimloch sowie die 3 Grundsätze der Pflichtenlehre eingearbeitet. Im Mittelpunkt steht natürlich die Predigt; Zeitdauer gut % Stunde. — Der Gemeinde-Etat ist '"168 090 'Mk."festgesetzt, die Steuerquote auf 8 <>,, des Reichseinkommensteuersolls. Die Ausgaben sind um 15 000 Mk. verringert gtg«" das Vorjahr. Besonderer Beliebtheit erfreut sich die vor wenigen Jahren im Anschluß an die bestehende Logenbüchcrei gegründete Gemeindebibliothek, sowie der dom Jüdischen Frauenbund vor etwa 2 Jahren gegründete Jüdische Kindergarten. — Der 11jährige Schüler Werner Flieg, Sohn des Herrn Daniel F. hier, hat im vergangenen Sommer im Tegernsee ein erwachsenes Mädchen mit eigener Lebensgefahr vom Ertrinken gerettet und jetzt die Anerkennung der Regierung von Oberbaycrn, veröffentlicht im Amtsblatt von Miesbach, erhalten. Daß der also Ausgezeichnete Jude ist, ' berichtet na tü rlich n iem a nd! Darmsladt. (Persönliches.)' Hier verstarb der emiritierte Lehrer Jakob Lebermann, der sich in weiten Kreisen hohen Ansehens erfreute und als tüchtiger Jugenderzieher über den eigentlichen Wirkungskreis hinaus bekannt war. Im Vercinsleben betätigte sich der Verstorbene für die Hebung der geistigen und sozialen Verhält-- nisse seiner Berufsgenossen mit seltenem Eifer und vorbildlicher Hingabe. Die Ehrenämter, die man ihm übertrug, verwaltete er mit Treue und Opferbereitwilligkeit. Den Dank für sein soziales Wirken statteten ihm seine Freunde durch die Ernennung zum Ehrenvorsitzenden ab; auch wurde eine seinen Namen tragende Stiftung ins Leben gerufen, die der Unterstützung von Lehrerwitwen und -Waisen bestimmt sein soll. Vor fünf Jahren hat der Verewigte seine Aemter in jüngere Hände gelegt, 'und sein plötzliches Ableben hat im Kreise seiner Freunde große Teilnahme geweckt. Dortmund. (Aus dem G e m e i n d e l e b e n.) Nach längerer Verhandlung und Bemühung ist es den Herren Flörsheim, Brader und Weiser gelungen, hier eine Jüdische Darlehnskasse e. G. m. b. H. zu errichten. Diese Kasse erstrebt, notleidenden jüdischen Gemeindenntgliedern, besonders aus dem Mittelstände, gegen Bürgschaft oder ähnliche Sicherheiten Darlehen zu gewähren und ihnen hierdurch weiter die Erlverbs- oder Berufstätigkeit zu ermöglichen. Die Höhe des Geschäftsanteils und der Haftsumme ist in bescheidener Grenze gehalten — 10 RM. , wodurch alle Angehörige» der Synagogengemeinde die Mitgliedschaft erwerben können. Statt Unterstützung ist hier ein Werk produktiver Wohltätigkeit geschaffen »vorden: und es dürfte zu erwarten fein, daß auch die Synagogengemeinde als solche mit größerem Betrage das Hilfswerk fördern 'wird. Tie Kasse, die im Monat Januar eröffnet werden soll, zählt bereits eine größere Anzahl von Genossen,, die durchschnittlich mit 250 Mk. als zinsloses Darlehen beigetretcn sind. — Der 70 jährige Geburtstag der Wohltäterin unserer Gemeinde Frau Elise Steinberg ist von den verschiedenen Bereiiren und Körperschaften in schlichter Weise ge würdigt worden. Der Kinderhort unter Leitung der Frau Grete Sondheim »vird zu Ehren der Jubilarin fortan den Namen ,,Elisenhort" tragen. Frankfurt a. M. (S i tz u n g d e r G e m e i n d e v e r t r e t u » fl.) Bor Eintritt tu die Tagesordnung gedachte der Vorsitzende, Herr Tr. Merzbach, des schweren Verlustes, den die (Gemeinde durch den Tod des Herrn Fritz Sondhrimer erlitten hat. Nahezu 1>Jahrzehnte ist der Verstorbene unter Einsetzung seiner ganzen Kraft im Gemeindcausschuß und später im Vorstand der Gemeinde tätig