Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 49 (4.12.1930)
- Date
- 1930-12-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Wahlkreis Sachsen. Rechtsanwalt Dr. M e r z b a ch (Magdeburg). Wahlkreis Hannover, Schleswig-Holstem. Frau Hanna Cohn Dorn (Hannover), Dr. Cohn (Hildesheim). Wahlkreis Westfalen. Rechtsanwalt Dr. W. K a tz e n st e i n (Bielefeld), Frau Ottilie Schönewald (Bochum), Em. Goldschmidt (Dortmund), Rabbiner Dr. S t e i n t h a l (Münster). Wahlkreis Frankfurt a. M. Dr. Richard M e r z b a ch, Rabbiner Dr. Arn. Lazarus, Frau Lulu Bloch-Neustadt, Direktor Richard Schneider, Sanitätsrat Dr. Albert Ettling er, Oberregierungsbaurat a. D'. und Reichsbahnoberrat Jul. Cohen. Wahlkreis Hessen-Nassau. 'Bankier Ballin (Kassel), Rabbiner Dr. Lazarus (Wiesbaden). Wahlkreis Köln. Rechtsanwalt Dr. Heinrich F r a n k, Lehrer Engen I c - c ob i, Rechtsanwalt Dr. Siegfried Kauf in a n n. Wahlkreis Nheinprovinz. Erich Felsenthal (Düsseldorf), Dr. Georg H i r s chland (Essen), Justizrat Dr. Franken (Aachen), Frau Ruth Stern (Rheydt), Carl Kaufmann (Mülheim- Ruhr), Rechtsanwalt Brück (Wuppertal-Elberfeld), Rechtsanwalt Dr. Siegfried K a n n (Düsseldorf). Nicht die Menge, sondern der Geist (Ein Wahlepilog.) Von Dr. Karl Rosenthal, Berlin. Mit einem glänzenden Siege des jüdischen Liberalismus hat die Wahl am 30. Novbr. geendet. Das zionistische Nationaljudentum hat eine Niederlage erlitten, von der cs sich — wie wir hoflen — so bald nicht wieder erholen wird. Helle Freude herrscht in der jüdischen Wählerschaft Berlins, tiefste Befriedigung, daß. der jüdische Nationalismus, der eine toeit über seine zahlenmäßige Bedeutung hiuausgeheude Machtposition in 'den letzten 4 Jahren eingenommen hatte, in die ihm gebührende bescheidene Stellung zurückgewiesen ist. Wer in diesen Tagen die 'freudige Begeisterung zehntausender Juden über den Wahlausgang erleben durfte, wer cs mitempfand, was im ganzen deutschen Baterlande die Seelen unserer 'Glaubensbrüder bei 'der frohen Kunde des entscheidenden Sieges bewegte, der fühlte sich au des Dichters Wort erinnert: „Nun laßt oie Glocken von Turm zu Turm durchs Land frohlocken im Jubelsturm!" Wir haben es gewußt, seit Jahren, wie die Berliner Judenheit empört war über die zionistische Führung oer Gemeinde: wir sahen die Mißt immun g, Verzweiflung, Trauer, die die Gemüter erfüllte, weil eine 'jüdisch-völkisch orientierte Gemeindeverwaltung mit den Sckilagworten und Phrasen einer reaktionären, romantischen Politik die Geschicke der Berliner Juden glaubte führen zu dürfen: wir sahen 'schließlich, als der auch von uns zuerst abgelehnte Wahlkampf unvermeidlich geworden war, die Opfer- Willigkeit unserer Freunde, die Hilfs- und Tatbereitschasl aller liberalen deutschfühlenden Juden. Daß aber unsere Bewegung in solchem Ausmaß wachsen würde, daß ein solches Feuer der Begeisterung all unsere Freunde erglühen lassen würde im Kampf um unsere Ideale, daß unsere beutftf3‘ fühlende jüdische Jugend ebenso wie die weißhaarigen Alten, Männer und Frauen, in solch beispielloser Hingebung nnd Kraftanspannung sich erheben würden zum lgeistigen Kampf gegen eine uns allen zutiefst wesensfremd e psend oj üdi sche Bewegung: das haben wir ehrlich gestanden, bei aller Siegeszuversicht und bei aller Hofsnnng aus den Erfolg, nicht voraus geahnt! Wissen wir doch sogar von konservativ und mittelparteilich ringestell¬ Zude oder Europäer Von Doris W i t t n e r. Jude oder Europäer? Das ist eben heute eine der brennendsten Tagesfragen, ein für alle Völker der Erde aktuelles Problem. Aktuell einerseits, weil die antisemitische Bewegung heutzutage allenthalben, — vielleicht mit der einen nobeln Ausnahme des sreigeistigen Frankreichs — immer höhere Wellen zu gischtender Brandung emporschichtet; aktuell andererseits, weil die jüdische Nationalpolitik, inauguriert durch den Zionismus, dank der Schwenkung der großen britischen Weltpolitik und der verwerflichen Abkehr Englands von der Balsam-Deklaration auf das schwerste gefährdet erscheint. Unsere persönliche Stellungnahme zum Zionismus ist hinlänglich bekannt. Wir haben wohl kaum nötig, nochmals zu erklären, daß wir den Zionismus, insbesondere um seiner spezifisch nationalistischen Wesensart willen (ebenso wie andere chauvinistische Strömungen) für eine rückläufige Kulturbewegung erachten; daß wir aber trotzdem weit davon entfernt sind, die idealen Motive, die zu dieser großen Emotion innerhalb des Volkes Israel geführt haben, zu verkennen.' Druck erzeugt Gegendruck. Und wenn seinerzeit — schier dreißig Jahre sind es her — auf die grausamen Judenverfolgungen in Rußland, Rumänien und anderen südöstlichen Staaten, auf die Dreyfus-Afsäre in Frankreich und die Stöcker-Aera in Deutschland eine. Reaktion erfolgte, die da glaubte, den uralten Sehnsuchtstramn Israels von dem Lande seiner Väter als der ihm zugehörigen Erde erfüllen zu wollen, so sind wir die letzten, die die Wurzeln einer solchen Ideologie zu bestreiten vermöchten. Ein anderes aber ist das Ideal, nach dem die beseelten Hände von Träumern und Schwärmern sich in den luftleeren Raum zu strecken begehren; ein anderes rst die harte Realität, von der es heißen muß: „Doch eng im Raume stoßen sich die Sachen." Wir haben für die westeuropäischen Juden immer die These geltend gemacht, daß sie sich als Staatsbürger des Landes zu fühlen hätten, dem sie nach Geburt, Sprach-und Kulturgemcinschaft angehörten, daß sie daneben ihre religiösen Traditionen und Ueberzeugungen inbrünstig pflegen dürsten, ohne jedoch nationale Sonder Privilegien aus ihrer Stammesgemeinschaft abzuleiten. Für den osteuropäischen Juden, dem fast nirgends staatsbürgerliche ten Inden, daß sie nicht nur für die liberale Liste gestimmt haben, sondern daß sie sich sogar für die Wahlagitation selber mit edler Bereitschaft zur Verfügung stellten, aus' dem einzigen Grunde, weil sie es für ihre heilige Pflicht als Juden und Deutsche hielten, der ganz unberechtigten Führung der Jüdischen Gemeinde Berlin durch Vertreter der zionistischen Minderheit ein gründliches Ende zu bereiten. Der Sieg ist unser! Mit 24 Mandaten von 41 zieht die liberale Fraktion in die Repräsentanz; sie hat dort die absolute Majorität gegenüber 15 Zionisten und 2 Vertretern anderer Parteien. Das Wahlergebnis darf als ein gemeindepolitischer A n s ch a u u n g s u n t c r r i ch t für die jüdische Wählerschaft angesehen werden. Mit absoluter Deutlichkeit wird aus dem Hintergründe dieser Wahl das Ziel sichtbar, um dos gerungen wurde: Ist uns oas Judentum religiöser oder nationaler Besitz? Fühlen wir uns als Glieder unseres deutschen Volkes, oder erkennen wir die zionistische Fiktion eines jüdischen Volkstums an? Die Wähler gaben die Antwort, und sie war vernichtend für die Vertreter der nationaljüdischen Anschauung. Diese deutliche Frontstellung der Wählerschaft ergibt sich aber auch weiterhin ans oer erfreulich«! Tatsache, daß alle Parteien, die sich einer klaren Entscheidung durch. Verschleiernug ihrer Ziele zu entziehen suchten, vernichtet am Boden liegen. Tic religiöse Mittelpartei, die zwischen dem konservativen und liberalen Judentum keinerlei Existenzberechtigung bat. die mit so großem Aufwand an Geld und Pbrasen ins Leben gerufene Parte, zur Bekämpsung der Parteien („Ueherpartei") sind zur Einflußlosigkeit verurteilt; die positiv-liberale Liste (9), deren „Positivismns" im Gegensatz zum Liberalismus einzig und allein in ihrer