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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-12-11 · 50 (11.12.1930) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
50 (11.12.1930)
Date
1930-12-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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damals gegen die „Richtlinien" gesagt wurde. Das ging aus der Verschiedenheit der Grandanschauung hervor, die jedem Verstehen im Wege iftanb; aus ihr entbehrt man ja auch Heute noch des Verständnisses für die Grundeinstellung des Liberalismus und des Willens fcur Anerkennung. Das berührte uns also nicht und berührt uns auch heute nicht. Nur von dem ser die Rede, was damals die, von den Rabbinern als selbstverständlich erwartete, uneingeschränkte Zustimmung hemmte. Gegen die „Richtlinien" wurde geltend gemacht, daß, sie die mit dem Liberalismus untrennbar verbundene individuelle Stellungnahme beschränken, daß sie gleichsam dem einzelnen das Recht nähmen, in eigener Prüfung, in eigener Wahl sich zu entscheiden, wie und in welcher Form er Judentum betätige, daß, sie ihn in einer mit dem Wesen des Liberalismus unverträglichen Form einengten und -bäuden. Deutlich kennzeichnet sich hier eine Denkart, die aus der Fülle der im Liberalismus zusammenwirlenden Komponenten vor allem und als über alles andere hinausragend das Recht des Einzelnen heraushob, die das als Wesen des Liberalismus ansah, daß, der Einzelne in seiner Freiheit, in seiner Stellungnahme durch nichts gebunden sein dürfe, rn seinem Ausdruck in keiner Weise angeleitet und bestimmt werde. Es ist unbedingt richtig, daß, dieses Recht des Einzelnen ein Grundgedanke des Liberalismus ist, daß er notwendig! zu ihm gehört. Was aber damals zutage trat, war eine Denkart, die diesen Bezirk liberaler Seelenbaltung zum allein Bestimmenoen und Maßgebenden des Liberalismus erhob. Was aber ist inzwischen geschehen? Tie Epoche des Individualismus in seiner Alleinherrschaft und Schrankenlosigkeit ist zu Ende gegangen. Immer deutlicher zeichnet es sich ab, daß der Mensch, sich! nicht nur als Einzelindividuum, losgelöst von allen Erbbindungen, fühlt, sondern daß er Glied einer Gemeinschaft ist, der er durch Geburt, durch Muken, durch vielerlei im einzelnen rational nicht bestimmbare Momente angehört, daß er es nicht bloß ift, sondern auch, sein will. So stark ist in diesen Jahren — sie zählen durch die Revolution der Gedanken, in der wir stehen, wie eine ganze geschichtliche Epoche, — her Wandel zum Gemeinschastsdenken geworden, daß, alle Einsichtigen heute schon mit Erschrecken sehen, daß man — als Reaktion gegen den übertriebenen und sich selbst vernichtenden Individualismus — in eine Ueberspannung des Gemeinschafts-, des Massen- Denkens hineingerät und sich, auf das unverlierbare Recht des Individuums besinnen muß. So stark ist man in diesen Jahren in ein gebundenes Denken geraten, das man ihm gegenüber sich auf das Recht des eigenen Denkens neu besinnen muß. Innerhalb des Judentums ist der Pendelausschlag deshalb so heftig, weil es zu stark nach der anderen Seite ansgeschlaqen hatte, weil man vergessen hatte, daß,'auch freigerichtete Menschen eine Führung und Leitung, ein Sichhalten an ein Festes brauchen und darnach verlangen. ' Geistesgeschichtlich stellen jene „Richtlien", — niemals hatten sie ein Gesetzbuch, ein