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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-12-17 · 51 (17.12.1930) · page 4

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
51 (17.12.1930)
Date
1930-12-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Tilge. Nachdem Schopenhwuer sich alles, was er gegen die Anden anführen kann, vom Herzen geschrieben hat, nachdem er sie selbst von der Zulassung zu Staatsämtern ausschließen will, zeigt er, wie er sich eine praktische Lösung der Frage tenkt. Gegen die Taufe hat er nichts einzuwenden, selbst sondern es beruht auf der ewigen Aussprache der sündigen Seele mit dem geahnten heiligen Wesen, dessen Namen der Mensch nicht einmal zu nennen wagt. Wenn man diese charakteristische Form des jüdischen Sündenbewußtseins ins Auge faßt, so kann man allerdings sagen, daß der Mensch, der die Verantwortung auf sich lasten fühlt, die Freiheit seines Willens bekennen muß. Aber die Umkehr kann nicht aus menschlicher Kraft allein kommen, sondern sie bedarf des göttlichen Beistandes. Das Judentum ist also deterministisch und es ist indeterministisch — beides ist gleich wahr und gleich falsch. Wie sehr Schopenhauer wieder daneben gehauen hat, zeigt sein Schüler, der geniale Delirant Meininger. Alles, was Schopenhauer gegen das Judentum vorbringt, findet Ach bei ihm in verschärfter und überspitzter Fassung wieder. Nur zu diesem Punkt ist Meininger anderer Ansicht — dabei ist er schamhaft genug, nicht offen seinem Herrn und Meister selbst, sondern nur dem Apostel Chamberlain zu widersprechen. Völliges Unverständnis für die Willensfreiheit, meint Meininger, bezeuge den relativen Tiefstand der philosophischen Anschauungen des Juden — denn er ist stets Sklave und also (!) Determinist, Anhänger der Lehre von der Unfreiheit des Willens. Aber zurück zu Schopenhauer! Das Tollste, was er sich geleistet hat, ist wohl eine gelegentliche Bemerkung über Plato. An diesem, von ihm immer wieder bewunderten griechischen Denker, findet Schopenhauer nur einmal etwas «usznsetzen: den Theismus, der ihn, wie er sich ausdrückt, periodisch anwandelt. „Ich bin der Meinung", fügt Schopenhauer hinzu, „daß er ihn den Juden verdank." An Dieser Bemerkung kann man deutlich erkennen, daß die gesamte Schopenhauersche Kritik nur dem Vorurteil gegen den reinen Monotheismus, wie ihn das Judentum lehrt, ent- Hringt. Damit ist alles, was Schopenhauer an anderen Stellen noch Vorbringen mag, gerichtet. Somit bleibt nur noch ein Punkt übrig: Wie stand Schopenhauer im praktischen Leben zu den Juden? Die beste Antwort auf diese Frage hat Kuno Fischer in seiner Darstellung der Lehre und des Lebens Schopenhauers gegeben. „Er haßt die Religion des alten Testaments", schreibt Kuno Fischer, „und ist in dieser Hinsicht der ausgesprochene Antisemit. Aber diese grundsätzlichen Antipathien verschwinden, sobald seinem Genie gehuldigt wird. Zwei seiner Apostel und Erben sind Juden: Frauenstaedt und Asher, jener getauft, dieser ungetauft und dem jüdischen Glauben ergeben. Ist es nicht wunderlich, daß der Mann, an dem Schopenhauer «ehr als den vierten Teil aller seiner Briefe geschrieben Hat, sein „Urapostel", seine „Posaune", sein literarischer Erbe, der Herausgeber seiner Werke und seines Nachlasses, der „Erzevangelist" dieses abendländischen Buddha, ein polnischer Jude war?" Sollte einmal in Zukunft für ein Traktätchen, das uns Schopenhauers Judenhaß schildern möchte, nach einem Motto Ancht werden, so seien diese aufschlußreichen Worte Kuno Fischers warm empfohlen. L. Steinseld. Zudenkum und Pazifismus Bon Bruno S chönberge r, Berli n. „Pazifismus", das modernste Schlagwort der Gegenwart? Nur scheinbar! Tenn jede Gegenwart der Vergangenheit war modern und es gibt bis zum heutigen Tage keine Zeit der menschlichen Geschichte, die nicht mit Krieg