Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 51 (17.12.1930)
- Date
- 1930-12-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IWchMeraKZeikmg Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. veranlwortl. Red akteur: Bruno Voy-a. Die Vereinigung für das liberale Judentum übernimmt nur für diejenigen ÄüffShe. die ausdrücklich als in ihrem Namen aber in ihrem Aufträge versaht gekennzeichnet find. die Ver- «twortnng. Alle anderen Artikel. Aeuherungen und Vorschläge erscheinen unter der Verantwortung der Redaktion. Die ^Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SV 11. Hallesche Skr. 1 Fernruf: Bergmann 3358, 3359 II Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge Postscheckkonto: Berlin NW 7, 137089 nur mit vorheriger Genehmigung der (Vereinigung für das liberale Judentum) II_Redaktion gestattet. Bezugspreis durch die Geschäftsstetie '/«jährlich Rl. 3.— Einzelnummer 0.25. Bei freier Zusendung i. Inland 039 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der vezugsprei» im Mitgliedsbeitrage enthalten. Anzeigenpreise: Die 12yespalt.Nonparelllezeile0.45 Anzeig entarif durch die Geschäftsstelle. Anzeiaeuau- Nr. 51 Berlin, 17. Dezember 1930 10. Jahrgang Heldentum Eine Lhanukah-Belrachtung von Brun Die Makkabäer-Erzählung ist das Heldenepos des Judentums. Wie jedes Heldenepos zeitbedingt in der Gestaltung, in der Einmaligkeit des Geschehens und doch ewig in der Problematik, die in ihm enthalten ist. Darin unterscheidet sich dieses Heldenepos von dem vieler anderer Völker: daß hier nicht gestritten wird um nationale Größe oder völkisches Sein, sondern daß der Kampf geht um Erhaltung oder Vernichtung religiöser Werte. Doch es gleicht dem anderer Völker darin, daß die Auseinandersetzung nicht nur beschränkt wird auf die Kampfmittel des Geistes, sondern daß auch die Werkzeuge der Macht — vielleicht nicht freiwillig, sondern wie man heute sagen würde „im aufgezwungenen Verteidigungskriege" - zur .Herbeiführung der Entscheidung Verwendung finden. Was Wunder, daß die Gedanken beim Lesen der Makkabäer-Geschichte über die Jahrtausende hinweg stetig in die Gegenwart schweifen, und die Beziehungen zu unserer Zeit ausdecken. Da ist ein Film verboten worden, der die Greuel des Krieges schildert. Und dieses Verbot wird schmerzlich von vielen empfunden, nicht nur, weil man darin ein Zurückweichen vor der Straße sieht, sondern ebensosehr, weil aus den Vorgängen mit Schauern zu ersehen ist, wie sehr noch immer der Geist des Militarismus und die Geringschätzung des Menschenlebens in unseren Tagen herrschen über den Geist friedlichen Wollens. Und trifft es uns in solchen Tagen nicht auch schmerzlich, wenn dann in der Makkabäer- Geschichte von uns gelesen wird, daß zweitausend, fünftausend, dreitausend Menschen von den Makkabäern erschlagen wurden? .Hier zeigt sich die Zeitbedingtheit eines Heldenepos. In unseren Tagen, da nicht nur das Wirtschaftsleben, sondern auch das geistige Sein von krisenhaften Zuckungen erschüttert wird, ist auch der alte Heldenbegrisf ins Wanken geraten. Nicht als ob Mut und Entschlossenheit, Tapferkeit und aufrechte Gesinnung nichts mehr zu gelten hätten. Aber der Symbolbegrifs des Heldischen muß in unserer Zeit doch mit einem neuen Inhalt erfüllt werden. Man kann nicht den Krieg ächten wollen und gleichzeitig dem Krieger als Helden Kränze winden. Noch ist der Ausgleich in diesem Widerspruch nicht gefunden. Aber was nottut, ist klar: es ist die Pazifisierung des Heldenbegrisses. Not tut die Erkenntnis, die Erich Mühsam in seinem Brevier für Menschen in die Worte gekleidet hat: „Nicht wer sich gezwungen in Gefahr begibt, ist tapfer, noch wer aus Uebermut der Gefahr entgegenläuft, sondern nur, wer um seiner Erkenntnis willen auf sich nimmt, was die Pflicht des Gewissens fordert. Darum schweige das o Woyda. Lob gefahrvoller Taten, und es erhebe sich der Ruhm der