verkürzter Schulchan-Aruch sein sollen, sondern eben eine, notwendige, Linie für die Richtungjüdischen Lebens, — den Versuch, Vorausschauender dar, rechtzeitig Freiheit und Bindung, Individualismus und Gemeinschaftsleben in eine rechte Verbindung zu bringen und so der Gefahr von rechts und links zu begegnen, dem Nur-Glied-der-Masse-sein und der Auflösung und Isolierung. Es ist ja nicht so, daß, eine Epoche neben die andere wie ein ganz Neues tritt, das Kommende zeichnet sich immer schon vorher ab, nur daß, die wenigsten es sehen und erfühlen. Sie bleiben in ihre Gedankenwelt eingesponnen und wissen nicht, daß das Tor eines neuen Denkens sich schon öffnet. Es ist' gleichgültig, ob dies ober jen^s in den „Richtlinien" nicht hätte anders gesagt sein können, sie sind ja kein Gesetzbuch und keine Offenbarung, aber diejenigen, die sie einst ausgestellt, hatten das Gefühl kür Kommendes, halten die Linie der kommenden EntwicAung geahnt. Sie hatten zu der harmonischen Verknüpfung vom Einzelbewußtsein und Gemeinschaftsgefühl, freiheitlichem Sinn und Willen zur Bindung führen wollen; sie hatten geschaut, wie das was einstens autoritatives Gesetz in starrer Form gewesen war, sich umwandelt zum selbsterfühlten und frei bejahten Ausdruck des Gemernschastserlebens, wie das Bedürfnis nach einem Festen in aller Freiheit empor wuchs, fie waren hier in Wahrheit das gewesen, was zu sein man mit Rocht von ihnen verlangt: „Führe r". Warum Nur wollen aber die Menschen immer nur in dem den Führer seihen, der sie so und dorthin führt, wohin tfie gerade jetzt wollen? In Erinnerung an jene „Richtlinien"-Zeit bringen wir Cäar Seligmann unsere Verehrung dar als einem „Führer". Rabb. Dc. Arnold Lazarus, Frankfurt a. Al.: Als zehnjähriger Knabe hatte ich in der Breslauer Religionsschule Unterricht bei Rabbiner Dr. Seligmann, der damals vor dem Abschluß seiner Studien am jüdisch-theologischen Seminar stand. So gehöre ich wohl zu den älteren Schülern unseres Jubilars, sicherlich als einer derjenigen, ,)ie diese ihre Beziehung mit Bewußtsein empfinden. Dr. Seligmann war es auch, der meine Berufung nach Frankfurt am Main veranlaßte, wo ich mich anfangs meiner Tätigkeit fast ausschließlich dem Religionsunterricht zu widmen hatte. Brachte ich wohl von meinen Breslauer Lehrjahren mannigfache Erfahrung auf diesem Gebiete mit, so war es wieder Dr. Seligmann, der mich in die weit schwierigeren Unterrichtsverhältnisse Frankfurts eiuführte und mir dauernd mit seinem Rat zur Seite und mit seinem Beispiel anfeuernd vor Augen stand. Darum liegt es nahe, daß ich ihm auch in der breiten Oefsentlichkeit meinen Dank als Schüler, der ich das als Lernender wie als Lehrender bin, darbringe. Mein Dank kann und soll aber nicht bloß ein persönlicher sein. Wer weiß, wie sich Dr. Seligmann dein Religionsunterricht, dieser anstrengendsten, verantwortungsvollsten Arbeit des rabbi nischen Amtes mit nie ermüdender aufopfernder Betätigung — und das bei dem Uebermaß all seiner sonstigen weit umfassenden Leistungen — hingegeben hat, wer weiß, daß er noch heute als 70 jähriger mit der Vollzahl der Pflichtftunden, ohne dazu genötigt zu sein, an der schon durch die Menge ihrer jüdischen Schülerinnen bedeutungsvollsten höheren Lehranstalt in Frankfurt a. M. in Ober- und Mittelklassen restlos schasst, kann sich erst eine ungefähre Darstellung