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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-12-04 · 49 (4.12.1930) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
49 (4.12.1930)
Date
1930-12-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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f ornmt. Dieses Gemeinschaftsgefühl verlange ein teilweises Aufgeben de- JchS zugunsten des Du. Rednerin ging hierbei auf die Frage der sexuellen Ordnung und der Berufswahl ein. Die meisten nervösen Kinder würden durch Verzärtelung hervorgerufen, ebenso Kinder mit minderwertigen Anlagen. Durchaus falsch sei es, die Kinder von der Außenwelt fernzuhalten. An den Vortrag schloß sich eine Debatte, an der sich Waisenhausdirektor Peritz-Königsberg, Lehrer Echt-Danzig und Prediger Halpern-Guttstadt beteiligten. Nach einem Vortrag von Lehrer Levy-Goldap über „Anfangsunterricht im Hebräischen" mit anschließender Lehrprobe fand eine allgemeine Aussprache über Berufs- und Standesfragen statt. Außerdem wurde der Kassenbericht durch den Schatzmeister Kantor Wollheim erstattet. Die Neuwahlen wurden durch Wiederwahl erledigt. Krumbach. (Todesfall.) Nach mehr als dreißigjähriger fegend reicher Arbeit im Dienste der religiösen Unterweisung und Jugenderziehung ist Hauptlehrer Isidor Kahn verschieden. Die Gemeinde beklagt den Heimgang dieses schlichten, vornehmen und charaktervollen Beamten tief und dankt ihm für die hingcbende Treue und vorbildliche Pflichterfüllung, mit denen er sein Amt als Lehrer und Seelsorger auszufüllen bestrebt war. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde widmet dem Entschlafenen einen ehrenden, in herzlichen Worten liebevoller Erinnerung abgefaßten Nachruf. Maiuz. (Wohlfahrtstaguug.) Ter Wohlfahrtsrat des Land-csverbandcs für jüdische Wohlfahrtspflege in Hessen und Hessen- Nassau (Sitz Frankfurt a. M.) hielt am vorletzten Sonntag unter dem Vorsitz des Rabbiners Dr. I. Horovitz, Frankfurt a. M-, seine diesjährige Sitzung ab. Als Gäste waren der Vorsitzende des Landesverbandes der Israelitischen Religionsgemeinden Hessens, Kommerzienrat Mäher, Mainz, mit anderen Vorstandsmitgliedern, Vertreter der Israelitischen Religionsgesellschaft Mainz und Dr. Kreutzberger von der Zeutralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, Berlin, erschienen. Für die Israelitische Religionsgemeinde Mainz überbrachte Jakob Deutsch die Wünsche der jüdischen Organisationen. Dr. Berget und Benjamin erstatteten Bericht über die Tätigkeit des Landesverbandes, und Dr. Krentzberger, Berlin, verbreitete sich in anregender Weise über „Soziale Not und Wirtschaftskrisis". Eine längere Aussprache, die den Referaten folgte, ergab u. a. die Gründung einer Darlehnskrsse für den Landesverbandsbezirk. Ueber die Werbetätigkeit, namentlich innerhalb der kleinen Gemeinden, wurden mancherlei Anregungen gegeben. Eine Kommission soll mit der Leitung des Kindererholungsheimes Wegscheide bei Bad Orb in Unterhandlung treten, um die Möglichkeit einer rituellen Unterbringung jüdischer Kinder zu erreichen. Mannheim. (Aufklärungsvorträge.) Für Sonntag, den 23. November, hatte der Oberrat der Israeliten Badens sämtliche Religion sichrer und Kantoren des Landes nach Mannheim geladen, um vor ihnen, veranlaßt durch die antisemitische Bewegiung, Aufklärungsvorträge halten zu lassen, zum Zwecke wirksamer Abwehr sowohl tvie zur eigenen unterrichtlichen Verwendung. Vor einer stattlichen Hörerschaft setzte der Vorsitzende des Oberrats, Prof. Dr. Stein-Karlsruhe, in seiner Begrüßungsansprache deren Notwendigkeit auseinander. Referenten waren die Herren Rabbiner Dr. Unna-Mannheim und Rabbiner Dr. Goldmann-Leipzig. Mit einem Appell zum Optimismus beschloß der mitanwesende Vorsitzende der Synode, R.