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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-12-11 · 50 (11.12.1930) · page 4

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
50 (11.12.1930)
Date
1930-12-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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der Atheist negiert, in wessen Namen negiert er? Im Namen dessen, was er an Höherem in sich fühlt, nämlich des Geistes. Gerade während er daher die Existenz des Absoluten bestreitet, bestätigt er sie impticite (als logische Folgerung), denn er bezieht sich aus etwas, das für alle Geister, alle Zeiten und Orte gültig ist. „Wie sollte es möglich sein", sagt Malebranche, „daß alle Menschen einander verstehen und miteinander übereinstimmen, wenn die Vernunft, die sie zu Zitate ziehen, verschiedenartig wäre?" Wenn Ihr von Wahrheit und Gerechtigkeit sprecht und das Streben danach für Euer eigenes Wirken und das aller Generationen als Ideal ausstellt, wenn Ihr imstande seid, Euch diesem Ideal zu opfern, und verlangt, daß man ihm sich opfere — wem denn gehorcht Ihr, wenn nicht dem Rufe eines Seienden, das allein wahrhaft ist und wahrhaft verdient zu sein! Ich neige mich nur vor einem, das größer ist als ich selbst, ich opfere mich nur einem, das mehr ist als ein einfaches, dunkles Spiel der Kräfte. Und diese Zuversicht trügt nicht; denn, indem das Denken sich sammelt, vertieft und bereichert es sich und erfährt die tiefsten Freuden der Erkenntnis und der Begeisterung. Je aufmerksamer und hingebungsvoller unsere Betrachtung, desto mehr Licht, Wärme, innere Fruchtbarkeit zieht in uns ein. Diese Lebenssteigerung, diese Fülle der Kraft und Begeisterung zeugt klar von dein Reichtum der „Quelle des Lebens", me kor chajim. Nicht wir besitzen diese Idee, sie besitzt uns; sie treibt uns, daß .wir sie verteidigen und als Wahrheit verbreiten. Und zugleich bedeutet infolge eines wunderbare,: Vorganges diese Wahrheit keine Knechtschaft; sie ist eine Befreiung, eine Entfaltung unteres Wesens, das Joch („Ol") wird zur Herrschaft („Malchuth"): wir werden des göttlichen Reiches teilhaftig. ★ BÜCHERSCHAU ★ Dr. Michael Traub: Jüdische Wanderbewegungen vor upd nach dem Weltkrieg. Jüdischer Verlag, Berlin, 1930. 162 Seiten. Das Buch bietet ein sehr reichhaltiges und gut bearbeitetes Material über die jüdische Auswanderung aus Europa seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts bis zur Gegenwart Mit zahlreichen Tabellen versehen, gibt es dem Leser eine sehr gute, alle Einzelheiten umfassende Uebersicht über die Stärke der Einwanderung der Juden aus Rußland, Polen und Rumänien nach den Vereinigten Staaten, Kanada, Argentinien und Palästina, über die soziale und berufliche Gliederung der jüdischen Amswinderermassen, die Verteilung der Geschlechter unter den Emigranten, die Wirkung der Einwanderungsbeschränkungen in den Vereinigten Staaten, das Verhältnis von jüdischer zu nicht jüdischer Einwanderung in Amerika usw. Es kann als Nachschlagebuch sehr nützlich sein. Zu bedauern ist es, daß der Verfaser in den Kreis seiner Betrachtungen nicht auch die übrigen Länder Südamerikas gezogen hat, wie Brasilien, Uruguay usw., nach welchen sich in den Nachkriegsjahren infolge der starken Erschwerung der Einwanderung nach den Vereinigten Staaten eine nicht ganz unbeträchtliche Menge jüdischer Auswanderer gewandt halt. Auch hätte Südafrika nicht übergangen werden dürfen. Widerspruch ruft der Verfasser im Kapitel hervor, welches Palästina behandelt, ebenso in seiner im Vorwort dargelegten geschichtlichen Auffassung der jüdischen Wanderbewegung. Bei der Behandlung des Ergebnisses der jüdischen Einwanderung in Palästina in den Nacbkriegsjahren stellt er mit Recht fest, daß das Resultat „weit hinter der erwarteten Massenemigration zurückblieb“. Das ist zweifellos wahr, es kann aber nicht, wie es Dr. Traub tut, neben der „ungenügenden wirtschaftlichen Entwicklung des Landes und dem Fehlen genügender Kolonisationsmittel“ auf die „restriktive Einwanderungspolitik der palästinensischen Regierung (von Herrn Traub unterstrichen) zurückgeführt werden. Die Maßnahmen der englischen Regierung in Palästina hatten keineswegs eine primäre Bedeutung, sie spielten und spielen eine ganz untergeordnete Rolle. Die jüdischen Massen Osteuropas, welche nach dem Weltkrieg in eine so furchtbare Situation gerieten, wandten sich in der Tat in den ersten Nachkriegsjahren in weit größerem Umfange nach Palästina Sendet den fälligen Vertrag für das 4. Quartal 19a© ans das Postscheck-Konto der Vereinigung für das liberale Judentum Berlin Nr. ia?069 ein. als vor dem Weltkrieg, weil der alte Weg nach Amerika verriegelt wurde. Auf diese Weise kamen bis 1926 zusammen ca. 95 000 Juden aus Osteuropa nach Palästina und da gleichzeitig ca. 20 000 aus Palästina ausgewandert sind, erhöhte Sich bis 1926 die jüdische Einwohnerzahl Palästinas durch die Einwanderung um ca. 75 000. Die Einwanderung wurde aber seither faktisch bedeutungslos nicht deswegen, weil die englische Regierung die Einwanderung erschwerte, sondern weil es sich Herausstellte, daß Palästina nicht imstande ist, größere Massen von Juden aufzunehmen, so daß ein größerer Zustrom sofort eine wirtschaftliche Notlage herbeiführte. Es ist gar nicht zu bestreiten, daß, wenn die englische Regierung ihre Einwanderungsbeschränkungen nacht erlassen hätte, die jüdische Einwanderung nach Palästina jetzt im wesentlichen nicht stärker gewesen wäre als sie ist. Der Mißerfolg der verhältnismäßig bedeutenden jüdischen Einwanderung in Palästina in den ersten 7—8 .Wichkriegs jahren bestätigte vollauf die Argumente der Zionisten:;eg icr, welche stets betonten, es könne keine Rede von Palästina als einem Land sein, welches auch nur annähernd als Einwanderungsland für die Millionenmassen .Osteuropas in Betracht kommen könnte. Ebenso müssen einige Worte gesagt werden gegen Dr. Traubs geschichtlich-theoretische Erklärung der jüdischen Wanderbewegung. Er stellt die Sache so dar, als ob die jüdische Wanderung ein unaufhörlicher Prozeß sei, der stets mit größerer oder kleinerer Intensität andauert. Dieser Prozeß soll darin bestehen, daß die Juden gerufen wurden oder kamen, „um wirtschaftliche Funktionen zu erfüllen, deren Träger im betreffenden Lande ganz oder teilweise fehlten“. Nachdem aber im betreffenden Land sich eine entsprechende eigene Berufsschicht ausbildete, welche die wirtschaftliche Rolle der Juden erfüllen konnte, werden gewöhnlich die Juden gezwungen, „die alten Positionen zu räumen, und wirtschaftlich umzusatteln oder weiterzuziehen. Das Gleiche wiederholte sich während der letzten Jahrzehnte in den meisten Ländern mit jüdischer Massenansiedlung.“ Diese Erklärung kann .nicht als zutreffend angesehen werden. Das Hauptland der jüdischen Auswanderung war bis zum Weltkrieg das alte Rußland, aus welchem in manchen Jahren 100—150 000 Juden nach den Vereinigten Staaten allein jährlich gingen. Nun war diese Auswanderung in keinem Fall dadurch zu erklären, daß etwa ein neuentstandenes russisches Bürgertum diese Auswanderung verlangte, um die Juden als Konkurrenten loszuwerden. Die jüdische Auswanderung aus Rußland war in Wirklichkeit durch antijüdische Gesetze und eine antijüdische Politik verursacht, die auf religiöse bezw. politische Motive zurückzuführen waren, nicht aber auf wirtschaftliche Gründe. Alle die Gesetze, welche das Leben der jüdischen Massen in Rußland so furchtbar erschwerten, waren schon in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts erlassen, als von der Existenz einer russischen Bourgeoisie, deren Interessen diese Gesetze etwa nützlich sein sollten, keine Rede sein konnte. Sie waren in der ersten Phase de.r russischen jüdischen Gesetzgebung durch die Betrachtung der Juden als eines im