Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 50 (11.12.1930)
- Date
- 1930-12-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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MMMeraleZMmg Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. sB«e«nkn»«rf1. NedaNenr: Brau« Wsydo. MeVereiaiguua für dar liberale Judentum übernimmt «ur ^Ne diejenigen Aussätze»die ausdrücklich als in ihrem Namen «darin ihrem Aufträge verfaßt gekennzeichnet find» dieverrafi ii i Tinij Alle anderen Artikel, Aeuherungen und Vorfchßgge erscheinen »vier der Verantwortung der RedaMon. Die ^Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SV 11, HaUesche Skr. 1 Aernruf: Bergmann 335S, 3359 II Nachdruck sämtlicher Original»r eiträge vostscheckkonto: Berlin NW 7. 137069 nur mit vorheriger Genehmigung der (Vereinigung für da« liberale Judentum» \\ Redaktion gestattet. Bezugspreis durch die Geschäftrftelle '/jährlich TIl. 3^— Einzelnummer 0.25. Bei freier Aufendung i. Inland 039 Aür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrag, enthalten. Anzeigenpreise: Die 12gespult.Nonpareillezelle045 Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigenannahme bei der Geschäftsstelle u. samtl. Annoncen-Expedit. Nr. 50 Berlin» 11. Dezember 1930 10. Jahrgang War Sellgmam Zu feinem 70. Geburtstag am 14. Dezember 1930 Lieber und hochverehrter Freund! Diese Nummer gehört Ihnen uird bringt äußerlich den Dank zum Ausdruck, welchen Jhneu alle deutschen liberalen Juden schulden. Die Vereinigung für das liberale Judentum ist Ihr Kind. Dieses Kind! hat Ihnen nicht immer Freude gemacht, aber darin teilen Sie das Schicksal jedes Vaters. Und gerade die ungebärdigsten Kinder, die dem Vater über den Kops wachsen, machen ihm oft die größte Freude, denn auch Sorge für sie ist Freude. Was Sie uns sind, der Lehrer, der Dichter, der Organisator, der Führer, haben wir Ihnen sagen dürfen, als wir Sie zum Ehrenmitglied unserer Vereinigung machten. Unermüdlich schafsend, immer vorwärts strebend, stehen Sie heute blühend und kraftvoll an der Schwelle des biblischen Alters. Nur die Zahl kündet Ihr Alter. Ihr Werk und Ihre Lehre sind jung und frisch geblieben. Mit allen Mitgliedern unseres Haupt Vorstandes, mit allen, die hinter unserer Vereinigung stehen, mit den liberalen Juden aller Völker und Zungen rufe ich Ihnen das Wort des Psalmiften zu: „aud jenuwun bessewoh deschenim weraananim jiheju" — noch im Alter blüht er grün und kräftig, ein grünendes und kräftiges Leben ist sein." Möge dieser Lohn des Gerechten Ihnen noch lange Jahre schönster Erfolg Ihres Lebens und Wirkens sein. Vereinigung für das liberale Judentum E. V. Heinrich Stern, Rechtsanwalt, 1. Vorsitzender. Rabb. Dr. Hermann Vogelstein, Breslau: Ist es wirklich wahr, daß! Cäsar Seligmann 70 Jahre alt wird? Sind es wirklich, schon 22 Jahre — seit der Begründung der Vereinigung für das liberale Judentum und ganz besonders seit der Nürnberger Tagung von 1910 — daß wir beide in dieser Vereinigung und in der Bereinigung der liberalen Rabbiner in allen Kämpfen Schulter an Schulter znsammeustehen, durch gemeinsame Arbeit in gleichem Geist und zu gleichem Ziel auch persönlich, immer enger freundschaftlich verbunden sind? Dem älteren Kampf- und Arbeitsgenossen in herzlicher Freundschaft Tunk und Glückwunsch zu bringen, ist mir eine innige Freude. Ist! doch unsere gemeinsame Arbeit stets von gegenseitigem Vertrauen getragen gewesen, das niemals auch nur einen Augenblick durch die offenherzige Kritik getrübt gewesen ist, die wir einander nicht erspart haben. Was Seligniann in den 42 Jahren seiner Amtsführung Äs Rabbiner, Prediger und Lehrer für die Jugend wie für die Erwachsenen in Hamburg und in Frankfurt geleistet hat, mögen andere ihm bezeugen. Mich drängt es, ganz schlicht von seiner Lebensarbeit im Dienste des religiösen Liberalismus zu sprechen. Nach dem großen Aufschwung des Liberalismus war im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, z. T. weil der Liberalismus eine Selbstverständlichleit geworden zu sein, z. T. weil er sein Ziel erreicht zu haben schien, vor allem aber unter oer Einwirkung der gesamten geistigen Lage der Zeit eine gewisse Ermüdung eingetreten. Nur wenige waren sich der nnmerklich