aufrechten Gesinnung." Es gibt einen neuen und einen alten Begriff des Helden. Der alte, veraltete, der leider selbst durch die Erfahrungen des Weltkrieges noch nicht ausgerottet wurde, kann die Wirrnis unserer Zeit nur mehren. Der neue aber, der auch im Judentum schon enthalten ist, in dem Worte: „Nicht durch Heeresmacht und nicht durch Gewalt, sondern durch meinen Geist, spricht der Ewige der Heerscharen", dieser neue Heldenbegriff muß in unseren Tagen gestärkt und verwirklicht werden. Darin liegt ja vielleicht die Tragik unserer Epoche, daß wir wissen, daß uns der Bau einer neuen Weltordnung obliegt, daß aber die Menschen der Gegenwart noch nicht reis sind, um Bauleute des Neuen zu sein. Und daß es mangelt an Persönlichkeiten, die verstehen, in dem alten Menschenmaterial neue Keime so zu wecken und zum Erstarken zu bringen, daß aus den Verzweifelten, Uninteressierten, Kleinmütigen, Bejahende, Zukunftsschaffende werden. Bald nach dem Weltkrieg entstand in der Menschheit wieder neu der Glaube, das Wissen, daß jeder Mensch unser Bruder, daß der Mitmensch Träger der ewigen Seele, daß zur Verwirkliung unseres Wollens der Glaube an den Nebenmenschen oraussetzung ist. Seit jenen Tagen ist Vieles, sehr Vieles vergessen worden. Bis man in unseren Tagen fast wicher angelangt ist bei jenem „Und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag ich Dir den Schädel ein". Doch wer in sich den Glauben an die Menschheit trägt, wer in sich die göttliche Freiheit verwirklicht hat, der wird auch durch Enttäuschungen über die Menschen seiner Umgebung nicht erschüttert werden. Er wird aus der Makkabäer- Geschichte auch ersehen können, daß Freiheit nicht von heute auf morgen reift und daß die Gestaltung der äußeren Welt nur das Spiegelbild des seelischen Seins ist. Deshalb wird in unseren Tagen nicht geholfen durch Experimente, die nur an äußeren Symptomen kurieren wollen. Nicht auf Schlachtfeldern und nicht in Bürgerkriegen wird die Entscheidung über das Weltbild der Zukunft fallen. Es wird geformt werden in den Seelen der kommenden Generation. Wer diese Seelen im rechten Geiste zu formen versteht, der hat einen Anspruch darauf, in unserer Zeit als Held gewertet zu werden. So ist das Anzünden der Chanukah-Lichte nicht nur ein St)mbol eines einmaligen historischen Ereignisses, sondern es soll Ansporn zum Nacheifern sein. Nicht in den Formen vergangener Zeiten, wohl aber im Geiste, der uns mit jener Zeit verbindet, dem Geiste des religiösen Judentums. Menschliches und Soziales im Judentum Von Hedwig Ries. Es braucht nicht gesagt zu werden, was oie Bibel der ganzen Menschheit bedeutet. Man nennt sie das Buch der Bücher, sie ist in alle Knltursprachen der Erde übersetzt. Lias sagt genug. Würde oie Menschheit nach, ihren Geboten und Verboten leben, so wäre es eine vollkommene Welt, eS gäbe weder Haß noch Unrecht, weder Krieg noch Verbrechen. Aber es liegt tief in der physisch^psychischen BeschasMiheit des Menschen begründet, daß, das Wissen vom Unrecht iihn an der Begehung desselben nicht hindert, ja daß es sogar Naturen gibt, deren Willen zum Unrecht durch Verbote angespornt wird. Tie Mächte des Lebens und der Seele sind jjö stark, so zwingend, daß, Gebote kennen, noch lange nicht bedeutet, sie halten. Wie wäre es sonst möglich, daß nach so vielen Ja.hrkmjenben menschlicher Geschichte der Einfluß der Religionen, das Wissen von recht und unrecht, die Kenntnis der nicht zu übertrefsenden Lehre Israels, so wenig vermocht hat, die Menschheit zu entrohen, zur wahren Kultur zu führen, die Quellen zu Unrecht und Verbrechen zu verstopfen, Gemeinjchastsgesetze zu schäften, die oen Menschen ein brüderliches Zusammenleben ermöglichen und die Zeit des Messias herveizuführen, von der unser Prophet singt: „Und es wohnt der Wolf mit dem Lamme, und der Tiger lagert neben dem Böcklein" etc. bis zu den Worten: „Sie tun kein Leid und