-A. Dr. Jesselsohn- Mannheim, die den Nöten der Zeit Rechnung tragende Veranstaltung des Oberrats. München. (Verein für jüdische Museen in Bayern.) Im Sommer dieses Jahres hatten sich unter dem Eindruck der in München durch den Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden in Verbindung mit der Kultusgemeinde München veranstalteten „Ausstellung jüdischer Kult-Geräte und -Einrichtungen für Synagoge und Haus" Männer und Frauen aus allen Kreisen der /bayerischen Judenheit vereint, um das in Bayern überkommene Kunsigut aus jüdischer Vergangenheit zu bewahren und zu pflegen, wo es gefährdet ist. Diese Bemühung führte zu der nun erfolgten Gründung des „Vereins für jüdische Museen in Bayern E. B.". Der Verein bezweckt die Sammlung und Pflege 1) von jüdischen Altertümern, die geschichtlichen, kulturellen oder künstlerischen Wert besitzen, 2) von Werken jüdischer Kunst, 3) von Abbildungen von Persönlichkeiten, Baulichkeiten und Gegenständen, die für das Judentum von wesentlichem Interesse sind, 4) von Archivalien, Handschriften und Druckwerken, welche die jüdische Geschichte und Kultur betreffen. Dabei wird auf Sammlung solcher Gegenstände, die für die Geschichte und Kultur der Juden in Bayern Bedeutung haben, besonders Rücksicht genommen werden. Der gewählte Vorstand setzt sich aus Persönlichkeiten aus allen Laudeskreisen zusammen. Die nächste Ausgabe wird die Bereitstellung von Mitteln sein, damit zu geeigneter Zeit durch Erwerbungen das schon Vorhandene vermehrt werden kann. Die Ausstellung und Zugänglichmachung der Sammlung in würdiger Form ist das wichtigste Ziel des neuen Vereins. Der Verein richtet an alle Interessenten die Bitte, ihren Namen dem 1. Vorsitzenden (Dr. Leo Baerwald, München, Haydnstraße 10) oder dem Geschästsleiter (Theodor Harburger, München, Augustenstraße 53) angeben zu wollen. Obervttrchen. (Persönliches.) Am vorletzten Sabbat vollendete Kreisvorsteher Leopold Stern sein 75. Lebensjahr, was den Gemeindcmitgliedern Anlaß zu mancherlei Ehrungen gab. Beim Morgengottesdienst gedachte Lehrer v. d. Walde der großen Verdienste, die sich der Jubilar um die Erhaltung und Förderung der religiösen Interessen erworben hat. Auch als ehrenamtlicher Vorbeter macht sich Herr Slern heute noch in anerkennenswerter Weise um das Gemeindewohl verdient, was au seinem Familienfeste mit Worten des Dankes gewürdigt wurde. Potsdam. (R e p r ä s e n t a n t e n w a h l e n.) Bei den am Dienstag, den 2. Dezember, erfolgten Repräsentantenivahlcn wurden sämtliche Repräsentanten sowie die Stellvertreter einstimmig wiedergewählt, ebenfalls die ausscheidenden Mitglieder des Vorstandes. Recklinghausen. (Einweihung des Jugendheims). Nach mühevoller Arbeit ist cs der Synagogengemcinde gelungen, ihr so lange geplantes Jugend- und Gemeiudchaus am 12. Oktober ds. Js. seiner Bestimmung zu übergeben. Angesichts der ernsten politischeir und wirtschaftlichen Lage hat die Gemeindevertretung beschlossen, die Einweihung im schlichtesten Rahmen vorzunehmeu. Am Sonntag vormittag gegen 11 Uhr versammelten sich Vorstand und Repräsentanten, der bauleitende Architekt, der Bauunternehmer sowie eine Anzahl behördlicher Vertreter vor dein neuen Heime. Nach einer kurzen innigen Ansprache übergab Herr Architekt Schwieters dem Vorsitzenden der Gemeinde, Herrn Sanitätsrat Tr. Schoenholz, den Schlüssel zum Neubau. Anschließend fand eine Führung und Erläuterung durch den baulcitenden Architekten statt, die alle Teilnehmer vollauf befriedigte. Alsdann entbot Herr San.