Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-12-04 · 49 (4.12.1930) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
49 (4.12.1930)
Date
1930-12-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2613366-2614053-2614102--3811-2621445
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

eingehend besprochen. Bon einem Umbau der allen Halle soll wegen der hohen Kosten Abstand genommen werden. Daher wurde die Errichtung eines Neudaus mit entsprechenden Nebenräumen für die Aufbewahrung und Ankleidung der Leiche, für den Rabbiner und die Leidtragenden beschlossen. Die Kosten des Baues werden durch Spenden und Aufnahme einer Hypothek auf die der Gemeinde gehörigen Grundstücke bestritten. Mit dem Bau der neuen Halle soll bald begonnen werden. Es wird auch erwogen, nach Belegung des alten, in der Stadt gelegenen Friedhofs die Trauerseierlichkeiten in der Fried-- hofshalle abzuhaltcn und die Leichen dann auf das außerhalb der Stadt erworbene Gelände zu überführen. Hannover. (Aus dem Ä « m c i n d e l e be u.) Das durch die Einheitsliste ohne Wahlkamps gewählte neue Kolleg ist bereits zu seiner ersten Repräsentantensitzung zusainmengetreten. Eingangs betonte der 1. Vorsteher, Herr Kommerzienrat Berliner, dies sei das erste Kolleg in der langen Geschichte der Synagogengemcinde Hannover, das sich ans Parteien zusammcnsetze und dem auch Frauen angehören. Er hoffe, daß alle Gewählten das Wohl der Gemeinde über den Vorteil ihrer Partei stellen. Er ivcrde sich auch weiter bemühen, die Einheit der Gemeinde zu erhallen. Die Gemeinde stände vor erheblichen finanziellen Schwierigkeiten. Zum ersten Male seit vielen Jahren habe die Gemeinde für die Zahlung der Monatsgelder fremdes Geld in Anspruch nehmen müssen. Durch die Notverordnung des .Herrn Reichspräsidenten und die dadurch entstandene Mehrarbeit der Finanzämter sei es nicht rechtzeitig möglich gewesen, die von jüdischen Zcnsiten ausgebrachte Steuersumme festzustellen. Nach oberflächlicher Schätzung sei aber das Stcuersoll 1929 erheblich niedriger als das früherer Jahre. Das Kolleg werde sich demnächst auch zu entscheiden haben, ob eine Herabsetzung der Bcamlcugehälter oder eine Aendcrung der Abgaben ordnung zu erfolgen habe. — Im Namen der drei ins Kolleg gewählten Frauen dankte Frau Fanny Kaufsmann für das bewiesene Vertrauen, Herr Dr. Schtvarz dankte dein 1. Vorsteher für seine großen und erfolgreichen Bemühungen um das Zustandekommen der Einheitsliste. Das Kolleg wählte sodann aus seiner Mitte zum 1. Vorsteher Herrn Kommerzienrat Berliner, zum 2. 'Vorsteher Herrn Rudolf Herzberg, zu drei Vorstandsmitgliedern die Herren: Alfred Fuerft, Tr. Schleisner, Jsaac Thalhcimer. Es folgen Kommissions- Wahlen. Kassel. (L e h r e r v c r s a m m l n n g.) Der Bezirksverein Kassel israelitischer Lehrer Hessens hielt am 9. November im Sitzungssaal der Gemeinde eine gut besuchte Mitgliederversammlung ab. Lehrer Moses begrüßte als Vorsitzender die Anwesenden und leitete eine Aussprache über die Wetterführung der Arbeitsgemeinschaft im Hebräischen ein, die im Vorjahre begonnen worden war und nach allgemeinem Wunsche in der bisher gehaudhabten Form ausgestaltet werden soll. Mancherlei Wünsche über Berücksichtigung praktischer Aufgaben in Verbindung mit talmudischen Studien wurden vorgetragen, ihre Erfüllung soll versucht werden. Waisenhausinspektor Heilbrunn, Kassel, hielt einen anregenden Vortrag über: „Die Entwicklung des Kasseler jüdischen Schulwesens". Der Redner, der die Wandlungen der Bildungsbestrebungen der hessischen Juden unter dem Einfluß der Mendelssohn sehen Zeit, dann während der Westfälischen Epoche bis zur Gegenwart aufzeigte, betonte die um 1809 beziv. 