Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 49 (4.12.1930)
- Date
- 1930-12-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ISbMMeraleZeilMg Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. D. iVee«ntiv«»kl. Redakteur: Btmo Woyda. $t«9minigniig füt dar liberale Judentum übernimmt nur für -ieleniaen Äpftähe, die ausdrücklich als in ihrem Namen Die »Jüdisch-liberale Zeitung" erschein» jeden MUtwoch. Redaktion «ad Geschüstaslell« Bettln Sw 11, Hallesch« Sit. 1 Aernruf: Bergmann 3358, 3359 Postscheckkonto: Berlin ND 7, 137069 (Vereinigung für da» liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährlich Rk. 3.— Einzelnummer 0.25. Bei freier Zusendung i. Inland ÜL0 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mltgliedsbeitrage enthalten. Anzeigenpreise: Die 12 gespalt. Nonpareillezeile L45 Anzeigentarif darch die Geschäftsstelle. Anzeigenannahme bei der Geschäftsstelle u. fämtl. Annoncen-Expedil. Nr. 49 Berlin, 4. Dezember 1930 10. Jahrgang Der liberale Wahlsieg in Berlin Absolute liberale Mehrheit — Niederlage der Jüdischen Volkspartei Zusammenbruch der Splitterparteien Ergebnis: 24 Liberale» 14 Volkspartei» 1 Poale Zion» 1 Alittelpartei, 1 Ueberpartei Die Entscheidung, die am 30. November in der Berliner Jüdischen Gemeinde getroffen wurde, wird ein Echo in der gesamten jüdischen Welt und auch bei den an jüdischen Ereignissen interessierten Nichtjuden finden. Die Entscheidung besagt: Es muß Schluß gemacht werden mit der Durchführung zionistischer Experimente im jüdischen Gemeindeleben/ es muß Schluß gemacht werden mit der Selbstabkapselung der Juden, mit dieser eigenen Errichtung eines neuen Ghetto, es muß Schluß gemacht werden mit der Unterordnung jüdischer Institutionen und jüdischer Gemeindebearnter unter zionistische Willkür und zionistische Anmaßung. Noch zwei Tage vor der Wahl hieß es in dein zionistischen Hauptorgan, der Jüdischen Rundschau: „Der wahre Angeklagte vor dem Richterstuhl der öffentlichen Meinung in diesem Wahlkainpf ist die liberale Richtung des Judentums, die Vertreterin des Assimilationsgedankens, und die wahren Ankläger sind die Repräsentanten der Jüdischen Volkspartei, denn sie wollen die Liquidierung des alten liberalen Trotts und sie wollen aus der Gemeindevertretung eine Geschäftsführung machen an Stelle einer Konkursverwaltung der durch die uneingeschränkte jahrzehntelange liberale Herrschaft herbeigesührten Pleite des deutschen Judentums." Es lohnt heute nicht mehr, über derartige Geschmacklosigkeiten zu streiten. Das Urteil der Wähler besagt mit völliger Eindeutigkeit, wer angeklagt und verurteilt worden ist. Es sind wahrlich nicht die Liberalen, es sind die Führer der Jüdischen Volkspartei, die seit dem unerfreulichen Ausfall der Wahlen von 1926 einen unerträglichen Terror im jüdischen Leben Berlins ausübten. Die Entscheidung der Wähler bedeutet eine Bejahung der jüdischen Religionsgemeinde und eine scharfe Absage an die zionistische „Volksgemeinde". Die Liberalen werden jetzt zu zeigen haben, daß sie mit der Verwirklichung ihrer Forderungen Ernst zu machen gewillt sind. Sie werden keine leichte Aufgabe zu erfüllen haben. Verwaltung und Finanzen sind neu zu ordnen, die Beamtenschaft der Gemeinde ist zu entpolitisieren und die vielseitigen „Segnungen" sür die Gemeindemitglieder aus der zionistischen Aera müssen beseitigt oder gewandelt werden. Der Wechsel in den Mehrheitsverhältnissen darf nicht nur ein Wechsel der Personen, es muß ein Wechsel des Systems fein. Die liberale Tätigkeit wird mit dem Abbau der zionistischen Stellungen in der Gemeinde