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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-12-24 · 52 (24.12.1930) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
52 (24.12.1930)
Date
1930-12-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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'besonders schwierig ist die Ueberweisung der Kinder ans christlicher Pflege in jüdische Umgebung, da die christlichen .Pflegestellen viel billiger und oft auch unentgeltlich sind. ES handelt sich zum Teil um Kinder ausländischer Staatsangehörigkeit. Fallen diese Kinder den Fürsorgeverbünden zur Last, so besteht die Gefahr, daß sie ausgewiesen werden. Es sollte Pflicht der jüdischen Gemeinschaft sein, dem jüdischen Kind eine jüdische Erziehung zu gewährleisten. Es werden der Zentrale immer noch jüdische Kinder gemeldet, die in christlicher Pflege sind. Immer wieder scheitern Vermittlungen an der Kostenfrage. Dadurch werden zahlreiche Kinder mangels der auszubringenden Mittel ihrer Gemeinschaft entfremdet. Eine neue Einrichtung der Zentrale ist die Sicherung der Berufsausbildung der Pflegekinder durch Eingehen einer Versicherung von Einzelpersonen oder Organisationen zugunsten eines Pflegekindes. Zum Schluß bat die Referentin, dafür zu werben, daß den jüdischen Kindern Gelegenheit gegeben wird, in einer jüdischen Umgebung aufzuwachsen und daß den Kindern, die ohne Heimatgemeinde in christlicher Pflege gefunden und für die die Zentrale die Sorge übernommen hat, das Heim erhalten bleibt, das sie gefunden haben. In der lebhaft einsetzenden Diskussion wurden die verschiedensten Gesichtspunkte berührt. Das Milieu des jüdischen Hauses sei meist ein ganz anderes, als das der christlichen Pslegestellen. — Das Für und Wider der Familien- und Anstaltserziehung wurde erwogen. Von Anstaltsseite wurde die rückständige Entwicklung der Anstaltskinder der vorzeitigen frühreifen Entwicklung der Familienlinder gegenübergestellt. Die Erfahrungen von Anstaltsleitern und Leitern der Wohlfahrtsämter wurden ausgetauscht und die späteren Berussrnöglichkeiten auf dem Land und in der Stadt besprochen. Ferner wurde die Frage aufgerollt, wer die Sorge für die staatenlosen Kinder zu übernehmen hat. Auch für die ausländischen werdenden Mütter ist keine zuständige Stelle da. Frl. Pappenheim wies auf die Genfer Deklaration hin, in der fünf Punkte niedergelegt sind, die allen hilfsbedürftigen Kindern nach den Möglichkeiten des Landes .Hilfe zubilligen. Herr Landesrat Dr. Saarbourg entgegnete, daß der Völkerbund noch zu jung sei, um alles, was dort beschlossen wird, durchzusetzen. Er führte weiter aus, daß vom Landeshauptmann für alle Konfessionen gleiche Pflcgesätze bezahlt werden. Es ist jedoch die Möglichkeit vorhanden, das Pflegegeld zu erhöhen. Diese Erhöhung hält Herr Dr. Saarbourg bei der jüdischen Pflegesamilie aus dem Gesichtspunkt der rituellen Haushaltführnng für berechtigt. Frl. Pappenheim fand die volle Zustimmung der Versammlung mit folgender Resolution: „Es ist Pflicht aller jüdischen Landesverbände und Synagogengcmeinden, die Versorgung eines jeden jüdischen Kindes, 'ganz gleich, ob in- oder ausländischer Staatsangehörigkeit, ganz gleich, ob eine zuständige Behörde oder Organisation. vorhanden ist, praktisch anzuerkennen und ihm im Falle der