von seinen Leistungen als Religionslehrer machen. Wie viele Jahrgänge von Schülern und Schülerinnen, zumeist au§ Häusern, in denen man dem Judentum und erst recht dem Religionsunterricht mit Gleichgültigkeit oder gar mit Abneigung gegennberstand, haben durch diesen ihren Lehrer Anregung, Klärung und Vertiefung ihres jüdisch-religiösen Empfindens und Wissens erfahren. Wie steinig war doch der Boden, den er im Jahre 1902 bei seinem Amtsantritt hier vorfand. Die Teilnahme am jüdischen Religionsumerricht aller Lehrstusen war — schon damals nach Frankfurts Gesetzgebung — durchaus freiwillig und die Neigung, ihm fern zu bleiben oder gar sich am christlichen Religionsunterricht zu beteiligen, stark verbreitet. Hatte doch bis zur Wende des Jahrhunderts mit verschwindenden Ausnahmen in Frankfurt (Main) bei den öffentlichen Schulen jüdischer Religionsunterricht noch nicht bestanden. Es war das Verdienst des verewigten Geheimrats Adler, daß er diesen eigentlich erst begründet und ausgebaut hat. Fand er für die Förderung dieser Ausgabe Verständnis bei dem damaligen konservativen Gemeinderabbiner Markus Horowitz s. A. sowie bei der Gemeindeverwaltung, so hat ihn Rabbiner Dr. Seligmann bei der Erfüllung dieser organisatorischen Aufgabe aufs eifrigste und t atkräftigste unterstützt, vor allem auch durch seine ganz persönliche Hingabe und Betätigung im Religionsunterricht selbst. Als Adler allzu früh durch den Tod seiner Arbeit entrissen wurde, übernahm Dr. Seligmann von ihm das Amt des Referenten für den Religionsunterricht. Das bedeutete, daß er den begonnenen und planmäßig weitgeführten Religionsunterricht für die Frankfurter Schulen (öffentliche wie private, höhere Lehranstalten, Mittel- und Volksschulen) fast restlos auf das gesamte Stadtgebiet und alle Schulgattungen ausgedehnt hat. Mit dem Ergebnis, daß heute nur ein ganz geringer Bruchteil der jüdischen Schülerschaft nicht erfaßt ist und die dem Religionsunterricht Fernbleibenden nur einen ganz kleinen Prozentsatz darstellen. Voller persönlicher Befriedigung und unter dankbarster Anerkennung aller Beteiligten konnte sich Dr. Seligmann vor einiger Zeit zu seiner Entlastung von seinem Referentenamt zurückziehen. Hiermit sind aber die Auswirkungen noch nicht erschöpft, von denen seine Tätigkeit als Führer im Unterrichtswesen getragen ist. Hier in Frankfurt (Main) wurden auch in den letzten drei Jahrzehnten, vornehmlich unter Mithilfe des Religionslehrervereins, die Lehrpläne für alle Schularten aufgestellt und auf Grund der gewonnenen Erfahrungen mehrfach l der Nachprüfung unterzogen und durch Drucklegung der Allgemeinheit zugänglich gemacht. Auch an dieser gewichtigen Leistung hat Dr. Seligmann überragenden Anteil, der sich besonders auf die Gestaltung des Unterrichts in den oberen Klassen erstreckt. Im Jahre 1S18 hat Franz Rosenzweig seinen Mahnruf „Zeit ist's!" in die jüdische Oefsentlichkeit Deutschlands hinausgehen lassen und darin die dringliche Forderung aufgestellt, begründet und dargetan, daß endlich eine genügende Zahl von gründlichst vorgebildeten Religionslehrern für die oberen Klassen besonders der höheren Schulen herangezogen werden möchte. Diese Lehrkräfte sollten mit dem vollen Rüstzeug wissenschaftlicher Schulung und vollem Ausmaß jüdischer Kenntnisse versehen sein, um der großen schwerwiegenden Verpflichtung zu