Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 49 (4.12.1930)
- Date
- 1930-12-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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deutschen Judentums ge,vordem Trotzdem wir mit den Zionisten abrochnen, wollen wir doch nicht übermütig sein. Vejligia teireitt! Energisch, aber sachlich, im Jnnerüen unseres Herzens erfüllt von oen hohen sittlichen Ausgaben des liberalen Judentums, seien unsere Worte niedergeschrieben. Bedenkt man, daß von den Zionisten Mann für Mann an d:e Wahlurne gegangen sind und zieht man in Erwägung, daß die Liberalen noch große Reserven haben, die dieses Mal aus Gleichgültigkeit und Unwissenheit noch nicht gewählt haben, dann tann man ungefähr ermessen, wie groß der Sieg das nächste Mal werden muß^ wenn wir in 4 Jahren tm Kampfe um die Macht in der Gemeinde wieder den Zionisten gegenüberstehen werden und wenn inzwischen die Liberalen ihre Organisation weiter ausgebaut und gestärkt haben. Bolle Berücksichtigung aller religiösen Interessen, wie sie die Liberalen in den vielen Jahrzehnten, in denen sie das Heft in der Hand hatten, auchi den Konservativen gegenüber zugebilligt haben, soll auch weiter zugestanden werden. — Niemals werden wir Liberale den Konservativen die Ausübung ihrer religionsgesetzlichen Bräuche erschweren, nur die Mißbräuche, die längst beseitigt waren, dürfen nicht wieder eingesührt werden (vergl. den Chamezverkaus vor dem Pesuchsest). So fand auch die kleine Zahl der Konservativen, die heute in Berlin noch! Vorhände»: ist, stets unser Entgegenkommen. — Anders behandelten die Zionisten die Liberalen. — Obwohl sie selbst in der letzten Repräsentanten-Beriammlnng allein noch nicht die absolute Mehrheit besaßen, Haber: sie die Liberalen an allen Ecken und Enden schikaniert. — Sie hätten sich als „vernünftige" Männer sagen müssen, daß die liberale Mehrheit der Gemeindemitglieder, auch wenn sie ber der vorletzten Wahl nicht zum Ausdruck kam, ebenfalls Berücksichtigung ihrer Interessen erheische, ja, das man sie doch mindestens so behandeln müsse, wie die Liberalen die konservative Minderheit behai:delt haben. Statt dessen habe man d:e Liberalen auf Schritt und Tritt vergewaltigt. — Leit langen: schon versuchten die Zionisten die Büroränine in der Oranienbnrgerstraße als eine Art „Fe'tuug" ansznbauen, indem man nur Beamte mit zionistischer Einstellung anstellte. — Man fragte weniger nach Können und Leistungen, weit nrehr nach dem Bekenntnis zuin Zionismus. — Nur ausnahmsweise fanden Liberale Gnade vor der: Angen der Herren Zionisten. — Tics „Bollwerk" dev Zionistei: ist nun erschüttert. — Ein zionistisches Steinchen nach dem andern muß nun ans dem Bau beseitigt werden, bis wieder Frrede und Eintracht, die Fundamente religiöser Einrichtungen, in das Haus einziehen, in das die Zionisten feit Jahr und Tag Haß und Zwietracht hineingetragcn haben. — Haben die Zionisten wirklich! so großartig gearbeitet, wie sie es immer wieder in Versammlungen, im Gemeindeblatt und sonstigen Veröffentlichungen, in letzterem sogar unter Verschleierung ihrer sonstigen Ziele, Vorgaben?! Haben sie nicht v:eln:ehr auf 'den gesicherten Schultern der Liberalen gestanden und nur weiter ausgebant, was die Liberalen geschaffen hatten?! Um nur ein Beispiel anzusühren: In dem Wahlaufruf der Zionisten stand, daß, unter zionistischer Verwaltung die Errichtung von Zweig-Bibliothelen m 'sieben Bezirken geschaffen worden sind. Haben die Zionisten vergessen, daß auf Anregung der Liberalen hin scho>: zu einer Zeit, als noch kein zionistischer „Geist" über der Versammlung schwebte, die Zweig-Bibliothek und Lesehalle in der