Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 50 (11.12.1930)
- Date
- 1930-12-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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fpl 1JI '■ > ^.WfWWWMJ." M," 11411t I'II. I um I^WUMMW ■ (i nuji MD Dr. Hugo Hoffman«, Frankfurt a. Al.: Der Fülle von Gratulationen, die an diesem Ehrentage einlaufen, schließt sich die Jugend aus ganz besonderen Gründen an. Nicht dem erreichten Alter als solchem gilt der übliche Glückwunsch. Die Jugend zollt keinen Dank für äußeres Geschehen. Sie will Leistungen sehen, Werte erkennen und, soweit Persönlichkeiten in Frage kommen, ihnen nachstreben können. Hier liegt der Anlaß zum Glückwunsch der Jugend. Bon der Warte 70 jährigen Lebens'und Erlebens schauen wir mit zurück auf weite Gefilde, die der Jubilar durchwandert, durchpflügt und durchsät hat; Oedland in weiter Ferne; Felder und Wiesen, die noch heute die Spuren mühevoller Beackerung und Bearbeitung zeigen; Gebiete scharfer Kämpfe mit widerstrebenden Kräften; und näher und näher fruchtbares Land, aufragende Berge, Gipfel mit weitem Ausblick und schöner Fernsicht. Klar und deutlich zeichnet sich auf dieser vielgestaltigen Landschaft der Weg ab, der durchschritten wurde, in gerader, zielbewußter Richtung; nicht in den Tiefen verbleibend, über Klippen, Berge und zahlreiche Gipfelpunkte hinweg. Dieser Weg, den Rabbiner Dr. Seligmann bewußt gegangen, zeigt der Jugend, daß Dr. Seligmann zu den Menschen zählt, die ihr Vorbild zu sein vermögen. Die junge Generation unserer Tage hat sich neue Ideale durch die Jugendbewegung geschaffen. Dem bisherigen Glauben an die Autorität der Erwachsenen stellt sie die straffste, in eigener Verantwortung geübte Selbsterziehung gegenüber, der Autorität bestimmter Ideen und Geistes- oder Glaubenssätze den Glauben an den Menschen, an Persönlichkeiten, die ihnen diese Ideen und Glaubenssätze Vorleben. Drei Eigenschaften fordert sie von diesen Menschen, denen sie als ihr V o r b i l d mit um so stärkerer Inbrunst und Treue Gefolgschaft leistet. Sie müssen F ü h r e r g est a l t e n sein, Kämpfernaturen und volle Persönlichkeiten. Leben und Wirken Dr. Seligmanns weisen diese Eigenschaften auf der ganzen Linie ans. Der Lebensweg Dr. Seligmanns war ein durchweg aufsteigender von Führerposten zu Führerposten. So geradlinig dieser Weg nachträglich auch erscheint, so viel Schwierigkeiten bot er doch in sich, so viel Kümpfe hatte der liberale Führer zu bestehen. Dr. Seligmann war K ämpf e r n a t u r im besten Sinne des Wortes. Kein Kämpfer um des Kampfes willen, kein Streiter um kleinliche Dinge, sondern lediglich Verfechter der eigenen Ueberzeugung. Er erkannte, daß der Liberalismus seit der Reformbewcgung in der Mitte des vorigen Jahrhunderts zum Stillstand geraten war und daß alles getan werden mußte, wollte matt nicht immer mehr Juden dem Jndifferentismus verfallen lassen. Er fühlte sich in den Drang und die Aufgabe, dieses Oedland religiöser Indifferenz zu beackern, um aus ihm für spätere Zeiten' fruchtbares Land werden zu lassen. Er wußte, daß dieser Weg nicht ohne Kampf zu beschreiten war, und nahm von vornherein diese Verantwortung auf sich. Trat er zunächst nur in Artikeln und Schriften für die liberale Auffassung ein, so mußte er sich später in der Frankfurter Gemeinde und ganz besonders nach der Abfassung der Richtlinien mit den Gegnern auseinandersetzen. Welch unglaubliche Vorwürfe seitens der orthodoxen Gegner hierbei Dr. Seligmann gemacht wurden und wie offen und ehrlich und zugleich scharf der Angegriffene zu antworten wußte, mag aus zwei Beispielen hervorgehen, die an dieser Stelle zitiert werden. In seinem Generalreferat zu den Richtlinien