Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 51 (17.12.1930)
- Date
- 1930-12-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2613366-2614053-2614104--3825-2621461- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
stenliebe und des Rechtes alles Lebendigen, des Schutzes der Schwachen. Ich kehre zum Jobeijahr zurück. Bei der Ausrufung dieses feierlichen Jahres wurde Freiheit im Lande verkündet. Jeder, auch der Knecht, durfte zu feinem Geschlecht und früherem Besitz zurückkehren. Einer Verarmung bis ins Alter hinein, einer Versklavung auf Lebensdauer wurde durch diese von Gerechtigkeit und Menschlichkeit diktierte Gesetzgebung vorgebeugt. Die Verarmung und allzugroße Ungleichheit im Familienkreise sollte dadurch verhindert werden, daß der Verarmte, der seinen Grund und Boden aus Not veräußern mußte, in einen» seiner gut gestellten Verwandten einen Einlöser finden sollte. War das »üchl möglich, so kam er erst im Jobeljahr zu seinem Besitz. Wie schön in ihrer Einfachheit und Selbstverständlichkeit sind Gebote wie diese: „Und »nenn die Ernte ist in deinen» Lande, so sollst du nicht ganz aberntcn die Ecken deines Feldes, und sollst keine Nachlese halten und den Abfall in deinen» Weinberg nicht auflesen. Dem Armen und dein Fremdling sollst du cs überlasse»»."" Der Fremdling stand unter besonderem Schutz. „Tön Fremdling bedrücke nicht. Er sei dir gleich dem Eingeborenen, und du sollst ihn lieben, wie dich selbst. Tenn Fremdlrnge seid ihr gewesen in Aegypten." Der Besitzlose, den» kein Stück Gotteseroe gehörte, sollte auch ein Anrecht auf den Ertrag des Landes haben. Witwen und Waisen sino durch das Gesetz vor Not und Vereinsamung geschützt, denn der Bruder des Verstorbenen nahm die Witwe zur Frau und sorgte für sie und ihre Kinder. Uno der Prophet Jesaia stellt das Gebot: „Sprechet Rocht der Waise uno führet den Streit der Witwe" hoch über den Lippe»»- uno Opse »dienst des Volkes und seiner Priester. Das Alter wird nicht nur vor Verarmung geschützt, es wird Ehrfurcht vor oeu» Greise, vor dem grauen Haupte gefordert. Wie nötig hat unsere verrohte Zeit wieder diese Mahnung' Diese Forderung steht auf gleicher Stufe mit der Forderung der Ehrfurcht vor den Eltern. Daß es auch damit in unseren Tagen schlecht steht, wissen wir nur zu gut. Die Lehre gebietet auch Schutz dem Tiere. In oen Sabbatvorschriften ist ausdrücklich gesagt, daß auch das Vieh ruhen solle. Und „dem Ochsen, der drischt, sollst du nicht das Maul verbinden". Ergreifend sind die Worte, die der Prophet Jona am Schluß seiner Dichtung Gott selbst sprechen läßt, als Jona die Vernichtung Ninives fordert. „Dir ist leid nrn den Baum, den du nicht groß gezogen usiv. Und mir sollte nicht leid sein um Ninive, die große Stadt, in der mehr als zwölf Myriaden Menschen sind, die nicht wissen zu unterscheiden zwischen der Rechten und der Linken" — also die kleinen Kinder — „dazu die vielen Tiere!" Ich trennte im Anfang praktische und ethische Satzu»»gen und ertappte micfj; dabei, daß diese Trennung nicht durchführbar ist. Das ist eben das überwältigend Große in nnserer Lehre, daß das Göttlich-Ethische jede Handlung des Lebens durchdringen sollte. In keinem der Gesetze kommt diese Tiuvchdringung des Lebens mit Seelischem und Sozialem so stark, 'so innig zun» Ausdruck wie im Sabbatgesetz. Ich verstehe darunter oas Sabbatgesetz, wie es in der Thora steht, nicht die Ausuno Umdeutunaen späterer Zeiten. Das Sabbatgesetz ist das köstlichste