Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 50 (11.12.1930)
- Date
- 1930-12-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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durch feilt Können und durch fein Wissen wie durch die Vornehmheit feiner gesamten Persönlichkeit. Schäfer war von tiefer Religiosität erfüllt. Was ihm sein Elternhaus ins Herz gesenkt, was Deutsche Bildung und deutsche Wissenschaft ihm gegeben, es war in ihm zur Einheit geworden. Für Hn gab es keinen Widerspruch zwischen Deutschtum und Judentum. In dem Gottesdienst der Reformgemeinde ,änd er den sichtbaren Ausdruck seines religiösen Empfindens. Air lchm nahm er nicht nur deshalb regelmäßig teil, weil dieser Gottesdienst au seinem einzigen schulfreien Tage statlsand, sondern auch weil die Gestaltung dieses Gottesdienstes zu seinem Herzen sprach. In den letzten Jahren seines Lebens war seine ganze Arbeit dem Hilfsverein für Jüdische Studierende zugewandt. Das Wort unserer Weisen: „Seid sorgsam mit den Kindern der Armen, denn von Ihnen geht dm Thora aus" leitete ihn itt seiner Arbeit für die jüdischen studierenden, die mit des Lebens Not und Mühe zu kämpfen babcn. Er wußte, daß aus der geistigen uub sittlichen Kraft unseres Stammes unser Fortbestand beruhe. Im Verein mit seiner Gattin, die ihm. die Gefährtin seines Lebens und seiner Seele gewesen, hat cr für die Studierenden gesorgt, ihnen intmer von neuem Hoffnung ins Herz gepflanzt, i/hnen den Weg zur Vollendung ihres Studiums geebnet. Mau bört oft in oer Großstadt das Wort: „Wir Mkuscheu sind alle zu ersetzen." Vielleicht, in dem Inas wir lüsten, aber nicht in dem, wie wir es leisten. Was Schäfer in seiner bescheioenen und anspruchslosen Art so vielen Menschen gegeben hat, es ist nicht zu ersetzen, und darum wird eS nicht vergessen werden. „Das Andenken des Gereichten wirkt fort in dem Segen, den er gestiftet hat." Rabbiner Tr. I. Gallincr Arbeit Von Paula O l l e n d o r f. Die höhere Bewertung der Frauenarbeit und die Erkenntnis, daß jede Frau einen Berus erlernen ntufj, gehören zu den wenigen Erfolgen des Krieges. Verschwunden ist das furchtbare Wort „es eigentlich nicht nötig haben", verschwunden ist das Veristecken der entlohnten Arbeit, die man früher der Außenwelt gegenüber „nur zum Vergnügen" machte. Wenn man die Frau etwas mitleidig betrachtete, die arbeiten mußte, um zu verdienen, bedauert man jetzt jene, die keine Arbeit hat. Anders als die Meinung der Menge war unsere Lehre immer voll besonderer Wertschätzung für die Arbeit der Frau, wie ja die Arbeit an sich denr Judentum als die durch Gott gestellte Lebensaufgabe gilt. Es.ist merkwüroig, daß das 4. Gebot von den meisten Menschen nur als ein Gebot des Ruhetages aufgefaßt wird, während es doch auch ein Arbeitsgebot enthält und dieses, Vas für 6 Tage Arbeit gilt, sogar vor die Ruhe vm Sabbat stellt, sodaß, matt annehmett müßte, nur wer 6 Tage gearbeitet hat, hat das Rocht' und die Pflicht am 7. Tage zu ruhen, und irrtümlich ist! auch, wenn die geistige Arbeit so viel höher bei uns Juden eingeschätzt wird, als die Arbeit der Hände, die in unseren Schriften sogar höher geschätzt wird, als die der Frommen, auch höher als das Vermögen. Wie so oft findet sich hier eine frappierende Ähnlichkeit oer Ansichten Goethes mit den Lehren des Judentums. Fast immer laßt sich diese in feiner Auffassung der sozialen Pflichten des Einzelnen gegenüber der Gesamtheit Nachweisen. „Jeder suche den Besitz, der ihm von der Natur vom Sck-icksal gegönnt war, zu würdigen, zu erhalten, zu steigern-/ er greise mit allen seinen Fertigkeiten so weit umher, als er zu reichen fähig ist; immer aber deute er dabei, wie er andere will daran teilnehmen lassen; denn nur insofern werden die Vermögen geschätzt, als andere durch sie genießen." Bei der jüdischen Einstellung zur Handarbeit und" zur körperlichen Arbeit überhaupt