unklaren nnd wirren Haltung gegenüber dein Zionismus besteht, dessen Ideologie sie ablehnt, dessen Institutionen (Jewish Agency) sie unterstützt, har?s trotz tönender Worte noch, nicht einmal zu 1 Mandat bringen können. Die Entscheidung — wie gesagt — fiel zwischen nati onaljüdisch em Zionismus auf der ein'en, dem religiösen Jndentum, vertreten durch den Liberalismus, auf der andern Seite. (Leider haben die Konservativen, die zu oft mit dem Zionismus geliebäugeti haben, den größten Teil ihrer Wähler an die Indische Poskspartci verloren und darum kern Mandat errungen.) Der Sieg 'ist unser! Und wir dürfen gewiß daraus stolz sein und uns des Erreichten freuen. Wir haben seit der vorigen Wahl 20000 Nichtwähler an die Urne geholt. 42 000 Stimmen, 24 Mandate — ein schöner Erfolg. Aber Erfolg verpflichtet! Nicht die Menge der Mandate wird im Urteil der Geschichte entscheidend sein für die künftige Führung der Gemeindepolitik dudch die Liberalen, j sondern allein der Geist, in welchem die liberale Fraktion | das ihr durch bas Vertrauen der Massen übertragene Mandat ausübt! Klar und eindeutig ist durch die Wähler mit ihrem Stimmzettel zum Ausdruck gekommen, was sie erwarten, welche Politik sie fordern: die Führung der größten jüdischen Gemeinde in Deutschland, die f-. aller deutschen Juden umfaßt, im Geiste des religiösen Liberalismus ans dem Grunde deutscher Volksnnd Staatsgesinnnng. Die jüdische Gemeinde wünscht, daß Schluß gemacht wird mit allen zionistischen Experimenten, daß die Steuergelder nicht mehr außerreligiösen Zwecken geopfert werden, und daß die Geineindc im besten Sinne wieder das wird, was sie war und sein soll: Pflegestätte und Mittelpunkt des jüdisch-religiösen Lebens! Das bedeutet zunächst Rückkehr zu der großeil Tradition des jüdischen Liberalisiuus aus deiu porigen Jahrhundert. Das religiöse Leben unserer Gemeinde darf nicht achtlos vorüber gehen an deu Ergebnissen der modernen Wissenschaft. Der Forschung tvie der Lehre gebührt alle Pflege; der Religions'unterrlch t muß das klare Ziel haben, unsere Jugend im Geiste moderner Religiosität zu erziehen. Nur dadurch schaffen wir wahrhaft religiöses Leben, nur dadurch gewinnen wir die Jugend aufs neue nnd bewahren wir ihr die religiöse Begeisterung früherer Zeiten. Ter Gottesdienst muß in seinem gedanklichen Inhalt wie im äußeren Aufbau der Mentalität modern denkender Menschen des 20. Jahrhunderts entsprechen. Lebendige Erneuerung tut not, welche die Bor- Gleichberechtigung gewährt ward, mochten andere Imponderabilien und vielleicht auch gefühlsmäßige Gesetze herrschen. Wenn uns nun heute aber der dänische Schriftsteller Henri N a t h a n s e n ein Porträt von Georg Brandes unter dem Titel „Jude oder Europäer" (Verlag Rütten nnd Loening, Frankfurt am Main) überreicht, so zucken wir zuvörderst befremdet die Achseln, weil uns angesichts des Namens nnd der Persönlichkeit von Georg Brandes allein schon die Fragestellung Jude oder Europäer paradox erscheint. Demi wer, wenn anders nicht ein Georg Brandes, wäre wohl im Nietzschechen Sinne des Wortes „ein guter Europäer" gewesen? Kaum ein anderer großer Geist des Jahrhunderts hat so pan europäisch gewirkt wie Georg Brandes, der mit den größten Männern seiner Epoche, aber aller Nationen, in lebendigem Gedankenaustausch stand, und der auf die Zumutung, „em jüdischer Patriot", oder sagen wir besser, ein jüdischer Nationalist zu sein, die krasse Antwort erteilte: „Schabe den Idioten, du findest den Patrioten." Wir haben in Georg Brandes stets einen der universellsten Geister des neunzehnten Jahrhunderts verehrt, dessen literarische und kulturelle „Hauptströmungen" er uns meisterhaft zugänglich gemacht hat. Und nun lesen wir bei einem