Geschenk Israels an die Müllseligen unter den Menschen. Es birgt die Idee des Ruhetages, die Idee, daß jedes unter Tageslast und Arbeitsjoch stechende lebende Wesen einen Tag der Ruhe braucht, Unr Kräfte zu erneuern, um lebens- und arbeitsfähig zu bleiben. Beiin arbeitenden Menschen, um Mensch zu bleiben, sich nicht ganz an den Alttag zu verlieren; „daß aufatme dein Knecht und deine Magd", sagt die Bibel. Menschentun» und Menschenwürde sollen durch die Sabbatruhe gewahrt werden. Wie spät und wie schwer hat sich dieses Prinzip in der außerjüdischen Welt durchgesetzt, und auch dann nicht überall. Die Ausgestaltung des Ruhetages ist dem Charakter des betreffenden Volkes und der Zeit seiner Wirksamkeit Übertassen. Wie Israel den Sabbat ausgestaltet hat, i'"t der deutlichste und sinnvollste Beweis vom Doppelsinn des Ruhetages und von der versittlichenden Idee desselben. Tenn Israel begnügte sich nicht damit, dem müden Körper Ruhe und Mholung zu gönnen, sondern es erfüllte diesen Tag mit dem köstlichsten, das Mm Menschen gegeben ist: Mit dem Loslösen vom kleinlichen Alltag, mit de»»» Aufblicks zu Gott und den Sternen am Firmament, mit dem Frieden des Hauses und oer Beruhigung und Klärung der Seele. Der lebensbejahende Charakter oes Juden findet seinen Ausdruck auch in der äußeren Ausgestaltung des Sabbats durch festliche Ausmachung der Kleioung, des Tisches ur»d durch eine gute und reichliche Mahlzeit. Ein gleiches gilt im Gesagten auch für die Feste Israels. Kein Volk, keine Religionsgemeinschaft hat Feste von so verinnerlichter Form, von so rein-seelischem Inhalt, wie wir es in unfern» Neujahrs- und Versöhnungsfest haben. Hier stehen wir im Rein-Ethischen. Das Wissen von Gottähnlichkeit, von Menschenwürde, von der Bedeutung der Seele hat diese Festtage eingesetzt. Das Wissen vom herabzrehenden Alltag ,voi» den Lockungen des Lebens verschaffte dem israelitischen Menschen an diesen hohen Tagen die Möglichkeit der Wieoererhöhung, der inneren u»tb äußeren Versöhnung, der Befreiung von Druck und Qual und Gewissensnot. Tiefe Tage sind köstliche Oasen in der Wüste des Alltagslebens. Alle Gebote der Thora, alle Fordecungei» der späteren Bücher der Bibel fußen aui dem Willen Gottes, den Menschen zu sich heranfzusühren. Obenan stehen die Gebote oer Gotteserkenntnis und der Heiligung des Menschen. „Heilig sollt ihr sei»», denn ich bin »eilig, der Ewige, unser Gott." Gibt es eure höhere sittliche Forderung? Schließt ihre größtmögliche Erfüllung nicht alle anderen Sittlichleitsgebote in sich? Und alles, was die 10 Gebote und ihre weiteren ausführlichen Erlällterungen verlangen, bezieht sich aus das Gemeinschastste&cu der Menschen, ist also eminent sozial. Die Gesetze zur Verhütung des Unrechts am Mitmenschen begnüge»» sich nicht mit den lapidarsten Verboten, wie Verbot des Mordes, Diebstahls etc., sondern sie ermahnen zur Wahrhaftigkeit, Redlichkeit in Handel und Wandel, Vermeidung von Rohheiten an Hilflosen, z»»r Lebensrettung des Gefährdeten, verbieten verleumderisches Treiben, rachsüchtige Gesiirnung, Voreingenommenheit in der Rechtsprechung. Einige dieser wmrdervollen Satzungen sprechen für sich selber: * „Stehlet nicht und leugnet nicht ab, uno lüget »»icht einer gegen den andern. Schwöret nicht falsch bei »»»einem Namen. Bedrücke nicht Deinen Nächsten und beraube ihn nicht. Behalte nicht den Lohn des Arbeiters bis an den Morgen. Fluche nicht eine»»» Tauben, uno vor einen Blinden lege Innen Anstoß. Tuet