ist es nicht verwundert, daß besonders die arbeitende Frau gepriesen wird. Nicht nur in in den berühmtcu Worten Salomos: Ihre Hand streckt sie nach dem Spinnrocken aus, ihre Finger fassen die Spindel... Gebt ihr von der Frucht ihrer Hände, und in den Toren sollen ihre Werke ihr Lob künden, soiudern ber vielen Gelegenheiten wird der Reichtum ihrer Hände, ihre Arbeitsamkeit, die als Mitgift ein größeres Gut ist, als 100 000 Sklavinnen, ftervorgehoben. Diese Schätzung der Frauenarbeit, klingt mitunter nach Ungerechtigkeit gegen den Mann, dem gegenüber der Schöpfer „die Frau mit größerer Einsicht begabt haben soll". Bei den Erfahrungen der sozialen Arbeit läßt sich das zwar nicht immer beweisen, aber eines ist deutlich hervorzuheben, daß in beu heutigen Notständen die Frau und Mutter mehr Initiative, mehr Mut, oft mehr Heroismus zeigt, als der Mann und Vater. Wie viel Hingabe, wie viel Aufgebot plmsischer Kraft liegt zwischen der kleinen Svanne Schlaf und der großen Spanne Arbeit der Familienmutter. Die ,Hand-Arbeit" erhält einen gesteigerten persönlichen Wert, und die Frauen von 40 bis 70 Fahren und darüber, die nicht mehr um einen Arbeitsplatz rennen und stehen, schreiben und bitten, weil alles aussichtslos ist, sie, die fritier ,,es nicht nötig hatten", sie werdeit jetzt zu wahrett Heldinnen. Ihre nimmermüden Hände leisten Kulturarbeit, sie schassen kleine und große Kunstwerke. Sie ftind echt, diese Werke, in ihnen liegt eine Persönlichkeit, deren Seele spricht sich aus. Wer sieht das, wer schätzt das, gegenüber der seelenlosen Maschinenarbeit? Es ist wie bei der Leistung eines Künstlers gegenüber der maschinellen Reproduktion. Wer sich an einem Kunstwerk, und sei es nur eine Handarbeit, erfreuen kann, der ist nie ganz einsam, eine schöpferische Seele spricht zu ihm. Dr. Baeck hat einntal die wahre Kunst, die airs der Seele fommt, und die zur Seele spricht, mit der Religion verwandt genannt. Mit ibr verwandt ist auch solche Arbeit, die uns dankbar macht -für .das Erleben enter an bereit menschlichen Seele. Von diesem Standpunkt aus muß: eine andere Anerkennung auch in ganz konkreter Form den Frauen zuteil werden, die von der Frucht ihrer Hände leben und andere mitleben lassen. Diese Anerkennung soll Dankbarkeit sein für die größe seelische Leistung und für die schöpferische Erfahrung, die sie uns vermitteln. Dankbarkeit dafür, daß fleißige Hände im Stande sind, träge Herzen zu erwecken und Freude an der menschlichen Leistung zu schaffen, die. aus der Not geboren, an der Kultur unserer Zeit mitschafft. Rathenau über das deutsche Zudevproblem Eine neue Folge seiner Briefe erschienen. Eine neue Folge der Briefe Walther Rathenaus erscheint in diesen Tagen im Verlag Earl Reißner, Dresden; in mehreren dieser Briefe setzt sich' Rathenau mit dem Judentmnsproblem und insbesondere mit dem Problem der deutschen Juden auseinander. In einem seiner Briefe an Maximilian Harden vom 28. 9. 1901 bemerkt er scherzend, er werde auf eine Stunde hinkommen, um ihm zu gratulieren: es fe* nämlich Sukoth. Rathenau schreibt das Wort in hebräischen Lettern. In einem zweiten Schreiben an Harden vom 20. 1. 1904 empfiehlt er diesem den Aussatz^etnes jungen jüdischen Gelehrten. Man erfährt aus diesem Schreiben,' daß Rathenau bei dem Erscheinen des Aufsatzes von Jakob Fromer „Das Wesen des Judentums" in Hardens „Zukunft", der seinerzeit soviel Staub aufwirbelte, Pate gestanden hat. Bekanntlich! hat Fromex den in diesem Aussatz vertretenen Standpunkt der Verneinung des Judentums ausgegeben. Das deutsche Judeuproblem behandelt Rathenau in einem Schreiben an Exzellenz v. Jagow, datiert Berlin 11. 7. 