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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-11-19 · 47 (19.11.1930) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
47 (19.11.1930)
Date
1930-11-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Jüdische Frauen und jüdische Männer! Täglich kommt Ihr mit Ver.oandten und Bekannten, beruflich auch mit ferner stehenden Glaubensgenossen zusammen. So weit Ihr besonders jüdischeingestellt seid, das ist für uns selbstverständlich, werdet Ihr wieder alle zur Wahl gehen. Aber das große Heer der Indifferenten, das nach vielen Tausenden zählt, liberal ist, aber für jüdische Gemeinde-Angelegenheiten kein oder nur geringes Interesse hat, muß vor dieser Wahl besonders bearbeitet und zur Wahl herangezogen werde;!. Gelingt es, auch nur einen Teil dieser jüdischen Wähler, Männer und Frauen, zu bestimmen, zur Wahl zu gehen, dann ist uns unr den; glänzenden Sieg der Liberalen nicht bange. Tut Ihr Eure Pflicht und werbt Ihr täglich, ja stündlich in den kommenden Tagen für die Wahl, Männer, Frauen und unsere Jugend, dann wird der 30. November 1930 ein Ruhmesblatt sein in der Geschichte des jüdischen Liberalismus, ein Markstein für die Jüdische Gemeinde zu Berlin und für das gesamte deutsche Judentum. Wachet au,! Frauen und Gemeindewahlen Bei der vorigen Wahl zur Repräsentanten-Versammlung war die Kandidatur von Frauen etwas Neues. Viele Jahre nach Erlangung dev allgemeinen Wahlrechts war endlich auch innerhalb der Jüdischen Gemeinde Berlin das aktive und passive Wahlrecht der Frauen zugestanden worden. Die liberalen Frauen, die zum ersten Male Mitglieder der Verwaltung wurden, gingen mit Freude an die neue Aufgabe heran. Glaubten sie doch, durch ihre Mitarbeit im Wohlfahrtsamt, im Krankenhaus u. ä. die Eignung zu gedeihlichem Schaffen im großen Kreise der Gemeinde erworben zu haben. 'Aber die Freude wurde schnell gedämpft. Statt der erwarteten knappen sachlichen Beratung mußten sie erleben, daß in der Versammlung Reden und wieder Reden über politisch-weltanschauliche Fragen zum Fenster hinaus und für die Tribüne an der Tagesordnung waren. Was sie unter Genieindcarbeit verstanden hatten, war verschoben, verzerrt und aus den Kops gestellt. Sie haben es deshalb abgelehnt, sich an solchen Redeturnieren vor der Oeffentlichkeit zu beteiligen. Nur für die Galerie das zu wiederholen, was sie schon in den Ausschuß-Sitzungen vorgebracht hatten, erschien ihnen sinnlos und zeitraubend. Die liberalen Frauen sind durch diese Erlebnisse mehr als je überzeugt, daß ihre Auffassung von Gemeindearbeit die richtige ist. Es geht nicht au, daß die Repräsentanten-Vepsanuulung zuur Tummelplatz politischer Auseinandersetzungen gemacht werde. Es ist deshalb die Pflicht aller liberalen Frauen, dafür zu sorgen, daß in Zukunft Zeit und Kraft der Repräsentanten-Versammlung ungeteilt wieder den Aufgaben gewidiuet werden, die eine Religionsgemeinde von der Größe der Berliner Gemeinde zu erfüllen hat. Alle liberalen Frauen müssen am 3 0. November zeigen, daß sie heute tatsächlich reif für die Ausübung ihres Wahlrechts sind. Sic müssen wissen, daß ihre Stimme mitentscheidet über Leben oder Untergang der Religionsgemeinde. Liberale Frauen, wählt das Leben! Bertba Falkenberg. Verständnis und Verständigung Ei» Wort zur Ostjudenfrage. Von