kein Unrecht »in Gericht. Habet nicht Nachsicht mit dem Oieringen, und begünstigt »»icht den Vornehmen; nach Gerechtigkeit richtet den Nächsten. Gehe uicht als Verleumder umher unter deine»»» Volke. Stehe nicht zurück bei der Lebensgefahr deines Nächsten. Sei nicht rachsüchtig, und bewahre nicht oer» Zorn, sondern liebe beiirctt Nächster» wie dich selbst." Es kommt mir banal vor, diesen Worten der Bibel noch etwas hinzuzufügei». y Müßte es nicht alle»» Menschen leicht sein, gut zu werden? Nicht möglich sein, Elend und Verbrechen aus der Welt zu schaffen, da die Menschheit in» Besitz dieser Köstli.chkeitei» ist? Müßte nicht die Zeit kommen, da rnan den Willen des Gottes Israels erkennt und ihm gemäß handelt? T'ie Zeit, da rnan Israel achtet als lebendige Bewahrer dieses Wille»»s? Das find Fragen, die ins Herz schneiden, deren Schwere auf uns laßen wird, bis „die Zeit erfüllet ist/", da die Welt noch immer nidjt die Antwort darauf zu geben »»»»stände ist. Eins aber wollen wir nicht vergessen: Wir, die Träger d»eser Ideen, die Erben dieses Gesetzesgutes, in welcher Forrn und welche»»» Ausinaß »vir immer sie ausüben, wir »nüsfen uns dessen bewußt sein, daß wir sie zu kennen. weiterzuverbreiten und ihnen nachzuleben haben! Die Ausländer in der jüdischen Bevölkerung Preußens In der soeben erschie»»enei» Nr. 5 der Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden (herausgegeben voin Büro für Statistik der Juden, Redaktion Dr. Jacob Segall ur?d' I. Koralinki macht Dr. Koralnik Angaben über den Anteil der Ausländer an der jüdischen Bevölkerung in Preußen. Den Angaben liegen die in dieser» Tagen bekanntgewordenen Ergebnisse der Zählung der jüdischen Bevölkerung im Jahre 1025 zu Grunde. Von den 103 969 jüdisch cn Einwohnern des Preußische»» Staates i. I. 1925 waren 327 582 (81,1- 0 Inländer, 76387 (18,90<>) Ausländer. Es wurden .gezählt: ausländische Juden aus europäischen Staaten 60 544^ (87,1«0, aus außereuropäischen Staaten 1 570 (2,1 "0, Staatenlose 7 361 (9,6"..), uilbenannt 909 (1,2»0. Unter den Ausländern europäischer Provenienz überwiege»» solche aus Polen, Oesterreich, u»»d Sowjet rußland. Tie Zahl der Auslärrder aus Polen betrug 35385, Oesterreich 9 498, Rußland 6 986 Tschechoslowakei 3574, Ungarn 2 480, Runränien 2156, Nie^ ccrlande 1791, Litauen 1350, Lettland 1037. Polnische Staatsangehörige machen allein 46,3»/« der Ausländer aus. Ju .der Gesamtzahl der Ausländer bilden die in Berlin ansässigen nut 43838 (57,4 <' <0. Berlin zählt somit unter sernen 172 672 Juden 25,4» o Ausländer. Jin Jahre 1910 betrug hier der Prozentsatz der Ausländer »»ur 17,2, 1900 12,6 o/o, im Jahre 1895 10,9 »». Große Gruppen bilden die Aüslä»»der ferner in der Rhmnprovinz (9 700), Hessen-Nassau <7 855), Westfalen (3 439), Mederschlesien <2629). Der Proze»rtsatz der Ausländer unter der gesamtflibischien Bevölkerung stellt sich, in der Rhemprovinz auf 16,7, Hessen-Nassau 14,9, Westfalen 15,9, Hannover 12,9, Schleswig-Holstein 36,8, Sachsen 22,2, Oberschlesien 12,1, Ostpreußen 7,3, Brandenburg >12,0»/°. In den Großstädten bilden die Ausländer 23,0" >. In den Städten »mt einer zahlreichen ausländisch-jüdischen Einwohnerschaft zählen (abgesehen von Berlin) Frankfurt a. M. 19,6».. Ausländer (absolute Zahl 5 753), Köln 24,3».. (3 908), Br cs lau 8,6 »h (2006), Dortmund 31,4».. (1200), Altona 46,8»o (1128), Hannover 23,7»o (1311), Essen 27 9»c (1173). In Preußen wurde»» unter den 301 848 Wahlberechtigten zu de»» jüdischen ©emembci». 