engeren Landsmann von ihm, dem angesehenen dänischen Schriftsteller .Henri Nathansen, den lange Jahre der Freundschaft mit Brandes verbunden haben, daß auch das Leben dieses „guten Europäers", das sünsundachtzig Jahre gewährt Hat, in seinen Hauptelementen nichts gewesen ist als unendlicher, qualvoller und aussichtsloser Kampf zwischen Abstammung und Staatsbürgertum. Henri Nathansens Buch, eine Biographie, funkensprühend von Subjektivismus, und gerade darum reizvoll in ihrer prickelnden Dynamik, stellt wohl den Kenner und Erkenner internationaler Literaturen, den Meister eines abgeschliffenen Stils in vielen europäischen Sprachen, den leidenschaftlichen Knlturverbreiter von unbestrittenem Weltruhm anschaulich vor uns hin. Aber neben dieses treue Bildnis rückt Nathansen noch die große Auseinandersetzung, die zwischen dem Juden und dem Europäer Georg Brandes acht Jahrzehnte hindurch getobt und gestürmt hat. Als Sohn einer guten jüdischen Familie jedoch, ohne die geringsten religiösen oder traditionellen Bindungen, in Kopenhagen geboren, hat Brandes — nach Nathansen — trotzdem schon als kleiner Knabe die Gegnerschaft der dä- Ledingung ist für eine persönliche Akti vital ber Gemeindernitglreöcr bei der Gestaltung unseres Kultus. Fön. dernng des religiösen Lebens in Gottesdienst, Schule und Haus, Pflege der sozialen Ausgaben auf allen Gebieten wird die dringlichste Pflicht unserer erwählten Vertreter. Allen berechtigten Bedürfnissen der verschiedenen religiösen Richtungen muß die liberale Fraktion — wie es auch früher der Liberalismus getan — Rechnung tragen. Nachdem die konservative Gruppe im Gemeindeparlament nicht mehr vertreten ist, muß eZ Ehrenpflicht des Liberalismus sein, den konservativen Gemeindemitgliedern alle religiösen Möglich-. feiten zu gewähren, deren diese Gruppe bedarf. Ans der anderen Seite wird er für die Masse der Berliner Juden, die zum Liberalismus sich bekannt haben, die notwendigen Einrichtungen schassen. Tie Einheitsgemcinde, die von allen Richtungen gewünscht wird, muß für den gemäßigten Liberalismus im gleichen Maße wirken wie für diejenigen Liberalen, die eine entschiedenere Betonung des modernen Geistes im religiösen Leben wünschen und sich zur Reform- Gemeinde zusammengeschlossen haben. Toleranz im edelsten Sinne bleibe unantastbares Ideal im religiösen Leben! Wenn so die vorstehenden Forderungen Rückkehr zum rein r cT igiösen Charakter unserer Gemeinde bedeuten, so muß nunmehr mit aller Entschiedenheit betont werden, daß in Konsequenz dieser grundsätzlichen Einstellung die jüdische Gemeinde von all ihren Mitarbeitern — Rabbinern, Lehrern, Beamten — eine positive Haltung zu diesen Forderungen verlangen muß. Der n a t i o n a l j ü o i s ch e Geist, der mehr und mebr in alle Zweige der Verwaltung wie der religiösen und nntcrrichtlichen Institutionen einzog, muß verschwinden! Wer „jüdisches Milieu" (d. y. künstliches Ghetto) will, widerstrebt dem klar und' eindeutig zum Ausdruck gebrachten Millen der Wählerschaft. Wer die Gemeinde zum Tummelplatz nationaljüdischer Theoretiker und Praktiker machen will, verkennt ihren Sinn und darf über ihre Geschicke nicht entscheiden. Tie liberale Fraktion trägt die Verantwortung für die Zukunst unserer Gemeinde. „Nicht die Menge, sondern der Geist." Die Wähler haben am 30. November gesprochen: wir kennen ihren Willen. Unsere berufenen Vertreter aber dürfen nicht glauben, das Merk sei mit der Wahl beendet: der 30. November, vas war der Anfang!! Abrechnung Von Tr. M. Lipschitz. Als ich in Nr. 47 d. Bl. am Schlüsse meines Weckrufes schrieb: Gelingt es, auch nur einen Teil der Indifferenten zu bestimmen, zur Wahl zu gehen, dann ist uns um den glänzenden Sieg der Liberalen nicht