dienen, daß sie unserer gebildeten Jugend in Wahrheit und Wirklichkeit Führer zur angestammten jüdischen Religion sein könnten. Etwa ein Jahrzehnt vor Franz Rosenzweig hat Dr. Seligmann auf einer Tagung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes die gleiche Forderung n a ch d r ü ck l i ch st erhoben. Die Begründung für dieses Verlangen ist nicht zum wenigsten darin gegeben, daß unsere Rabbiner, an sich zur Erfüllung dieser Aufgabe berufen, durch anderweitige Notwendigkeiten ihrer Amtsarbeit in den meisten Fällen auch bei bestem Willen nicht das leisten können, was dringendst geboten ist. Nicht zu übersehen ist, daß ihnen heute, wo die Schwierigkeiten des gesamten Unterrichtsbetriebes noch gewachsen sind, fast immer die gehörige gründliche pädagogische Ausbildung mangelt. Die schönste Feier für unseren geistigen Führer, die beste Dankesbezeugung für seine große umfassende Leistung würde ihm die jüdische Oeffentlichkeit, würden ihm die liberalen Juden Deutschlands darbringen, wenn man endlich, endlich an die Erfüllung und tatsächliche Durchführung der Forderung ginge, die Dr. Seligmann schon vor bald einenr Vierteljahrhundert aufgestellt hat. Das sei der Dank, den wir ihm spenden wollen! Rabb. Dr. G. Salzberger, Frankfurt a.M.r Predigten sind für den Hörer, nicht für den Leser bestimmt. Und doch ist es der Prüfstein für die „Haltbarkeit" einer Predigt, ob man sie auch lesen kann. Gewiß fehlt dann der unmittelbare Kontakt, der zwischen Prediger und Hörer besteht, fehlt das Fluidum, das von dem gesprochenen Wort ausgeht von seinem Klang und seinem Rhythmus, von seinem Ton und seiner Farbe, vom Anblick des Redenden, von seinen Gebärden, von seiner gegenwärtig lebendigen Persönlichkeit, von der ganzen Atmosphäre, die auch durch die Zeit und den Raum und die Menschen, die ihn füllen, bedingt ist. Aber das, was die Predigt an Gedanken enthält, ihre Gliederung und Durchführung, ihre Sprache wird vor dem ruhigeren und im allgemeinen kritischeren Urteil des Lesers bestehen müssen, soll die Predigt einen Wert über ihren unmittelbaren Anlaß hinaus besitzen. Es ist schade, daß Cäsar Seligmann uns bisher noch keinen Band gesammelter Predigten geschenkt hat. Nur einige wenige sind auf Wunsch der Gemeinde, die sie gehört hat, dem Druck übergeben worden. Mir scheint, wer sie liest, muß den Eindruck gewinnen, als ob er sie hörte: von solcher Klarheit sind die Gedanken, von solcher Schönheit die Diktion, von solchem noch den Leser mitreißenden Schwung ist die Sprache. Was nur von wenigen Predigern gelten wird: hier ist ein Mann so der Rede wie der Feder, ja man weiß nicht, ob inan den letzteren nicht noch über den ersteren stellen soll. Man lese nur etwa seine Vorträge über „Judentum und moderne Weltanschauung", wie hier die schwierigsten philosophischen Ideen, ohne an Tiefe zu verlieren, einenr gebildeten Publikum in höchst anziehender, leicht faßlicher Form dargeboten werden. Oder man lese seine ungemein schlagfertige, bald geistreich' witzige, bald tiefgründige Abrechnung mit I. Woylgemuth im Streite über die Richtlinien. Und selbst da, wo er das Ergebnis eingehender historischer Forschung in wissenschaftlichem Gewände darstellt, wie in der „Geschichte der jüdischen Reformbewegung", finden wir die gleiche Kunst, eine komplizierte und keineswegs immer von vornherein interessierende