Hilssbedürftigkeit Hilfe in dem Maße zu gewähren, daß Gesundheit und jüdische Erziehung nicht gefährdet werden. Zu diesem Zweck sind gegebenenfalls Pflegegelder und Pflegegeldzuschüsse zu einem solchen zu gewähren", während ein Aufruf betr. Kinder in christlicher Pflege für die Presse beschlossen wurde, der an anderer Stelle veröffentlicht wird. Fräulein Kattenbusch, Leiterin der Adoptionsabteilung des Vereins für Säuglingsfürsorge und Wohlfahrtspflege im Regierungsbezirk Düsseldorf sprach in ihrem Referat über die 18 jährige Erfahrung in der Adoptionsarbeit des Vereins. Sie führte u. a. aus: Tie Adoptionsvermittlung ist eine verantwortungsvolle Aufgabe. Oft gelingt es, uneheliche Mütter, die ihr Kind zur Adoption anmelden, zu veranlassen, ihr Kind selbst zu erziehen. Wenig bekannt ist es, daß! uneheliche Mütter ihre Kinder selbst adoptieren können, um allen Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu gehen. Tie erste Vorbedingung für eine Adoption ist völlige körperliche und geistige Gesundheit des Kindes. Ferner werden genaue Auskünfte über die Herkunft eingezogen. — Tie Voraussetzungen, unter denen Eltern ein Kino annehmen können, sind im BGV festgc'legt. Tie wirtschaftlichen Verhältnisse der Adoptiveltern müssen geregelt sein. Tas Adoptivkind bleibt in den meisten Fällen ein Einzelkind. Die Erziehungsschwierigkeiten, die beim Einder Makkabäergeschichte ihren überzeitlichen Gehalt zurückzuführeu in die Erlebnissphäre des modernen Menschen. Die Musik will nicht nur ein prunkendes Festkleid sein, sie will nicht nur vom rein Aesthetisch-Akustischen her wirken, sondern einen lehrhaften Zweck erfüllen. So reiht sich nach Form und Inhalt dieses Werk in die Reihe der neu entstandenen Gattung der Lehrkantate, wie wir sie bereits von Hindemith, Weil und Toch kennen, wie wir sagen dürfen, würdig ein. Mit der formalen Aufgabe, vergangene Zeiten und Geschehnisse einzufangen in neue, dem modernen Empfinden und Denken gleichgerichtete Ausdrucksweise und Darstellung ist weder der Sinn noch die Wirkung des Werkes erschöpft. Hier wird nach einem neuen Weg zur Verlebendigung des Jüdifchen an sich gesucht aus der Erkenntnis, daß dem von der Jugend ausgehenden Suchen und Drang, das Jüdische zu einem lebendigen und verbindlichen Teil des Seins und Empfindens zu machen, Hilfe zuteil werden muß. Es geht um neue Formen, aber auch um neue, lebensnahe Inhalte. So weist die Aufgabe, die hier in Angriff genommen worden ist, hin zur Wiedererweckung jüdischen Gemeinschaftslebens, zur Neugeburt der jüdischen Gemeinde. Der starke Widerhall, den das Werk gefunden hat, läßt erkennen, daß hier ein glücklicher Anfang gemacht worden ist. Nicht Einzelne waren an dem Werk beteiligt. Zwischen der Aufgabe der mehr als zweihundert Menschen, die als Solisten, Orchester, Chor, Kinderchor und Sprechchor auf dem Podium standen und den zweitausend Menschen im Saale war kein Unterschied. Ohne ihr Zusammenwirken, ohne den Gleichklang der Empfindung wäre die Aufführung Konzert geblieben. So wurde sie zum Gemeinschaftserlebnis, zu jüdischem Gemeinschaftserlebnis. Hier ist ein großer und bedeutsamer Anfang gemacht. Keiner konnte sich dem Eindruck, den eine bis ins Einzelne glückliche, musikalisch reife Darstellung machte, entziehen. Jeder hatte Anteil an der ungeheuren Arbeit, die in dem Werk