achten nicht Verderben an aus meinem ganzen heiligen Berge, denn voll ist oie Erde der Erkenntnis des Ewigen, wie Wasser die Meerestiefe beoecken." Sotten wir uns aber dabei beruhigen, daß die Natur des Menschen „böse ist von Anbeginn?" Sollen wir die Hände in den Schoß legen und den Dingen ihren Laus kassen? Immer und immer wieder erstanden der Mensch^- heit neue „Rufer", deren größte unsere Propheten und AcsuS von Nazareth, auch ein Mann aus Juda, waren. Unsere Zert, die Zeit der Vielen, fordert, daß wir alle „Rufer" werden, daß wir die köstlichen Edelsteine der Lehre Israels, die durch den Staub der Geschichte blind geworden find und daher nicht hell genug leuchten, wieder zum Leuchten bringen. Diese Ausgabe erkennend, will auch ich versuchen, „Rufer" zu sein und an einigen Geboten der Bibel zeigen, welch hohe Erkenntnis von Menschentum und sozialem Gewissen den Großen in Israel inne.vohnte. Tie Führer der Völker Krauchten nur diesen Gesetzen der Bibel nachzuspüren, um Wegweiser zu finden aus dem Wege zur wahren Gesittung «nd zur Gestaltung menschenwürdigen Daseins aller. Denn das find die beiden Ziele der Menschheit. Und eins ist ohne das anoere nicht denkbar. Ich unterscheide unter den Gesetzen und Geboten für Menschentum und soziale Gesinnung die praktischen und die rein ethischen Gesetze. Tie Grenzlinien verwischen sich naturgemäß bei 'vielen, da ja die praktischen Gebote auch stets unter dem Gesichtswinkel oer Erziehung zur Kultur und vom überlegenen ethischen Gefühl aus gegeben wurden. Die praktischen Gebote für die Lebenshaltung des Volkes Israel sind so zahlreich, und ins Kleinste gehend, übersehen kein Gebiet menschlichen Lebens und Tuns, daß es unmöglich ist, auf alle einzugehen. Ich hebe daher nur einige heraus: Die Bodengesetze und die Gesetze für Volksgesundheit, also die hygienischen Gesetze. Unter den hygienischen Gesetzen stehen die Speisegesctze, die Gebote über Waschungen, Baden und Absonderung' der mit ansteckenden Krankheiten Behafteten, wie auch oie Serualgesetze obenan. Diese Gebote entspringen nicht .mssenschastkichen Kenntnissen, sondern der Klugheit und Logik, die aus der Beobachtung der verheerenden Folgen die nötigen Schlüsse zog. Sie sind empirisch wie alle erste Wissenschaft. Tie Verbote, der Nahrung nicht Blut zuzusetzen, Tiere, die mit nicht vorher zu erkennenden Krankheiten behaftet sind, wie das Schwein, alles, was kriecht und ekelerregend ist, wie auch verendete Tiere nicht zu essen und anderes mehr, entspringen der natürlichen Einsicht von der Gefährlichkeit dieser zur Nabrung ungeeigneten Dinge, ganz besonders gefährlich im heißen Klima der Wüste und des Landes der Zukunft. »Von drei Tagen Aufgehobenes, Uebriggebliebenes mußte vollständig vernichtet werden. Auch m die Speisegesetze spielt ein ethisches Moment hinein: „Tn sollst das Lämmlein nicht kochen in der Milch der Mutter." Welch feine Seele, welch, ein inniges Mitgefühl mit der Kreatur spricht aus diesem Gebot! Hieraus hat eine spätere Zeit bekanntlich das Gebot der Trennung milchiger und fleischiger Nahrung gemacht. Tie Reinlichkeitsgesetze sprechen von hohem Kulturbedürfnis des Gesetzgebers und der Erkenntnis, daß die meisten Krankheiten der Unreinlichkeit des Körpers, besonders auch der Hände entspringen: „Unter den Nägeln wohnt ein böser Geist" heißt es an einer Stelle. Streng vorgeschriebene Waschungen vor den Mahlzeiten, wie auch nach der Berührung irgend einer Unreinlichkeit, sei es bei einer Leiche, einem Tier, einem Kranken, ja sogar eine Quarantäne in Krankheitsfällen, regeln die Hygiene des Volkes, dienen der Volksgesundheit. Waschen oer Kleider und Baden des ganzen Leibes im fließenden Wasser wird bei allen Verunreinigungen vorgeschrieben. Besonders strenge Reinlichkeitsvorschristeu gelten dem Priesterstano. Aussätzige, Geschlechtskranke müssen bestimmte Zeit außerhalb der Wohnstätten gehalten