Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 47 (19.11.1930)
- Date
- 1930-11-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Danzig. (A u s der G c m c i n b e.) Durch einen einstimmigen Beschluß von Borstank» unv Repräsentanten Versammlung ist die Anstellung des Gemeinderabbiners Dr. Grün aus Lebenszeit erfolgt. — Die Wahlen zur Repräsentantenversammlung, die am 30. November stattfindm sollten, sind b's auf weiteres vertagt worden. — In der Frauengruppe des C.V. hielt Herr Dr. Curl Reach einen interessanten Vortrag über das Thema: „Von der Ghettojüdin zur Staatsbürgerin". — Gemeinderabbiner Tr. Grün hält in den Wintermonaten einen Vortragszyklus über: „Das Jahr des Juden" ab, zu dem alle jüdischen Frauenorganisationen Danzigs einladen und dessen Besuch ein außerordentlich reger ist. Dortmund. (E i n h e i t s l i st e zu m Prcußi s ch e n Lande s v e r b a n d.) Die Einheitsliste für die Landesverbandswahlen weist für die Provinz folgende Namen auf: Spitzenkandidat Rechtsanwalt Tr. Katzenstein-Bieleseld, der voraussichtlich tvieder Ratsmitglied tvird; Frau Ottilie Schöueivald-Bochum, beide liberal; Ministerialrat Hans Goslar-Berlin (Bolksp.), lilonretior a. T. Gotdschmidt Dortmund (!ib.), Rabbiner Dr. Steinthal-Münster (lib.), Dr. Israel Taubes Berlin (Bolksp.), Rechtsanwalt Windmüller Gelsenkirchen (lib.); sodann folgen 11 Stellvertreter; darunter an 8. und 10. Stelle für die Konservativen Rabbiner Dr. Neuhaus-Mülheim und Neufeld-Dortmuud. Tie Mandatszahl für Westfalen beträgt diesmal 6 statt 5; wovon im Jahre 1925 die Liberalen 1, die Volkspartei l Sitz hatten. Jetzt erhalten also die 1 Liberalen und 2 Zionisten Vollsitze, in den Vertretersitzen sind 8 Liberale, 2 Konservative und 2 Zionisten. Dresden. (W a h 1 r e ch t s ä n d e r u II g e n tt n d N e u >v a h l e ir beschlossen.) Ganz nach dein Programm bei Abschluß des Friedensvertrages hat sich der Gemeinderat in seiner in Wahrheit letzten Sitzung (gegen bereu Beschlußfähigkeit tvieder von Herrn Lötventhal sachlich Einspruch erhoben ivird) selbst das Lebenslicht ausgeblasen. Vorher tvcrden die für die Neuwahlen maßgebenden W a h l r e ch t s - änderu « gen endgültig a n g e n o m m e n , und ztvar unter Hinzufügung des vergessenen schwerwiegenden Wörtchens „m ännli - ch e n" in dem Passus, der, ivie in voriger Nr. berichtet, das 2 t i in m - recht dcr Gemeindeinitgliedet betrisst. Jnitiativmcißig stellt nun der Vorstand den Antrag: Neuwahl der G e m e > ir d e Vertretung. Er tvird e i n st i m m i g anfl e n o in in c lt. Ter Genre i ir d c r a t löst sich damit, ivie nach kurzer Debatte beschlossen tvird, zum 20. Januar auf, die Wahlen nach der neuen Wahlrechtsordnung sollen 5 Tage später vor sich gehen. Herr Lippmann bringt zur Sprache, daß jetzt wiederum, also ungeachtet des durch Nachgiebigkeit der Liberalen zustande gekommenen Friedens, ein gehässiger Artikel aus bekannter Dresdner Par'.eifeder in einem ihr nahestehenden Leipziger jüdischen Wochenblatt erschienen sei; er bedauert dies, indein er eine solche Handlungsweise, welche sa auch dem Sinne oder Geiste der Abmachung widerspreche, für den inneren Fr i eben und seiner dauernd anzustrebenden Erhaltung entschieden abträglich erklärt. Abschließend blickt Herr