Rechtsanwalt Heinrich Stern. Unter obigem. Titel hat Rabbiner Felix Goldman;;^ Leipzig, dessen Wirken in der großen ostjüdischen Kolonie Leipzig vorbildlich ist, in der offiziellen ostjüdischen Zeitung „Jüdische Welt" einen sehr lesenswerten Aufsatz vcröfjsentlicht, dessen Lektüre ich eindringlichst empfehlen möchte. Goldmann weist mit Recht darauf hin, daß auf beiden Seiten mannigfache Jrrtümer überwunden werden mußten und müsscn, ehe es zu einem vollen Begreifen zwischen deutschen Juden und Ostjuden kommen kann. Er weist darauf hin, daß es noch! immer deutsche Inden gibt, die von deutsche kulturellem Standpunkt aus den Ostjuden als minderwertig, und daß es viele Ostjuden gibt, die von: jüdisch-religiösen Standpunkt den deutschen Juden als schwach und unvollk'ommen ansehen. Er weist beide Vorwürfe als unberechtigt zurück, fordert größere Zusammenarbeit und engeres Verständnis für des Bruders Wesenart und schließt mit den schönen Worten: „Der deutsche Jude, der den Ostjuden verachtet, schmäht seine Väter, und der Ostjude, der den deutschen Glaubensbruder für minderwertig hält, schmäht seine Enkel." Diesen Artikel fand ich vor, als ich von meiner Reise, die mich in der letzten Woche zu einer Sitzung des Exe- Gottesdienste BerltN'vste«. Liberal« Synagoge Oste», Aula Mädchenschule ttaiserstrahe 30. Freitag, den 21. November, abends 7.30 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Swarfensly. BerUn»Norden. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Freitag, den 21. November, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Salomonsli. Sonnabend, vormittags 10 Uhr. Lerlin-Westend. Liberale Synagoge Westend, Leistilowstrahe 7-8, Aula. Freitag, den 21. November, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbinatskandidat Mehler. Berlin. Jüdische Reform-Gemeinde. Gottesdienste am Sonntag, den 23. November. Johannisstr. 16: vormittags 10.30 Uhr,- Predigt: Dr. Rosenthal. Kleiststr. 10: vormittags 10.30 Uhr; Ansprache: Frau Margarete Goldstein-Darmstadt. lutiw Komitees des Liberalen Weltverbanoes führte, zurückkehrte. Trotzdem die englischen liberalen Juden gewiß mehr „ltnks" stehen als wir, stoßen wir dort auf eine viel engere Zusammenarbeit von West- und Ostjuden. Lily Montag;; hat rn der letzten Nununer des „Morgen" ihre ostjüdisch-en Mädchen gewidmete Lebensarbeit in herzergreifender Weise beschrieben. Im Londoner Ostend zeigt das gewaltige neugegründete Bernhard Baron-Settlement, das mit der großzügigen Hilfe des Ostjuden Bernhard Baron das englische Ehepaar Henriques geschaffen hat, welcher Schatz von jüdischer Aufbauarbeit in den letzten anderthalb Jahrzehnten von wenigen „Westjuden" für zehntausende ostjüdischer Fa.- initieu geleistet worden ist. Es ist in wenigen Sätzen nicht mederznlegcn, was in den 125 Rämnen des Settlement an sozialer Weisheit, Bruderliebe, künstlerischer Schönheit und pädagogischer Arbeit der Führer, was aber auch an pbantasievoller Tätigkeit und kultureller Neuschöpsnng durch bic Jugend selbst geleistet worden ist. Diese Arbeit zeigt ganz gewiß, daß keine grundsätzliche Wesens- und Meinungsverschiedenheit zwischen den jüdischen Brüdern des Ostens und des Westens walten kann. Ich selbst habe für diese Unterscheidung stets umso weniger Verständnis gehabt, als nt meinem Elternhaus solange ich denken kann meines Vaters jüdische Freunoe aus Litauen, Polen und Rußland, mit denen er 60 Jahre lang brüderlich verkehrt hat, ein- und ausgingen, eine Freundschaft, die sich auch über das Grab Hinaus bewährt hat. Das Londoner Beispiel zeigt überdeutlich das' eine. Nicht schönes Reden hilft, sondern gemeinsames Arbeiten. Nur die Tat führt zusammen. Tie deutsche „Ort".