gewesen. Insbesondere in der Finanzkommission hat er in milstergültiger Weise gewirkt. Der Vorsitzende gedachte dann weiter eines freudigen Ereignisses, des 70. Geburtstages des Herrn Rabbiners Dr. Seligmann. Er sprach die Hoffnung aus, daß der Jubilar noch lange in der gleichen frischen geistigen Lebendigkeit für das Wohl der Ge meinde und des deutschen Judentums überhaupt tätig sein werde. Es wurde beschlossen, Herrn Dr. Selig mann einen Protokoll Auszug zu übersenden. Im Laufe der Tagesordnung wurde alsdann bekannt gegeben, daß die Neuwahl für die Gemeindevertretung stattgcsundcn habe. Die Ersatzwahl für den Geineindevorstand wurde auf die nächste Sitzung vertagt. Einige die Philantropin betretenden Fragen ttmvbcu an die Kommission verwiesen. Zur Debatte und Beschlußfassung stand alsdann ein Abkommen, das der Vorstand der Gemeinde mit dem Vorstand der Israelitischen Religionsschule getroffen hat. _ Der Verein, der 2 Synagogen und Schulen unterhält, ist sanierungsbedürstig. Das Abkommen sieht vor, daß ihm ein Ueber brückungskrcdit von RM. 10 000,— cingcräumt wird, wogegen der Gemeinde Kontrollrechte eingeräumt werden. Von der liberalen Fraktion sprach Herr Dr. Wolf. Eine Uebernahme des Bereinsvermögens auf die Gemeinde sei wegen der mißlichen Finanzlage nicht möglich. Man könne jedoch die Religionsschnle ihrem Schicksal nicht überlassen, da sie durch die Erteilung, von lonservativem Religionsunterricht die Gemeinde in gewissem Umfange entlaste. Der Unterricht müsse deshalb unterhalten lverden, nicht dagegen das Unternehmen als ganzes. An der schlechten Finanzlage des Vereins sei die Verwaltung der Religionsschule nicht völlig unschuldig. Die Buchführung sei mangelhaft gewesen, auch seien die Zuschüsse der Gemeinde nicht -immer für laufende Ausgaben, sondern auch zur Abdeckung von Becmögensschulden vertvandt worden. Er beantrage deshalb eine Ergänzung des Abkommens dahin, daß die Aussicht rrnd Kontroll bcfugmis der Gemeinde sich nicht nur auf die Sanierung, sondern auch auf die Vcrivendung der laufenden Einnahmen und auf die Feststellung der Kosten für den lausenden Unterrichrsbctrieb sich erstrecken müsse; daß Zahlungen nicht mehr schlechtweg an die Religionsschule, sondern direkt von der Gemeinde an die in Betracht kommenden Stellen geleitet werden sollten. In der darauf folgenden Debatte kamen verschiedene Vertreter der Parteien zu Wort, die im wesentlichen Annahme der Vorstandsbeschlüsse empsiehlen. Herr Dr. (Seiger (lib.) gab seinen persönlichen schweren Bedenken Ausdruck. Nach seiner Beurteilung reiche ein Urbevbrückungskved-it von RM. 10 000,— nicht aus. Sr sei der Ansicht, daß die RM. 10 000,— nur bewilligt werden könnten, wenn die dann noch fehlenden RM. 15000,— von privater Seite aufgebracht würden. Zum mindesten sei aber eine Ausdehnung der Gemeindekontrolle auf die Verwendung der lausenden Einnahmen im Sinne des Antrags Dr. Wolf nottvendig. Der Ergäuzungsantrag von. Herrn Dr. Wolf wurde in. der darauf folgenden Abstimmung angenommen und auch vom Vorstand genehmigt. — Die Gemoinderechnnng für das Jahr 1928/29 lag vor. In der darauf folgenden nichtöffentlichen Sitzung wurden Personalsragen erledigt. Kassel. (Sitzung der Gemeindeältesten.) Eine typische Erscheinung unserer wirtschaftlich kritischen Zeit zeigt sich darin, daß die Gemeindeverwaltung oft von hiesigen und auStvärtigen Institutionen um finanzielle Hilfe gebeten wird, die mit Rücksicht auf die finanziellen Verhältnisse nicht gewährt