Rabbiner Wolf aus die zu Ende gegangene Tagungsperiode in dein Sinne zurück, daß es leider eine Zeit scharfer Spannungeir und schwerer Entscheidungen gewesen sei, daß es aber außerhalb der Gemeindepolitik noch Ziele gäbe, die es friedlich zu verfolgen gelte. Sein uub vieler Gemeindemilglieder Wunsch gehe ans die unbedingt notwendige E r >v c i l c r u n g oder Erneuerung der Synagoge; um mit gutem Beispiel voranzugehen und aneisernd zu ivirkeu, hätten die Bea inten beschlossen, Ml. 100 jährli ch für Wiedererrichtung eines entsprechenden Fonds zu spende». Dies tvird mit Tank und Beifall ausgenommen; man hofft so, in spätestens 10 Jahren, dem 100. Geburtstag des jetzigen Semperbaus, die Mittel zur Ausführung des schönen, wirkliche Friedeiisarbeit oe deutenden Planes zur Verfügung zu haben. Dresden, (^cmtung neuer Aufklärungs - und A b - tv e h r m a ß n a h m e n.) Die soeben hier stattgesuirdene Tagung des Landesverbands Sachsen im C. V. tvich insofern von dem sonst üblichen Rahmen ab — und darin lag ihr Besonderes, her Anlaß, das Wesentliche aus dem Gang der Verhandlungen kurz zu erwähnen —, als sie in ihrem ersten, den ganzen Vormittag ausfüllendru Teile den intimen Charakter abgelegt und als Mitivirkende einen erweiterten Kreis von nicht ständig in der Bewegung stehenden Freunden um sich vereint hatte. Es galt, die Methoden der Aufklarungs unv A b w e h r a r b e i t der gegenwärtigen ganz ungeheuer schwierigen Situation anzupassen und dieses n icht nur in sich selbst, auch in andere Hin einhorchen ist im allgemein-jüdischen Interesse als ein entschiedener Fortschritt dankbar zu begrüßen. Die Leitung lag in den straffen Händen des an der Verwirklichung der Idee wohl nicht unbeteiligten Vorsitzenden Rabbiner Dr. Gold mann, die Zentrale war durch Dr. Re ich mann vertreten, und besonders er war in der Lage, Neues und Interessantes darüber mitzuteilen, wie sich führende Köpfe die Eutwicklung denken und wie man hoffe, ihr bei Bereitstellung g e i, n g c » b e r Mittel den Sieg der Vernunft über allen Radikalismus, das wirkliche Erwacheir Deutschlands, ivelchcs nach llebertvindung der trüben Wirtschaftslage zwangsläufig kommen müsse, vorbereiten zu können. Ohne eine Patentlösung zu finden, die es bekanntlich zur Ent giftung der Atmosphäre, zur Abwehr alter Versuche, unsere staatsbürgerliche Gleichberechtigung auzutasten, nicht gibt, wurden je nach Einstellung verschiedene Quellpunkte, an denen die A i n t e r a r b e i t einsetzen müsse, genannt: Eindämmung des nicht bloß jüdischen Konzernrvesens besonders in Mittel- und Kleinstädten, wo sonst bei weilerein Emporschnellen des antisemitischen Stimmungsbarometers noch mehr bürgerliche Existenzen wirtschaftlich vernichtet würben; weiteste Aufklärung der Mittelschichten über das wahre Wesen des Nationalsozialismus, möglichster Zusammenschluß aller jugendlichen Kräfte, der akademischen sowohl ivie des kaufmännisch tätigen jüdischen Nachwuchses, ein Punkt, der als wichtigster die nächste Landesverbandstagung (in Chemnitz/ einleiten soll. Am Meißen Positives wußte RA. Dr. Goldberg, der in Plauen, einem stark verseuchten Boden, außerordentlich rührig die Ortsgruppe leitet, beizusteuern, lind zwar über die Notivendigkcil praktischer G e st a t - t