Materie anschaulich, gegenwärtig und dramatisch lebendig zu machen. In alledem offenbart sich nicht nur ein klarer und intelligenter Geist, nicht nur ein umfassendes und immer parates Wissen, sondern auch eine meisterhafte Beherrschung der Sprache. Dieser Sinn für die Sprache, ihre Schönheit und ihren Reichtum, der ihn unter allen jedesmal den treffendsten Ausdruck wählen läßt, verleiht Seligmann die besondere Eignung auch zum Uebersetzer. Wir verdanken ihm eine Reihe von Psalmen, das Hohe Lied, die Klagelieder und viele Gebete unseres Sabbat- und Fefttaggottesdienstes in einer deutschen Uebertragung, die, zugleich treu und frei, auch dem des Hebräischen Unkundigen ein Gefühl von der erhabenen Schönheit des Originals vermittelt. Möge es uns vergönnt sein, einem Manne so reicher und vielseitiger Begabung noch für manche reife Frucht seiner Predigt —, seiner schriftstellerischen und seiner Uebersetzungskunst aus frohem Herzen danken zu dürfen. 3uttus Bab fünfzig Zahre Von Doris Mittlrer. Seit Gotthold Ephraim Lessing seine ,Hamburgische Dramaturgie" oer Welt übergab, haben Praktiker und- Theoretiker des Theaters es immer wieder von neuen unternommen, dramatische Schaubühnen durch Gedanken und Reflexionen zu befruchten und zu erziehen. Wir haben in solchen künstlerischen Pädagogen häufig Anreger von großem Format erlebt, die Thalia oft wirklich zu Nutz und Frommen gedient haben. Auch Julius Bab gehört in die Deszendenz derer, die ibre analytischen und synthetischen Bekenntnisse zu Gunsten der dramatischen Werkstatt nicht nur mit Vorliebe, sondern mit einer nahezu besessenen Fähigkeit verwerten. Selbstverständlich muß man in den Begriff des Theaters, 'wie er beispielsweise von Julius Bab aufgefaßt wird, nicht allein das Theater, sondern auch den Schauspieler und den Dichter einbeziehen. Julius Bab vollendet am 11. Dezember erst sein fü n s z i g st e s Lebensjahr; trotzdem aber umfaßt seine Tätigkeit innerhalb eines Menschenalters eine Produktivität von schier unglaubwürdigem Umfang. Julius Bab hat debütiert mit einem Essay über Richard Tiehmel, einen der feurigsten und genialsten deutschen Lyriker, der vielleicht eben das verstand, was Bab ewig versagt bleiben wird, nämlich sich» abseits jeder Doktrin und jedes Dogmas, mit wilder Freiheit aus sich, herauszuschleuoern. Undl vielleicht ist grade das kennzeichnend für Bab, daß feilte unglückliche Liebe sich entzündet hat allzeit an großen Temperamenten und' tatkräftigen Persönlichkeiten der Dichtung und Bühne, wie beispielsweise einem Shakespeare, einem Goethe, einem Kainz und Matkowski, sowie den Hebbel, Bernhard Shaw und vielen anderen. Julius Bab hat sich! in dreißigjährigem Wirken stets als ein besonnener und besinnlicher Meister des geschriebenen und noch mehr des gesprochenen Wortes bewährt. Er ist in unermüdlicher Forschergier tief hinäbaedrungen zu den Grundlagen der Bühne und hat seine kritizistischen Offenbarungen immer wieder aus jenen Tiefen geschöpft, in denen die Wurzeln der „Circenses" und ihrer Lebensnotwendiakeit für den Menschen verankert liegen. So ist Julius Bab, dessen meiste Schriften den sogenannten weltbedeutenden „Brettern" gelten, allgemach. zu einem klugen und verständnisvollen Präzeptor des Theaters geworden, dessen Thesen sich über die gemeinhin übliche Nützlichkeit dramaturgischer Ratschlage zu