werden kann. So verfielen auch in der letzten Sitzung des Aeltesten-Kollogiums mehrere Gesuche der Ablehnung. Betvilligt wurden die Beiträge an den Verein zur Förderung des Handwerks und technischer Berufe unter den Juden in Düsseldorf nnd an das Büro für Statistik der Juden -in Berlin. Eine längere Aussprache rief das Rundschreiben betr. Sparmaßnahmen in der Verwaltung hervor, die vom Preußischen Lairdesverband jüdischer Gemeinden in Berlin empfohlen wurden. Die gegebenen Richtlinien fanden allgemeine Billigung. Ueber Verhandlungen der Friedhofskommission berichtete Gemeindeältcster Eisenberg. Der öffentlichen Sitzung schloß sich wieder eine geheime von längerer Dauer an; außer Steuersragen standen Personal Angelegenheiten zur Debatte. Liebstadt. (E h r e n m i t g l i e d s ch a f t.) Die langjährige stellvertretende Vorsitzende des hiesigen Vaterländischen Frauenvereins, Frau Jacobsohn, wurde unter Belastung in ihrem Posten als Vorstandsmitglied zum Ehrenmitglied des Vaterländischen Fraucnvcrems ernannt. Diese Ernennung gibt einen Beweis dafür, daß in die Kreise des hie-< sigen Vaterländischen Frauenvereins die konfessionelle und Rassenhetze nicht hineingedrungen ist und daß die langjährige Ehrenarbeit der verdienstvollen Jüdin in vollem Maße gewürdigt wurde. Lötzen. (Synagogenjubiläum.) Tic hiesig« Gemeinde konnte vor kurzem das fünfzigjärige Jubiläum des Bestehens der Synagogengemeinde begehen. Die Feier wurde mit einem Gottesdienst eingeleitct, bei dem Kantor Badler Liturgie und Predigt hielt, während Solowie Chorgesang und Harmoniumspiel den Gottesdienst verschönten. Zu diesem waren die Vertreter der städtischen Körperschaften, der _ Reichswehrgarnison, der Schulaufsichtsbehörden, der Schulen der verschiedensten Gattungen und die Vertreter der uinlicgcnbm Synagogengemeinden erschienen. Im Anschluß an den Gottesdienst fand ein Festakt im Hotel „Deutsches Haus" statt, bei dem der Gemeindevorsitzende Kaufmann Orlowitz die Erschienenen namens der Gemeinde begrüßte und der besonderen Bedeutung des Tages gedachte. Rechtsanwalt Schercschewsky gab darauf einen Uebcrblick über die Geschichte der Kreissynagogengemeinde Lötzen. Kantor Badler sprach als Seelsorger der Gemeinde seine Glückwünsche aus. Für den Israelitischen Franenverein gratulierte Frau Lewin, für den Verband der Synagogengemeinden Ostpreußens Großkaufmann Arthur Cohn-Königsberg, für die Synagogengemeindc Königsberg Geheimrat Professor Falkenheim, für den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten Kaufmann Rubinstein, für die Stadt Lötzen Bürgermeister Dr. Geller und für den Centralverein Kaufmann Leo Zacharias. Im Anschluß hieran fand «ine Kaffeetafel statt, die Gemeindemitgliedcr und Gäste in angeregtester Form zusammenhielt. Lübeck. (5 0jähriges Jubiläum der Synagoge.) Die Israelitische Gemeinde feiert in diesen Tagen das 50jährige Jubiläum des Bestehens ihrer Synagoge. Dieser Bau erinnert kaum noch an das erste 'Bethaus, das der jüdischen Bevölkerung in Moisling in alter Zeit als Gotteshaus diente. Moisling, das damals unter dänischer Herrschaft stand, war bekanntlich der Stammsitz der hiesigen jüdischen Gemeinde, die sich hier nach den Wirren des 30 jährigen Krieges auf Grund eines Ediktes Christians des Fünften vom 27. Februar 1866 gebildet hatte. Die Gemeinde erbaute hier bald ein Gotteshaus, einen kleinen Fachwerkbau, den einfachen Verhältnissen des Dorfes angepaßt. Die Gutsherrschaft in Moisling überließ den Ansiedlern