u n g der W a h l a r b e i t. Daß eine solche u n m i t t e l b a r vor Wahlen eigentlich zivecklos ist, kam aus Grund einer nach den letzten .Erfahrungen von Dr. Goldmann veranstalteten Rundfrage in einer Entschließung zum Ausdruck, welche vorschlägt, die vorhandenen Mittel künftig wesentlich anders ^zu verwenden. Und was es heißt, praktische Kleinarbeit leisten, mit der allein der Abwehrsache gedient sein kann, zeigte Dr. Goldberg an zwei mit verdientem Beifall anfgenommenen Beispielen. Sämtliche Schulen mit ihren Lehrern werden in systematisch begonnenen Führungen durch die neue Plauener Synagoge mit religiösen und sonstigen Fragen des Judentums vertraut gemacht; keine Abschließt! ng (Ghettoisierung), sondern hinein zu ehrlicher Mitarbeit in interkonfessionelle Vereine, vornehmlich wieder in kleineren Städten! Die Tatsache, daß in einem solchen Vereine Jude» der Vorwurf der Fremdheit gemacht worden war, legte es nahe, den Plaueuer Stadtarchivar zu einem Nachweis der bislang bestrittenen Tatsache, daß schon 500 Jahre Juden dort ansässig sind, zu veranlassen, ein Ergebnis, das, wie hier schon gemeldet, natürlich in Vorträgen usw. entsprechend ausgebeutet ivird. Mit neutrales A b tv e h r a n s s ch ü s s e ii sind in Berlin und anderwärts durchwegs fo schlechte Erfahrungen geniacht worden, daß der Vorsitzende der Dresdner Gemeinde es aus einen Versuch garnicht erst hat ankommen lassen. Ebenso wie Dr. Goldmann spricht auch er sich auf das schärfste gegen den Gedanken aus, die G e •- meinten, welche als staatlich beaufsichtigte Stellen garnicht berechtigt wären, sich mit solchen Ausgaben zu befassen lpnd die auch das Geld für derartige Dezernate anderen Zwecken (Wohlfahrtsstelle) entziehen müßten, Ab weh rarbeit übernehmen zu lassen. In einer auch darüber einstimmig gefaßten E n t s ch ließ u n g kommt zum Ansdruck, daß die Juden eine viel zu heterogene Masse seien, um einmal eine geschlossene neutrale Abivehrfront bilden zu können und um zweitens die letzten Endes nur örtliche Belange vertretenden R el i g i o n s gemeinden, denen die Wahrung des inneren Friedens Hauptsache sein müsse, zu Trägern politisch gearteter Abwehrorgan isationen zu machen. Das schließe aber nicht aus, sich seitens der Gemeinde und Gemeindeverbände für die Wahrung jüdischer Rechte in das Gesanitjudentum angehenden religiösen Fragen einzusetzen. und was in dieser Beziehung, Hand in Hand mit dem E.V., geleistet wird, ergab der Bericht Rechtsanwalt Salingers (Dresden) über den Stand des im Landtag eingebrachten, in nächster Zeit aber noch nicht zur Debatte stehenden Schächtverbots; die. Aussichten, es unterbinden zu können, seien nach den Verhandlungen mit den Parteien, dem Wirtschaftsministerium, den Schtachthosdired torcn als n i ch t u n g ü n st i g zu beurteilen. Ernsteste Aufmerksamkeit wird ferner dcr vor und in Schulen, nicht zuletzt durch Lehrer, gefährlich fortschreitenden nationalsozialistischen Verhetzung gewidmet; ivie sehr sie sich bereits auch auf nichtjüdische Schüler auszuwirken beginnt, wurde treffend mit einem ganz frischen, daher noch nicht untersuchten Fall aus Adorf belegt, wo ein christliches Kind vom Lehrer bedroht oder gar gezüchtigt sein soll, weil es in einem jüdischen Warenhause etwas