bange, da hatte ich schon das Gefühl, daß cs dieses Mal zu einer Niederlage der Zionisten kommen würde. Je näher wir dem Wahllage kamen, desto größer wurde die Wahrscheinlichkeit, das; die Liberalen siegen würden. Heute, wo der Sieg errungen ist, gilt cs, mit den Zioiiisten endlich abzurechnen. Was haben wir in den -letzten Jahren nicht alles erdulden müssen von dem Tage an, da Herr Klee als Repräsentant in die Gemeindeverwaltung eimrat! Manchmal kostete es uns, den liberalen Repräsentanten, Ueberwln'dung, ibn: zuzuhören und noch mehr, ihm auf seine, vielfach zum Fenster hinaus gehaltenen Reden in vornehmer Weise zu antworten. Wie hat er unsere Jüdischliberale Zeitung, die bei ihrem Entstehen in bescheidenem Format herauskam, geschmäht! Wir haben alles geduldig ertragen, wußten wir doch, daß einmal der Tag kommen wird, wo „die heilige Jlios hinsinkt" und wir Liberalen mit den Zionisten würden abrechnen können. „Bis hierher und nicht weiter!" hatte ich geschrieben. Nicht weiter, meine Herren Zionisten! Der Tag der Abrechnung ist nun gekommen. Der 30. November ist ein Ruhmesblatt nicht nur in oer Geschichte oer Jüdischen Gemeinde zu Berlin, sondern des gesamten I nischen Volksart der jüdischen Psyche gegenüber zu fühlen I bekommen. Er war, wie viele seinesgleichen, wie Nathansen es ausdrückt, „schon im Start auf besondere Art gehandicapt". Und mit glühender Leidenschaftlichkeit zeichnet Nathansen auf, wie der indolente und indifferente Jude Brandes, der den Juden zu Beginn seiner Laufbahn in sich verleugnete, der von einem Solidaritätsgesühl des jüdischen Stammes nichts wissen wollte, der dem dänischen Landsmann, dessen Kultur und Sprache er teilte, hundertmal die Hand hinreichte und diese Hand hundertmal zurückgestoßen fühlte, wie dieser Mann, je älter und erfahrener er wurde, mehr und mehr die zwangsläufige Zusammengehörigkeit mit dem Judentum in aller Welt empfinden lernte, empfinden lernen mußte. Nathansen schreibt: „Wie ein bedrohtes und gereiztes Tier_ rüttelte Brandes an den Stangen, ivenn die Menge auf sein Gesucht zeigte und ihm die Abstammung unter die Nase rieb. Immer zorniger, inaner wilder, immer schneidender wurde sein Protest, so daß er mit den Jahren zu. einer Art Verfolgungswahn stieg, dcr in den Ohren von Juden, nnd Richtjuden schnarrend nach Abfall und Verleugnung klang. Bis er endlich gegen Ende seines Lebens instinktiv die Neme - sis fühlte, die selb st der schärf st < Verstand und der heftigste Wille nicht abzuwenden vermag. Je schärfer und heftiger er sich distanzierte, desto schärfer unterstrich er seine Abstammung, und desto heftiger boten seine dänischen Mitbürger dem Verleugner Trotz. Denn das Tragische im Geschick eines Juden ist nicht, sich geistig heimatlos zu fühlen, wie Brandes es in einer Abhandlung ausdrückte. Die tiefste Tragödie ist die, welche ihm selbst beschicken ward: sich seelisch heimatlos zu fühlen. Er entzog die Hand seinen jüdischen Stammesgenossen, um sie seinen "dänischen Landsleuten zu reichen. Aber die nahmen nicht die Hand an, die sie möglicheriveise angenommen hätten, wenn er sie ihnen offen und ehrlich als Jude gereicht hätte." Der große Europäer, der erst, nachdem er den Kosmopolitismus und Ekklektizismus in sich überwunden hatte, mit offenem und stolzem Visier sein Selbstgefühl und Zusammengehörigkeitsgefühl mit jüdischer Natur und jüdischem Geist bekennen und ihnen zufolge seine grandiosen Bücher über „die großen Kampfhähne", Lassalle, Gambetta, Disraeli und Heinrich Heine schreiben sollte, der aus Gerechtigkeitssinn, nicht aus Philosemitismus für den Hauptmann Alfred Dreyfus und gegen den Ritualmord zu Kiew kämpfte, hat sich auch erst in langen, von Verfolgung, Trauer um die Dummheit