angesüllt gewesen wäre und notwendigerweise auch; „moderne" Friedenssucht erweckt hätte. Ist nun Pazisismus wirtlich nur die Sehnsucht nach einem Tauccfrieden, einem Frieden, der nicht »bgelöst wird von einem in irgend einem Teil der Welt '»usbrechenden neuen blutigen Kriege, oder ist Pazifismus mehr als eine Sehnsucht? Ist er eins der von der Menschheit zu erstrebenden Ideale, anerkannt als etwas „Ideales"? Ist ein W ille und nicht nur eine Sehnsucht vorhanden zum Frieden? In Deutschland erregte bald nach dem für die 'Deutschen siegreichen Kriege 1870—71 Berta von Suttner mit ihrem Buche „Die Waffen nieder" allergrößtes Aufsehen. Aus der Kriegskaste, dem Adelstande heraus, erhob sich ermalig ein herzzerreißender menschlicher Schrei: „Ihr Glückszerstörer, was tut ihr? Das ist ja .gar kein Heldentum! .Euer entmenschender Schlachtfelderkampf! Die Waffen nieder, die blutigen durch Menschenblut entweihten Waffen nieder!" Es war "nicht die Stimme eines Vaters, dem man sein Kind genommen, es war nicht die Stimme einer Mutter, deren Sohn das Schlachtfeld mit seinem Blute gerötet batte. Sondern es war der wilde Schrei einer mitten im Lebensglück stehenden Gattin, cher man durchden Schkachttod chres Mannes das eigene junge Gluck für immer zerstört hatte und die vom Egoismus der eigenen Klage zur Anklage kommt, die Stimme erhebt für die andern „an Alle": „Tie Waffen nieder!" Heute, nachdem dieser Schrei längst ver-. hallt und wie vergessen war, nachdem ein viel grauenhafterer Krieg das Leben von 12 Millionen Menschen, die Gesundheit und Lebensfrische vom Vielfachen dieser Zähl vernichtete, sammeln sich unter der Fahne des Pazifismus, wenige Hundertausenoe der 2 Milliarden zählenden Menschheit und haben diesem Schrei eine immerhin starke Kraft verliehen — aber bevor das Echo nicht Milliardenhaft zurücktönt, besteht keine Aussicht auf Frieden. Und da die einzige Waffe der Pazifisten ver Schrei der Entrüstung über die von Staats wegen veranlaßte Entmenschlichung der Menschheit ist, so kann und muß es vorerst 'Ziel der Pazifisten sein, immer wieder und wieder das Grauen des Krieges, seine gräßlichen Scheußlichkeiten, seine bestialische Grausamkeit, seine kalte, aller Kultur hohn'fprechende Kulturlosigkeit jenen vor Augen zu führen, die den Krieg verkennen und jenen vbic den Krieg wollen. Wer verkennt denn nach einem solchen Krieg wie 1914—18 den Krieg? Leider ein ganz großer Teil derer, die ihn nicht mitmachten und nur im Lande vorübergehend ein bischen hungerten und gern den Helden berichten über „unsere tapferen Frontsoldaten" lauschten. Dann die Jugend, der man nach wie vor den Krieg im Glorienschein des Heldentums und unter bewußter Gesckichlsfälschnng als etwas Ideales darstellt. Tann ein großer Teil leider sogar von denen, die den Krieg mitmachten und mit sogenannten Ehrenzeichen geschmückt heimkamen. Vielleicht ein Verkennen aus Patriotismus oder vielmehr ein Verkennen der Tatsachen, aus denen "heraus ein Krieg entsteht, finanziert wird uno von jenem traurigen Teil der Menschheit bewußt gewollt wird, um Verdieustmöglichkeiten für sich^ im größten Maßstabe zu schassen. Im Frieden werden die Motore der Arbeitsmaschinen mit Arbeiter- und Bürgerblut nur geölt, im Kriege aber ist Arbeiter- und Bürgerblut der billigste, eindringlichste Betriebsstoff für die Motore der Arbeitsmaschinen „der kriegführenden Länder". Ein trauriger .Kulturzustand! Und wie verhält sich nun das Judentum zum Pazifismus? Wir Juden sind von Grund aus P a z i f i ft e n. Wir sind es geworden. Unsere Geschichte, eine Leidensgeschichte, zwang uns dazu und aus dem Zwange zum Pazifismus, wurde die Freude am Pazifismus. Nicht von Haus aus Pazisisten, unkriegerisch veranlagt, sondern, wie die Geschichte der Juden früherer Zeiten anerkannt, von eminenter Kriegstüchtigkeit, bis zur