gekauft hatte. So »venig erfreulich diese und andere Mitteilungen waren, so mischten sich doch in den von Verantwortungsgefühl und jüdischem Selbstbetvußtseiu getragenen Ernst der Verhandlungen einige Prisen erfrischenden Humors. So, wenn der Vorsitzende einem Chemnitzer Vertreter und seiner Aufzählung dessen, was an den ^einzelnen Abenden dort an „jüdischen" Zerstreuungen geboten toerde, so daß für andere Sachen noch Zeit und Interesse gesunden würde, mit der hübschen Wendung entgegentrat, es wäre hier nicht der Platz, über „Kal ende rreform" zu sprechen, oder wenn von den drei in einem Sradtparlainent befindlichen Nazis gesagt wurde, daß sie durch ihren Terror auf andere Parteien nicht nur „das Zünglein an der Waage", sondern eine ganz große Ochsenzunge bilden. Auch das war Tachles, ivar Sachlichkeit in der Maske heiter klingenden Spottes, hinter denr sich doch bei allem Optimismus Schmerz über das, ivas wir durchleben müssen, verbirgt. Frankfurt a. M. (Einheitsliste.) Sowohl für die Wahlen zur Repräsentantenversammlung als auch für die Wahlen zum Verbandstag des Preußischen Landesverbandes sind in Frankfurt Einheirslisten zustande gekommen, die einen Wahlkamps vermeidbar machen. Für die Gemeindeivahlen sind in diesen Kompromißlisten 19 Liberale, 9 Konservative und 8 Mittelparteiler, für deu Landesverband <i Liberale, 3 Konservative und 1 Volksparteiler ausgestellt. Eelsenkirchrn. (R e p r ä s e II t a n t e tt w a h l durch E i tili e i t s l i st e.) Für die hiesigen Wahlen zur Repräsentantenversammlung am 10. November ist eine Einheitsliste ausgestellt worden. Als Kandidaten sind vorgeschlagen als Repräsentanten die Herren Hartog Heymann, Ewald Stern, Theodor Frenkel, Julius Levin. und Julius Schönberg; als Stellvertreter Karl Lveb. Harbnrg-Wilhrlmsburg. (Aus der Gemeinde.) Das BürgervorsteherKollegium hat beschlossen, den Betrag von 23 000 Mark zu bewilligen für Planierungs- und Anlagearbeiten an dein neuen israelitischen Friedhof, dessen Gelände kostenlos von der Stadt zur Verfügung gestellt ivird. Tie einzelnen Grabstellen müssen käuflich erworben werden. Nach Beendigung der Aufplanungsarbeiten am neuen Friedhof dürfen auf der alten Begräbnisstätte nur noch bereits reservierte Gräber belegt lverden. Nachdem die Repräsentantenversaniinlung einftinlinig beschlossen hatte, .Herrn Prediger Gordon lebenslänglich anzustellen, hat am 13. November die Gemeindeverftnnmlurig ohne Widerspruch diesen Beschluß bestätigt. Köln. (Einheitsliste.) Ter Wahlkampf ist in Köln glücklicherweise vermieden. Nach schwierigen Vorverhandlungen war es deu Bemühungen der Liberalen und insbesondere ihres Führers, Herrn NA. Tr. Heinr. Frank, gelungen, die Parteien an den Verhandlungstisch zu bringen. Die politischen und wirtschaftlichen gegenwärtigen Verhältnisse haben es vermocht, Verständnis für die liberale Forderung zu finden, möglichst im Wege einer Einheitsliste die Vertreter zum Landesverband und zur. Repräsentanz der Synagogengemeinde zu bestimmen. Auf der Basis des status quo ante der letzten Landesbeztv. Gemeindewahl erhielten im Kompromiß die Parteien folgende Sitze: A. Landesverband: Liberale Partei: 3 Vertreter, Volkspartei: 1 Vertreter, Konservative Partei: 1 Vertreter. B. G e m e 1 n d e w a h l: Liberale Partei: 10 Vollreprüsentanten, 1 Stellvertreter, Volkspartci: 7 Bollrepräsendai,- ten, 2 Stellvertreter, Konservative Partei: 3 Vollrepräsentanten, 2 Stellvertreter, Mittelpartei: 1 Vollrepräsentanten, 1 Stellvertreter. — Z ii m Landesverband wurden gewählt (nachdem Herr Gemeinderabbiner Dr. Kober gebeten hatte, von seiner Wiederwahl abzusehen.'): 1. Herr Rechtsanwalt Dr. Heinr. Frank (lib.), 2. Herr Studienrat Lcvy Wolfs (Bolksp.). 