sagt er als Erwiderung auf 'den Vorwurf Dr. Wohlgemuths: „Man soll keine Beunruhigung tragen in die deutsche Judenheit" folgendes: „Gewiß! Aber was ist die größere Beunruhigung, der heutige religiöse Zustand der deutschen Juden, die Totenruhe auf religiösem Gebiete, die eisige Teilnahmlosigkeit, die Zerfahrenheit oder die kraftvolle Aufrüttelung aus dem Todesschlaf? Hat der Stillstand der liberalen Bewegung nicht — zusammen mit anderen Faktoren — den Jndifferentismus großgezogen?... Unerträglich ist der religiöse Notstand, daß die überwiegende Mehrzahl der deutschen Juden sich tatsächlich losgesagt hat von einem Judentum, das trotzdem offiziell aufrecht erhalten wird.Hier ist Schwäche ein Verbrechen, Feigheit eine Unsittlichkeit. Wir müssen in dieser zerfahrenen Zeit unseren Brüdern und Schwestern die Linien zeigen, nach denen sie sich heute zu richten haben.... Wollen Sie das Beunruhigung nennen? Wohlan! D i e Unruhe wollen wir in das Judentum tragen. Gott gebe, daß wir einen religiösen Sturm erregen, eine machtvolle Aufrüttelung aus dumpfer Gleichgültigkeit zu neuen jüdischen Impulsen."' Und in seiner „Abrechnung" mit den Gegnern der Richtlinien erwidert er aus den Vorwurf der Christianisierung des Judentums folgendes: Menschen, um den gleichen Weg wieder zurück zu legen. Die Sprache ist ihm Urgrund aller Bühnenkunst, und die Freude am gesellten Wort kennzeichnet ihn auch als fruchtbaren Schriftsteller uno einen der heutzutage ment genannten Dramaturgen. Julius Bab ist einer der lautersten Charaktere innerhalb der zeitgenössischen Theatergeschichte. Er ist ein Kunst wart von reinstem Wissen und Gewissen.!Ein Aufrührer, ein Beschwinger, ein Auswärts- und Vorwärtsstoßlender zu sein mag ihm, gerade um der „Kategorischen Imperative" in seiner Brust, verwehrt geblieben sein. Das mindert jedoch- Wert und Bedeutung seiner Leistung nicht. Denn: „Nehmt alles nur in allem": ein schwerblütig Teilnehmender, ein ringender Befruchter für die deutsche Bühne war Julius Bab alle Zeit, ist er und wird es nicht nur bleiben, sondern wird sich in diesen Eigenschaften hoffentlich! noch! über sich, selbst hinaussteigern, sobald er es vermag, die „Grenzen der Menschheit" zu erweitern und sie selbst hie und da zu übertreten. Wenn wir heute der Persönlichkeit Julius Babs eine so eingehende Würdigung widmen, so geschieht es nicht nur um seiner literarischen und dramaturgischen Verdienste willen, sondern, weil gerade wir ihn als einen der Treuesten der Treuen kennen und weil wir wissen, daß ec unser ist: daß er allzeit mit aufrechtem und aufrichtigem Bekennermut als Kämpfer in die Arena tritt, wenn es gilt, den „Alten Bund zu verteidigen und sich für die Rechte der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens einzusetzen. Julius Bab ist ein vorzüglicher Redner und hat es niemals verschmäht, die Sache seines Stammes auf öffentlichen Foren zu vertreten. Jenseits dieser motorischen Aktivität aber hat er auch. im geschriebenen Wort sich zu dem bekannt, was ihm nicht nur Glaubens-, sondern auch Herzenssache ist. Er hat nicht nur eine ausge¬ ,Lch habe einmal in einer Predigt anläßlich des Verbandstages der deutschen Juden ht Frankfurt gesagt: „Wir sind müde, jedem Buben zu versichern, daß wir keine Mörder von Religions wegen sind." Wahrlich, wir sind auch müde, der jüdischen Oeffcntlichkeit, der dieses Gift eingeträufelt wird, zu versichern, daß unsere Richtlinien keine Christianisierung des Judentums sind." Dr. Seligmann war durch den entschlossenen Mut, mit welchem er die liberale Auffassung vertrat, immer mehr zum Vorkämpfer des Liberalismus geworden. Der Name Seligmann war den Gegnern das rote Tuch; sie erkannten oder wollten nicht