und der Wiedergabe steckte. Das jüdische Lehrhaus in Mannheim, von dem die Initiative zu diesem Werk ausging, arbeitet auf dem als richtig »rkennten Weg weiter. Uns bleibt die Hoffnung, dieses Werk recht bald in Berlin und in allen andern jüdischen Gemeinven zu erleben als Ausgangspunkt und Anregung gür gleich erfolgreiche Arbeit zur Wiedererweckung jüdischen Gemeinschaftslebens. Alfred Levi, Berlin. :: * Gottesdienste Berttn.Norde«. Liberale Synagoge worden, Schönhauser Allee 162. Freitag, den 26. Dezember, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Weyl. Sonnabend, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. BerttU'Ofteir. Liberale Synagoge Oste«, Aula Mädchenschule ttaiserstraße 30. Freitag, den 26. Dezember, abends 7.30 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Prediger Dr. Smarfensti. Berlin-» estend. Liberal Synagoge Westend, Leistilowstraße 7-8, Aula. Freitag, den 2V. Dezember, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Prediger Dr. Andorn. Berlin. Jüdische Reform-Gemeinde. Gottesdienste am Sonntag, den 28. Dezember. Johannisstr. 16: vormittags 10.30 Uhr, Predigt: Dr. Lehmann. Kleiftstr. 10: vormittags 10.30 Ahr, Predigt: Nabb.-Kand. Hans Hirschberg. zelkind auftreten, können in verstärktem Maß beim Adoptivkind auftreten, wenn es gleich zu Anfang mit zuviel Liebe überschüttet wird. T>ie Vorteile, die eine Zentralstelle bei Adoptionsvermittlungen bietet, bestehen zunächst darin, daß viele Meldungen eintaufen und eher die Möglichkeit besteht, je nach Alter, Herkunft und Konfession die geeigneten Eltern oder das passende Kind zu finden. Es kommt noch hinzu, daß die Zentralstelle auf Grund vielseitiger Erfahrung in der Rechtsprechung oft besser unterrichtet ist als die Behörde. So ist sie behilflich bei Beschaffung von Staatsangehörigkeitsausweisen, bei Einbürgerungen u. a. m. Tie Adoption^, verinittlung ist eine Arbeit, der jedes Schema fremd ist! itnb die ganz individuell behandelt werden muß. Alsdann ergriff Frl. Prof. Tr. Meyer das Wort zu ihren Ausführungen über: Aerztlicbe Gesichtspunkte bei Adoptionsvermittlungen. Frl. Prof. Meyer bezeichnet die Adoptionsarbeit als schönste, aber auch verantwortungsvollste Aufgabe, an die man mit einem gut fundierten Wissen Herangehen muß. In klarer Weise schildert die Referentin, wie sich ans Anlage und Urnwelt die Persönlichkeit entwickelt. Referentin zeigt die Merkmale auf, an denen die Geeignetheit des Kindes zur Adoption erkannt werden kann, gel)t aber auch auf die Erkrankungen des Kindes ein, die die Ungeeignetheit erweisen, während eine große Anzahl von Krankheiten heilbar sind, wenn sie rechtzeitig erkannt und behandelt werden. Sie schildert dann die normale Entwicklung des Klein-Kindes. Ein absolutes Hindernis für die Adoption besteht nur in Krankheiten, die nicht zu bekämpfen und zu heilen sind. Es heißt also beobachten und abwarten. Nach den Worten von Frl. Prof. Meyer setzte ivieder eine lebhafte Debatte ein. Frl. Pappenheim betont, daß man Lei einer Adoption alles sagen muß, was man weiß, daß aber häufig Tinge gefragt werden, die nicht beantwortet werden können.' — Tie Zentrale bemüht sich, möglichst alle Unterlagen zu beschaffen. Tie letzte Verantwortung liegt nach Klarlegung aller Tatsachen bei den Adoptiveltern. — Es wird angeregt, eine schwarze