3. Herr Lehrer Eugen Jacobi (lib.), 4. Herr Gemeinderabbiner Dr. Rosenthal (konservativ), 5. Herr Rechtsanwalt Dr. Siegfried Kaufmann (lib.). — In das Gemeindeparlamknt ziehen ein folgende liberale Repräsentanten: Herr Generalkonsul Mar Baumann, Herr Konsul Albert Bendix, Herr Tr. med. Blank, Herr Moses Franken, Frl. Cilli Marx (Lehrerin), Herr Hans Blnmenau (Sohn des bisherigen 1. Vorsitzenden der Gemeinde), Herr Konsul Paul Herzberg, Herr Bernhard Bier, Frau Jda Strauß, Herr Siegfried Abel, ferner als Stellvertreter: Herr Louis Goldberg, Frau Jda Auerbach, Herr Albert Süßkind, .Herr Arthur Joseph. — Die Verteilung der Sitze im G e in e i n d e v o r - stand bleibt wie bisher, ebenso behalten die Liberalen deu Vorsitz im V o r ft a u d und in der R e p r ä s e n t a u z. — Wenn es auch unter diesen Ilmständen nicht möglich war, die im letzten Wahlkampf erstmalig mit wenigen Stimmen verloren gegangene absolute Mehrheit znrückzuholen, so bedeutet es doch einen außerordentlichen Gewinn, die Einheitsliste durchgefeyt und einen Wahlkampf unterbunden zu haben. Störungsversuche der Poale Zion und einer ostjüdischen Gruppe, die eigene Listen ausstellen »vollten, konnten noch iu den letzten Tagen abgebogen werden. Eine Wahl findet also zu beiden Körperschaften nicht statt. Tie Vorgeschlagenen werden in den nächsten Tagen durch den amtlich bestellten Wahlleiter, Herrn R.-A. Dr. Eliel, als getvählt erklärt werden. G. Königsberg. (K o m p r o m i ß zu den L a n d e s v e r b a n d s - wählen.) Ter Wahlkampf zum Landesverband preußischer Synagog-engemeinden konnte im Wahlkreise I (Ostpreußen) nach int letzten Augenblick mit Rücksicht aus die äußere politische Lage der preußischen Judenheit vermieden werden. Die einzelnen Partelen hatten bereits eine Kandidatenlisten fertig ausgestellt, als es unmittelbar vor Ablauf des Termins, zu dem die Wahllisten einzureichett waren, oetang, eine Einigung herbeizuführen. Die Bereinigung für das liberale Judentum, die Vereinigte Jüdische Mittelpartci, die Konservative Vereinigung und die Jüdische Volkspartei beschlossen, für die Wahlen zum Plenum der Landesversammlung eine gemeiiuame Liste auszustellen. Spitzenkandidat ist der langjährige bisherige' Vorsitzende der Tilsiter Synagogengemeinde, Rechtsanwalt Dr. _ Arthur Ehrlich Königsberg (liberal), an zweiter Stelle steht Waisenhausdirektor Adolf Perih-Königsberg (mittelparteilich), der als Führer der jüdischen Lehrerbetvegung bekannt ist, au dritter Stelle Rechtsanwalt Reumann II-Allenstein, der Vorsitzende der Synagogengemeinde Allenstein (liberal), an vierter Stelle Bankdirektor Hermann Marx-Königsberg, der Vorsteher der Konservativen Synagoge „Adaß Jisroel". Ostpreußen hat vier Abgeordnetemnandate zu besetzen. Als erster Ersatzmann fungiert der langjährige frühere