-Rat Dr. Schoenholz den Anwesenden den Willkommensgruß der Gemeinde und sprach insbesondere der Stadtverwaltung, dem Kreise und der Regierung für die tatkräftigen finanziellen Unterstützungen, die die Behörde unserem Werke hat angedeihen lassen, wärmsten Dank aus. Das Heim solle, so führte Redner aus, eine Stätte ernster Arbeit sein, in der sowohl die Jugend als auch das Alter geistige Kräfte sammeln soll, um das Rüstzeug zu gewinnen für die Mitarbeit im Dienste des Judentums wie auch int Dienste unseres Vaterlandes. Namens der Behörde überbrachte Herr Stadtschulrat Dr. Hellernrann die Grüße und Wünsche an die Synagogengemeinde. Ec freue sich, daß das Werk, das man jahrelang zu schaffen beabsichtigt habe, endlich fertig da stehe. Es sei vielleicht die letzte Minute gewesen, in der noch finanzielle Hilfe durch Stadt und Kreis möglich war. Seine Wünsche gipfelten in dem Ausdruck, daß Gott die Gemeinde in seine Obhut nehmen möge und daß sie in den kommenden Jahren das ernte, was sie heute wünsche und ersehne. Alsdann sprach Herr Prediger Horwitz, der gleichfalls den Behörden und vor allem dem Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden, der in so hervorragender Weise mitgeholsen hat, das Werk zu krönen, tiefgefühlten Dank aus. Hier in diesem Heime sollen die geistigen Kräfte lebendig werden, die wir notwendig brauchen, um uns menschlich näher zu treten. Mit Nachdruck betonte er, daß die jüdische Gemeinschaft es mit ihren religiösen Pflichten ernst nehme und daß die Religion der jüdischen Glaubensgemeinschaft es sei, die sie hinführe zum Dienste an Volk und Vaterland. Mit einem Hoch auf die Stadt Recklinghausen, in das die Anwesenden begeistert einstimmten, schloß der Redner seine Ausführungen. Namens des Jugendvereins sprach dessen Vorsitzender, Herr Amtsgerichtsrat Dr. Stern, herzliche Worte des Dankes. Wenn in unserer heutigen Zeit politischer und wirtschaftlicher Not ein solches Werk erstanden sei, so sei das ein Beweis, welche Lebenskräfte in den Reihen der Jugend steckten. Herr Sanitätsrat Dr. Löwenstein als Repräsentantenvorsteher hob die Verdienste des verewigten Herrn Rechtsanwalt Bachrach um das Heim hervor. Er betonte, mit welcher Treue und Ehrlichkeit an diesem Bau gearbeitet worden sei. Das Werk lobe wirklich den Meister, Herr Max Burin und Herr I. Heumann dankten insbesondere den tätigen Mitarbeitern, deren Namen ewig mit diesem schönen Werke verbunden bleiben werden. Namens der „Opposition" drückte Herr Hirschberg seine Freude über das nwhlgelungene Werk aus; dann schloß mit der 3. Strophe des Deutschlandliedes die kleine aber umso würdigere Feier. Mit der Schaffung dieses Heimes, -das schon heute eine starke Frequenz aufweist, hat die Gemeindevertretung eine iveitsichtige Politik getrieben. Kinder und Kindeskinder werden der lebenden Generation für dieses herrliche Bauwerk Dank wissen. Durch die Schaffung dieses Heimes hat sich erneut der innige Konnex zwischen Behörde und Gemeinde erwiesen. Eifrig arbeiten die verantwortlichen Führer der Gemeinde an den Aufgaben, die die Gesamtbevölkerung angehen, mit; nirgends fehlt der Vertreter der jüdischen Gemeinde, wenn es gilt, dem Allgemeinwohl zu dienen. Möge dieses-innige Verhältnis sich täglich vertiefen zum Wohls der Gemeinde und zum WoUe der Bevölkerung. SwilNtMiiudt. (S Y n a g o g « n k o n z e 11.) Der Versuch, We Synagoge wieder zum geistigen Zentrum zu machen, hatte «in erfolgreiches Beginnen. Bei gefüllter Synagoge fand am Sonntag, dein 30. November, ein vorzügliches Schallplattenkonzert auf Lindström- Schallplatte« -auf einem Siemensradio-Wiedergabeapparat statt. Rach einem Orgelpräludium hielt Herr Prediger Lehrer Jecome Dreyfuß einen wissenschaftlichen Vortrag. Er wies in seinem Bortrag „Die Musik des Judentums" den Weg, den die synagogale Musik gehe» soll, und warnte vor'einer musikalischen Assimilation. Gottesbewußtsein, Erschauen und Erschauern