51904 (17,2»o) Ausländer gezählt. In Berlin beträgt der Prozentsatz der Ausländer unter den Wahlberechtigte»» 23,3 (3! 1l2 von 133374h Schöchlverbot im hessischen Landtag abgelehnl Ter letzten Sitzung des hessischen Landtags lag ein Antrag des nationalsozialistischen Abgeordneten Dr. Werner gegen das Schächte»» vor. Auch die hessischen Tierschutzverei»»e hatte»» in einer Eingabe entsprechende Forderungen gestellt, während eine Eingabe der hessische»» Synagogengemeinden für eine Beibehaltung des Schächtens eintrat. Ter zuständige Ausschuß hatte die nationalsozialistische Forderung .abgeschwächt. In der Aussprache führte der Antragsteller Dr. Werner (Natsoz.) aus, das er trotz des Ausschnßbeschlnsfes auf stiller Forderung nachl Verbot des betäubungslosen Schächtens verharre. Ein gruirdsätzliches Verbot des Schächtens sei gar nicht beantragt, wohl aber sei die vorherige Betäubung der Schlachttiere gefordert. In der Abstimmung gelangte der Ausschußantrag zur Verhütung von Tierquälerei zur Annahme, sooaß mit dieser Annahme die Schächtverboteingaben ihre Erledigung farrden. Die Wünsche der Tierschutzvereine wäre»» darnit abgelehnt. Arkur Schopenhauer und die Anden In den hakenkreuzgeschrnückten Hetzschriften, wie sie seit Jahr u»»d Tag Deutschland überschwemme»», begeg»»en einem nicht selten die Na»nen großer Männer, die als Nothelfer und Kronzeugen für den Antisemitismus anjgerusen tverden. Schopenhauer nimint unter ihnen eine besondere Rangstellang ein. Das »nag daran liegen, daß er cs den heutigen Ausbeutern seiner geistigen Hirrlerlasierlschaft besonders leicht gernacht hat. Ar» bissigen und herabrvürdigenden Bemerkungen gegen die Juden und gegen das Judentum ist in feinen Werken kein Mangel. In gewissen» Sinne ist daher die posthume Herabzerrung auf das Niveau der antisemitischen Hetzpresse, die dem großen Philosophen »viderfahren ist, als selbstverschuldet zu betrachten. Jedoch, der Antisemitismus Schopenhauers ist recht problematischer Natur. Man könnte darüber hinweggehen, daß Schopenhauer mit dem heutige»» Rassenantisemitismus »»icht die geringste»» Berührungspunkte hat, de»»»» das ist wohl eine Selbstverständlichkeit. Aber von dieser Selbstverständlichkeit kann heute leider keine Rede mehr sein. Es ist schoi» so weit gekoinmeil, daß man das Anbeute»» des großen Mannes gegen die Besudelung durch nationalistische „Ignoranten und Klopffechter" um die Titulatur sei»»es eigenen Wörter buches zurecht.kommen zu lassen in Schutz nehinen muß. Der ausführlichste Beitrag Schopenhauers zur Judenfrage findet sich in den Parerga (II § 132, S. 283 der Insel- Ausgabe). Er zeigt deutlich die gewaltige Kluft zwischen Schopenhauers Stellung mib dem Antisemitismus unserer Weihesang Zn Chanuko. Von Rabbiner Tr. Gotlschalk, Köln. So übte»» wirs, wenn diese Tage kamen: Dann tränkte Dunkel alle Räume Und stumm und »veltgclöst Lauschten wir rührenden» Gesang, Den keusche Kerzen rvundersam Gottrunken in den Himmel strölnten. Lichtmeere schießen zu uns her Wie ausgegossine Gottesfeuer, Und des Messias Krone leuchtet. Ein Rufen güldener Zukunft, auf. U»»d plötzlich horch, ein Davidspsalter, Harst Sphäre»»)veise, engelzart: „Alle Seelen, dunkelschleppend, Alle, alle, lichtdurchjubelt, Schlingen heil'ge Bruderkette Stolzer, freier Brudersöhne. Ewigstarke, Niebesiegte, Schreiten wir durch alle La»»de, Priester alle, gottbeladen, Dreimal heil'ge Weihe spendend Allen Starken, allen Müden: Segen — Leuchten — Hinimelsfrieden." Also tönt es und verhallt, Meine Seele aber weint. Doch ihr Schluchzen war ein Lachen, Uebersel'ges Judenjauchzen, War ein Mutterar»nebreiie»», Sehnendes Umfangen »var es, Ach, der letzten Menschenseelc, War ein Beten, war ein Klingen War ein Flehen, »var ein Singen. „Allen Starken, alle,» Müden Werde Segen, Leuchten, Frieden." kurt Sabahky: Der Jude in der dramatischen Gestaltung (Buchverlag der Königsberger Hartnngschen Zeitung und Verlagsdruckerei A. G., Königsberg j. Pr.) Diesem Buch, das soeben der Oefsentlichkeit übergeben wurde, komint, abgesehen von seinem schriftstellerischen Wert, schon darum besondere Bedeutung zu, weil darin zuin e r st e n Mal der Versuch unternominen wird, eine zusammensafse»»de Darstellung der Geschichte des Juden als Bühnenfigur zu geben. Der Verfasser, Syndikus der Königsberger Ortsgruppe des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", hat hier ein Standartwerk geschaffen, dem dre Intensität, mit der die Judenfrage z. Zt. überall erörtert wird, überdies noch einen gewissen Aktualitätsrciz »verleiht. Sabatzky behandelt das interessante Thema mit einer Objektivität und Vorurteilslosigkeit, die auch der ärgste Antisemit anerkennen muh» Nur hie und da, wenn er sich sanft gegen die Ilebertriebenheit gehässiger Karikaturen auslehnt, spricht sein gutes jüdisches Herz — vielleicht auch« nur ent allgemein »»»enschliches Gerechtigkeitsgefühl (was in »nanchen Fällen ja aus dasselbe herauskommt). Der Stofsireis, der seiner Abhandlung zugrurrde liegt, umfaßt die gesainte einschlägige Dramenliteratur von den christlichen Mysterienspielen und Moralitäten des frühen Mittelalters bis zu den Bühnenwerken der Neuzeit. Ausgeschaltet sind nur das biblische Drama und das jüdische Milteudrama, da der Verfasser, wie er in» Vorwort erklärt, lediglich diejenige Dramatik berücksichtigen wäll, „die den Juden »'n »rgeno einem Verhältnis zu seiner Umwelt darstellt". In den erwähnte»» mittelalterlichen Spielen, die unter den» Einfluß wer intoleranten katholischen Kirche entstanden sind, erscheint der Jude stets als verabscheuenswerte Verkörperung des bösen Prinzips, »»»itnnter auch, als der Antichrist. Eine nicht viel bessere Rolle spielt er in de»» Stücken des Hans Sachs uno ähnlicher primitiver Gebilde aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Hier wird er oft auch als komische Figur ausgefaßt und der „poetischen Gerechtigkeit/" geschieht dadurch Genüge, daß! er zuletzt der Hereingesatlene öder Geprellte ist. Aus demselben Geiste ist die in» Jahre 1589 geschriebene Tragödie „Der Jude von Malta"" des berühmte»» englischen Dramatikers Christopher Marlows geboren. Der Titelheld ist ein Durchaus roher u»ld Ester Geselle, bar jedes menschlichen Mitgefühls und keiner Sy»npath»e wert. Ihm wesensverwandt als kaltherziger, grausamer Wucherer ist der Jude Shylock in Shakespeares „Kauf- »naun von Venedig", der wohl überhaupt in mancher Be»- ziehnng der Marlowschen Gestalt nachgeformt wurde. Allerdings hat der Dichter seinem Charakterbild einige menschlichsyinpathische Züge beige»nischt — z. B. die Liebe zu seiner mtarteten Tochter — und ihn außerdem durch. Hervorheben des Unrechts, das ihm . und seinein Volk widerfahren ist, moralisch entlastet. Shylock führt, das muß man sich stets vor Angen halten, um ferne Handlungsweise zu verstehen, immerhin einen Kampf ums Recht, wenn auch mit »»ichtswürdigen Älkitteln. Sein und des Juden von Malta dia-