Liste zu schassen, damit Kinder, die aus triftigen Gründen von einer Stelle abgelchnt sind, von jeder Adoptionsmögkichkeit ausgeschlossen bleiben. — Herr Rabbiner Tr. Eschelbacher betont, daß alle großen Tinge im Leben ein Risiko sind und uns kerne Wissenschaft dieses Risiko abnimmt. Aber wir müssen die Erfahrung der Wissenschaft in Erwägung ziehen. — Von verschiedenen Seiten kommt der Vorschlag, daß der Adoption «ne Probezeit vorangehen muß, wie es fast durchgängig seitens der Zentrale den Eltern vorgeschlagen wird. Tie Versammlung war sich darüber einig, daß der Schulnngsnach mittag wertvolle Ergebnisse und Anregungen durch die Referate und durch, die Aussprache gebracht hat uno dem Wunsche vieler Frauen, über Fragen der Adoption und Pflegesteilenvermittlung klarer zu urteilen, entgegen kam. Frau Samuel gebührt der Dank dafür, diesem Wunsch Gestaltung und Leben verliehen zu haben. Minna Reumann, Barmen. Max Slemlhal Zu seinem 80. Geburtstag. Am 24. Dezember begeht Max Steinthal, eine der hervorragendsten Gestalten der deutschen Bankwelt, den 80. Geburtstag. Seine Persönlichkeit und sein Wirken an diesem Tage zu würdigen, ist in erster Reihe Ehrenpflicht der berufenen Fachkreise. Wir glauben aber, daß darüber hinaus nicht zuletzt auch ein jüdisches Blatt Anlaß hat, ein Bild dieses schöpferischen Mannes zu veröffentlichen. Die nach?- folgende Studie, die uns Herr Dr. Kurt Zielenziger liebenswürdigerweise zur Verfügung stellt, ist zugleich eine wertvolle Ergänzung seines soeben erschienenen Buches ,Huden in der deutschen Wirtschaft." Die Red. Als Max Steinthal am 15. Dezember 1873 auf Wallichs Veranlassung in den Vorstand der Deutschen Bank eintritt, ist er mit seinen noch nicht 23 Jahren wohl der jüngste Bankdirektor in Deutschland. Am 24. Dezember 1850 in Berlin geboren, ist Steinthal einer der wenigen Urberliner, der zu den Führern des deutschen Wirtschaftslebens aufsteigt. Zeitlebens in Berlin wirkend, nimmt er an der Entwicklung der Reichshauptstadt auch aktiv lebhaftesten Anteil. Steinthals Vater ist der Inhaber einer bedeutenden Rohwollgroßfirma, dessen Vetter Professor Heymann Steinthal, der große jüdische Sprachforscher und Philosoph. Max Steinthals Geburtshaus in der Neuen Friedrichstraße in nächster Nähe der Börse wird bestimmend für seine Laufbahn. Denn nach dem Besuch der Königstädtischen Realschule entschließt er sich, nicht in das Geschäft des Vaters einzutretcn, sondern sich dem Bankfach zu widmen, das in jenen Jahren große Chancen zu bieten scheint. Der Weg, den Sleinthal geht, zeichnet sich durch eine seltene Gradlinigkeit aus. Nur zwei Firmen gehört in seinem langen Leben seine Tätigkeit. Die Bankfirma A. Paderstein, bei der er als Lehrling eintritt, macht ihn nach ihrer Umwandlung in den Padersteinschen Bankverein im Februar 1873 zu ihrem Direktor, muß jedoch bald danach liquidieren. Schon nach wenigen Monaten wird Steiuthal in gleicher Eigenschaft von der Deutschen Bank berufen. Hatte sich Wallich den Wind um die Nase wehen lassen, so bleibt Steinthal auf das theoretische Studium des - * ■ Bankwesens und die eigene Erfahrung' .angewiesen, aber eg gelingt ihm, sich so schnell eine StellMz'in oer Berlinei Bankwelt durch seine frappierende BeheMchupg, der Börsentechnik zu verschaffen, daß er bereits in HM Jahren, in denen andere