erkennen, daß es sich letzten Endes um kein Abschaffen religiöser Grundsätze, sondern um einen vollkommen neuen Ausbau handele. Welck schwere Vorwürfe man ihm auch machte, mit welch spitzen Anwürfen man ihn auch zu treffen versuchte, er blieb vornehm und sachlich, wenn auch scharf, bei diesen Auseinandersetzungen. Seine Persönlichkeit wies jede andere Form der Abwehr zurück. Diese seine Persönlichkeit, der innere Rück- Glückwünsche aus MH Cilt) H. Alontagu, London: Ich freue mich, meine Glückwünsche den der zahlreichen Freunde und Bewunderer Tr. Seligmanns anläßlich seines 70. Geburtstages zufügen zu dürfen. Wir von der jüdisch-liberalen Englischen Gemeinde werden immer mit Dankbarkeit daran denken, daß er 1908 zu uns kam und die Einberufung einer großen Versammlung anregte, die schließlich zur Gründung der „Liberal Jewish Synagogue" führte. Er und Herr Rabbiner Germain Levy erzählten uns von den großen liberalen Werken in Deutschland und Frankreich, und wir wurden dadurch angetrieben und ermutigt. Seit der Begründung des Weltverbandes ist Dr. Seligmann Mitglied des Vorstandes. Als Vorsitzender der Vereinigung liberaler Rabbiner in Deutschland hat er uns stets Beistand geleistet, wenn es ihm möglich war. Wer je das Glück gehabt hat, mit Dr. Seligmann zusammenzuarbeiten, wird immer durchdrungen sein von seiner Gelehrsamkeit und auch von seiner Güte und Milde. Mehr als einmal hat sein Taktgefühl schwierige Situationen geklärt. Wir ehren heute Rabbiner Dr. Seligmann nicht nur als Führer, nicht nur als großen Prediger und Denker. Diejenigen unter uns, die Herrn und Frau Dr. Seligmann in ihrem häuslichen Leben kennengelernt haben, werden ihnen Dank wissen für das Beispiel, das sie uns von jüdischer Heiligkeit gegeben haben. Llaude G. rilontefiore, London: Ich bedauere, daß ich nicht die Zeit habe, zürn 70. Geburtstag des Herrn Dr. Seligmann einen Artikel zu verfassen, der seine Verdienste voll und ganz würdigt. Aber ich als einfacher Mitarbeiter am Werke des liberalen Judentums will doch meine aufrichtige, tiefe Ergriffenheit und Hochachtung zum Ausdruck bringen. Andere können besser als ich den vollen Wert seines langen Wirkens in seiner Gemeinde beurteilen. Aber der Erfolg seiner Arbeit und seiner Ausdauer ist weil über Frankfurt hinausgedrungen. Wir alle hoffen, daß dieser wertvolle Mitarbeiter und Freund noch viele Jahre unter uns weilen möge, daß er uns weiterhelfe durch Wort und Tat, durch sein Beispiel und durch seinen Glauben. Unsere Gemeinschaft, ebenso wie unsere besondere Sache, hat aus den verschiedensten Gründen schwere und trübe Zeiten durchzumachen. Wir brauchen Menschen wie Herrn Dr. Seligmann, erprobt und treu, zuverlässig und gläubig, und zugleich auch begabt mit gesundem Menschenverstand, mit praktischem Wissen und nicht ohne Humor. Die hohe Bedeutung und Notwendigkeit des liberalen Judentums sind für mich unbestreitbar. In ihm allein liegt die Gewähr für die Zukunft unserer Religion. Wenn wir unserem lieben Freunde die herzlichsten Wünsche für sein künftiges Wohlergehen darbringen, so tun wir es, wie ich zugebe, um unseretwillen mindestens ebenso wie für ihn. Judentum, und besonders liberales Judentum müssen ihm für die Vergangenheit danken, sie schauen auf ihn in der Gegenwart und hoffen auf ihn für die Zukunft. zeichnete Flugschrift über „Goethe und die Juden" verfaßt, sondern er hat vor allen Dingen in lyrischen Gedichtten ergreifende Beichten seines Deutschtums abgelegt. Er fühlt sich, wie dem wohl kaum anders .sein kann, als Träger uno Mitarbeiter deutscher Kultur und hat das urbi et orbi m noch so erbitterten Kämpfen durch Wort und Schrift stets streitbar verkündet. Keine Frage, daß gerade ein so