1821 erfolgte Gründung des ältesten jüdischen Lehrerseminars in Kassel; er gedachte der um 1853 errichteten Religions-, schule in Kassel und nannte einflußreiche Gönner und!bewährte Pädagogen, die sich um das jüdische Schulwesen Kassels verdient gemacht haben. Der Vorsitzende dankte dem Referenten für die beifällig anfgenommenen Ausführungen und brachte einen von ehemaligen Absolventen des Kasseler Seminars übermittelten Vorschla zur Sprache, die in allen Teilen Deutschlands wirkenden früheren Schüler der Anstalt zu einer „Vereinigung" zusammenzuschließen. Der Vorschlag fand allgemeine Zustimmung; die Kasseler Lehrer Bachrach, Heilbrunn und Katz, die Schüler des Seminars waren, und Seminarlehrer Moses, der als „jüngster" Lehrerbildner bis zur Auslösung im Jahre 1920 an der Anstalt tätig war, sollen die weiteren Schritte zur Durchführung des Planes unternehmen. Unter Bezugnahme auf die im Vortrag erwähnten Schulverhältnisse auf dem Lande entspann sich eine längere Aussprache über die Erhaltung der Religionsschulstellen, von denen manche in letzter Zeit durch hauptamtlich angestellte Lehrer der Rachbargemeinden verwaltet worden waren. Im Interesse des religiösen Lebens der Gemeinden und der Unterbringungsmöglichkeit jüdischer Junglehrer wurde vor Verallgemeinerung solcher Projekte gewarnt. Der Vorsitzende soll dieser Frage besondere Aufmerksamkeit widmen und sie auf dem Delcgiertentag und bei Ausschußsitzungen zur Sprache bringen, damrt nicht auch leistungsfähige Gemeinden aus finanziellen Rücksichten diese Methoden anwenden und das selbständige religiöse Leben aufhöre. Nach fast dreistündigen Beratungen wurde unter der Leitung des Lehrers Neumann die Arbeitsgemeinschaft im Hebräischen wieder fortgesetzt. Die Synagogen-Alustk stagniert Von H. F a b i s ch, Frankfurt a. M. Daß unsere Synagogen-Musik stagniert, das haben viele -unserer Fachleute schon längst erkannt, und das haben nichtjüdische Musiker schon vor Jahren tadelnd erwähnt. In der letzten Nummer der „Deutschen Tonkünstler-Zeitung" sinden wir wiederum eine solche Bemerkung. Ist es etwa angebracht, iaus solche Kritik zu schweigen, sie vielleicht gar mit der hochmütigen Geste des Besserwijsens abzutun? Ist es etwa ein Beweis für die Güte unserer Synagogen-Musik, daß sie den Gottesdienst-Besuchern (allen??) gefällt? Ist dieses Urteil — meistens von musikalisch wenig Gebildeten gefällt - nicht hervorgegangen aus der Trägheit der Gewöhnung? Aus dem falschen Begriff, daß diese Musik s o sein muß, weil sie traditionell ist? Und dabei ist diese Tradition, und als solche im Gerüche der Heiligkeit stehend, vielleicht 50 bis 100 Jahre alt! — Damals, als der große Kantor Sulzer in Wien durch seine aus hohem Niveau stehenden Synagogen- Kompositionen Ordnung und Wurde in den so regellosen und aller Aesthetik hohnsprechenden jüdischen Gottesdienst brachte, da wurde gar mancher Kantor angeregt, Gleiches zu versuchen. Aber es waren im besten Falle nur musikalisch veranlagte Dilettanten, die, im Bestreben, volkstümliche Gesänge zu schaffen, banale und triviale Melodien in die Synagoge brachten. Das damalige Synagogen-Publikum mit seiner geringen Allgemein- und ästhetischen Bildung gewöhnte sich — die Melodien klangen ins Gehör — an diese Melodien. Je banaler sie waren, desto rascher lernte man sie und desto fester wurzelten sie in der Gemeinde. Sie wurden „traditionell". Das Synagogen-Publikum stellte auch keinerlei Betrachtung darüber an, ob die Melodie dem Texte entsprach. Kritiklos übernahm es alles, was volkstümlich war. Und groß war der Strom der neugeschaffenen Melodicm Der Kantor der kleinsten Gemeinde fühlte sich berufeil, Synagogenmelodien zu „komponieren", d. h. sehr