ein größeres Feld zur Anlage eines Friedhofes, der noch heutigen Tages seiner Bestimmung dient. In Lübeck bildete sich eine jüdische Gemeinde erst in der Zeit der französischen Besetzung. Doch die Fremdherrschaft ging bald vorüber und schon in den Freiheitskriegen kämpften jüdische Mitbürgerin der Hailseatischen. Legion mit. 1812 hatte die Gemeinde ein Grundstück in der St. Annenstraße gekauft und .eine Synagoge eingerichtet, deren Kosten durch freiwillige Spenden aufgebracht wurden. Die Stadtvcrivaltung räumte ihr vor dem Holstentore ein Grundstück zur Anlage eines Friedhofes ein, dessen Grabsteine noch heute vorhanden sind. Doch nur wenige Jahre sollte dieses Gotteshaus bestehen, denn ungeachtet aller Rechtsansprüche und trotz des Eintretens der deutschen .Großmächte Oesterreich und Preußen, mußten die Juden 1821 bis auf 8 Familien wieder Lübeck verlassen unb nach Moisling zurückkehren. - Tie wohlhabenden Familien zogen die völlige Ablvandernng in die Fremde der Rückkehr nach Moisling vor und die verarmte jüdische Bevölkerung — es war der weitaus größere Teil — mußte wieder die alten Wohnungen in Moisling beziehen. Die Synagoge und das Grundslück in der Sr. Annenstraße konnten sie nur mir großem Verlust verlaufen. Ta inzwischen die alte Synagoge in Moisling baufällig geworden »var, lvurdc mit Hilse des Staates ein neues Gotteshaus für die Zurückgelehrten erbaut, das am 10. August 1827 oingcweiht wurde. Der einfache, schmucklose, aber schöne Bau stand in der Nahe des Torsteiches und blieb bis zur endgültigen Emanzipation der Juden der Mittelpunkt der Moislinger Gemeinde. Als dann am 9. Oktober 1848 durch Ratnnd Bürgerbeschluß die Inden gleiche staatsbürgerliche Rechte und Pflichten mit den andern Bürgern Lübecks erhielten, siedelten sie allmählich nach Lübeck über, »nährend die Gemeinde iir Moisling iinmer mdjr und mehr zurückging und sich um 1870 ganz auslöste. Tie Synagoge, die Eigentum des Staates geblieben war, wurde abgebrochen. Als einziges Erinnerungszeichen an die ernst hier blühende Gemeinde blieb der Friedhof zurück. Dieses große Gräberfeld übt heute „och in seiner charakteristisch einfachen, geschlossenen Anlage, mit seinen alten ornainentalen Grabsteinen eine tiefe Wirkung aus. Die Gemeinde i»i Lübeck trat jetzt au Stelle der alten in Moisling. Da sie sich in ausstcigcnder Entwicklung befand, kaufte sie im Jahre 1850 das Haus Wahmstraße 69 und richtete hier ihre Synagoge ein; dach bald zeigte sich, daß dieses Hans für die. Gemeinde nicht ausrcichte, nnd man beschloß, ein eigenes Gotteshaus zu bauen. Das gleiche Grundstück in der St. Annenstraße, das man sich bereits 1812 gesichert hatte und wieder aufgeben mußte, »vurde jetzt »viedcr erworben. Hier entstand nun endlich der erste Synagogenbau in Lübeck. Der Staat hals der Gemeinde mit einem Tarlehn. so daß nunmehr ausreichen-dc Mittel zum Bau vorhanden waren. 1878 ,vurde mit dem Bau begonnen, der nach den Plänen des Architekten T. H. A. Münzcnberaer auSgeführt »vurde und 1880 vollendet »var. Die Einiveihung der neuen Synagoge fand in Gegen- »var» des Bürgermeisters Dr. Th. Behn und der Vertreter des Senates und der Bürgerschaft statt. Die Feier, die unter Teilnahme der Lübecker Bevölkerung veranstaltet »virrde, »var ein schönes Zeichen für die Eintracht und den Gemeinschaftsgeist, der in der damaligen Zeit unter den einzelnen Bekenntnissen und Schichten der Bevölkerung herrschte. Rathenow. (N a t i o n a l i st i s ch c r N e b e r s a l