-Arbeit hat hier bereits einen verheißungsvollen Auftakt geboten. Auch in der Gemeindearbeit wird Zusammenarbeit zwischen beiden Gruppen umso förderlicher sein, je mehr es unsere Berliner Ostjuden vermeiden, in der Oeffentlichkeit als nur einer Partei zugehörig aufzutreten. Daß wir Liberalen jedem Juden, unbeschadet seiner Abstammung, als gleichberechtigtes Mitglied in der Religionsgemeinde anffassen, habe ich erst in der letzten Landesverbandsversammlnna mit klaren Worten und unter Berufung aus die Beschlüsse der Liberalen Vereinigung vorgetragen. Tie Frage des sogenannten 'Ausländerwahlrochts steht also für uns Liberale aarnicht zur Diskussion. Waren es ja auch die Liberalen, die im Landesverband zuerst den Antrag, die Einbüraeruug der ausländischen Inden mit aller Kraft zu betreiben, gestellt haben. Für Berlin ist es selbstverständlich, daß sür religiöse, Unterrichts- und soziale Forderungen aller Schichten der Juden heit einzutreten ist, und daß; insbesondere die Liberalen auch für die gottesdienstlichen und sozialen Einrichtungen der Ostjuden eintreten werden, wobei höchstens die Frage zu erörtern bleibt, ob nicht durch Zusammenlegung gewisser Einrichtungen die Wirksamkeit erhöht und überflüssige Geldausgaben vermieden wird. Wenn wir erst die von uns lange gewünschte Dezentralisierung der Gemeinde daben, wird auch die Zusammenarbeit in Einzelfragen zwischen uns und unseren ostjüdischen Brüdern verstärkt werden können. Ter Aufruf von Felix Goldmann findet bei uns gewiß offene Ohren und Herzen, und wir sind sicher, daß auch drüben der Appell eines verständnisvollen Mannes, der beide Seiten kennt, dieser Appell an die Arelut Jisroel lebhaften Widerhall ftn'den wird. Die Lage der Chorangestelllen bei der Jüdischen Gemeinde zu Berlin Der Verband der Chorangestellten bei der Jüdischen Gemeinde zu Berlin E. B. umfaßt die festangestellten Chovsänger und Sängerinnen sämtlicher Shnagogenchöre und zählt zirka 150 aktive Mitglieder. Praktische Arbeit leistet der Verband durch Zusammenschluß zur Hebung der wirtschaftlichen Verhältnisse seiner Mitglieder, ferner durch Gründung einer Darlehns- und Unterstützungskasse, sowie Gewährung von Sterbegeld. ErstrÄt wird die Gründung einer Pensionskasse auf paritätischer Grundlage in Zusammenarbeit mit der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde. Seit über einen; Jahre nun liegt der Verband in schworen; Kampf uu; Aufbesserung der außerordentlich geringen Bezüge seiner Mitglieder. Hier wird nun vielleicht eingswendet werden können, daß es in dieser Zeit wirtschaftlicher Notlage und des geplanten Abbaues von Löhnen und Gehältern befrerndlich erscheinen muß, uin Erhöhung des Einkommens nachzusuchen. Es muß jedoch gesagt werden, daß die Chorangestellten der Jüdischen Gemeinde seit Jahren von jeder prozentualen Gehaltserhöhung der Becnnten und Angestellten ausgeschlossen wurden. Selbst Wirtschaftsbeihilfen, die des öfteren an Alle