oft benutzte er als Unterlagen Gassenhauer, bestenfalls volkstümlich gewordene Opernmelodien, den ihni der Troubadour, der Freischütz und Mozartsche Opern in Hülle und Fülle boten. Und dieses Material für die musikalische Ausgestaltung unseres Gottesdienstes erlangte infolge der falschen Auslegung des Begriffs „Tradition" eine solche dominierende Stellung bis auf den heutigen Tag, daß selbst in Großgemeinden, wo man doch geläuterten musikalischen Geschmack erwarten dürfte, es selbst dem innsikalisch seingebildeten Kantor unmöglich ist, daran zu rütteln. Es ist eben „Tradition", und ein Ketzer derjenige, der dagegen etwas zu sagen wagt. Die Folge Kassel. (Gedenkfeier für Franz R o s c n z w e i g.) Die Kasseler jüdische Gemeinde war am ersten Jahrzeitstage Dr. Franz Rosenzweigs zu einer Gedenkfeier, die vom Aelkesten-Kollegium beschlossen worden war, in den Saal der Landesbibliothek geladen worden. Schuberts „Heilig ist der Herr", von sangeskundigen Damen und Herren tonschön vermittelt, bereitete den Boden für die gedankenreiche Ansprache des Landrabbiners Dr. Walter, der unter Bezugnahme aus seine Werke, namentlich ans den ,,Stern der Erlösung", die geistige Entwicklung des Gelehrten bis zu den letzten Ergebnissen seines Forschens aufzuzeigeil suchte. An drei Zitaten ans dem 3. Buch Moses, dem Buche Jesaja und Koheleth wurde die Uebeceinstimmung des geistigen Lebens Franz Roscnzweigs mit der selbst erworbenen religiöseu Ueberzeugung nachgewiesen. Sein Verdienst, durch die ersten Schriften („Zeit ist's" u. a.) aufrüttelnd aus die Zeitgenossen im Sinne einer intensiven religiösen Betätigung gewirkt zu haben, brachte Dr. Walter in Verbindung mit der tveitcren Großtat Rosenztvcigs, nach dem Beispiel Gabirols, Maimonides und Hermann Eohens die Uebeceinstimmung tiefster zeitgenössischer Weltweisheit mit den Grundlchren des Judentums betont zu haben. Im einzelnen wurde das glühende Streben nach ctviger Wahrheit, nach der Gott, Welt und Mensch umfassenden Erlösung durch die Stellungnahme Franz Rosenziveigs zur Sabbattheiligung an der .Hand seiner Ausführungen im „Stern der-Erlösung" geschildert. Auch die in der Uebereinstimmung ztvischen Lehren und Handeln wahrnehmbare Ausgeglichenheit Rosenztvcigs, die Heiterkeit seiner, Seele, die selbst das Martyrium der letzten Lebensjahre nicht verdrängen konnte, fanden Erwähnung, und zum Schlüsse lvurüe die große Bedeutung des genialen Philosophen gekennzeichnet, die er sich neben Hermann Cohen am Aufblühen der ILI Berlin Einladung zu dem am 11. Dezember 1930, abends 8 Uhr, im Vortragssaal der Synagoge Fasanenstraße, stattfindenden Vorlrag von Dr. Leo Rosenzuieig „Glaube und Wissen im Judentum“ Wir rechnen auf zahlreiches Erscheinen unserer Freunde und Mitglieder jüdischen Wissenschaft gesichert habe. Weitere Gesänge Dr. Max Plauts und eines Doppelterzetts trugen zur Vertiefung des erhebenden Charakters der Feier bei. Nach dem Beschluß des Gemeindevorstands wurden drei erwählten Schülern Werke Franz Rosenzweigs als Prämien überreicht. Kassel. (Eröffnung der Schule der jüdischen Jugend.) Nachdem die vorbereitend-en Arbeiten für die Schule der jüdischen Jugend als abgeschlossen anzusehen waren, fand letzten Sonnabend im Heim des Schwesternbundes ein Eräffnungsabend statt, an dem neben der zu gemeinsamer Bildungsarbeit zusammengeschlossenen Jugend auch andere Freunde der Jugendbewegung teilnahmen. Nach der Eröffnungsansprache des Leiters des ersten Trimesters M. Schlüssel hielt Dr. Hallo einen interessanten Bortrag über: „Die Geschichte der Juden in Hessen". Lehrer Bacher nahm zur Frage der Arbeit in der Schule der jüdischen Jugend Stellung, und anschließend erfolgte