sich! vollziehenden Umwandlung dieser geistigen Lage bewußt, wenige erkannten in dieser Zeit der Organisation die Notwendigkeit, durch organisatorische Vereinigung der Gleichgesinnten die Ideen des religiösen Liberalismus lebendig zu erhalten und ihre praktische Verwirklichung in den Gemeinden zu sichern. Nur in den größten Gemeinden, Berlin, Frankfurt und Breslau bestanden liberale Vereine. So waren die Liberalen die letzten, die sich eine eigene Organisation im deutschen Judentum geschaffen Haben. Justizrat Breslauer und mein Vater haben gemeinsam die Anregung gegeben und die Vorarbeiten geleistet, und in Frankfurt, wo Seligmann seit 1902 wirst, hat man freudig Heu Gedanken aufgegrisfen. Auf die Frankfurter Vorbesprechung! von 1907 folgte 1908 die Berliner Gründungs- Versammlung. Bon Anfang an siel Seligmann innerhalb der Vereinigung eine führende Stellung zu. Man war sich klar, daß. die erste Ausgabe der Vereinigung die Vermied lichung der Forderung Geigers „Reform der Anschauung", Klärung des Begriffs des jüdischen Liberalismus sein mußte, -und schuf zu diesem Zwecke die Zweimonatsschrift „Liberales ^Judentum". Tie Redaktton wurde Seligmann übertragen, der die sehr sch.vierige, nicht immer dankbare Aufgabe geleitet hat, bis! in den bösen Nachkriegszeiten die Zeitschrift nicht mehr weiter geführt werden konnte und zugleich die gänzlich veränderten Verhältnisse in den Gemeinden und deren Struktur die Herausgabe der wöchentlich erscheinenden Jüdisch-liberalen Zeitung erforderten. Welches Maß, selbstloser Arbeit die Redaktion der Zeitschrift dem ohnehin mit Arbeit überhäuften Rabbiner einer Großgemeinde gebracht hat, vermag nur der zu würdigen, der einen Einblick in diese Tätigkeit hat. Wieviel berechtigter und viel mehr unberechtigter Kritik der Redakteur ausgesetzt gewesen ist, wissen wenige. Seligmann hat die Arbeit geleistet und der Kritik stano gehalten und hat damit nicht nur der Bereinigung, sondern darüber hinaus dem Liberalismus wertvollste Dienste geleistet. Eine nach Inhalt und Umfang ganz besonders große Arbeit knüpfte sich an die Nürnberger Tagung 1910. Einstimmig wurde dort Seligmanns Antrag auf Einsetzung einer Kommission, die die Vorarbeiten für ein positives Programm des religiösen Liberalismus machen sollte, angenommen. Sollte die Zeitschrift ständig die Grundfragen erörtern und dem Meinungsaustausch dienen, so erschien es notwendig, die Grundlagen liberaler Anschauung programmatisch, zu formulieren. Welche außerordentlichen Anforderungen diese Ausgabe an alle Mitarbeiter stellte, welche jhingebung und Freudigkeit, welche sachliche Entschi^enheit und welch, verständnisvolles Eingehen auf alle Einwendungen und' Bedenken notwendig war, daran erinnern wir alle, die damals Mitarbeiten dursten, uns mit einem Gefühl freudiger Genugtuung. Der Entwurf wurde 1911 der Vereinigung liberaler > Rabbiner überwiesen und kam nach wiÄerholter Ueberarbeitung als deren Antrag ans der Posener Tagung der Bereinigung für das liberale Judentum im Oktober 1912 zur Verhandlung. Auch in dieser Arbeit war Seligmann eine der führenden Persönlichkeiten. Ihm war das Generalreferat aus der liberalen Rabbinerversammlung! vom Mai 1912 wie ans der Posener Versammlung übertragen, während die Einzelreserate in Frenbenthals und meinen Händen lagen. Seligmann betonte mit eingebender Begründung das Recht tmd die Pflicht des liberalen Judentums, die ewigen Wahrheiten des Judentums so darzustellen, daß sie den Menschen unserer Zeit religiös wertvoll werden. Tenn nicht wir sind um der Religion willen da, sondern die Religion um unsertwillen. So formulierte er das Problem des geschichtlich Gewordenen wie des persönlichen Bedürfenin der Religion, damit auch das Problem der religiösen Gemeinschaft wie der individuellen Religiosität als das Problem der objektiven und der subjektiven Religion, deren Synthese zu suchen ist. Tie Richtlinien haben, wie in den bantaliaeu Referaten ausdrücklich gesagt worden ist, keine neue religiöse Anschauung ausgesprochen, sondern nur der vorhandenen Ausdruck gegeben. Aber die Tatsache der programmatischen Erklärung war die Veranlassung zu Angriffen auf den Liberalismus, in deren Abwehr Seligmann wieder in vorderster Reihe