beginnen und in dem vorbildlichen Aufbau und Ausbau der sozialen und religiösen Gemeindeinstitutionen sich bewahren müssen. Die Liberalen erhielten bei den Wahlen im Jahre 1926 etwa 24000 Stimmen, bei der diesjährigen Wahl annähernd 42000 Stimmen. Es gelang ihnen, über 17000 Nichtwähler der vorigen Wahl zu aktivieren. Das ist ein Ergebnis, das Zufriedenheit auslösen kann. Zumal, wenn man bedenkt, daß infolge der unglaublich liederlichen Aufstellung der Wählerliste den Liberalen nach vorsichtigsten Schätzungen mindestens 8—10000 Stimmen verloren gingen von Personen, die mangels Eintragung in die Wählerliste ihr Wahlrecht nicht ausüben konnten. Wenn auf der anderen Seite auch die Jüdische Volkspartei einen recht erheblichen Stimmenzuwachs verzeichnen konnte, so ist das zurückzuführen auf zahlreiche Wahlunkorrektheiten — um einen mildm Ausdruck zu wählen — und auf die Tatsache, daß die Volkspartei Zionismus und „Erez Israel" im Wahlkampf schamhaft bei Seite stellte und sich gehörig aufs Renommieren verlegte. Bleibt noch ein Wort über die Splitterparteien zu sagen. Bedauerlich ist, daß die selbständigen Konservativen — wohl zum ersten Male in der Geschichte der Berliner Jüdischen Gemeinde — ohne Mandat ausgegangen sind. Die Liberalen sollten sich aber dennoch bemühen, ihnen bei der Wahrnehmung ihrer religiösen Interessen eine Vertretung, soweit noch möglich, zu sichern. Sie würden damit dokumentieren, daß sie den Geist religiöser Toleranz unter allen Umständen zu verwirklichen bestrebt sind. Ebenfalls leer ausgegangen sind die beiden ostjüdischen Listen, von denen die eine (antizionistische) infolge der volksparteilichen Schikanen am letzten Tage vor der Wahl Stimmenthaltung proklamierte, die dem , Verband nationaldeutscher Juden nahestehende „Deutsche List^, die für eine Religionsgemeinde ebenso abwegig ist wie erne zionistische Liste, und die Partei der sogenannten „Po- Das Wahlergebnis Vergleichszissern zwischen der Wahl von 1926 und der jetzigen sind nur schwer möglich, da die Zahl der Mandate von 21 auf 41 erhöht worden ist, die Zahl der Wahlberechtigten sich wesentlich geändert hat und die Wahlbeteiligung von 45 Prozent auf 60 Prozent stieg. Die Mandatsverteilung der jetzigen Wahl ergibt sich aus der folgenden Ausstellung, wobei in Klammern hinzugefügt ist, wieviel Sitze die Parteien bei Zugrundelegung des Ergebnisses von 1926 bei 41 Mandaten gehabt hätten. Liberal 24 (20) Volkspartei 14 (14) Mittelpartei 1 (4) Ueberpartei 1 (4) Konservativ 0 (2) Poale Zion l (1) Die Stimmzissern der jetzigen Wahl sür die Parteien lauten: Liberale Partei 41 797 Volkspartei 25 836 Mittelpartei 1788 Konservative Partei 1411 Poale Zion 1 931 Deutsche Liste 1337 Kla! Jisroel 114 Ueberpartei 2339 Positiv-Liberale 723 Jüdisch-demokratischer Block 12t Die neuen liberalen Repräsentanten Die gewählten 24 liberalen Repräsentanten sind: Dr. h. c. Wilhelm K l e e m a n n, Heinrich Stern, Bertha Falke nberg, Wilhelm Marcus, Moritz Rosenthal, Wilhelm Graetz, Dr. Martin Lesser, Dr. Joseph Gutm a n n, Carl Fuchs, Dr. Sally London, Bruno Woyda, Martin S o b o t k e r, Dr. Kurt Fleischer, Walter M i - ch a e l i s, Alfred I a u l u s, E. E h r e n r e i ch, Dr. Hans Sachs, Max Eisenkraemer, Louis Wolfs, Benno Sal i n g e r, Hedwig W i t k o w s k i, Eitel R o ck m a ch c r, Dr. Joachim S e l i g s o h n, Dr. Max Mayer. Da mehrere der Gewählten durch die Delegation in den Gemeindevorstaud aus der Repräsentantenversammlung ausscheiden werden, ist mit einem Nachrücken von vier bis fünf weiteren liberalen Kandidaten zu rechnen. Diese