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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-11-19 · 47 (19.11.1930) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
47 (19.11.1930)
Date
1930-11-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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10. Jahrgang Nummer 47 Beilage Ig.Tlovember 1930 WWllberale Zeitung Umschau Rabbi Mattuck über die zionistische Zrrlehre. In der „Dailti Mail" vom 7. November veröffentlicht der Rabbiner an der liberalen Synagoge, Mattuck, einen Artikel, in dem er u. a. schreibt: Nicht alle Inden fordern ein jüdisches Nationalheim in Palästina. Tie Ausdrucke „Zionist" und „Jude" sind noch nicht synonym. „Zionist" ist eine politische Bezeichnung, „Jude" hat eine religiöse Bedeutung. Der Zionist ist Anhänger einer politischen Bewegung, der Jude Anhänger einer Religion. Viele Juden sind Gegner der zionistischen Politik, sie lehnen den Zionismus ab, weil er politisch ist, weil er die Juden zu einer politischen Gruppe zusammenfassen will. Die Juden bilden wie die Christen eine ausgesprochen religiöse Vereinigung und nehmen nach den Grundsätzen ihrer Religion als Staatsbürger loyal an dem Leben der Staatsnation Anteil. Diejenigen, die aus diesem Standpunkt stehen, haben den nationalen Aspekt der Balsour-Deklaration niemals akzeptiert. Sie sind mit einem Nationalheim in Palästina für diejenigen Juden, denen in ihren gegenwärtigen Heimatländern die bürgerliche und soziale Gleichberechtigung verweigert wird, einverstanden, sind jedoch gegen jede Verweltlichung des jüdischen Lebens durch Zusammenfassung der Juden in einer politischen Organisation. Jene Inden, welche mit den politischen Bestrebungen der Zionisten in Palästina nicht einverstanden sind, sind umsoweniger damit einverstanden, daß in der englischen Politik zionistische Ziele eine Rolle spielen. Es gibt Juden in allen politischen Parteien. Wie jeder andere Bürger schließt sich der Jude jener Partei an, deren Grundsätze und Politik ihm den größten Vorteil für das Leben der Nation versprechen. Es gibt viele jüdische Wähler, aber kein „jüdisches Votum". Innerhalb der englischen Judenheit gibt es keinen jüdischpolitischen Gesichtspunkt, sondern nur verschiedene Meinungen auf Grund eines englischen Gesichtspunktes. Das Bestreben, aus einer jüdischen Frage eine Wahlfrage zu machen, ist zu verurteilen. Diejenigen, welche glauben, durch hübsche Worte über Palästina 'die Stimmen' der Inden gewinnen zu können, sind bei schlechten Lehrern in die Schule gegangen. Die jüdischen Ziele sind höher als die zionistischen Ziele, jüdisches Leben bedeutet mehr als zionistische Politik. I n dem jetzigen Streit um Palästina erklären viele, im Namen der Juden zu sprechen, a b ernte m a n d hat das Recht, i m Namen aller I u d e n zu sprechen. Es ist ein Mißbrauch, den jüdischen Namen in die politische K a m p f a r e n a zu zerre n. Es besteht jetzt die Möglichkeit, Palästina aus der Sphäre politischen Streites herauszuhebeu. Durch ihre Erklärung über ihre künftige Politik hat die Regierung die Ungewißheit, die wie eine schwere Wolke über Palästina hing und Verdächtigung und Haß erzeugte, beseitigt. Jetzt besteht die Möglichkeit, in Palästina den Frieden wiederherzustellen und ein Gefühl von Sicherheit in der Bevölkerung Palästinas zu erwecken. Diejenigen, welche aus politischen Gründen diese Möglichkeit vereiteln, sündigen gegen die Juden und die Humanität. Die Arbeit in Palästina kann unter philant topischen Gesichtspunkten fortgesetzt werden und wird am besten fortgesetzt werden können, wenn sie von den: Einfluß eines zweifelhaften Nationalismus befreit wird. Wahlen