Fasancnstraße geschaffen wurde und daß das der Anfang einer weiteren Entwicklung dieser wichtigen Einrichtungen sein sollte? Haben sie ganz vergessen, daß der Bau der Synagoge in der Prinzregentenstraße schon vor dem Kriege geplant und der Bauplatz gekauft war und daß uns die traurige Nachkriegszeit die schnellere Errichtung der Synagoge gehindert hat? Hat es nicht schon lange, bevor man den Zionismus auch, nicht einmal dem Namen nach» kannte, in der Berliner jüdischen Gemeinde Altersheime/Waisenanstalten, ein Krankenhaus usw. gegeben? Und ist nicht auch die Kunstsammlung etwa in der vorzionistischen Periode entstanden? Wie kann man solche Behauptungen aufstellen?! Gottesdienste Berli«»vste«. Liberale Synagoge Osten, Aula Mädchenschule Kaisrrstraße 30. Freitag, den 5. Dezember, abends 7.30 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Cohn. Berlin-Nocben. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Freitag, den 5. Dezember, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dir. Plaut. Sonnabend, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. BerltN'Westend. Liberale Synagoge Westrnd, Leistikowstraße 7-8, Aula. Freitag, den 5. Dezember, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Smarfenfki. Berlin. Jüdische Resorm-vemeinde. Gottesdienste am Sonntag, dm 7. Dezember. Johannisstr. 16: vormittags 10.36 Uhr; Predigt: Dr. Lehmann. Meiststr. 10: vormittags 10.30 Uhr; Predigt: Dr. Rosenthal. Wir wissen alte, daß der Kampf um die Bewilligung von Geldern für Einrichtungen in Palästina erst begonnen hat. Gewiß sind die 15 000 RM., die für die Universität in Jerusalem bewilligt wurden, nur ein kleiner Betrag in: Vergleich zu den sonstigen Ausgaben der Gemeinde. Aber lag den Zionisten denn nur an der Bewilligung dieses Betrages oder wollten sie nicht vielmehr der jüdischen Welt damit zeigen, daß auch! die Gemeinde Berlin die Bedeutung des Monistischen Werkes anerkannt hat, um in Palästina, wenn auch, nicht einen jüdischen Staat, so doch, wenigstens ein jüdisches Kulturzentrum zu schaffen? Mag der einzelne für Palästina noch, so viel opfern, das kam: jeder halten, wie er will. Mittel der Gemeinde, die den größten Teil ihrer Steuern von Nichtzionisten erhält, dürfen dafür niemals hergegeben weroen undvor allen Dingen jetzt nicht, wo die Not unter unseren Glaubensgenossen und den privaten sozialen Einrichtungen geradezu gen Himmel schreit. Wenn Herr Weizwann in eirrer Rede unlängst gesagt haben soll: „Man merkt heute keinen Unterschied mehr zwischen Zionisten und Nicht-Zionisten", so hat er sich in einen: großen Irrtum befunden, einem Irrtum, den die W,:hlen jeden: Einzelnen llar gemacht haben dürsten. Nicht einmal in der Büroarbeit ist die zionistische Tätigkeit auf der Höhe gewesen. Die Wahlliste wimmelte von tausenden von Fehlern. Hundertfach ist es vorgekommen, daß Ehefrauen nicht in ocr Liste verzeichnet waren. Andererseits sind Personen noch aufgeführt worden, die schon seit Jahren verstorben sind. Seit Jahren Verheiratete stehen doppelt im Verzeichnis usw. Ist es eine so schwierige Aufgabe, die Namen der Gemeindebüro Rosenstraße angemeldeten Verstorbenen sofort im Mitgliederverzeichnis in der Oranienburgerstraße zu streichen? Nun zur Frage der Einrichtung neuer jüdischer Schulen. Es wäre der größte Fehler, Kosten, die der Staat oder die Kommune zu tragen haben, der Gemeinde aufzübürden. Aber abgesehen von der Kostenfrage hat die bisherige Entivicklung gezeigt, daß, die Erziehung jüdischer Kinder mit andersgläubigen Kindern eher ein Vorteil als ein Nachteil ist. Was soll denn mit dem Unterricht in der jüdischen Schule besonders bezweckt werden? Weder in der