1917. Darin heißt es: Liebe Exzellenz! Die politische Seite der Judenfrage stellt sich mir in ganz kürzen Zügen folgendermaßen dar: In Deutschland kebt etwas mehr als eine halbe Miktion Juden, also knapp ein Prozent der Bevölkerung. Diese wird^rnan in etwa drei gleiche Teile zerlegen können; Etwa ein Drittel ist vollkommen assimiliert oder, wie ich lieber sagen möchte, regeneriert, ocnn es lassen sich bei einem Stamm nicht in Geschwindigkeit neue Eigenschaften züchten, sondern nur die ursprünglichen wieder hervor holen. Von diesem regenerierten Teile kennen Sie einige Exemplare. Sie wissen, daß sie äußerlich kaum besondere Merkmale aufweisen, daß sie innerlich! echte und brauchbare Staatsbürger sind, und daß, sie, .nie Sie selbst äussprechen, zum Ausbau der deutschen Kultur und Zivilisation einen ihre Quantität weit übersteigenden Beitrag geleistet haben. Das zweite Drittel steht ungefähr aus oer Stufe deS deutschen Mittelstandes, ist etwas wohlhabender als dieser und hat sich eine Anzahl voü spezifischen Eigenschaften bewahrt, die sich, in ihrer Turchschnittsmifchung qualitativ aufheben und ebenfalls denen des deutschen Mittelalters, insbesondere des gewerblichen, nicht allzu fern stehen. Diese Leute gehen uns zeitweilig auf Oie Nerven, weil ihre unangenehmen Eigenschaften, die sichtbaren, ihre guten die latenten sind. Sie bilden politisch einen Teil des' Liberalismus und können, wie ich glaube, nicht als staatsschädlich! angesehen werden. Wirtschaftlich sind sie uns säst unentbehrlich, da sie einen starken Einschlag in unsere gewerbliche Intelligenz liefern, ethisch gehen sie allmählich! in das erst geschilderte Trittes auf. Das dritte Drittel ist jüdisches Proletariat, abermals wohlhabender als das nicht-jüdische. Hiep treten alle ausgesprochenen mittelalterlichen jüdischen Eigenschaften zutage. Tie Lebensführung ist rituell, nähert sich der von Ihnen beobachteten östlichen an; ein ausgesprochenes Familiett- oder Cliquenwesen hält sie gesellschaftlich zusammen. Politisch sind sie, soweit sic nicht aus Opposition dem Radikalismus sich in die Arme werfen, ziemlich indifferent, keinesfalls aber etwa antinational wie Dänen, Polen oder gewisse Elsässer. Eine Volttische Gefahr liegt also wohl bei keinem oer drei Teile, eine wirtschaftliche Gesähr scharfer Konkurrenz vielleicht beim zweiten, wobei ich jedoch glaube, daß: diese Gefahr durch die Steigerung der wettbewerbenden Kräfte eher nützlich ist. Eine kulturelle Gefahr könnte beim dritten Teile erblickt werden, jedoch, findet hier keine Propaganda statt und die Eigentümlichkeiten bleiben ästhetisch, die sich! durch, instinktive Abwehr neutralisieren. Antisemitismus lösen alle drei Teile aus. Tier erste, indem er durch Einfluß und Vermögen Anstoß gibt, gelegentlich auch durch die uns bekannten, häßlichen Formen des neuen Reichtums, die aber allen nouveaux riches anhasten. Der zweite Teil fordert durch Wettbewerb die 'Abneigung heraus. Der dritte Teil wirkt abstoßend und isoliert sich in Opposition. Summiert man alle diese Nebelst ände, so glaube ich, daß eine gleich große Bevölkerung von Polen erheblich größere staatliche uno kulturelle Gefahren bietet, ohne gleichzeitig die entsprechenden kulturellen, wirtschaftlichen und intellektuellen Vorzüge dem Lande zu bieten. Tie Größe der intellektuellen Vorzüge habe ich> im wirtschaftlichen Leben oft ermessen können. Moderne Wirtschaftsform läßt sich obne Hilfe dieses intellektuellen Einschlages schlechthin nicht mehr durchführen. Wir haben diesen Einschlag viel nötiger als Engländer und Franzosen, die von diesen Qualitäten mehr besitzen als wir. Ueberblickt man dieses Gesamtbild, so ist es nur durch Ueberlieferungen begreift ich,, daß in ganz anderer Form als ausgesprochen antinationalen Elementen den Juden die inoffizielle deutsche Regierungspraxis entgegensteht. Wir würden eine große Reihe von schlechten Erfahrungen der letzten Jahrzehnte nicht gemacht haben, wenn etwas mehr von diesem Realismus und Zukunftsgesühl in die deutsche Praxis eingedrungen wäre. «Me Frau mit dem singenden Herzen" Zum Todestage von