werden. Der Verkehr zwischen den Geschlechtern wird strengen Reinlichkeitsvorschriften unterworfen, ebenso das Verhalten der Frauen bei ihren natürlichen Funktionen. Blutschande und Unzucht mit Tieren wird bei Todesstrafe verboten, und immer wieder wird Israel ermahnt: „Tut nicht nach dem Tun des Landes Mizraim und des Landes Kanaan, wohin ich euch bringe." Ein Volk, rein an Leib und Seele sollte Israel sein vor seinem Gotte. Die Bodengesetze Israels gelten sowohl der Behandlung wie auch der Verteilung des Bodens, der ja immer und überall den größten Schatz der Menschheit bedeutet. Das siebente Jahr soll dem Land ein Ruhejahr sein, analog dem Gebot der Sabbatruhe alles Lebenden am 7. Tage. „Niemand bepflanze und beackere sein Feld, und seinen Weimtock beschneide er nicht." Dem vorauszusehenden Einwand „Wovon sotten wir essen?" begegnet der Gesetzgeber sogleich mit den Worten: „Ich aber werde euch meinen Segen entbieten im 6. Jahre, daß es den Ertrag bringe auf drei Jahre." Der Boden, der ein Jahr geruht hat, bringt eben 6 Jahre lang reichsten Ertrag. Dieses weise und hochsoziale Gesetz berührt außer seinem landwirtschaftlichen Wert auch wieder die Grenze der sozial-ethischen Gebote, denn alles, was im Sabbatjahr wächst, ohne Zutun des Besitzers, gehört der Allgemeinheit. „Und es sei die Feier des Landes für euch zum Essen, für dich und deinen Knecht und deine Magd, und für deinen Mietling und Beisaß, die bei dir weilen, und für dein Vieh und die Tiere, die in deinem Lande, sei all dessen Ertrag zum Essen." Um Raubbau, Wucher am Gottesboden und Verarmung zu verhüten, wurde das Jobeljahr eingesetzt. Das Wort Jobel bedeutet eine Art Posaune, weil dieses Jahr mit Posaunenschall ausgerufen wurde. Aus dem hebräischen Wort stammt das lateinische jubilare, das in unsere Sprache als Jubel übergegangen und als Ausdruck höchster Freude verblieben ist. Auch in dem Begriff Jubiläum, einer in abgemessenen Zeiträumen wiederkehrenden Feier, ferner in dem Ausdruck „alle Jubeljahr" hat sich eine Reminiszenz an das altisraelitische Jobeljahr erhalten. Im Jobeljahr, d. h. nach dem 7. Sabbatjahr, also im 50. Jahr — man beachte auch hier wieder das Sabbatprinzip der „sieben" — wird alles verkaufte oder verpfändete Land, das noch nicht während der 49 Jahre zurückgekauft oder ausgelöst ist, dem ursprünglichen Besitzer oder seinen Erben zurückgegeben. „Mein ist das Land", spricht der Herr. Nach Gottes Gesetz wird cs verteilt, als Lehen von Gott. Der Verarmte soll sein Stück Gottesland nicht für immer verloren haben, es wird ihm zurückgegeben. Auch hier finden wir wieder die Berührungslinie der praktischen Vorschriften mit dem sozialen Gewissen. Die Vorschriften über das Jobeljahr enthalten wundervolle Hinweise aus Menschlichkeit und Gerechtigkeit, Versuche eines humanen Ausgleichs unter den Menschen bei der Ungleichheit der menschlichen Verhältnisse. Das Gesetz über das Jobeljahr führt uns mitten hinein in den Jdealsozialismus der Lehre Israels. Der Arme, der Gedrückte, der Verarmte, der Knecht, der Fremdling, das arbeitende Tier, kurz, alles Lebende, das wirtschaftlich abhängig, das auf der Schattenseite des Lebens steht, die durch Gebrechen gequält und hilflos sind, sie alle finden im Gesetz Israels menschliches Verstehen und Mitgefühl, Schutz und Recht. Sie sind Gegenstand humanster Gebote, die ihr Los zu lindern suchen, da es Mittel zur gänzlichen Beseitigung ihrer Not nicht geben konnte, wie es bis heute, nach Jahrtausenden, noch nicht möglich geworden ist, solche Allmittel zu finden. Aber in einer Zeit, da man Kinder opferte, schwache Kinder tötete, Greise und Fremdlinge beseitigte, Witwen verbrannte, da d-ie unterste Volksttasse, die Sklaven, gänzlich rechtlos waren — und wie lange bestand dieser Zustand noch der schwarzen Rasse gegenüber —, in einer solchen Zeit gab Israels Gesetzgeber dem Volke das Gebot der Nach-