Repräsentanten-- Vorsteher der Königsberger Synagogengemeinde, Universitätsprosepor Dr. Rudolf Cohn (Jüdische Volkspartei), an weiterer Stelle Frau Alice Hnrioitz (mittelparteilich), die als Führerin dcr Königsberger jüdischen Frauenbetvegung hervorgetreten ist. an dritter Stelle steht der stellvertretende Vorsitzende der Elbinger Synagogengemeinde. Kaufmann Friedland-Elbing (liberal), an vierter Stelle der Rabbiner der Tilsiter Gemeinde Dr.' Rösel (konservativ) und an fünfter Stelle der Kaufmann Ephraim Pirzenik-Königsberg (Indische Bolkspartec). Lyck. (S Y n a g o g c n s ch ä n d u n g.) Erneut wurde _in Ostpreußen ein Terrorakt — höchstwahrscheinlich von nationalsozialistischer Seite — verübt, und zwar wurde der Zaun der Synagoge in Lyck in bestialischer Weise beschädigt und dadurch das Gotteshaus geschändet. Bemerkenswert ist, daß die deutschnationale „Lycker Zcltnng" in starkem Maße von den Tätern abrückt und crilärt, daß alle anständigen Elemente der nationalen und völkischen Be- »oegnng diese Art'des politischen Kampfes verurteilen. Die Zeitung bringt weiterhin zum Ausdruck, daß sie davon überzeugt sei, daß wirkliche Nationalsozialisten sich nicht zu Friedhoss- und Synagogenschändungen hergSben. Plauen i. D. (G e m e i n d e r a t s s i tz u ,l g.) In der Ge^ meiuderatssitzuug vom 13. d. M. gab der Vorsitzende Herr Rechtsanwalt Dr. Goldberg Kenntnis von einer letztwilligen Stiftung der verstorbenen Frau Selma Jaeobus zu Gunsten des Amortisationsfonds der Gemeinde. Ferner wurde ein Dankschreiben des Ehrenvorsitzenden der Gemeinde, des Herrn Joseph Kaufmann in Berlin, verlesen, in dem dieser für das ihm anläßlich seines 70. Geburtstages übermittelte Geschenk dankt. Des weiteren lagen 2 Schreiben des Statdarchivars Dr. Pietsch vor, der sich mit der Erforschung des Lebens der Juden'im Mittelalter in Plauen beschäftigt. Ter Vorsitzende teilt dazu mit, daß die Jüdisch-liberale Vereinigung Herrn Dr. Pietsch Gelegenheit geben ivird, seine Ergebnisse in einem Vortrag der Gemeinde mitzuteilen. Von /der Staatsanivaltschaft Plauen lag eine Mitteilung vor, derzufolge gegen 2 Beschuldigte in der Angelegenheit des antisemitischen Uebersalts auf das Gemeinderatsmitglied Reifen das Verfahren eingestellt werden mußte, jvährend gegen 3 andere Personen Anklage erhoben lverden wird. Schließlich lag noch ein Bericht des Schächtausschusses vor, der verschiedene Vorkommnisse rügt. Dieser Bericht gab Veranlassung zu einer Debatte, die damit endete, daß im Etat ein Betrag für eine Aufsichtsperson eingesetzt worden ist. Punkt 2 der Tagesordnung beschäftigte sich mit dem Elat für 1931 und dem Bericht des Kassierers Herrn Löwenthal list zu entnehmen, daß auch die Gemeindekasse recht erheblich unter der Wirtschaftslage^ zu leiden hat. Es mußten eine Reihe von Mslrichen am Elat genehmigt werden, die, so bedauerlich es auch für oeu einzelnen Fall sein mag, sich zur Ansbalanei-erung des Etats unbedingt nötig machten. Dieser wurde mit Mk. 53 418,— angenommen. Ein Antrag, den Steuerprozentsatz um 5 "0 zu erhöhen, verfiel der Ablehnung und cs wurde beschlossen, zunächst von jeder Stenererhöhung abzusehen. Punkt 3 der Tagesordnung behandelte die Wahlen zum Ge meiuderat, und ist als Wahltag Sonntag, der 7. 12. 