werden durch die Musik erzeugt. Di« religiöse Musik ist der unerschöpfliche Jungbronnen jüdischer Frömmigkeit. Alle Zuhörer waren sichtlich erbaut, eine solche Fülle musikalischer Perlen im Gotteshaus zu hören. Die herrliche Feier war ein religiöses Erlebnis. Stuttgart. (Technische Hochschule.) Die Württembergische technische Hochschule, die sehr guten Klang hat und immer stark besucht ist, hat sich bisher von keiner politischen und parteipolitischen Strömung aus dem Gleichgewicht bringen lassen und kann bisher nicht als antbsemitisch gelten. Jetzt jedoch wurde zum ersten Mal bei den Astawahlen gefordert, daß die Arbeit nicht nach Fachschaftsgrundsätzen zu handhaben sei, sondern daß das politische Moment ausschlaggebend sein müßte. Der gesamte Vorstand jedoch lehnte solche Tendenz ab, und da er nicht die gesamte Studentenschaft hinter sich hatte, trat er zurück. In den dann neugewählten Vorstand kamen jedoch auch wieder Mitglieder des alten Vorstandes hinein, die den Standpunkt vertreten, die Universität ist Trägerin der Wissenschaft, zu trennender parteipolitischer Arbeit darf sie ihre Haud nicht reichen. So ist dieses Mal Unruhe noch vermieden, doch hat die andere Anschauung eine große Anhängerschaft. Stuttgart. (7 0. Geburtstag.) Stadtpfarrer Lamparter, der ja weit hinaus als Kämpfer gegen den Antisemitismus bekannt ist, feierte seinen siebenzigsten Geburtstag. Wir als Juden dürfen diesem edlen Menschen auch unsere herzliche Gratulation aussprechen, setzt er sich doch trotz vieler häßlicher Kränkungen immer wieder mit seiner ganzen Kraft und seinem hohen Können für die Abwehr des Antisemitismus ein. Trotzdem er in unverschämter und unsachlicher Form in seinem Tun stets bekämpft wird, ist er ruhig und unbekümmert fernen Weg gegangen. Wattenyeim. (Berschenkung der Synagoge an dikatholische Gemeinde.) In dem Städtchen Wattenheim i» der bayerischen Pfalz ist die Synagoge schon seit vielen Jahren nicht mehr zu Gottesdiensten benutzt worden. Infolgedessen ist das Gebäude jetzt von der israelitischen Gemeinde der Pfalz an die katholische Gemeinde voir Wattenheim verschenkt worden. Aus der Bewegung * Frankfurt a. M. (Generalversammlung des Freisinnigen Vereins für jüdisches Genieindeleben.) Am 31. Oktober 1930 fand die Generalversammlung des Freisinnigen Vereins für jüdisches Gemeindeteben e. V. in Frankfurt a. M. statt. Zu Beginn der zahlreich besuchten Versammlung berichtet der Vorstand von dem Zustandekommen des Wahlkompromisses für die Wahlen zur Gemeindevertretung und zum Preußischen Landesverband.. Die bisherigen Mitglieder des Vorstandes wurden wiedergewiihlt. An Stelle einiger ausgeschiedener Mitglieder des Ausschusses wurden die Herren Dr. Kurt Ettinghausen, L. Lerner, Jac. Stern-Bing, Fr. Steckelmacher und Frau Ella Haas geb. Levy zu Mitgliedern des Ausschusses gewählt. Der Vorstand setzt sich nunmehr wie folgt zusammen: Dr. Fritz Adler, Emil Karl Oppenheimer, Dr. Ed. Baerwald, Oberreg. Baurot a. D. und Reichsbahnoberrat Jul. Cohen, Frau Stef. Forchheimer, Aug. Landsberg, Rich. Schottenfels, San.- Rat Dr. Ettlinger, Albert Cohen, Just.-Rat Dr. Blau, Dr. Rud Geiger, Dr. Max Mainzer, Ferd- Stiesel, Dr. Rich. Merzbach, Simon Meyer, Frau Marie Bloch, Dr. Hofftnann, Rabbiner Dr. Seligmann. Ueber die Tätigkeit im vergangenen Jahre wurde, tvas folgt, berichtet: Auf Grund des Beschlusses einer Vorstands-Sitzung vom °2. April 1930 wurden Verhandlungen mit dem konservativen Wahlverein und dem Wahlverein der jüdischen Bolkspartei mit dem Ziele der Herbeiführung eines Wahlkompromisses ausgenommen. Man mußte unter Berücksichtigung der allgemeinen Lage dringend wünschen, daß das Kompromiß zustande komme, obwohl grundsätzlich die durch aufeinanderfolgende