sind. Dr. Kurt Lewin, Dr. Hans Lewenz, Dr. Eugen Pinner, Moses Gottfeld, Hugo Rosenüerg. sitiv-liberalen", die mit ihren 700 Stimmen ungefähr soviel Anhang hatte wie ein bekannter Berliner mit Hilfe seines Verwandten- und Bekanntenkreises zusammen zu trommeln vermag. Nicht mit völlig leeren Händen, aber auch nur mit je einem Mandat gingen drei andere Splitterparteien aus: die sozialistisch-zionistische Partei Poale-Zion, die Religiöse Mittelpartei und die von Herrn Dr. Freund neu begründete „Ueberpartei". Diese Partei, die von „Tausenden und Abertausende»" fabulierte, konnte schließlich ganze zweitausend Stimmen auf sich vereinen. Nicht verwunderlich dieser Mißerfolg. Erinnerte doch ihr ständiger Hinweis, daß sie „Central-Bereinsler und Zionisten, Liberale, Konservative und Mittelparteiler" umfasse, gar zu stark an das bekannte Bild von Buridans Eseln, die bekanntlich zur Rechten und zur Linken gleich weit entfernt Bündel Heu als Nahrung liegen hatten, aus Mangel au Entschlußkraft für die eine oder andere Seite aber dennoch verhungern mußten. Die Wahl ist vorbei. Ueber einige Dinge wird noch zu reden sein. Hat man nicht von angeblich liberaler Seite versucht, die Liberalen dadurch zu Fall zu bringen, daß man ihnen die Schuld anr Scheitern der Friedensverhandlungen zuschieben wollte? Und wie verdient heute der liberale Friedenswille anerkannt zu werden, der bereit war, sich mit 20 Mandaten zu begnügen! 2. och jetzt beginnt aufs Neue die Arbeit. Die Arbeit in den Organisationen des liberalen Judentums, die Arbeit in den jüdischen Gemeinden. Es wird hoffentlich eine Arbeit sein zuru Segen des gesamten Judentums. Bruno Woyda. Die Landesverbandswahlen Mindestens 72 liberale von insgesamt 130 Mandaten. Bei Redaktiousschluß liegt das amtliche Wahlergebnis für die Landesverbandswahlen noch nicht vor. In Berlin dürsten die Liberalen von 63 Mandaten etwa 35—37 erhalten. In den übrigen preußischen Gemeinden verteilen sich aus Grund der vereinbarten Kompromißlisten die Mandate wie folgt: Liberale Partei Volkspartei Poale Zion Konservative Mittelpartei 37 Mandate 14 Mandate 1 Mandat 13 Mandate 2 Mandate Insgesamt 67 Mandate Es ist anzunehmen, daß Liberale, Konservative und Mittelparteiler im Landesverband über eine Zweidrittelmehvheit verfügen. Folgende liberale Abgeordnete können als gewählt gelten: Wahlkreis Berlin. Leo Wolfs, Heinrich Stern, Dr. Julius B r od ni.tz, Frau Minna Schwarz, Dr. Ludwig Holländer, Dr. Martin Lesser, Georg Jacobowitz, Dr. Joseph Gutmann, Robert Gut heim, Dr. Bruno Weil, Dr. Moritz Garbaty, Dr. Walter Breslauer, Dr. Julius Galliner, Rabbiner, Dr. Julius L. Seligsohn, Arnold Stein, Dr. Max Weyl, Rabbiner, Frau Bianca Hamburger, Dr. John Wert he im, Leo Steinitz, Dr. Jos. Lehmann, Rabbiner, Dr. Heinrich Elkeles, Hermann Falkenberg, Gustav Zamory, Michael Abraham, Dr. Max Gach, Siegfried Peisachowitz, Max Klein, Alexander Szanto, Hermann Müller, Dr. Manfred Meyer, George Goetz, Dr. Julius Charig, Willy Hirsch, Dr. Alfred Caro, S. Abraham, Martin Held. Wahlkreis Ostpreuße«. Dr. Arthur Ehrlich (Königsberg), Rechtsanwalt Neumann II (Allenstein). Wahlkreis Brandenburg, Pommem und Grenzmark. Rechtsanwalt Dr. Marcuse (Stettin), Stadtrat Ziele n z i g e r (Potsdam), Rabbiner Professor Dr. Rosenzweig (Schneidemühl), Siegfried R o s e n b a u m (Pasewalk). Wahlkreis Breslau. Justizrat Georg P e i s e r, Kaufmann Max Gins, Frau Paula O l l e n d o r f f, Justizrat Salomon Kali sch. Wahlkreis Niederschlesien, Oberschlesien. Fabrikbesitzer Metz (Liegnitz), Rechtsanwalt L e n t - schütz (Hindenburg). , t;