Rechenstunde, uoch in der höheren Mathematik; weder ::: der Geographieftunde, noch beim fremdsprachlichen Unterricht gibt es irgend etwas spezifisch jüdisches zu lernen. Nur der Geist, der in der R el i gi o n sstn nd e herrs,ch t, ist es, d er das jüdische Kind zum Inden macht. Den Religionsunterricht so zu erteilen, daß er dieser Ausgabe gerecht wird, muß eine der wichtigsten Aufgaben aller Parteien sein. Daß dem jüdischen Kinde aus sittlühen 'Motiven in der Religionsstunde auch die Liebe zum deutschen Vaterland e eingeprägt werden muß, das sollte im Gegensatz zu zionistischen Bestrebungen für jeden deutschen Juden selbstverständlichsein. Wir, die wir mit AndersglLubi gen zusammen eine deutsche Schule besucht haben, haben aNe großen Gewinn daraus gezogen. Wenn in Flugblättern und Zeitungsaufsätzen Klage dar. über geführt wurde, daß wir zu viele Parteien haben, so hätten gerade diejenigen, die klagten, nicht noch eine neue Parte:, die Ueberpartei, gründen sollen. „Spotten ihrer selbst und wissen nicht wie." Es ser fern von mir, leugnen zu wollen, daß die Zionisten auch manches für das Judentum geleistet haben. Sie haben, wie anoert Parteien in der jüdischen Gemeinde auch, dazu beigetragen, daß mancher Jude, der nur noch lose mit dem Judentum verbunden war, wieder treuer Bekenner des Judentums wurde. Während aber die andern Parte:cn Wert darauf legten, ihre Anhänger der jüdischen Religion fester anzugliedern, begnügten sich die Zionisten damit, daß ihre Anhänger sich mit ihnen nur völkisch verbunden fühlen. Das ist der große Unterschied! 42000 Berliner Juden haben am 30. November für die Liste der Liberalen gestimmt, während nur 36000 Stimmen für alle anderen Parteien insgesaint abgegeben wurden, darunter 26 000 für die Zionisten. Damit haben die liberalen Juden der Reichshauptstadt tzu erkennen gegeben, daß die zwnistische Herrschaft in Berlin aufzuhören hat. Möge man sich in ganz Deutschlano an den Berliner Juden ein Beispiel nehmen! Line Zuschrift Wir werden um Veröffentlichung folgender Zuschrift gebeten: An die Redaktion der Jüdisch-liberalen Zeitung, Berlin Hallesches User 22. Sehr geehrter Herr Redakteur! Im Anschluß an die Notiz in der Wahlzeitung bitte ich Sie, in die nächste Nununer der Jüdisch-liberalen Zeitung noch folgende Notiz bestimmt auf neunten zu wollen: „Mit Rücksicht aus unsere Notiz in unserer Wahlnummer betreffend die Unterschrift des verstorbenen Herrn Professor Dr. Schaefer unter der „Deutschen Liste" sehen wir uns veranlaßt, noch folgendes mitzuteilcn: Herr Sanitätsrat Dr. Peyscr voi: der „Deutschen Liste" legt Wert auf die Feststellung, daß ihm .Herr Professor Dr. Schaefer nach vorheriger telcfonischenr Anfrage den Aufruf mit seiner Unterschrift versehen übermittelt habe, und zwar den vollen Text des Ausrufs, in dem zur Wahl der deutschen Liste aufgefordert und die Kandidaten benannt worden seien. Die Angehörigen des Verstorbenen erklären hierzu, daß es ihnen von vornherein fern gelegen hat, wegen dieser Unterschrift gegen irgend jemand einen Vorwurf zu erheben, daß sie daher lediglich auch nur von einem Mißverständnis ge-, sprachen haben, ein Mißverständnis, das übrigens, wie der Sachverhalt ergibt, nicht auf Seiten des Herrn SanitütsratS. Dr. Peyser, sondern auf Seiten des verstorbenen Herrn Professor Dr. Schaefer obgewaltet hat. Daß aber ein Mißverständnis Vorgelegen hat, wie es durch die schwere Erkrankung des Verstorbenen sich erklärt, bleibt für die Angehörigen aus dem bereits in der vorigen Notiz angegebenen Grunde nach wie vor außer Zweifel." Hochachtungsvoll Dr. W. Breslauer, Rechtsanwalt. Sendet de« fälligen Beitrag für das 4. Quartal »»»« aus das