letzten, furchtbaren, vergeblichen Verteidigung Jerusalems (70 n. d. a. Z.f, mit ver das Reich Juda zur römischen Provinz herabsinkt, haben die Juden Krieg geführt. Und erst die 'dann folgende Geschichte der sich über die alle Welt, im eigenen Lande heimatlos gewordenen, zerstreuenden Juden, hat die Juden zu Pazisisten gemacht, ihnen Erkenntnis gebracht, was „Frieden der Völker" für den Einzesmen sichen und die Familie bedeutet, aus denen sich Staat, Völker und Menschheit zusammensetzen. Ter Pazifismus wiro daher, weil sich vie Massen der Juden rückhaltlos für den Pazifismus erklären, von den Feinden der Juden mit Vorliebe als ein Machwerk jüdischer Feigheit hingestellt. Wir wolle:i stolz bekennen, daß der Pazifismus jüdischer Ideenwelt ureigen ist, der traurig blutige Geschichtsweg der Juden zur Kristallisierung der Idee des Pazifismus innerhalb des Judentums geführt hat. In diesem Sinne sind all die hunderttaujeiide Juden, die im Meuchelkampif der Pogrome, dem schauerlichsten aller Kriege, starben, nicht umsonst gestorben. Der Jude liebt seine Familie und als man den Juden durch 'Pogrome das Familienglück und die Lebensfreude zerstörte und wieder und wieder zerstörte, wuchs die Fnedenssehnsucht der Juden ins Ungeheure und die Wucht der Erkenntnisse steigerte ihren Friedenssinn ins Unermeßliche. Der Pazisismus wurde Eigentum einer ehemaliger, nun über die ganze Erde sich verbreitenden, verfolgten Volksgemeinschaft. Das Mimikrisckmtzileid der Assimilierung wurde daun bis aus die Juden Rußlands, die immer Nationaliuden waren, zur Natur. So allein war es auch möglich, daß die Idee eines Nationaljudentums, von Rußland kommend, hinüberflackerte zu den Religionsjuden der einzelnen Völker; diese, aus den: ihnen zur Natur gewordenen Verbände zu lösen suchten. Pazisismus und Zionismus sind daher Gegensätze. Denn der Pazifismus will den Frieden der Welt für das Einzelindividum, während jeder Nationalismus wieder, sobald er stärker von der einen oder anderen Nation betont wird, zürn Kriege führen muß. Dem Einzclmenschen soll diese Welt gehören und offen sein. Tie Zeit, in der jede einzelne Stadt Deutschlands befestigt war und mit kriegerischer Gebärde der Nachbarstadt gegennbcrlag, ist noch nicht lange her und erscheint uns dennoch als Kuriosum. Von diesem Wege werden die Nationen abaehen müssen, soll der Weg der Menschheit aufwärts führen. Wenn wir in die „Kriegsgründe" der Völker, in ihre schmutzigen, selbstischen, materiellen Motive hineinleuchten, werden wir die Parallelen entdecken zu jenen Ursachen, zu jener furchtbaren Niedertracht und kulturlosen Ungerechtigkeit aus denen Poaroinc und Vernichtung von Minderheiten Überhaupt entstehen. Es kann solange von einer „Menschheitskultur" überhaupt keine Rede sein, solange Völkern dieser Menschheit von staatswegen und mit Erlaubnis der Völker dieser Menschtheit das Recht auf Krieg zuerkannt wird. Erst wenn die Völker der Menschheit sich gemeinsam zum Frieden bekennen, V er,t wenn vor allem jene sogenannten Kulturvölker den Krieg als- Staatsverbrechen erkennen und anerkennen, nicht als scheinheilig vorgebundene Maske, die man nach t'ntnu „glücklich," verlaufenen Kriege dazu benutzt, um den vksiegten die Schuld, die moralische Schuld am Kriege *u|L zubürden. Erst wenn die Völker die Pflicht zum Friede,: in dem Sinne anerkennen, daß jedes Volk, das sich an ^.inenl Kriege beteiligt, die volle moralische Schuld dafür trifft, daß jede Staatsregierung, einschl. der Parlamente, die sich zu einem Krieg hergibt, mit ihren eigenen Köpfen voll flir dies ungeheuerlichste aller Verbrechen, Krieg genannt, hastet, wird der Krieg aufhören! Erst wenn der Pazifismus Gemeingut der Völker, der Menschheit geworden ist, darf man von einer MenschWtskultur reden! — Wir Juden aber, die wir unsere Familien lieben, unsere Mitmenschen achten, das