l.) Am l4. November »vurde Herr Lehrer Abraham in einem hiesigen Cafe von Nationalsozialisten airgereiupelt und dann aus der Straße von ihnen überfallen und mißhandelt. Der eine Täter, ein berüchtigter Schläger, mußte sich am Freitag vor dem Strafrichter verantworten. Er in die>'em Falle zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Am gleichen Tage »vurde er »vcgen ähnlicher Rohheitsdelikte zu 5 Monaten Gefängnis verurteilt. Treysa. (Hohes Atter.) Unter regster Beteitiguitg aller Bürgerkreise beging Fräulein Charlotte Stein, die Tochter des ehemaligen Rechnungsführers der hiesigen jüdischen Gemeinde, des verstorbenen Kaufmanns Seligmann Stein, in seltener GeisteSftische und körperlicher Rüstigkeit ihren 80. Geburtstag. Die Jubilarin ist die letzte Nichte des in Hessen oft genannten Arztes Geh.-Rat Stillmg, der von 1835 bis 1879 Leibarzt des letzten hessischen Kurfürsten gewesen sein soll. Briefkasten A. L. Kassel: Ihre Zuschrift vom 15. cr. geht von einer völlig irrige»»- Voraussetzung aus. Der liberale Repräsentant Moritz Rosenthal ist Buchdruckereibesitzer und mit dem in letzter Zeit in der Oeffentlichkeit häufig gertannten Wäsckn'reibesitzer Moritz Roseirthal nicht identisch. Sprechsaal Für diese Rubrik übernimmt die Schristleitung lediglich die preßgesetzliche Verantwortung. Roch einmal Landesverband i. Ein mir befreundetes Ratsmitglied teilt mir mit, daß die Diäten geringfügig sind, ebenso daß nur wenige mittlere Verwaltungsbcmnte der Gemeinde in Mischehe leben. Mit den „Doppelverdienern" meine ich nicht iin Entferntesten die Herren, deren Frauen durch berufliche Tätigkeit mitverdienen. Diese kleine „Berichtigung" ändert nichts an dem Kern meines „Eingesandtes": Lasset die kleinen Gemein d e n u n d ihre Lehrer nicht unter der wirtschaftlichen Not leiden! Kürzet die Zuschüsse nicht, erhöhet sie vielmehr — nötigenfalls auf dein Wege öffentlicher Sammlung! Daß die Staatsbehörden die Ausschüttung der vorn Landtage bewilligten Zuschüsse für leistungsschwache Spnagogengemeinden nunmehr selber vornehmen wollen, gibt doch recht zu denken! Prof. Dr. Wölbe. ll. Die Klagen und Vorwürfe, die Herr Professor Dr. Eugen Wölbe im Sprechsaal der letzten Ausgabe der Jüdisch-liberalen Zeitung erhebt, sind völlig unberechtigt. Es scheint mir erforderlich, auf diese Zuschrift, die ein äußerst abfälliges Urteil über die Arbeit des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden enthält, etwas näher einzugehen. Der Landesverband tut nach wie vor alles, was ihm im Rahmen der ihm zur Verfügung stehenden Mittel möglich ist, um den Kleingeineinden in ihrer äußerst schweren Bedrängnis und mit ihnen den in ihnen amtierenden Lehrern und Kultusbeamten zu helfen. Wenn für die Lehrer die Teilnahme au den in etwa dreijährigen Abständen stattfindenden Tagungen des Lehrerverbandes der einzige Lichtblick im Kreislauf ihrer mühevollen Jahre bedeutet, sv kann hierzu nur gesagt werden, daß der Landesverband weit davon entfernt ist, die Lehrer in geistige Verarmung versinken zu lassen. Ebenso, wie für eine Reihe von Fortbildungskursen, die ja auch für die Teilnehmer immerl)in etwas bedeuten dürften, Zuschüsse bewilligt worden sind, ist auch dem Preußischen Lehrerverband für seine für Ende Dezember in Aussicht genommene Tagung eine Beihilfe zugesagt worden. Daß der Aufruf des Rats zur Sparsamkeit zeitlich mit den Vorbereitungen zur Lehrertagung zusammenfiel, bedeutet keineswegs, daß der Landesverband die Veranstaltung des