1930, bestimmt worden. Es haben turnusmäßig 5 Herren auszuscheiden, wozu noch die 2 offenen Plätze kommen, die die im Laufe des Jahres oei,J zogenen Herren innc hatten. Mithin sind 7 Herren zu ivählen. Es lag ein Schreiben des 2. Vorsitzenden Herrn Rechtsanwalt Löffler vor, in dem dieser jede Wieder,vahl ablehnen zu müssen glaubt unter Hinweis auf Erreichung der Altersgrenze. Dem Vorsitzenden ist es nicht gelungen, den nun 18 Jahre dem Kollegium angehörenden Herrn R.-A. Löffler zur Abänderung dieses für die Gemeinde sehr bedauerlichen Entschlusses zu bewegen, er gibt aber die Hoffnung nicht aus, daß Außenstehende mehr vermögen und daß dieser Entschluß rückgängig gemacht wird. Zum Wahlleiter wurden die Herren Tr: Goldberg und Löwenthal und zu Listenführern die Herren Kariel und Lutzki bestimmt. Stargard. (Religiöse Weihe st u n d e.) Wir hatten hier am 16. November ein religiöses Erlebnis, eine Weihestunde unter Verwendung des von Herrn Hans Lachmann-Mosse geschaffenen gortesdienstlichen Tchallplatteniverkes. Das Gotteshaus war besetzt wie sonst iinr an den hohen Festen. Bis ans wenige Außenseiter, an denen es ja nirgends jehlt, nahmen alle Mitglieder der Gemeinde, und dazu noch viele Fremde aus den benachbarten kleinen Städten an der Veranstaltung teil, und alle verließen sichtlich erbaut, ja begeistert die Andachtsstätte. Wer hätte denn auch schon jemals so wundervolle Synagogenmusik gehört, wie sie hier geboten wurde! — _j£fls Wertvolle des Schallplattenwerkes liegt zweifellos in der meisterhaften treuen Uebertragung der altvertrautcn religiösen Melodien auf deutsche Texte. Es sei nur auf den 92. Psalm und das „Wejessoju (Einst in ferner Zeiten Tagen)" hiugewiesen. — Die Wirkung wurde noch verstärkt durch die eindrucksvolle Predigt des Herrn Rabbiner Dr. Lehmann. Er enthielt sich jeder Propaganda für seinen Staildpnnkt. In äußerst geschickter Weise überließ er das dem Propheten Jeremia, den -er für sein, nein, für unser Judenlum sprechen ließ. — Die Schöpfung des Schallplattenwerkes ist eine religiöse Tat, die sich namentlich für kleine Gemeinden, die jedes Gottesdienstes ermangeln, zum Segen auswirken wird. Stettin. (F e st s e tz u n g des Steuersätze s.) Nachdem im verflossenen Berivaltungsjahr der Steuersatz vorübergehend auf 11 o/a gesenkt worden war, haben die Gemeindekörperschasten, wie in den vergangenen Jahren, so auch für dieses Jahr die Steuerqnote auf 12tH o<, der Relchseinkoinmeitsteuer festgesetzt. — Für di-e -Wahlen zur Repräsentantenversammlung, welche gleichzeitig mit den Landesverbändstvahlen aus den Z0. November festgesetzt;ind, ist erfreulicherweise eine Einigung der 3 Parteien: 9 Liberale, 3 Volksparteiler und 3 Konservative, zustande gekommen. Es ist eine Eiuheitslisle aufgestellt ivordeu, so daß daniit ein Wahlkampf vermieden worden ist. — Dasselbe erfreuliche Resultat ist in Bezug auf die Wahlen zum Landesverbände scstzustellen. Der Wahlkreis III, dessen Bezirk die Provinzen Brandenburg, Pommern und Grenzmark umfaßt und dein 5 Mandate zustehen, hat eine Einheitsliste ausgestellt, deren erste 5 Vertreter folgende Herren sind: Rechtsanwalt Dr. Marruse, Stettin, Stadtrat I. Zielenziger, Potsdam, Rabbiner Professor Dr. Rosenzweig, Schneidemüht, Dr. Dresel, Stettin, Siegfried Rosenbaum, Pasewalk. Trebnitz, i'il a t i o n a l» o z i a l i st i s ch e F r i e d h o f s s ch ä n - d e r.) Aus dem jüdischen Friedhof in Trebnitz (Schlesien) wurden, ivie schon mitgeteilt, zahlreiche Grabsteine mit Hakenkreuzen beschmiert. Auch die Leichenhalle wurde verunstaltet. Wie Justizrat Peiser (Breslau) der C.B.