Franziska Mann. Von Doris W i t t n e r. Am 8. Dezember sind es drei Jahre gewesen, daß Franziska Mann noch vor Erreichung der biblischen Altersgrenze sanft entschlafen ist. Tie Zunft mochte die Schriftstellerin und Dichterin Franziska Mann grüßen und ehren. Darüber hinaus aber sollten Menschen Kunde davon tun, wer und was der Mensch Franziska Mann ihnen war und bedeutete. Denn hier in diesem feltenen Falle, wo die Kontinuität zwischen Künstlerschaft uud Persönlichkeit in einem ergreifenden Grade gewahrt wurde, ist es wesentlicher, Seelisches auszudecken als Literarisches feftzustellen. Daten für den „Kürschner" oder für die neueste Literaturgeschichte — Meilensteine des Nachruhmes — sind gut, aber eingezeichnet stehen in der Heiligen Schrift jener Menschlichkeit, die man mit Fug Gottnähe heißen könnte, ist besser. Und in eben dem Buche des Lebens. das man Nächstenliebe nennt, gebühren Franziska Mann zwei Sterne. Franziska Mann hat einmal eine rührende kleine Erzählung geschrieben von dem „Mädchen mit dem singenden Herzen". Dieses singende, klingende, schwingende Herz, das nur die eine Melodie von der großen, erbarmenden, hilfsfreudigen Menschengüte kennt, aber diese Melodie in vieltausend Varianten ertönen läßt; das war Franziska Mann - „die Einzige und ihr Eigentum". Jedes gütige, feinsinnige Wort der Poesie, das ihr gelang, ließ sich ersetzen und decken durch eine gute Tat, die sie in der stillen Bescheidenheit prosaischen Alltags vollbrachte. Bei ihr gab es keine Diskrepanz zwischen künstlerischem Schassen und menschlichem Wirken. Franziska Mann war voll der „schenkenden Tugend", die das Leben reicher, wärmer, froher macht. Und sie hat unablässig und unermüdlich das Licht ihrer Seele hineingetragen in die scheinbar unaufznhellende Finsternis der „Gntrechteten und Geknechteten". Jede Hilflosigkeit und Verlassenheit übte aus Franziska Mann eine magische Anzielsnngskraft aus. Kinder, alternde Mädchen, Proletarier: ihnen brachte Franziska Mann Herz und Hirn und Hand entgegen. Franziska Mann war niemals Frauenrechtlerin, vermutlich auch weder vor, noch nach dem 9. November 1918 Sozialdemokratin. Ihre selbstverständliche, edle Menschlichkeit brauchte, ja vertrug wahrscheinlich gar keine Organisation. Ihr war die Botschaft von der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit eine eingeborene und darum unveräußerliche Heilswahrheit. Der Geist wahrer Religiosität lebte in ihr, und sie hätte Verrat üben müssen an sich selbst, wenn sie hätte Verrat üben sollen an eben diesem Geiste der Liebe, der Verzeihung und Duldsamkeit. Wer die schmale, ftrengliniege Frau mit dem klugen, hactgemeißelten, nahezu männlichen Antlitz sah, der war eigentlich überrascht, just hinter dieser herben Hülle so viel Weichheit und Wärme zu begegnen. Aber puritanische Schlichtheit und Selbstbescheidung sind wohl untrennbar von dem ständigen Opserdienst für — Nächsten und Fernste. — Franziska Mann wurde im Jahre 1859 in Kolberg als Tochter des dortigen sehr angesehenen Arztes Dr. Hermann Hirschseid geboren. Dr. Hirschseld — auch er schon ein Helfer von Beruf und Neigung — hat sich große Verdienste um die Gründung des Bades Kolberg erworben und war wegen seiner Menschenfreundlichkeit so geschätzt, daß ihm von der dankbaren Bevölkerung seiner .Heimat ein Denkmal gesetzt worden ist. Es scheint mithin, daß die Liebe zur Menschheit sich hier im Blute vererbt hätte, denn auch der Bruder Franziska Manns, der vielgenannte Sexualpathologe Professor Magnus Hirschfeld, gilt ja in weiten Kreisen als bewährter Berater und Helfer der Menschheit. Ihre schriftstellerische Laufbahn begann Franziska Mann erst aus der .Höhe des Lebens, als vollgereiste Frau von etwa vierzig Jahren. Sie trat zuvörderst mit epischen Arbeiteu kleineren Umfanges, die aber gleich allen Schöpfungen Franziska Manns lyrischen Charakter trugen, in die