Lehrerverbandes verhindern wollte. Der vom Vorstand des Lehrewerbandes beschlossene Aufschub ist vielmehr auf eine vollkommen freiwillige Entschließung desselben zurückzuführen. Diese Stellungnahme dürste eindeutig beweisen, daß die verantwortungsbewußten Herren des Lehrervereins einsichtig genug sind, u»n die Notlage, in der sich heute weiteste Kreise des deutschen Judentums hefinden, mit dem nötigen Ernst zu würdigen. Es ist müßig, zu erklären, daß der von Herrn Professor Wölbe geprägte Begriff des „Verbandsdirektors" jeder Grundlage entbehrt. Ter Ausruf ist von dem die Geschäfte des Rats führenden Kollegium einstimmig beschlossen und veröffentlicht worden. Er richtet sich keineswegs gegen die Lehrerverbände; vielmehr ist in dem Aufruf, der in diesem Blatt an: 10. Dezember abgedruckt gewesen ist, ausdrücklich gesagt worden, daß sich die Mahnung zur Sparsamkeit nicht nur an diejenigen Verbände, die Subventionen des Landesverbandes in Anspruch nehmen, sondern an alle jüdischen Organisationen wendet. Völlig abwegig sind die Bemerkungen über den Herrn „Verbandsdirektor"^ der von der Berliner Gemeinde zur Geschäftsführung des Landesverbandes beurlaubt sein soll. Weder gibt es einen solchen Posten im Landesverbände, noch ist irgend einer der dem Rate angehörenden Herren von der Berliner Gemeinde für die Tätigkeit im Landesverbände beurlaubt. An der Spitze steht der Präsident des Rates, der gemeinsanr mit den dem engeren Rat angehörenden Berliner Ratsmitgliedern die Geschäfte des Verbandes führt. Sollte die mit diesem Posten verbundene Aufwandsentschädigung gemeint sein, so ka»m versichert werden, daß sie bei weitem nicht an den genannten Betrag heranreicht. Auch die Ansicht, daß die Berliner Ratsmitglieder für ihre Teilnahme an den Sitzungen des Rats Diäten erhalten, ist falsch und völlig aus der Luft gegriffen. Das Argument, daß die Beamten jüdischen Glaubens größere Aufwendungen als ihre christlichen Kollegen zu machen hätten, hat im Landesverband noch niemals eine Rolle gespielt. Außerdem lebt keiner der wenigeit verheirateten Beamten des Landesverbandes in einer Mischehe. Es kann unterstellt werden, daß dies auch bei den Beamten der Gemeinde gar nicht oder nur ganz vereinzelt der Fall sein wird. Ter Beweis für die Behauptung des Herrn Prof. Wölbe müßte jedenfalls erst erbracht werden. Tie am Schluß der Zuschrift an den Landesverband gerichtete Mahnung zur Sparsamkeit ist zweifellos an die richtige Adresse gelangt. Nur entbehren die hierfür angegebenen Gründe, wie oben dargelegt, jeder Voraussetzung. Daß der Preußische Landesverband zur Sparsamkeit gezwungen ist, liegt an ganz anderen Dingen, nämlich an der wirtschaftlichen Not, unter der jeder einzelne Jude und damit die jüdischen Geineinden zu leiden haben. Daß der Landesverband die Not der Kleingemeinden besser als jeder Außenstehende zu würdigen weif?, hat er dadurch bewiesen, daß er in seinem Haushaltsplan für das kommende Jahr fast alle Beträge gekürzt hat, während die Beihilfen an Gemeinden und Lehrer in unveränderter Höhe wieder eingesetzt worden sind. Daß es nicht möglich ist, diese Positionen zu erhöhen, liegt eben daran, daß der Landesverband heute um jede Mark der ihm zustehenden Mitgtiedsbeiträge kämpfen muß. Im Interesse einer sachgemäßen Information der jüdischen Oeffentlichkeit wäre es wünschenswert, wenn Herr Prof. Wölbe an dieser Stelle die Quellen nennen würde, aus denen seine Kenntnisse über den Landesverband stammen. Martin Hirsch.