allgemeinen infolge des Wesens der jüdischen Religion schädlichen Elements bedingt, welches durch Aneignung der christlichen Kultur und Bildung besser gemacht werden sollte. Später, etwa seit den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, trat ein ganz anderes Motiv hinzu, die Bekämpfung der Juden als Träger der revolutionären Bewegung. Mit der Entwicklung des russischen Bürgertums und des russischen Kapitalismus hatte das nichts zu tun. Man könnte im Gegenteil zahlreiche Beispiele anführen, in denen russische Handelskammern und ähnliche Organisationen die Abschaffung der gegen die Juden gerichteten Ausnahmegesetze verlangten, weil sie sie vom Standpunkt der Entwicklung der russischen Wirtschaft als schädlich betrachteten, was sie in der Tat auch waren. Diese Eingaben blieben aber von der Regierung unberücksichtigt. Eine Analogie zu den Judenverfolgungen im alten Rußland, welche die jüdische Auswanderung bedingten, könnte man in der nichtjüdischen Geschichte in solchen geschichtlichen Tatsachen finden, wie etwa die Ausweisung der Hugenotten aus Frankreich infolge der Aufhebung des Edikts von Nantes durch Ludwig XIV., die wirtschaftlich Frankreich nur schädigte. Wirtschaftlich war diese russische antijüdische Politik auch vom Standpunkt der Interessen des russischen Bürgertums sinnlos. Ebenso ist auch nach dem Krieg die Lage der Ostjuden, welche sie zur Auswanderung zwingt, nicht auf die Konkurrenz eines einheimischen Bürgertums zurückzuführen. In Rußland gibt es jetzt ein Bürgertum überhaupt nicht mehr, das Elend der jüdischen Massen in Rußland ist eine Folge von etwas ganz anderem, -- des Bestehens des bolschewistischen Regimes, welches das Privateigentum vernichtete. Dieses Regime zwang nicht nur die Juden, — nach Herrn Traub ein Wanderervolk par excelience —, zur Auswanderung, sondern u. a. auch deutsche Bauern, an deren „Produktivität“ und Bodenständigkeit auch Herr Traub wohl nicht zweifeln dürfte, ihren Wohnsitz zu verlassen und in Amerika Rettung zu suchen. Dadurch ist das jüdische Elend nicht nur in Sowjetrußiand verursacht, sondern auch in Polen, welches in seinen jetzigen Grenzen ungefähr die Hälfte der früheren russischen Juden beherbergt. Bis zum Weltkrieg war Polens Industrie und Handel auf Rußland angewiesen, auf den russischen Markt eingestellt. Sie sind daher jetzt in einer so äußerst schwierigen Lage, weil der russische Markt nicht mehr da ist. Infolgedessen sind auch die Juden Polens in eine Situation geraten, aus welcher sie unter den gegenwärtigen Verhältnissen nur eine Massenauswanderung retten könnte, die aber infolge der amerikanischen Beschränkungen unmöglich ist. Gäbe es in Rußland keine Bolschewistenherrschaft, so wäre auch im selbständigen Polen die Lage der Juden eine weit bessere, die Konkurrenz des nationalpolnischen Bürgertums, die allerdings sehr ernst ist, hätte dennoch keine solche katastrophale Bedeutung erlangen können. Diese Einwände richten sich aber nur gegen die theoretischen Ansichten des Verfassers. Der Wert des Buches von Dr. Traub, was seinen Inhalt an Tatsachen anbetrifft, wird durch sie nicht berührt, es kann jedem, der sich für die Frage der jüdischen Immigration interessiert, empfohlen werden. Dr. I. Lewi n. Literarische Notizen. Am 8. November abends referierte auf Einladung der Herren Prof. Elbogen, Prof. Mittwoch, Dr. Moses Auerbach und Dr. Fritz Michael der bekannte Geonimforscher Dr. B. M. Lewin aus Jerusalem im Hause Dr. Michaels über seine wissenschaftliche Arbeit. An 30 Herren aus allen Kreisen des jüdisch-wissenschaftlichen Berlins waren der Einladung gefolgt. Neben Dozenten von Hochschule und Rabbinerseminar, mehreren Rabbinern der beiden Berliner jüdischen Gemeinden waren Nathan Birnbaum, Chaim Brody, Samuel Horodetzki, Jakob Klatzkin, Arthur Spanier, Moritz Stern,. Chaim Tykoczinsky u. a. erschienen. Lewin referierte über die Werke „Ma’asse Erez Jisrael“, „Sefer ha Metiwot“ und besonders über sein „Ozar ha Geonim“. Durch glückliche Funde in den Handschriftensammlungen Europas und Amerikas gelang es ihm, eine ganze Anzahl von Bruchstücken des Sefer ha Ma’assim. der alten palästinensischen Halachasammtüng aus etwa dem 5.