schwerer, immer mit sich selbst im Konflikt liegender Mensch wie Julius Bab — der „Mensch in seinem Widerspruch" — auch! die Zerrissenheit zwischen Abstammung und Kulturgefühl sowie Staatsbürgertum schmerzhaft in sich durchlitten haben wird. Aber, ohne sich jemals als den stolzen Sprossen des Volkes Israel zu verleugnen, hat er sich doch stets auf die Seite des Staates und der Kultur gestellt, aus denen die starken Ströme seines Seins und Wirkens fließen. Ohne Zaudern bekennt er sich gleichermaßen zum Judentum wie zum Deutschtum, die für ihn, den deutschen Juden, „eins und unteilbar" sind'. Darum wollen wir gerade an seinem Ehrentage seiner Verdienste um Judentum und Deutschtum nicht vergessen, und hoffen, daß ihm noch ein langes Leben beschieden fei, um seine »Arbeit in beider Diensten auszubauen und zu erweitern und dereinst eine reichie Ernte in die Scheuern eines arbeitsamen Lebens zu fördern. »Am 11. Dezember aber wollen wir Julius Bab und uns zu gleichen Teilen zu „dein höchsten Glück der Erdenkinder"', nämlichzu seiner „Persönlichkeit" gratulieren. Dem Andenken an Dr. Isaak Loews, Oberrabbiner'in Fürkh 100 Jahre sind es her, daß der 1763 in Adelsdorf bei Erlangeil geborene Tr. Isaak Loewi zum Tistriktsrabbiner in Fürth bestellt wurde. Dieser kluge, hochgebildete, vom halt, war es, die auch dem Gegner unbedingte Achtung abzwangen. Niemals traf er irgend jemand persönlich, niemals war er die Ursache äußerer Streitigkeiten. Seine Persönlichkeit war und ist fest in sich geschlossen. Durch sie wußte er dem Gegner ebenso scharf zu erwidern, wie er der eigenen Auffassung von Jahr zu Jahr und Tag zu Tag neue Anhänger warb und bei der eigenen Gefolgschaft höchste Anerkennung und Liebe erweckte. Wer je mit Dr. Seligmann beruflich oder persönlich zu tun hatte, weiß diese abgerundete Persönlichkeit zu schätzen. Dem Gegner war sie ein tief in den Urgründen menschlicher Kraft verankerter Fels, der nicht zu beseitigen war, den Anhängern die wehende Fahne tief verwurzelter und mit Stolz erkannter Ueberzeugung, die der ganzen liberalen Bewegung von ihm vorangetrageu wurde. Die Jugend empfindet mithin nicht nur das Recht, son-, dern die selbstverständliche Pflicht, diesem ihrem Vorbild, oem hervorragenden Führer, dem mutigen Kämpfer und der starken Persönlichkeit zum 70. Geburtstage für das Vergangene zu danken und für die Zukunft Gefolgschaft und Fortschreiten auf dem hier vorgezeichneten Wege zu versprechen. Dem Wellverband Rabb. Loms-Germain Lsvy, Paris: Die kleinen Geister und die kleinen Wissenschaftler, die nur an die Oberfläche der Probleme Herangehen, wollen nur den Zufall und die Materie anerkennen. Die großen Denker unp wahren Weisen aber beugen sich vor einem göttlichen Wesen. So fiitb Philosophen wie Bontroux und Bergson, die ebenso bedeutend durch die Diese ihres Urteils wie durch ihr Wissen sind, ausgesprochene Spiritualisten. „Es würde wenig den Tatsachen entsprechen", erklärt Bontroux, „wenn wir sagen wollten, die Gottesidee sei von der menschlichen Vernunft ausgegeben worden. Zwar hat die Vernunft sich mehr und mehr von der Vorstellung einer außen vorhandenen, materiellen Gottheit entfernt, welche nichts als ein Ebenbild oder eine Steigerung der Tiere oder Menschen wäre. Aber sie hält sich immer mehr und mehr an Begriffe, die, zusommengefaßt, definiert und vertieft, ganz und gar! dein entsprechen, was das religiöse Bewußtsein unter dem Namen „Gott" verehrt." Bergson schreibt: „Die in meinem Essay über die unmittelbaren Gegebenheiten" dargelegten Betrachtungen laufen darauf hinaus, die Tatsache der Freiheit! ins hellste Licht zu setzen. Die Betrachtungen über Stofs und Gedächtnis lassen uns, hoffe ich, auf die Realität