eine Besprechung der Dozenten. Kirf. (7 0. Geburtstag.) Vorsteher I. Kahn feierte in seltener Frische unter Teilnahme eines großen Freundeskreises seinen 70. Geburtstag. Mit besonderem Dank erkannte die Gemeinde die von ihrem Führer seit 50 Jahren ehrenamtlich ausgeübte Tätigkeit eines Vorbeters und Thoravorlesers au. Köln. (Wechsel im G c m e i n d e v o r s i tz.) Herr Emil Blumen au wird in den nächsten Wochen sein Amt als erster Vorsitzender der Synagogengemeinde wegen seines hohen Alters mederlegen. Es steht noch nicht fest, wer sein Nachfolger werden wird. davon ist stille Resignation auf der einen, Stagnation auf der andern Seite. Um nur ein Beispiel anzusühren, möchte ich auf die Einrichtung der „Schluß-Kaddeschim" Hinweisen. In den meisten west- und süddeutschen Synagogen-Gemeinden erklingen sie am Ende des sestkörperlichen Gottesdienstes. Und sie sind meistens der Gipfel musikalischer Geschmackslosigkeit, aber so beliebt bei der Gemeinde, daß der Kantor das Odium der Unwissenheit ans sich ladet, wenn er sie nicht singt. Ja, dem Gros der Beter wird es nicht einmal bewußt, wie es dem Geiste des Festes widerspricht, wenn z. B. an den Jomim nauroim, an denen wirklich traditionelle und weihevolle, von dem Geiste des seiner religiösen und sittlichen Unvollkommenheit innewerdenden Beters erfüllte Gesänge ertönen — und dann am Schluß des Gottesdienstes von Kantor und Gemeinde die triviale und lustige Weise des „Schlnßkartoschs" angestimmt wird. Gleiches gilt auch von.den meisten üblichen Melodien des Schlußgebets an den Festtag- Abenden: vom Jigdal. Und wenn es einem Kantor vermöge seiner Autorität als seingebildetcr Musiker und versierter Fachmann gelingt, den einen oder andern banalen Gesang aus dem Gottesdienst seiner Gemeinde auszumerzen und Einwandfreies, Wertvolles an seine Stelle zu setzen, an der üblichen Art der musikalischen Ausgestaltung muß er sesthallen. Und darum stehen wir in der Entwicklung unseres Synagogen-Gesanges selbst im günstigsten Falle in der musikalischen Epoche: Haydn — Mozart — Mendelssohn. Alles Spätere: unbekanntes Land. Das ist es, was die nichtjüdischen Musiker, denen die oben gekennzeichneten Mißstände ja nicht bekannt sind, da sie ihr Urteil auf Grund der Neuerscheinungen von Tvnschöpfungen für die Synagogen fällen, dazu veranlaßt, zu sagen, daß die Synagogen-Musik stagniert. Trotzdem das letzte Jahrzehnt wie keine andere Zeit vordem jüdische Wissenschaftler hervorgebracht hat, die das Gebiet der Synagogen-Musik eingehend und gründlich durchforscht haben. Woher kommt dieses starre Festhalten an der musikalischen Gestaltung des Gottesdienstes? Aus denselben Ursachen, wie unser Gebetritual für die meisten ein noli me tangere ist: Konservatismus in Reinkultur, oder besser gesagt: in Erstarrung — Stagnation. Da hat die katholische Kirche, die doch gewiß konservativ ist, ihre Aufgabe besser erkannt. Sie hat es ja immer verstanden, sich die schönen Künste dienstbar zu machen. Wahrlich nicht zu ihrem Schaden. Wie sie auch in unfern Tagen die Besten der Musikschaffenden der Gegenwajci für die Ausge¬ Kölm. (G e d e n k f e i e r f ü r D r. Simcho >vitz.) Am vergäll-- genen Sonntag vormittag veranstaltet« die Solistenschaft des Städtischen Schauspielhauses eine eindrucksvolle Gedenkfeier für ihren langjährigen Dramaturgen Sascha Simchowitz, der vor wenigen Monaten heimgegangen ist. Es sprachen u. a. der Beigeordnete Dr. h. c. Meerfeld, der Schriftleiter G. Beyer, Prof. Dr. Richen, sowie Frau Else Baumbach vom Schauspielhaus. Oberkantor Fleischniann verschönte die ernste Feier durch eindrucksvollen Bortrag eines Trauergesangs. Köln. (B a u r a t Bing s. A.) Geheimer Postrat Bing