Postscheck-Konto der Vereinigung für da» liberale Judentum Berlin Nr. 137069 ein. der Massen und Gewissenskonflikten erfüllten Jahrzehnten zum Bewußtsein seines Judentumes hindurchgerungen. Nathansen bezeichnet die tiefinenschliche Tragikomik, die in der Tiefe von Georg Brandes Erkenntnis und Selbsterkenntnis wurzelte: in der tragikomischen Blutsbrüderschaft seines Werkes und seines Wesens — ist dem Blutsbündnis von „Sanguinitas und Melancholia" —, als eine Mischung aus Verachtung und Selbstverachtung, die Brandes selbst in seiner tragikomischen Geschichte von Don Quixote und Hamlet, in der Begegnung zwischen dem „wandernden Ritter von der traurigen Gestalt" und dem schwermütigen Prinzen von Dänemark erzählt hat, „deren tiefere Uebereinstimmung keiner verstanden hat. Wir lernen durch Nathansen den wandernden Ritter kennen, der sich müde auf den Grabenrand setzt und zurückschant auf sein heimatloses, wurzelloses und friedloses Leben. Nie war er so toll gewesen, wie seine Spötter erzählten, die Windmühlen, gegen die er kämpfte, für wandernde Ritter zu halten. Und nicht an Windmühlen war die Lanze zersplittert, sondern an Granit — an der festen Burg der Dummheit. Spät, sehr spät erst sollte die dämonische Natur eines Brandes erkennen, daß er sich selbst nur finden konnte in der Selbstentwicklung durch Versenken in jene königlichen Reihen von Heroen des Geistes, den großen, ebenfalls heimatlosen, wurzellosen und friedlosen, den „geborenen^ Fürsten von Gottes Gnaden in ihrer terra incognita des Geistes, die die Ewigkeit einschließt; den Shakespeare, Goethe, Voltaire, Caesar, Michelangelo, die alle Brandes der europäischen Welt und dem europäischen Geiste nahe gebracht hat. Nathansen, der von Brandes sagt, daß er immer der unglückliche Liebhaber Dänemarks war und blieb, läßt ibn selbst aussprechen: „Die Juden Westeuropas, die dänisch, französisch, englisch, deutsch sprechen, haben seit ihrer bürgerlichen Gleichstellung mit den übrigen Bewohnern des Landes sich in der Regel einfach als Dänen, Franzosen, Engländer, Deutsche gefühlt. Wenn sie religiöse Ueberzeugungen hegten, machte dies der Naüonalität keinen Nachteil. Meine Ueberzeugungen waren aus Spinoza abgeleitet, und Spinoza wurde nicht allein von den Christen verabscheut, sondern von der Synagoge ausgestoßen. So geschah es, daß ich mich nur dann als Jude fühlt«, wenn ich Jude geschimpft wurde, aber das geschah freilich seit dem ersten Tage meines öffentlichen Auftritts. Kein einziger meiner Gegner hat es verschmäh», meinen jüdischen Ursprung in Erinnerung zu bringen. So konnte ich unmöglich vergessen, daß ich Jude tvar, oder richtiger, daß ich als Däne »veder in Dänemark noch im Auslande für voll genommen wurde. Das Wort A s s i m i l a n t existierte in meiner Jugend nicht. Ich habe es nicht gehört, bevor ich fünfzig Jahre alt war. Ich lehne es entschieden ab, zu den sogenannten Assimilanten gezählt zu werden. Ich habe bis zu meinem 24. Jahre nie eine andere Sprache als dänisch gesprochen; ich kann noch heute kein Wort hebräisch; ich bin in dänisch-nationalen Vorstellungen ausgewachsen; ich habe von Hause ans sprachlich und kulturell nichts Jüdisches an mir gehabt. Die „Assimilation" konnte mir nichts nehmen." Georg Brandes leugnete mit den: ganzen Furor seiner nur zu leicht exaltierten Seele die Existenz einer jüdischen Nasse sowie die Existenzmöglichkeit einer jüdischen Nation. Mit beidem mag er Recht gehabt haben. Und so erwuchs allmählich aus dem Boden seiner Abkehr von dem N u r j u d e n in sich und hinwiederum der Abwehr Dänemarks gegen ihn etwas Größeres, Vielfältigeres, Gewaltigeres: nämlich der „Europäer". Aber, wie es