erst ins Leben treten, ein Fertig«' geworden ist. Seine Tätigkeit bei der Deutschen Vaiff wird zunächst durch die Auswirkungen der schweren KrE'erschwert, in der sich Deutschland in dieser Zeit befindet. Hie führt zur Einverleibung der Deutschen Unionbank und dxs Krliner Bank^ Vereins in die Deutsche Bank, der ersten Koßhn Bankfusion, die in Deutschland stattfindet. Schon 187-ß hatte Siemens mit der Annahme von Depositen in barere GÄjde begonnen. Nach dem Kriege wurde „zur besonderen Föcherung des Scheckverkehrs eine eigene Tepositenkasfe in der Bergstraße errichtet, die erste ihrer Art und das Vorbild all dch zahlreichen Depositenkassen unserer Großbanken, die heute in' allen Groß- und Mittelstädten zu finden find" (HelffeHch). Steinthals Aufgabe wird es, zunächst das Tepositengefihäft. zu organisieren. Vom Beginn der achtziger Jahre annverden die Depositenkassen planmäßig vermehrt, die auch *mit Stahlkamimern zur Aufbewahrung von Wertsachen unh. Effekten ausgestaltet werden. So gelingt es der Deutscher Bank, Geld aus allen Lagern anzusammeln und den Gedanken der Aufspeicherung von Kapitalien zur nutzbringendes Verwendung in der Wirtschaft bis in die weitesten Kreise zu ttagen. Gleichzeitig kann sie auf diese Weise in Deutschland'den bis dahin kaum bekannten Scheckverkehr popularisieren. Meinthals Arbeit wird das Vorbild fast aller deutschen GroßhaEn. Wenn Steinthals Altersgenosse Carl Fürstenherg ihm auf diesem Wege der Dezentralisation auch aus Wcinzip nicht folgt, so begegnen sich beide als Reorganisatoren des Berliner Börsengeschäfts. Zwanzig Jahre leitet Gteinthal die Börsenabteilung der Deutschen Bank. Gemeinsam mit Fürstenberg niacht er Berlin, das bisher hauptsächlich>Ms Börsenkonnnissionsgeschäft Pflegte, zu einem internationalen Börsenplatz. Als ein Meister der Arbitrage versteht er $3, geschiH die valutarischen Kursdifferenzen auszunutzen und»so Berlin in den Zahlungsverkehr zwischen dem Osten und dÄr, Westen oder mit Uebersee einzuschalten. Aus Steinthals Hhüle sind hervorragende Arbitrageure hervorgegangen. Seine rechte Hand und dann sein Nachfolger wird Paul Mankiewitz,' dessen Posten dann Oscar Wassermann übernimmt, damit". Mo o'M direkte Erbe Steinthals antritt. Mit der Ausdehnung des Finanzierungsgeschäfts der Deutschen Bank dehnt auch Steinthal seine Tätigkeit auf diesÄ - Gebiet auä. „Die bankmäßige Vermittlung des überseeische« Verkehrs stand unmittelbar oder mittelbar im Dienste der deutschen Industrie, der sie einerseits den Bezug von Rohstoffen und Halbfabrikaten aus dem Auslande, andererseits den auswärtigen Absatz ihrer Erzeugnisse erleichterte. Allein schon dieser Zusammenhang mußte die Bank darauf Hinweise», sich nicht nur auf die bankmäßige Abwicklung von Transaktionen, die ohne ihr Zutun zustande gekommen waren, zu beschränken, sondern solche Transaktionen herbeizuführen? (Helfferich). Zur Herstellung von nahtlosen Röhren nach einem neuen Verfahren, das die Brüder Mannesmann erfunden hatte», die Fabriken in Remscheid und in Komotau in Böhmen besitzen, wird unter Mitwirkung der Deutschen Bank die T>eutschb., Oesierreichischen MannesmannröhremWerke A.