ist im Alter von 72 Jahren gestorben. Er gehörte seit vielen Jahren zu t>cu angesehensten höheren Beamten der Oberpostdirektion. Für Bansragen seiner jüdischen Glaubensgemeinschaft >var er oft der kluge Berater der Synagogenverwaltnng. Köln. (Ablehnung der Z u s ch n ß c r h ö h u n g für die Talmud-Thoraschülc.) Gegen den Beschluß der Repräsentanz, statt 5000 Mark 7000 Mark für die ostjüdische Talmud-Thoraschule zu bewilligen, hatte der Vorstand sich ablehnend verhalten und die Vorlage zur nochmaligen Durchberatung an die Repräsentanz verwiesen. Diese lehnte in ihrer letzten Sitzung die Mehrbewilligung ab. Königsberg. (Z w e i hu n d e r t fu n fz i g j a h r seie r der Synog og engem e inde.) Tie Königsberger Synagogengemeinde hatte am Mittwoch, den 19. November (Bußtag), ihre Angehörigen zu einer synagogaleu Feierstu,tbe in die dichtgefttl.lt« Neue Synagoge eingeladen, 'um ihr zweihundertsüuszigstcs Bestehen zu feiern. Besonders bemerkenswert war, daß die Verbindung im K. C. „Friburgia" bei der Feier chargierte und mit ihrer gesamten Aktivitas erschienen war. Nach einem Sologesang des ersten Kantors Dr. Pick „Wie schön sind Deine Zelte Jacob" von Badrian, dem Chordirektor der Königsberger Synagogengemciirde, trug der Synagogensranenchor den 23.' Psalm in der Vertonung des verewigten Königsberger Oberkantors Eduard Birnbaum vor. Daraus hielt Gemeinderabbiner Tr. Lewin eine Festrede, in der er über die Bedeutung und das Entstehen des synagogalen Gottesdienstes sprach. Dr. Lew in gedachte zunächst des Jubiläums der Königsberger Gemeinde, ging auf die Enttvicklnng der Gemeinde ein und toies darauf hin, daß sie stets als ein Glied in der Kette d«S gesamten Judentums sich gefühlt habe. -Sodann ging er auf sein eigentliches Thema ein unb stellte den Gottesdienst als den Mittel- Punkt jüdischen Wesens in Geschichte und Gegenwart hin. Er ging auf die Entwicklung des reinen Tempelgottesdienstes zum Synagogengottesdienst ein und schilderte, daß der Synagogengottesdienst schon in der babylonischen Gefangenschaft zum Ausdruck kam. Mit einem Gesang des Kantors Dr. Pick und des Synagogenchors, die die Kebuscha in der Komposition von Lewaudowski vortrugen, schloß die eindrucksvoll verlaufene Feier. Königsberg. (Tagung des Vereins jüdischer Religionslehrer und Kultusbeamten.) Der Verein jüdischer Religionslehrer und Kultusbcamten Ostpreußens hielt am 18. und 19. November seine sochsunddreißigste Jahresversammlung in Königsberg ab. Der erste Tag der Tagung war der berufswissenschaftlichen Fortbildung gewidmet. Ein Kursus über Schächtsragen wurde mit einem. Referat von Rabbiner Peritz-Königsberg über ein theoretisches Thema aus dem Schechitafach eingeleitet. Daran schloß sich die Be- Handlung der praktischen Fragen durch die Kultusbeamten Erschler und Nellen, beide aus Königsberg. Für die Kantoren fand ein Fachkursus statt, bei dem Oberkantor Meisel-Danzig alte und neuere Gesänge zum Vortrag brachte und Kantor Wollheim über das Minchah-Gebet am Sabbat referierte. Am Bußtag fand eine gutbesuchte öffentliche Versammlung statt, die von dem Bereinsvorsitzenden Prediger Mannheim-Osterode geleitet wurde, der in seiner Begrüßungsansprache auf die besonderen kulturellen Ziele des Lehrervereins hinwies. Für die Syncrzogengemeiude Königsberg überbrachte deren Vorsitzender Geheimrat Professor Falkenheim und für den Synagogenverband Ostpreußen dessen Vorsitzender Arthur Cohn der Tagung die besten Wünsche. Nach Erstattung des Jahresberichts durch Prediger Mannheim, der ein eindrucksvolles Bild von der segensreichen Tätigkeit des Verbandes gab, dabei aber auch mit Energie die Forderungen der Lehrerschaft vertrat, nahmen noch einmal