Wahlkompromisse sich ergebende Ausschaltung der Wähler nicht gebilligt werden kann. Um das Interesse breiterer liberaler Kreise an Gemeindeangelegenheiten zu fördern, wurde von einer Anzahl Mitglieder des Vereins ein Ausspracheabend vorbereitet, bei welchem Herr Dr. h. c. Kleemann, heute jedem Neuen entgegenstellt. Neben wir auch auf dem Gebiete des Synagogen-Gesanges jene Toleranz, deren sich das Judentum mit Recht rühnrt und di e es allzeit bewiesen hat! Synagogeukonzert Wohl zum ersten Male diente der Altarraum der Neuen Synagoge als Konzertpodium, als unlängst Handels Judas Maccabäus durch! eine Vereinigung Berliner Synagogen- 'chöre unter Leitung von Alexander Weinbaum und Mitwirkung des Berliner Sinfonieorchesters sowie namhafter Solisten zu einer eindrucksvollen Aufführung gelangte. Der Dirigent hob die lyrisch^-elegischen Teile des Wertes durch letzte klangliche Ausgewogenheit und Tonpoesie in den Chören besonders hervor, wodurch allerdings die wuchtigen kriegerischen Gesänge dieses Kampfepos in den Hintergrund traten. So lag der Höhepunkt und Schwerpunkt des Abends nicht, me sonst, in dem weltbekannten Chor: „Seht er kommt mit Preis gekrönt", dem überdies durch ein nach meinem Empfinden zu groß angelegtes Ritardando nicht die große Schwungkraft innewoynte, sondern in dem Klagechor „Tu sinkst, ach armes Vaterland, tief herab". Angeführt: von der umra-süßen Sopranstimme TillydeGarmos schufen hier die Cböre ein bis in die äußersten Feinheiten und klanglichen Abstufungen abgetöntes Stimmungsbild von berückendem und und ergreifendem Stimmenttang. Und das gelang dem Dirigenten mit einer Chorvereinigung, die nickt einmal über durchweg allerbestes Stimmaterial verfügt —' wieder einmal «in. Beweis dafür, daß, Weinbaum, was merkwürdigerweise in unsere,: jüdischen Kreisen svicl zu wenig bekannt ist, einer der bedeutendsten, wenn nicht der fähigste Chorpädaaoae und Chordirigent Berlins ist. Stets sind feine Chöre außsA diszipliniert und zu einem homogenen, wohlabgetönten Klanarörper entwickelt. Unter den Solisten ragte der Name Hermann Jadlowker^als Juoas Maccabäus hervor. Es ist schmerzlich einem Sänger, dem wir so viele schöne Stunden musikalischer Andacht verdanken, sagen zu muffen, daß sein Stimmaterial zum allergrößten Teil verbraucht ist und kaum noch den ^usprüchen genügt, die an einem Konzertsänger selbst durchschnittlichen Formats gestellt werden müssen. Darüber hilft auch, me große Gesangskultur, Musikalität und das gelegentliche Aufblühen der Stimme im piano nicht hinweg. Bon der Berliner StaatSoper sang neben Tilly de Garmo noch die Altistin Anna Lipin, während in der Baßpartie erstmalig der Opernsänger Neu mann aus Leipzig mit sehr kultivierter und vornehmer, aber vielfach« etwas, halsiger Stimme zu hören war. Alles in allem war es eine großsangelegte und gelungene Aufführung, die auch, das breite Berliner Konzertpublikum in großer Zahl herangezogen hatte. T>r. Schild-erg er. Ludwig Jacobowski. ein Gedenkblait Aus einer Ecke meines Bücherschrankes griff ich dieser Tage Hefte heraus, die lcvnge dort geschlummert haben: „Die Gesellschaft, eine Zeitschrift für Literatur und Kunst" — vor 30 Jahren. Und Vieles darin, das weit über die damalige „Moderne" hinaus Ewigkeitswert hat. Die Dezemberrmmmer von 1900: mit breitem Trauerrand erschienen, und herzenswarmen Trauerworten darin von dem einen der Herausgeber, dem blonden fränkischen Recken, Michael Georg Conrad, der all sein Lebtag eine so seine Witterung für alle Werdenden hatte, an seinen jungen jüdischen Dichterkameraden und Mitherausgeber Ludwig Jacobowski, der am 2. Dezember 1900 kaum dreißigjährig die dunklen, sehnsüchtigen Augen geschlossen hatte. Ludwig Jacobowski war eine Hoffnung; und