-G. gegründet. Aber die ersten Jahre des neuen Unternehmens bringen eine Enttäuschung nach! der andern. Erst Steinthal kann 1893 eine Reorganisation des Werkes durchführen, die je#t eine sabnkat «rische Ausnützung oer Erfindung ohne Patentstreitigkeiten ermöglicht. Steinthal 'tritt in den AussichtArat der Mannesmann-Werke, dessen Vorsitz er 1896 übernimmt. Wie bei 'Mannesmann hatte sich Georg Siemens persönlich! auch stark an einem Unternehmen seines Schwagers Adolf Görz engagiert, das der Goldgewinnung in Transvacck dienen sollte, und hierfür ein Konsortium gebildet, dem die Deutsche Bank angehörte. Bald danach kam es in London zu einem Zusammenbruch auf dem Markte der Goldshares. Auch; hier muß Steinthal helfend eingreifen. 1893 wird auf seine Veranlassung die Mols Görz & Co. G. m. b. >H. gebildet die sich! Bergrechte im Witwatersraird sichert und eigene Minengesellschaften errichtet. Sie verlegt bald ihren Sitz in das Goldland nach! Prätoria. So kann Steinthal das deutsche Interesse an oiesem wichtigen Kolonialunternehmen sichern. Andere Transaktionen in den Kolonien folgen, u. a. die Beteiligungen an der Otavi-Minen- und Eisenbahngesellschaft, an der Südwest afrikanischen Gesellschaft und an mexikanische» Bergbauunternehmnngen. Tas in den Goldbergwerken als Lösemittel verwendete Zyanid läßt Steinthal an der Errichtung der Cyanid-Gesellschaft Mitwirken, durch sie gelangt er zur Stickstofsindustrie. Er wird einer der Haupt. förderer der Ausbeutung der Caroschen Stickstoftersindungen und Mitbegründer der Bayerischen Stickstoffwerke. T»er Berliner Steinthal wendet aber auch seiner Vaterstadt sein Interesse zu. Rechtzeitig richtet er sein Augenmerk auf den Ausbau des großstädtischen Verkehrs. Dem Aufsichtsrat der Gesellschaft für elektrische Hoch!- und Unter, grnndbahnen gehört er seit ihrer Gründung 1897 an, ist feit 1912 dessen Vorsitzender, ebenso der stellvertretende Borsitzend» des Auffichtsrats der Allgemeinen Berliner Omnibusaktiengefellschaft und der Berliner Nord-Südbahn A.-G. bis jit deren Uebersührung in den Besitz der Stadt Berlin. Die Siedlungspolitik Berlins fördert er als Vorsitzender des Aufsichtsrats verschiedener großer Grundstücksgesellschmten, so der Nen-Westend-A.-G. für Grundstücksverwertung. 1900 reorganisiert er die Preußische Hypotheken-Aktienbank, wird auch hier der Vorsitzende des Aufsichtsrats. Wer allgemeinen Wirtschaft Berlins dient Steinthal als Mitglied der'Berliner Handelskammer von 1903 bis 1919. Mach seinem Ausscheiden aus der aktiven Banktätigkeit sichert sie sich! seinen Rat, indem sie ihn kooptiert. Klein von Statur, scheint Max Steinthal mit seinem Backenbart, der das Gesicht mit der scharfen Hakennase umrahmt, eine Gestalt aus der Zeit Wilhelms I. zu verkörpern. Aber das Aeußere kontrastiert mit der Großzügigkeit seiner Wesens, die es ihm ermöglicht hat, gerade die Geschäfte durch, zuführen, deren Erfolg erst in weiter Ferne zu liegen schien. Vielleicht kam ihm hierbei zustatten, daß er alle Unternehmungen wie „mathematische Probleme behandelt" hat, „um durch, möglichste Auflösung sämtlicher Unbekannten eine einfachie Gleichung herzustellen" (Berliner Börsenkurier vom 24. Dezember 1920). Unter der Mitarbeit Steinthals überflügelt die Deutsche Bank alle anoern deutschen Bankinstitute. Durchs die Kraft ihrer Kapitalien, ourch die andern ihr zur Verfügung ftch-en- ' den Mittel, durch! ihr Filialnetz, ihren großen Einfluß aus

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