zum Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden. Amtlich. Am 9. November ist die Frist zur Einreichung von Kreiswahlvorschlägcn abgeiaufen. Die Bemühungen, einen Wahlkampf zu vermeiden, haben dazu geführt, daß in sämtlichen Wahlkreisen mit Ausnahme Berlins Einheitswahlvorschläge zustandegekommen sind. Danach werden am 30. November Wahlen zum Verbandstag des Preußischen Landesverbandes nur in Berlin stattsinden. Die neuen Lehrer-Alademirn und die Juden. Der Beschluß des preußischen Kabinetts, im kommenven Jahre drei neue pädagogische Akademien zu errichten, nämlich eine katholische ip Spandau, eine konfessionslose in Köpenick und eine evangelische in Königsberg, hat zu einer lebhaften Auseinandersetzung in oer Presse Anlaß gegeben. Tie evangelische Presse insbesondere sieht in oer Errichtung einer konfessionslosen Akademie in Köpenick und einer katholischen in Spandau eine Benachteiligung der protestantischen Lebrer- Studenten oer Reichshauptstadt. Wie das Zentrums-Haupt organ „Germania" mitteilt, hat die preußische Zentrumsfraktion gegen die Begriffsbestimmung einer sogenannten „weltlichen" 'Akademie,, wie man sie für Köpenick vorgesehen hat, Einspruch erhoben. Das Zentrum steht grundsätzlich aus dem Standpunkt, daß der Wille der Erziehungsberechtigten für die Erziehung der Kinder nach« Maßgabe der Reichsversassung ausschlaggebend ist. Erziehungsberechtigte aber gibt es neben denen evangelischen und katholischen Bekenntnisses nicht nur im Lager derer, die auf dem Boden der sogenannten weltlichen ,also religionslosen, Schule sieben. Es gibt auch sonst noch Gruppen, die die gleichen Ansprüche auf dem Gebiete oer Schulerziehung stellen dürfen, z. B. die Juden, die in sich selbst ebenfalls in zwei große Gruppen zerfallen, ihren orthodoxen und liberalen Anschauung gemäß. Wegen der ziffernmäßig zu geringen Anhängerschaft dieser 'Gruppen wäre nach der Meinung der Zentrums! reise die Errichtung einer besonderen Akademie für eine jede von ihnen eine Unmöglichkeit. Täraus ergibt sich die Notwendigkeit, eine besondere Akademie für dis gesamten Gruppen der religiösen Minderheiten zu schaffen. Eine solche Akademie der Minderheiten bringt — so schließt „Germania" — die Konsequenz mit sich, daß die Dozenturen mehrfach besetzt werden entsprechend der Anzahl und Größte der in einer solchen Akademie vertretenen Minoritäten. Indische Abteilung der Ausstellung „Kult und Form". Am 10. November wurde im Gebäude des alten Kuustgewerbemuseuins tu Berlin die Kunstdienst-Ausstellung „Kult unb Form" eröffnet. Nach Begrüßungsworten der Herren Professor Dr. Kurt Glaser und Reichskunstwart Dr. Redslob hielt Professor Dr. Paul Tillich (Frankfurt a. M.) einen Vortrag über die Beziehungen zwischen religiösein Erleben und künstlerischem Gestalten. In der Abteilung der jüdischen Gemeinde finden wir eine Schau moderner jüdischer Knltgerätc. Viel beachtet wurden die Metallarbeiten von Ludwig Wolpert, der auf der Ausstellung mit zwei Sabbatleuchtern aus Glas, einem Chanukah- Leuchter aus Mattsilber, einer Sederschüssel aus Glas und Silber und einem 1,70 Meter Hoheit Chanukah-Leuchter aus Bronze vertreten ist. Diese Arbeiten bringett das Streben nach klaren, übersichtlichen Formen unter Vermeidung von Ornament und Dekoration besonders deutlich zum Ausdruck. Erwin Roth stellt Arbeiten in getriebenem Silber aus, Harry Roseuthal ein ewiges Licht in Form einer glatten Messingkugel, in der hebräische Schriftzeichen ausgestanzt sind. Verschiedene Metalltreibarbeiten, wie Besomim-Büchsen und Kidduschbecher, bringt B. Friedländer. Von der neuen jüdischen Friedhofskapelle in Königsberg, einem Werk des Architekten Erich