-Zeitung" mitteilt, entging auch das Grabmal des Kaufmanns Julius Hitler, dessen Stiftung die Stadt ihr Bürgerheim verdankt, nicht der Besudlung. Tie Bürgerschaft ivar in begreiflicher Erregung über diese Untat, und dadurch sah sich auch die iia!ionalsozialistis-che Ortsgruppe veranlaßt, im „Trebnitzer Anzeiger" eine Auslobung für die Ergreifung der Täter auszusetzen und von ihnen abzurücken. Das Inserat hieß: „Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei duldet keine Denkinalsschänder in ihren Reihen. Sie zahlt daher 50 Reick>s mark Belohnung demjenigen, der die Schmierfinken, die auf dem jüdischen Friedhof das Hakenkreuz für ihr niedriges Treiben mißbrauchten, so namhaft macht, daß sie ihrer Bestrafung zugesührt lverden können. Mitteilungen sind zu richten an Herrn L. Fechner jun., Trebnitz, Wassermühle." Tie Suche „ach den Tätern, die von der Polizei sogleich ins Werk gesetzt worden tvar, hatte Erfolg. Noch nicht 24 Stunden nach Veröffentlichung jener Anzeige entpuppten sich ein vierundzwanzigjähriger Maler und zwei Burschen jugendlichen Alters als die Täter, die, wie sie selbst zugeben, eing-eschriebene Mitglieder der Ortsgruppe Trebnitz der N.S.D.A.P. sind. Die „C.V. Zeitung" bemerkt dazu: „Was sagen die Nationalsozialisten dazu? Sie dürfen nun für die Ergreifung ihrer eigenen Freunde der Polizei die Belohnung von 50 Mark zahlen und sie mögen daraus lernen, baß die nachträgliche moralische Entrüstung nichts nützt, solange sie ihr System: die Vergiftung der Volksmasse mit dem Judenhaß beibehalten. Die wahren Schuldigen sind die 5?etzer selbst!" Würzbvrg. (I n b i l ä e n.) Studiendirektor Stoll und Seminarstudienrat Anfänger der hiesigen Lehrerbildungsanstalt begingen ihr 25 jähriges Jubiläum an genannter Anstalt. In einer akademischen Feier, an der Rabbiner und Lehrer benachbarter Gemeinde teilnahmcn, wurde die pädagogische Arbeit der beiden Jubilare gefeiert. Rabbiner Dr. Hanover, Würzburg, der Vorsitzende des Kuratoriums, hielt die Festrede, die eine Anerkennung der Harmonie altjüdischer Weisheit und moderner Forschung, wie sic in den beiden Jubilaren, verkörpert ivaren, bedeuten sollte. Seminarrabbiner Dr. Neubauer gratulierte das Lehrerkollegium und Oberstudiendirektor Dr. Abt für das staatliche Schullehrerseminar. Die Wünsche der Höchberger Präparande überbrachte Direktor Steinhäuser, außerdem gratulierten Justizrat Dr. Haas für die Kultusverwaltung und Herr Lazarus für den bayrischen israelitischen Landesverband. Auch die Rabbiner Dr. Stein, Schweinsurt, und Dr. Wohlgemuth, Kitzingen, hielten ehrende Ansprachen. Endlich sprach ein Schüler den Jubilaren den Dank und die Wünsche der Mitschüler aus. Die Geseierten., denen als äußeres Zeichen des Dankes Radierlmgen von Herm. Struck übergeben waren, erwiderten mit Worten des Dankes für die ihnen bereitete Ehrung. Gesänge des Oberkantors Eschwege und des Schülerchores. umrahmten die eindrucksvolle Feier.