den Körper beseelende Leben als höchstes von Gott anvertrautes Gut empfinden, als ein Gut, über das jeder verfügen sollte, über das jeder einmal Rechenschaft atzzugeben hat, sollen darum das blutige Schauspiel des grausamen Krieges doppelt hassen, und verachten das entsetzliche Gemetzel der Schlacht. Wir haben die Erkenntnis des Friedens für uns, wir 'haben daher doppelt die Pflicht znm Pazifismus, das heißt die Pflicht zum Aufbau einer .vabren der Menschen würdigen Menschheitskultur! BU C H E R S C H A U „Elias schickt einen Traum“ Fcstta°sspicl für die jüdische Jugend von Davin Schönberger. Verlag Günter Ransenberg, Aachen. 1931 Gerade auf dem Gebiete der Festtagsspiele für die jüdische Jugend macht sich vielfach ein Mangel geltend, dem zu steuern von manch berufener Seite heute übernommen wird. Mit dem Festtagsspiel „Elias schickt einen Traum“ (in 7 Szenen) gibt der Verfasser, Rabbiner Dr. Davin Schönberger, ein begriissenswerten Beitrag zur Jugendli eratur. Das Spiel zeichnet sich aus durch die Einfachheit der gewählten Bilder, durch seine Anpassung an das Verständnis der Jugend und durch seine Eignung für jeden unserer Festtage. Dieses Spiel ermöglicht es, mit leichten Mitteln zu festlichen Gelegenheiten den jüdischen Gedanken zu stärken und die Festesfreude zu vertiefen. Der Preis von nur M 0.85 erleichtert die Erwerbung des Festtagsspieles wesentlich. Klassiker der Weltliteratur im jüdisch-hebräischen Kulturkreise. Von Samuel Meiseis. Verlag: Die Neuzeit, Wien 1939. Heft 4. — 16 Seiten. Ernzelheft 1 — M. Subskriptionspreis für sämtliche 15 Hefte 12.— M. Am Ende des dritten Heftes beginnt Meiseis mit den englischen Klassikern. Er behandelt im vierten Heft Shakespeare. Unser Moses Mendelssohn ist nach Meiseis Darstellung einer der ersten gewesen, die Shakespeare der deutschen Kunst und Wissenschaft gegeben haben. Der Verfasser bedauert es, daß die Geschichtsschreibung Mendelssohns Verdienst verschwiegen habe. Erst Ludwig Goldstein hat in seiner Schrift „Moses Mendelssohn und die deutsche Aesthetik“ auf Mendelssohn hingewiesen, der sogar schon vor Lessing Shakespeare bearbeitet hat. — Interessant ist die Darstellung, wie Shakespeare ins Ghetto Eingang fand. Dort wurde er nur gelesen, nicht aufgeführt; man staunte ihn an, wenn ihn auch nur einige Erwählten völlig verstanden. Besonders bewunderte man Hamlet. Fast dieselbe Aufmerksamkeit widmete der jüdisch-hebräische Kulturkreis dem „Kaufmann von Venedig“. Im Ghetto gruppierte sich alles nur um den Shylock, dem zu Liebe Shakespeare alle anderen Szenen als Umrahmung geschaffen habe. EUe jiddische Uebersetzung führt den charakteristischen Titel: „Shylock, der Kaufmann von Venedig". Soeben 1930 liegt der „Kaufmann von Venedig" in einer hebräischen Uebersetzung von S. Halkin vor. — Wie leicht könnte man einen Judenhamlet schaffen, wenn jemand den Dänenprinzen in eine jüdische Umwelt hineinsetzen würde, da er „mit einem Bück von Jammer so erfüllt" ist. Geistvoll zeigt Meißels die Momente, die eine Umprägung in einen Judenhamkt zulassen. — Und nun zum hebräischen Shakespeare! In Wien übertrug 1874 Eduard Solkinson den „Othello“ ins Hebräische unter dem Titel „Uthiel ha-Kuschi“; die Einleitung hierzu stammt von Perez Smolensky. Ebenso verdanken wir Solkinson das Werk „Rom we-Jael“, das ist der hebräische Titel von „Romeo und Julia“, erschienen in Wien 1878. Meiseis weist auf Solkinsons Einleitung hin, in der er Shakespeare wegen der vielen zotigen Redensarten verteidigt. Psychologisch interessant ist Solkinsons Erklärung, wie solche Redensarten bei Shakespeare zu verstehen sind. Das fct also eine wirkliche Kunstkritik. — Das vorliegende Meieeksche Heft ist für die Lektüre wärmstens zu empfehlen. Rabbiner Dr. Arthur Rosenthal, Berlin-Lichtenberg. 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