gezahlt wurden, erhielten die Chovangestellten nicht. Alle diesbezüglichen Eingaben wurden abgewiesen. Die Folge davon war, das; die Chorangestellten mit ihren Bezügen vollständig zurückgeblieben sind. Wie weit sich dieser Umstand auswirkt, soll in Folgendem erläutert werden. Es ist zunächst einmal fcstzustellcn, in welchem Angestelltenverhältnis der Chorangestellte eigentlich steht. Laut Anstellungsvertrag ist er verpflichtet, bei sämtlichen Gottesdiensten rnitzuwirkend. h. also seinen Dienst an den Freitagabenden, Sonnäbeudvormittagen, sowie an allen Feiertagen und Halbfeiertagen zu versehen. Ferner ist er verpflichtet, sämtliche von dem Dirigenten für notwendig gehaltenen Proben mitzumachen. Darüber hinaus muß er aber auch bei Trauungs- und Beerdigungsgesängen, bei Mädchenkonsirmationen, Tempeleinweihungen und sonstigen Gelegenheiten Mitwirken, allerdings gegen eine besondere Vergütung. Aus allen diesen Verpflichtungen geht aber ohne jeden Zweifel hervor, daß der Chorsänger als Vo ll rüg estellter im Kultusdienst bei der Jüdischen Gemeinde zu betrachten ist, denn er hat dieselbe Zeit auf seinen Dienst ' zu verwenden, wie alle Anderen in; Gottesbeztv. Kultusdienst der Jüdischen Gemeinde tätigen Beamten uiib Angestellten. .Hiermit entfällt der immer wieder gemachte Einwand, daß der Choraugestellte nur nebenberuflich tätig ist. Es wird ohne weiteres zugegeben, daß er außerhalb seines Dienstes freie Zeit hat, in welcher er eventuell, falls die Möglichkeit vorhanden, noch einen; anderen Erwerb nachgehe;; könnte. Aber können das die anderen in; Kultusdienst Angestellten nicht auch? Die .Herren Oberkantoren, Dirigenten, Organisten usw. haben doch dieselbe freie Zeit und bei der Besoldung dieser Herren ist niemals gefragt worden, ob sie in ihrer dienstfreien Zeit Stunden geben, oder sonst einen; anderen Verdienst nachgehen. Bei den schlecht bezahlten Chorsängern aber glaubt man die Berechtigung zu.haben, diese deshalb besonders niedrig in der Bezahlung zu halten, weil sie angeblich Gelegenheit haben, noch nebenbei etwas zu verdienen. In dieser Tatsache liegt ein großer Widerspruch. Und wie steht es nun eigentlich mit der Bezahlung überhaupt? Vor dem Kriege bezog der Chorangestellte ein Monatsgehalt von netto 60,— Mk. Heute bekommt er 75,— Mk. abzüglich Mk. 5,— Krankenkasse und Arbeitslosenversichqrung. Hiervon gehen noch durchschnittlich zirka Mk. 6,— monatlich sogenannte Werbungskosten ab, so daß ihm netto zirka Mk. 64,— verbleiben. Zu dieser Feststellung ist eigentlich schon jeder weitere Kommentar überflüssig. Es kommt aber noch viel schlimmer. Zu den 60,— Mk. in der Bovkriegszeit kamen noch durchschnittlich sür jeden Chorsänger an Nebenverdienst 6—8 Beerdigungsgesänge in Weißensee, gleich 36—48 Mk. monatlich, sowie in vielen Synagogen 8—10 Trauungen im Monat - 20—25 Mk. Das Gesamteinkommen eines Chorsängers betrug also mit NÄeneinnahmen zirka 120,— Mk. monatlich. Und heute? Die Beerdigungsgesänge sind auf durchschnittlich 2 im Monat gesunken und Trauungen mit Chor sind so gut wie vollständig von der Bildsläche verschwunden. Das Gesamteinkommen des Chorangestelltcn ist somit von zirka 120,— Mk. vor den; Kriege auf höchstens 80,— Mark in der Jetztzeit gesunken. Und einen derartigen Betrag erhalten nur die Chorsänger, während die Chorsängerinnen auf