-7. Jahrhundert zusammenzustellen. In Handschriften und Druckwerken, in ältesten halachischen Schriften und Kommentatoren fand Lewin ein früher fast ganz unbeachtetes Werk aus der Suranischen Hochschule, das Sefer ha Metiwot. Das Hauptwerk Lewins ist aber Ozar ha Geonim, in dem er in der Anordnung des Talmuds Blatt für Blatt die einschlägigen Erklärungen und Gutachten der Geonim sammelt. Von dem Riesenwerk, das etwa 20 Bände umfassen dürfte, sind die ersten drei Bände (Berachot, Schabbatt, Eruwin. ■ Pessachim) bereits erschienen. Sie geben eine Fülle von Stoff aus der Geisteswerkstätte der Geonim von Sura und Pumbedita. Die Bedeutung dieser Sammlung für das Studium des Talmuds, der Halacha und der jüdischen Geschichte während der Epoche der Geonim und die Erforschung dieser Gebiete läßt sich bereits ahnen, wenn auch noch nicht ermessen. Aber schon heute ist „Ozar ha Geonim“ eines der wichtigsten talmudischcn und halachischen Werke der Gegen- Die Versammlung beschloß, nach Kräften Dr. Lewin in seinen Arbeiten durch Verringerung der wirtschaftlichen Sorgen für sein Werk zu unterstützen. Nach drei Seiten will man arbeiten: Man will die größeren jüdischen Gemeinden zur finanziellen Beihilfe auffordern, einzelne jüdische Mäzene interessieren ( von denen dankenswerter Weise einer zur Herausgabe des nächsten Bandes bereits 2000 RM zur Verfügung gestellt hat). Vor allem aber sollen Subskribenten für das Werk geworben werden. Die bereits erschienenen Bände und die künftigen sollen den Subskribenten zum Preise von je 10 RM geliefert werden. Lewin hofft jährlich 2 Bände fertigzustellen, wenn ihm die Sorge für die Finanzierung des Druckes und den Vertrieb der Bücher abgenommen werden. Zur Durchführung dieser Vorschläge »vurde ein Komitee bestehend aus Dozent Moses Auerbach, Oberrabbiner Chaim Brody, Professor Ismar Elbogen, Rabbiner Jakob Freimann und als Schriftführer Dr. Esriel Erich Hildesheimer (Berlin N 24, Linienstraße 111) gewählt. Letzterer ist bereit, über die das Werk betreffenden Fragen Auskunft zu gebe» und Subskriptionen anzunehmen. Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämtern Deutschlands - Soeben erscheint: Der Zionismus — eine nationalistische und reahtionire Utopie von Alexander Ssanto Verein für Feuerbestattung in Berlin von 1874, e. V. icrm. koitent«»« Fencrbeiutttai Aoa«hm« W 95, Lfltzowstrefi« 44, Telefon: Lützow 960-61 Eine Abrechnung mit dem Nationaljudentum. Ein aktueller Beitrag zu den Vorgängen in Palästina und zu den Auseinandersetzungen im Judentum. Zum ersten Male wirdvon sozialistischer Seite dem Zionismus die Maske vom Gesicht gerissen. Dieses Buch gehört in die Hand jedes politisch interessierten Menschen. 55 Seiten, Preis 1.50 M. Zu beziehen durch die Buchhandlung oder direkt durch Verlag Aufklärung und Fortschritt, Berlin NW 40 Ein grosserTei 1 der von uns betreuten Personen hat zum Teil Zimmer teerstehen Wir bitten bei Bedarf unsere Vermittlung in Anspruch zu nehmen. eroo - Berlin E.v. Um die Zukuntt der nerliner .lltitisiüum Remeinile Charl. 2, Kantstr. 160. Bismarck 1221 Maierameiten Gut möbliertes UirderztaiDier in ruhigem Hause sofort oder später zu vermieten. Leander Berlin W. 30. Noliendorfstraße 34, I am Nollendorfplatz. Welche liberal gesinnte jüdische Familie würde einem gleichgesinnten, anständigen iunoen manne für ein wöchentliches Entgeld von Mk. 6.—. Wohn- resp. Schlafgelegenheit bieten? Doktor-Dissertafionen usw., sowie jederart übernimmt margarete Leander Berlin W. SO, Nollendorfstr. 34,1 Ia Referenzen Julius Simon Kunstu. 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