des Geistes geradezu mit dem Finger stoßen; die über die schöpferische Evolution stellen die Schöpfung als Tatsache dar. Aus allem diesem ergibt sich klar und deutlich die Idee eines schöpferischen und freien Gottes, der zugleich der Urheber der Materie und des Lebens ist und dessen Schöpferakt vom Leben selbst durch die Entwicklung der Arten und die Bildung der menschlichen Persönlichkeit fortgeführt wird." Auch der Ausspruch des berühmten Physikers Gabriel Lippmarm sei hier angeführt: „Wie könnte Nichtdenkendes das Denken erzeugen?" Und in der Tat, was ist Denken anderes als ein im tiefsten Innern sich sammeln, um das Sein in seiner schöpferischen und gestaltenden Wirksamkeit über aller Vielheit und Zerstreuung zu erfassen? Also die Erkenntnis eines Seienden von Dauer und Wert? Mit allen Regungen und allem' Wirken ihres Geistes, ihrer Sinne, ihres Willens glaubert der Gelehrte, der Denker, der Künstler, der Held an diesen höchsten Wert und verehren ihn als das Primäre. Das Den-, ken ist das Göttliche in uns, das, in seiner Tätigkeit selbst, sich immer sicherer und voller der ewigen, universellen Wahrheit bewußt wird und von der unendlichen Gottheit lebendiges Zeugnis ablegt. Wir suchen das Wahre und Gute deshalb so inbrünstig, weil wir das Gute und Wahre schon in uns tragen und uns mit all der Fülle bereichern wollen, die wir auf dem Grunde aller Dinge ahnen. Wie sollte zufälliges Aufeinanderstoßen roher Elemente das erzeugen können, was mächtig ist als Ordnung, als Denken, als Freiheit, als Initiative, als Verantwortlichkeit, als Edelmut, als Nächstenliebe, die Synthese, die sich selbst als Ganzes ersaßt und durch die das Leben Sinn und Wert erhält? Das Denken postuliert daher einen absoluten Wert, der allen anderen Werten erst ihr wahres Wesen verleiht. Wenn Geist modernen Wissens und Strebens durchdrungene Mann, dieser unentwegte Kämpfer für den Liberalismus war nicht nur em tiefgründiger Gelehrter und Kanzelredner von zündender Beredsamkeit, sondern eine ob ihrer vornehmen Gasinnung, ihres duldsamen, mildtätigen Wesens allgemein bü. ftebte, geachtete und hochgeschätzte Persönlichkeit, die für die Retormbewegung von hoher Bedeutung, die 'Gemeinde ,in allen Angelegenheiten würdig vertrat und in jahrzehnte. langem, segensreichen Wirken ihr Ansehen stetig mehrte. Auch um die Nürnberger Gemeinde, die von 1857 bis 1872 seinem Rabbmat zugehorte, machte sich Loewi sehr verdient, indem er mutig gegen die inneren und äußeren Schwterigleiten kämpfte und die erste gemeindliche Organisation der 1850 zugelassenen Juden in Nürnberg schuf. Ms tatkräftiger Vei> treter ber liberalen Richtung wurde er von Setten der Fürther Orthodoxie heftig angegriffen, wußte jedoch seine Stellung zu behaupten und zu sichern. Mit den Honorationen von Fürth stand er in freien Beziehungen. Der Ite&etcSk würdige hochgebildete Gesellschafter saß täglich! mit den Ersten der Stadt in trautem Gespräch-. Ms einer seiner guten Freunde, der katholische Stadtpfarrer, ihn einmal scherzeshalber fragte, wann er wohl sein erstes' Schinkenbrot esse, erwiderte Loewi schlagfertig: „Auf deiner Hochzeit". Bekannt ist sein gewandtes Benehmen, als im Jahre 1864 eines Tages König Ludwig II., der in Nürnberg weilte, plötzlich ohne vorherige Ansage in Fürth einritt, dabei der Synagoge einen Besuch! abstattete und dort den Segen empfing. Der Rabbiner erhielt damals den »Michaelsorden I. Klasse. Loewr, auch! äußerlich eine würdige, stattliche Erscheinung, führte ein ideales Familienleben und starb 1873 hochbetagt und tiefbetrauert. Er liegt auf dem alten Fürther Fri^hch begraben. Seine zahlreichen Nachkommen sind über die ganze Erde zerstreut. Hanna Homburger, Nürnberg.