die beiden Vertreter der Gemeindekörperschaften und Waisenhausdirektor Peritz-Königsberg das Wort. Es fand sodann ein Vortrag von Frau Dr. med. Mirjam Jnlisch- Königsberg statt, die über das Thema „Die Jndividualpsychologie als Wegweiser für den Lehrer zur Einfühlung in das Seelenleben anderer" sprach. Die Vortragende, di« eine Anhäugerin der Adlerschen und Freudschen Theorien ist, wies darauf hin, daß sich im Kinde bereits ein Machtstreben bemerkbar mache, das aus dem Vorhandensein eines Minderwertigkeitsgefühls entstehe. Das Kind strebe danach, seine Mindertvertigkeitsgefühle gegenüber den Erwachsenen zu kompensieren. Teile des Judentums seien infolge jahrtausendelanger Verfolgung vou einer größeren Empfindlichkeit und Reizbarkeit als ihre Umwelt. Die jüdische Einfühlungsfähigkeit »verde durch ein solches Minderwertigkeitsgefühl überkompensiert. Demgegenüber sei das jüdische Gemeinschaftsgefühl z« stellen, das schon in der Bibel zum Ausdruck staltung ihrer Gottesdienste begeistert hat, zeigte vor wenigen Tagen die „Erste Internationale Arbeits- und Fe st Woche für katholische Kirchen-Musik" in Frankfurt a. M. Weit hat die katholische Kirche ihre Tore geöffnet, dalnit alle Berufenen eintreten und Künstlerisches zur Ehre der Kirche, zur Verherrlichung Gottes schaffen konnten. Unbehindert von Vorschriften beckmesserischer Engherzigkeit konnten die Koniponisten ihren Genius frei entfatten und der Kirchenmusik neue Impulse geben, neues Leben den kirchlichen Formen einhauchen. Auf solch« Weise kann eben schöpferischer Geist sich nur entsalten. Und auch nur auf solche Art kann eine gläubige Beterschar kirchenfreundlich erhalten werden. Wie innerlich ergriffen lauschte aber auch die zahlreiche Hörerschar diesen neuen Klängen — nicht nur im Konzertsaal, sondern auch während des Gottesdienstes in der Kirche! Wie anders dagegen bei uns! Das zeigt frappant eine Veranstaltung in unseren Tagen. „Zur Schaffung von einstimmigen Gemeindegesängen mit Oraelbegleitung für das im Anstrage des Liberalen Kultus-Ausschusses des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden verfaßte Gebetbuch" wurden die jüdischen Komponisten aufgesordert. Deutschsprachige Texte sollten vertont werden. Das wäre eine Gelegenheit gewesen, wo sich jüdisch-schöpferischer Geist hätte entfallen können. Es ist ja eine liberale Körperschaft die Veranstalterin des Ausschreibens, keine konservative. Statt dessen werden die Bewerber in das Prokrustes-Bett beengender „Richtlinien" gezwängt, und es wird ihnen vorgeschrieben, wie sie zu komponieren haben. Hätte es nicht genügt, wenn gesagt worden wäre, daß die Kompositionen nicht an die Art irgend einer anderen Kirchenmusik anklingen sollten? Statt dessen unendliche Vorschriften über die Verwendung der Orgel, über Polyphonien, über evtl. Einfügungen kurzer Soli, Duette etc., wozu die Texte manchmal geradezu heraussordern, schon um der Gemeinde Refrains in der Art wie Halleluja, Danket dem Herrn u. a. m. zuzuweisen. Ebenso ist Taktwechsel innerhalb einer Komposition verboten. Diese kleine Auslese mag genügen. Mit solchem Beckmessertum wird man die Stagnation im Synagogen-Gescmg nicht überwinden. „Sire, geben Sie Schaffenssreiheit!" möchte ich dem maßgebenden Herren in Variierung des Schillerschm Wortes zurusen. — Ein Gleiches sei aber auch allen anderen zugerufen, denen die Pflege und Ausgestaltung des Synagogen- Gesanges obliegt. Seien Sie nicht engherziger als das Geschlecht vor 100 Jahren, das doch damals all die vielen neuen, ihm ungewohnten Gesänge willig ausnahm und sie dem Gottesdienste eingliederte, ohne die kleinlichen Bedenken, die man.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.