gründen hat. Ter Weltkrieg hat damals diese Kämpfe zum Schweigen gebracht. Es ist in manchen, auch liberalen Kreisen üblich, geworden, mit einer gewissen Geringschätzung von den Richtlinien zu sprechen, weil sie nicht ausreichend praktisch wirksam geworden sind. Ein solches! Urteil beruht auf Verkennung des Sinnes programmatischer Erklärungen, deren Verwirklichung in oer Praxis stets nur das Ergebnis späterer intensiver Arbeit sein kann. Die Zeit wird kommen, in der die Posener Richtlinien in ihrer vollen Bedcutunjg gewertet werden. Tann wird- Seligmanns Arbeit ihre Anerkennung finden. Seit langer Zeit ist Seligmann Ehrenmitglied, seit Blochs Tode Vorsitzender der Vereinigung der liberalen Rabbiner. Seiner Initiative entsprang der Plan eines internationalen Zusammenschlusses des jüdischen Liberalismus. 1914 sollten namentlich englische Liberale an der Tagung der Vereinigung teilnehmen. Der Krieg hat die Tagung unmöglich gemacht und den Plan zerschlagen. Erst 1926 ist, diesmal ans Betreiben unserer englischen Freunde, der Weltverband für liberales Judentum begründet worden, dessen Vorstand Seligmann als eines der führenden Mitglieder angehört. Kurz erwähnt sei seine Geschichte der jüdischen Reformbewegung, vor allem aber seine Arbeiten aus gottesdienstlichem Gebiete. Das Gebetbuch der Westendsynagoge in Frankfurt sucht ber allem Festhalten an der geschichtlich, gewordenen Struktur dem Bedürfen der gegenwärtigen Generation gerecht zu werden, und! seine Pessachhagada! hat in manche Häuser, denen die Pessachseier fremd geworden war, diese 'toiebec hineingetragen. Tie Notwendigkeit, die BuntscheckiMt der liberalen Gebetbücher zu beseitigen, hat neuerdings zur Neubearbeitung des Gebetbuches im Aufträge der liberalen Kultuskommission des Preußischen Landesverbandes, dessen Vorsitzender Seligmann ist, geführt. Ter Hauptanteil an ber Bearbeitung ist ihm zugesallen, die Uebersetzung sein Werk, das er willig unter ständiger Kritik seiner Mitarbeiter geleistet hat. Niemand — auch er selbst nicht — wird diese Arbeiten in allen Einzelheiten vorbehaltlos gntheißen. Aber niemand, der die ungeheuren Schwierigkeiten zui würdigen weiß, ivird ihm die rückhaltlose Anerkennung und den Dank weigern. In allen seinen Arbeiten, in seiner gesamten Amtsführung wie in seinem ganzen Leben hat ^Seligmann 'die liberale Anschauung des Judentums mit Entschiedenheit, aber sachlich, ohne persönliche Schärfe vertreten. Aber ihm geht es nicht um Parteiinteressen, sondern um das Judentum, dessen Zukunft er nur in liberaler Entwicklung zu sehen vermag. Rabb. Dr. Max Dienemann. Ofsenbach a.7N.: In der reichen Arbeit, die Cäsar Seligmann in den Jahren seines rabbinischen Wirkens, — 41 sind es jetzt — im Dienste des Judentums geleistet hat, nimmt die »Arbeit an den „Richtlinien" einen besonderen Platz ein. Im Jahre 1912 legte die „Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands", nachdem eine unter Seligmanns Leitung arbeitende Kommission sie formuliert hatte, der Hauptversammlung der „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" die „Richtlinien für das liberale Judentum" vor. Tire in Posen tagende Versammlung nahm sie anders auf, als die Rabbiner erwartet hatten, man faßte eine Resolutton, die zwar in oer Form "eine Zustimmung, in der Sache aber, wenn auch nicht eine Ablehnung, so doch! ein Nichtzuittmmen bedeutete, und die nur mühsam eineu durch die Versammlung gehenden Riß überbrückte. Es sind inzwischen säst zwei Jahrzehnte darüber hinweggegangen, sie zählen und wiegen anders als sonst zwei Jahrzehnte, inzwischen ist eine Epoche zu Ende gegangen, eine Welt hat sich! geändert, es ist, als ob jenes Geschehnis in einer ganz fernen Zeit läge, und obgleich viele, — die meisten, darf man sagen, — der damals Beteiligten leben und in voller Tätigkeit sind, darf man wohl heute ans diese „Richtlinien" wie auf ein Dokument zurückschauen, zu dem man in dem Abstand historischer Betrachtung steht. Man darf die Frage aufwersen: inwieweit haben die Jnittatoren jenes Dokuments die Linie künftiger Entwicklung erschaut, und wie kam es, daß sie mißverstanden wurden? Dabei braucht man in keiner W'gise auf das zurück, zukommen, was von nichtliberaler, von orthodoxer Seite ♦