er war typisch für die Intellektuellen des deutschen Judentums, vielleicht nicht nur von damals: durch seine Seele ging ein tiefer Riß, den anszugleichen und zu überbrücken seine junge Kunst strebte. „Werther, der Jude", hieß sein erster Roman; „Loki, der Roman eines Gottes", eines deutschen Gottes, sein zweiter. Die tief schmerzlichen Erlebnisse als Jude, als deutscher Jude, hat der heiß und ehrlich Ringende sich in betzen. vom Herzen geschrieben. Ganz befreit aber hat feine Seele sich erst in seiner wundervoll seinen Lyrik in seinem leider einzig gebliebenen Gedichtsbande „Leuchtende Tage". Mit unerbittlicher Ehrlichkeit, wie sie dm heute zu Unrecht geschmähten Dichtern jmer Zeit, dm Jüngern Hmrik Ibsens, eigen war, hat er vor seinm eigenm Herzens- und Welterlebnissen sich die Binde der Selbstüberschätzung von den Äugen gerissen. Auch in diesen Gedichten der Kampf zwischen Deutschtum und Judentum, in diesen bei aller Glut der Leidenschaft herzlich reinen, jugmdklaren Versen des Mmschm vor der Wende des 19. Jahrhunderts, das in seinen Anfängen dem deutschen Juden erst die staatliche Befreiung gebracht. Die Liebe, die diese „Lmchtmden Tage" durchsonnte, — auch dies charakteristisch für dm Zwiespalt seiner Seele —, galt einem jungm blonden Mädchen, der Tochter eines hohm Offiziers aus altem deutschen Adelsgeschlecht. Amßerlich zu Kampf und Entsagung vom Geschick bestimmt, war diese Liebe doch das tiefste Glück dieses so schnell verlöschenden Lebens — denn sie wurde erwidert! Dies blonde deutsche Mädchm, selbst eine feinsinnige Lyrikerin von großen Gaben, liebte den dunkeläugigen jüdischen Dichter; und als er so früh ihr entrissen wurde, trug sie ein Pfand von ihm unter dem Herzen.. „Ach, unsre leuchtenden Tage . . - ' Glänzen wie ewige Sterne, Als Trost für künftige Klage " . , Glüh'n sie aus goldener Ferne. Nicht weinen, weil sie vorüber! . Lächeln, weil sie gewesen!; .T' : > Und werden die Tage auch trüber —" ' . , Unsere Sterne erlösen!" " ‘ dichtet er ahnungsvoll dem kommenden Leid der Geliebten. In seinem schaffenden Geist war alles noch Zukunft, planendes Gestalten. „Neue Lieder fürs Volk" begann er herauszugeben; nach seinen eigenen eine Auswahl aus der gesamten Dichtergeueration feiner Tage, soweit sie echt und chre Ausdrucksmittel einfach und auch dem schlichten Manne verständlich waren. „Wenn heute ein Fabrikdirektor, ein Großgrundbesitzer ihre Arbeiter oder Knechte fragen würdm, was sie von Goethe und Schiller wissen oder von ihnen gelesm hättm", klagt er, „das Resultat wäre vernichtend. Sodaß wir endlich einsehen sollten, daß unsere gesamte Literatur noch gar nicht in die Tiefen des Volkes gedrungen ist. Und doch hungert dies Volk nach Kunst." Darum wollte dieser gläubige Idealist echte Kunst zum Volke bringen, auf dem gleichen Wege, auf dem wertloser Schund zu ihm gelangt: durch den Kolporteur, der damals noch mrt seinen Zehnpfennigheften alle Hintertreppen hmaufstieg — und zu dem gleichen geringen Preise. Ueber hundert deutsche Zeitgenossen steuerten damals dem jungen jüdischen Jdealistm an 300 ihrer Dichtungen bei, die in schlichtem, aber von dem ebenfalls jüdischen Malerradierer Hermann Hirzel, künstlerisch gefällig gestalteten Gewände, als Zehnpfennig-Hestchen in einer Auflage von 100000 Exemplaren nur durch den Kolporteur vertrieben wurden. Auf dem gleichen Wege plante er, auch durch geeignete zeitgenössische Prosadichtungen der Schundliteratur die Wurzeln abzugraben, dem deutschen Dichter die Seele seines VolkeK zu gewinnen — Ludwig Jacubowski, der mit seiner ganzen glühenden jüdischen Seele an deutscher Kultur mitzuarbeite^ strebte, und mitgearbeitet hat! Thekla Skorra

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