Mendelsohn, ist ein Altarfenster ausgestellt, das eine gute Vorstellung der durch die Zusammensetzung von rechteckigen bunten Mattglastaseln erzielten Lichtwirkung gibt, die durch eingeschlisfene Horizontalrillen erhöht wird.' Zu erwähnen sind ferner Glasarbeiten von Mirjant Rosenthal ttnd Keramiken von Lea Halpern und Lotte Bud, sowie eine Sederschüssel in Keramik von Friedrich Adler. Der traditionell dekorativen Richtung huldigt Joachint Kahane mit einem Chanukah-Wandleuchter aus Bronze. Von der neuen Synagoge in der Prinzregentenstraße sind zwei Thoravorhänge nach Entwürfen von Regierungsbaumeister Beer ausgestellt. Lobende Aeußerungen wurden auch über einen Misrach von Fannn Hamburg in Form einer farbigen Litographie, die orientalische Baufortnen, Kuppeln und Zinnen komponiert, gehört. Tie Ausstellung bleibt bis zum 28. Dezember geöffnet. * Aus den Gemeinden * Berlin. (S taatsrat Jacob Teilet 80 Jahre.) Am 15. November 1930 vollendet Herr Jacob Teilet, Präsident des Verbandes der russischen Juden in Deutschland, sein 80. Lebensjahr. Der Jubilar tvnrdc 1850 in Tschornyi-Ostrow (Gouv. Podolien) geboren, war erst Untersuchungsrichter, dann bis 1912 Mitglied des Landgerichts zu Saratow und >var 30 Jahre lang der einzige jüdische Richter in Rußland. 1912 demissionierte er auf Drängen des antisemitischen Justizministers Schtscheglowitow und unter dem Einfluß des judenscindlichcn „Verbandes des russischen Volkes", dabei wurde er wegen „Eifers im Amte" zum Wirklichen ^Staatsrate mit dem Titel Excellenz ernannt, auch wurde ihm eine erhöhte Pension bewilligt. Bereits während seines Justizdienstes widmete sich Teitel in großzügiger Weise sozialer und charitativcr Tätigkeit. Sein Haus in Saratow war ein geistiger Mittelpunkt fortschrittlicher Elemente und vieler hervorragender Männer (Gorki, Lenin u. a.). Nach der bolschewistischen Revolution übersiedelte Teitel, i. I. 1921, nach Berlin und stellte sich an die Spitze des („Verbandes russischer Juden in Deutschland", für den er bis auf den heutigen Tag mit Selbstaufopferung wirkt. Er genießt Verehrung nicht allein in der russisch-jüdischen Kolonie Deutschlands, sondern auch überall, wo russische Juden leben, und auch im deutschen Judentum wie in den jüdischen Gemeinschaften anderer Länder bringt man ihm höchste Achtung entgegen. 1929 veröffentlichte Jacob Teiles seine Erinnerungen, die auch deutsch unter dem Titel „Aus meiner Lebensarbeit" (Verlag I. Kaufmann, Frankfurt a. M.) erschienen sind. Vorworte zu Teitels Erinnerungen schrieben Maxim Gorli und Professor Dnbnow. Berlin. (10 Jahre Verband russischer Juden in Deutschland.) Ter 80. Geburtstag von Staatsrat Jacob Teitel sällt zusammen mit dem 10 jährigen Bestehen des Verbandes russischer Inden in Deutschland, an dessen Spitze Teitel steht. Hauptsächlich durch seine, Teitels, Arbeit hat sich der Verband zu der größter- Flüchtlingsorganisatiou der Welt entwickelt. Seine verschiedenen Abteilungen und Ausschüsse leisten den Flüchtlingen Hilfe in jeder Form. Der Verband wird in erster Reihe durch die wohlhabenden Flüchtlinge selbst gefördert, der größte Teil des Ausgaben-Etats »vird durch Mitgliedsbeiträge und Spenden gedeckt, der Rest wird durch Subventionen seitens des Joint Distribution Committee, der J. C.A. und jüdischer Gemeinden Deutschlands bestritten. Seit 1929 besteht ein Reichsausschuß für russisch-jüdische Flüchtlingshilse, der sich aus Vertretern aller deutsch-jüdischen Parteien und Strömungen zusammensctzt und dessen Vorsitzender Dr. Alfred Klee ist. Der Reichsaussch-uß sorgt für Unterstützung des Verbandes durch die deutsch-jüdische Oesfentlichkeit. Besonders tätig sind für den Verband