Heinrich Heine ergangen war, der aus den Notwendigkeiten seiner Zeit heraus ein Renegat geworden war und der in der „Matratzengruft" sein herrlichstes Buch, feine „Geständnisse" schrieb, in dem er sich wieder des Gottes seiner Väter erinnerte und ihm aus abgeschworenem Glauben und verhöhnter Sehnsucht einen besonders kostbaren Teppich wob, um ihn niederzulegen zu den Füßen des großen Unsichtbaren, der das Sittengesetz vom Sinai gegeben; so und nicht anders erging es auch dem alternden Brandes, dem aus seinen: allumfassenden Europäertum mit den zunehmenden Jahren — vielleicht auch mit der zunehmenden Heimatlosigkeit und Wurzellosigkeit — zuvörderst ein schüchternes, alsdann aber ein immer i:npetuoseres Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem Judentum und ein immer stärkeres Verständnis für jüdische Bestrebungen erwuchs. Am Ende seines Lebens wünschte er „ein Buch zu machen, welches zeigt, daß das Neue Testament Dichtung und Jesus eine erdichtete Persönlichkeit ist. Nicht in der Absicht, Menschen ihren Glauben zu rauben — was untunliche und unnütze Arbeit wäre —, sondern um wissenschaftlich nachzuweisen, daß die Juden keine Persönlichkeit gekreuzigt haben können, die nie existiert hat — ein Aberglaube, der den Haß und die Grausamkeit der ganzen Welt auf das Haupt eines unschuldigen Volkes herabgerufen und es für Jahrtausende rechtlos, friedlos und heimatlos gemacht hat." Georg Brandes ist Zeit seines Lebens ein Stück Ahasver gewesen. Darum konnte er vielleicht von der „Familie Dänemark" ausgehen, seine Heimat in Europa finden, um schließlich im Schoße Israels zur ewigen Ruhe einzugehen. Ein großer Poleiniker, ein noch größerer Problematik er, zuweilen auch ein Pcmchhletist, immer aber ein Aufrührer und Revolutionär von reinstein Blut, ein Kämpfer für Wahrheit und Recht, so hat Brandes sein Erdenwallen unter der Spaltung des Kainszeichens auf der Stirn vollendet. Denn das Gegensätzliche: in ihm ward es Ereignis. Und Nathansen mag Recht haben, wenn in seiner Phantasie die widerspruchsvollen und widerstrebenden jüdischen Wesenszüge eines Georg Brandes sich ihm in dem Janusbild des von Nembrandt herrührenden verschinolzenen Doppelantlitzes Sauls und Davids zu einem Gesmnteindruck vereinigten. Nathansen hat die Frage „Jude oder Europäer" durch die Synthese des großen Europäers Georg Brandes beantwortet. Er hat ihm zwei Lebensquellen gegeben: Hellas und Judäa. In einem pathetischen Abgesang ruft er dein großen Freunde nach: „Wie das Licht aufflammt, ehe es erlischt, sammeln sich seine Natur, die Judäa angehörte, und sein Geist, ber Hellas angehörte. in einer letzten flackernden Flamme. Das letzte Licht seines Geistes und die letzten Tropfen seines Blutes opfert er den leicht dahin^ lebenden Göttern von Hellas und den hart richtenden Göttern von Judöa — Eros und Ethos, Sanguinitas und Melancholia, den zwei dämonischen Mächten, die das ganze Lebe»: lang in seinem streitenden und streitbaren Gemüt um die Macht gekämpft haben." Ein solcher Dualismus wird oftmals auch in manchen, minder genialen, Juden Europas als brennende Amsortas- Wunde schwären. Aber es wird immer nur einen einzigen heilenden Balsam geben, zumindest für den westeuropäischen Juden, und der w:rd heißen: Europa sor ever. Wir leben in der Diaspora: gewiß, aber nicht mehr im Golus, nicht mehr im Ghetto. Wir leben als freie Menschen unter freien Völkern. Unsere Träume und Sehnsüchte mögen die uralten Straßen des Wüstenwanderstammes ziehen und ihre Ziele in biblischen Legenden erblicken; unsereRechteund unsere Pflichten aber gehören den Ländern, in deren Kultur- und Sprachgemeinschaft wir geboren und aufgewachsen sind.