allgemein gültigen Gesetzen verdichten. Julius Bab ist vielleicht niemals in Wort oder Schrift Fanfare gewesen; der hinreißende Schwung des Rhetors und dichterischen Inspirators ermangelte ihm wohl; dafür aber war alles, was er innerhalb semes Stoffkreises — und dieser Stoffkreis hieß fast ausschließlich die Bühne — lehrte und lebte, sein abgewogen und immer auf die Förderung des von ihm mit so' heißer Liebe umworbenen Objektes — will sagen der Schaubühne — bedacht. Fast alle Schriften des schon heute außerordentlich expansiven Lebenswerkes Julius Bäbs kreisen um oas Theater und seine Nebenprovinzen. Man hat über diese Fülle literarischer Dokumente sogar beinahe vergessen, daß er zeitweilig persönlich als dramaturgischer Berater an Berliner Bühnen'' tätig war, wie beispielsweise dem Hebbeltheater, heutigen „Theater in der Stresemannstraße", ferner an der „Volksbühne". Und noch weniger lebt im Bewußtsein der Allgemeinheit die Kenntnis davon, daß Bab selbst sich auch verschiedentlich dramatisch versucht hat, nämlich mit dem Schauspiel „Ter Andere", mit einem Drama „Das Blut", und mit einem Zeitspiel „1915". Eben diese Werke verrieten leider nichts von jenem großen schöpferischen Odem, zu dem Julius Bab sich, sonst so freudig bekennt und den allein er auf der Bühne als berechtigt anerkennt. Mer das ist unerheblich: denn manchmal ehren Wille und Absicht den Schaffenden mehr als das vollendete Kunstwerk, das einer einmaligen Intuition entsprungen sein kann. Und vor allen Dingen beweisen diese dramatischen Versuche Julius Babs, daß er sich der ihm am Herzen liegenden Materie nicht nur mit grauer Theorie, sondern mit jener Vitalität genähert hat, von der Goethe mit Recht sagt, daß „grün des Lebens goldner Baum" sei. Er hat sich! nicht aN der Kritik genug sein lassen, sondern er hat selbst mehrfach, die Erde erproben wollen, die er für und für ackert und düngt. Eine klare und saubere Sprache ist das hauptsächliche Handwerkszeug des heute Fünfzigjährigen, dem das Theater, die Schauspieler und Dichter ungewöhnliche Belehrung danken. Mir erwähnen von seinen einschlägigen Schriften nur „Das Theater im Lichte der Soziologie", „Ueber die sprachlichen Wurzeln des Dramas", „Ter Mensch auf der Bühne", (eine Dramaturgie für Schauspieler), das mit Willi Handt zusammen tzerausgegebene Buch „Deutsche Schauspieler", „Der Kampf des neunzehnten Jahrhunderts mit dem Geiste der Romantik", „Neue Kritik der Bühne", „Das Theater im letzten Menschen alter", „Das Drama oer Liebe",, „Shakespeare, Wesen und Werke", „Schauspielkunst und Schauspiele r", „Ti ramaturgische Blätter der Volksbühnen", sowie zahlreiche Monographien von Anzengruber, Richard Dehmel, Gustav' Landauer, Hebbel, Friedrich. Kayßler, Agnes Sorma und vielen anderen mehr. Habs Stärke liegt im literarischen Essay, so beispielsweise, wenn er über ästhetisch« Probleme wie die „Morphologie des Dramas", „Die Philosophie der Schauspielkunst" oder „Mythos und Drama" sich in feinsinnigen Spekulationen ergeht. Vielleicht charakterisiert ihn arn ehesten sein Diskurs „Ueber die sprachlichen Wurzeln des Dramas", weil Julius Bab sicherlich, zu denen gehört, von denen in der Bibel geschrieben steht „Am Anfang war das Wort". Vom Wort aus lastet Bab sich erst mühsam zum Leben, dann aber schicksalhaft zum 0

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