die Rabbinate in Berlin und in anderen Städten und die Mitglieder des Ausschusses, wie Herr Direktor Oscar Wassermann, Justizrat Blau-Frankfurt a. M., u. a. m. Herr Staatsrat Teitel unternimmt ungeachtet seines hohen Alters Reisen in verschiedene Städte Deutschlands und des Auslandes, um Geldsammlungen zugunsten des Verbandes, der viele Hunderte Familien, die einst in ihrer Heimat bessere Tage gesehen und nun in der Emigration ohne jede wirt-, schaflliche Existenzmöglichkeit sind, erhält, zu organisieren. Das Doppel-Jubiläum wird im Dezember d. I. festlich begangen werden. In einer großen Versammlung werden die russischen Juden und ihre deutsch-jüdischen Freunde Herrn Staatsrat Teitel ihre Huldigung darbringen. Der Verband veröffentlicht eine Festschrift unter dem Titel „Zehn Jahre Verband russischer Juden in Deutschland, ein Rückblick", die demnächst der Oesfenllichleit übergeben werden rvird. Auch ivird ein Jacob Teitel Fonds gestiftet. r berliner Kundgebungen am Donnerstag, dem 27. November 1930, abends $ Uhr im großen Festsaal bei Kroll Programm: 1. a) Adaun Aulom Würfel b) Wenn ein Starker, Gewappneter Chor. Dirigent: Alexander Weinbaum 2. Ansprache R.-A. Dr. John Wertheim Brahms 3. a) Nigun Ernst Bloch b) Rondo brillante Max Rostal 4. Ansprache Bertha Falkenberg Weber 5. Arie aus „Die Jahreszeiten" Konzertsängerin Susanne Holländer 6. Ansprache R.-A. Dr. Max Mayer 7. II. Satz aus der Sinfonie concertante für Haydn Violine und Bratsche Max Rostal und Manuel Steuer 8. Ansprache Wilhelm Marcus Mozart 9. Zwei biblische Gesänge Konzertsängerin Susanne Holländer 10. Ansprachen Georg« Goetz. Dr. Ludwig Holländer Dvorak 11. Engelterzett aus „Elias" Hede Simon, Rose Steiner, Elsa Rofenthal Mendelssohn 12. Groß ist der Herr Chor. Dirigent: Alexander Weinbaum Berger TNarmorsaal, Zoologischer Garten Pro gram nt: 1. Hymne und Marsch aus Aida Berliner Sinfonie-Orchester, Dirigent: Dr. Hermann Schildberger 2. Begrüßungsansprache Landgerichtsrat Dr. Martin Lesser, Vorsitzender des Liberalen Vereins 3. a) Die Allmacht b) Arioso Kammersänger Hermann Schey 4. Ansprachen der Kandidaten für die jüdischen Gemeindewahken Hedwig Witkowski-Mosse und Justizrat Dr. Brodnitz 5. L'Arlesienne Suite Bizet Praelude — Adagietto — Farandole Berliner Sinfonie-Orchester 6. Ansprache Rechtsanwalt Heinrich Stern, Vorsitzender der Bereinigung für das liberale Judentum 7. Dem Unendlichen Schubert Kammersänger Hermann Schey 8. Ansprache Polizeivizepräsident Dr. Bernhard Weiß 9. Ungarischer Marsch Berlioz Berliner Sinfonie-Orchester Kaisersaal Zoologischer Garten Programm: 1. I. Satz aus deni Quintett A-Dur, opus 81 Dvorak Berliner Streichquartett (Orlenberg, Feinland, Blumberg, Nowogrudsky). 2. Begrüßungsansprache Rechtsanwalt Dr. Julius L. Seligsohn, stellv. Vorsitzender des Liberalen Vereins 3. Zwei ernste Gesänge Brahms Oberkantor Hans John Am Flügel: Alice Rothbart 4. Ansprache Polizeivizepräsident Tr. Bernhard Weiß 5. Serenade aus dem Streichquartett F-Dur Haydn Berliner Streichquartett 6. Ansprachen der Kandidaten für die jüdischen Gcmeiudewahlen Hedwig Witkowski-Mosse und Justizrat Dr. Brodnitz 7. a) Verborgenheit (Möricke) Hugo Wolfs b) Der Freund (Eichendorsf) Hugo Wolfs Oberkantor Hans John 8. Ansprache Rechtsanwalt Heinrich Stern, Vorsitzender der Bereinigung für das liberale Judentum 9. Allegro aus dem C-Moll-Quartett, opus 18,4 Beethoven Berliner Streichquartett Verdi Schubert Händel Zu diesen drei Kundgebungen ist der Zutritt nur gegen Eintrittskarte« gestattet, die beim Liberalen Verein Wahlbüro), SW 11, Hallefches Ufer 22, schriftlich anzusordern sind.

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