Oefsentlichkeit. Ihr erstes größeres Buch hieß „Könige ohne Land", ihr nächstes, Aufmerksamkeit erregendes, war das schon erwähnte „Mädchen mit dem sagenden Herzen". Novetlenbände wie „Alte Mädchen", „Kinder", „Von Kindern", das kleine Heft der Lebensweisheit „Wege hinauf", sowie die zarte und zärtliche Geschichte von „Frau Sophie und ihren Kindern" folgten. Und immer waren neben der leuchtenden Anmut eines gepflegten Stiles die tiefe Innigkeit und Innerlichkeit eines — trotz aller Vertrautheit mit dem Leben -- gläubigen und vertrauenden Menschen charakteristisch für das künstlerische Erlebnis, das Franziska Manns Bücher vermittelten. Etwas, Lauteres, Quellfrisches ging von diesen Büchern aus. Es war einem stets, wenn ntan eine neues Werk der Franziska Mann ans der Hand legte, als habe man einen besonders reinen, guten und erquickenden Trunk getan. Seit Ausbruch des Krieges trat die Schriftstellerin hinter der sozialen Arbeiterin und der Samariterin Franziska Mann zurück. Die willenskrästige und entschlossene Frau rief ohne großen Apparat, ohne die Werbetrommel einer geräuschvollen Reklame, ohne große, von außen zuströmende Mittel und vor allen Dingen ohne die Motoren der Eitelkeit und des Ehrgeizes, lediglich dank persönlicher Initiative und nie versagender Energie eine Hilfsstelle für Bekleidung ins Leben, wo drei Kriegsjahre hindurch Tausende Bedürftiger kostenlos Kleidung und Schuhwerk erhielten. Aber auch außerhalb dieses Bezirkes sozialer Hilfeleistung setzte sie sich uneigennützig und unermüdlich mit Wort und Tat für Schwache, Kranke und Notleidende ein. Sie — die glaubensstarke Jüdin — strebte weder nach dem Lnisenorden, noch nach einer Besichtigung ihrer Gründungen durch hohe und allerhöchste Personen, aber sie trocknete in aller Heimlichkeit manche Träne, sah manches Mutter- und Kinderauge von frischem Mute und frischer Hoffnung glänzen. Sie kannte nur eine Freude, und die hieß: Geben. Und während die apokalyptischen Reiter des Krieges über die arme, gemarterte Erde Europas brausten, beschäftigte sich Franziska Mann damit, Mütter zu trösten und Kinder zu streicheln. Wir wollen hoffen, daß weder die Mütter noch die Kinder ihr das vergessen. haben. _ Diese Repräsentantin der Menschheit mit dem ewig jungen Herzen, durch das „ein brennendes Recht floß", tme Gerhart Hauptmann von seinem Florian Geyer sagt, hätte dem Leben und der Kunst vielleicht noch vieles zu geben gehabt. Das abgeschlossene Dasein der Franziska Mann aber, für das ihre Freunde, ihre Leser und die Schützlinge ihres „Singenden Herzens" ihr Dank schuldeten, ließ sich wohl am ehesten kennzeichnen mit dem Grimmschen „Das Leben in Reinheit gefaßt und getragen vom Zauber der Sprache". Die letzte charitative Schöpfung Franziska Manns war die Einrichtung der „Lichtete Sonntage", bei denen sie es vereinsamten, mittellosen, aber gebildeten Frauen ermöglichte, einige wohlige Stunden in warmer Atmosphäre mit geistiger und künstlerischer Anregung zu speisen. Die Freunde und Gesinnungsgenossen der seit drei Jahren Verstorbenen haben, um in ihrem Sinne zu handeln, eine „Franziska-Mann-Gedächtnisspeitde" ins Leben gerufen, die es drei Sommer hindurch ermöglichte, je dreißig mittellose, gebildete Frauen im Riesengebirge im Speim der Franziska-Mann-Spende völlig kostenlos Erholung und Kräftigung in herrlicher Natur bei liebevolleu Menschen zu bieten. Es ist ,zu hoffen, daß der dritte Jahrestag des Heimganges von Franziska Mann — der selbst tut Rundfunk durch eine offizielle Feier geehrt ward —, willkommene Gelegenheit geben wird, sich auch der Franziska- Mann-Spende in hilfreichem Sinne zu erinnern. Jedes Scherflein, das ihr zusließt, wird die schönste posthume Genugtuung für Franziska Mann sein. Etwaige Geldspenden sind zu richten an: Frau Lucy Abels-Avellis, Cbarlottenbnrg 4, Wielandstraße 18, für „Franziska-Mann-Gevöchtnis- Spende".