Nebeneinnahmen überhaupt nicht rechnen können. Zugegeben sei, daß das Schwinden der Nebeneinnahuleu zun; Teil auf die allgeiueine wirtschaftliche Notlage zurückzuführen ist. Aber der Vorstand der Jüdischen Gemeinde hat Verfügungen getroffen, so z. B. das Harmoniumspiel ohne Chorgesang bei zeugung — sei es auch noch so drastischen — Ausdruck zu leihen. Am nächsten Tage sprach ganz Berlin beinahe ebenso viel von Kaftans Geburtszange wie von Gerhart Hauptmanns alle Traditionen zerreißendem Erstlingswerk. Man muß damals wohl noch robustere Nerven gehabt haben als heute, denn die empfindsamen Theaterdirektoren der Gegenwart würden sich einen solchen Affront wohl kaum bieten lassen, ohne alle Minen der Presse und der Gerichtsbarkeit zu sprengen. Otto Brahm hingegen bewahrte seine berühmte stoische Ruhe, und auch der literarischen Ruhmesbahn Gerhart Hauptmanns hat die Zange des Dr. Kaftan auf die Dauer keine Einbuße getan. Der fehdelustige Isidor Kaftan brauchte fast immer die Atmosphäre des jeweiligen Tages, um sich das Herz frei zu schreiben oder zu reden. Er war und ist ein Journalist und ein Polemiker im besten Sinne des Wortes. Für dickleibige Wälzer hatte der Mann, der von seinen naturwissenschaftlichen Voraussetzungen aus die Relativität aller Dinge kannte, wenig übrig. Die zeitgenössische Literatur verzeichnet daher auch seiner Feder auch nur ein im Jahre 1887 erschienenes Werk über „Gesundheitspflegeim Hause" sowie seine 1919 erschienenen Erinnerungen: „Berlin, wie es wa r", ein echt Kastansches Menschen-Panoptikum, teilweise von jenem grimmigen Humor, den wir schon eingangs erwähnten, teilweise aber auch schon überglänzt von einer .etwas milderen Ironie und Satire, die dem Buche einen besonderen Reiz verliehen. Allen Berlinern aus der „guten, alten Zeit" waren diese Blätter ein feinschmeckerischer Genuß. Nachdem Kaftan seine publizistische Tätigkeit offiziell längst niedergelegt hatte, war er noch als Bibliothekar der grandiosen, von Rudolf und Emilie Mosse hinterlassenen Bücherei tätig, wozu ihn insbesondere sein suchendes Gedächtnis qualifizierte. Daneben aber besuchte er immer noch die Universität, um Kollegien über Musik, Literatur oder sonstige ihn besonders interessierende Fächer zu hören. Isidor Kastap, körperlich und geistig ungebrochen, verfügt noch heute über den faustischen Witz, der ihm von jeher eigen war und der ihm eine individuelle Note in allen Arenen seines Schaffens aufgedrückt hat. Neunzig Jahre! Isidor Kaftan hat die Bibel um zehn Jahre übertrumpft. Wir aber hoffen, daß wir diesen; Manne, der mit seinen; scharfen, klaren, selten voreingenommenen Auge so viele Menschen und Ereignisse hat kommen und gehen sehen und sein Urteil an vielen von ihnen gewetzt hat, auch noch zur runden Ziffer eines vollendeten Jahrhunderts werden die Hand reichen dürfen. Unterdessen freuen wir uns, ihn noch unter uns zu wissen, umsomehr, als ihn seine neunzig Jahre weder stumpf noch dumpf gemacht haben gegen die Kämpfe, die heute ausgekämpft werden müssen. Er gehört zu den Streitbaren im Geiste, und ihrer können wir niemals genug haben. Doris W i t t n e r. Zum Tode von Anselma Heine In der vergangenen Woche starb fünfundsiebzigjährig eine der feinsten, klügsten, gütigsten und liebenswertesten deutschen Dichterinnen, die Schriftstellerin Selma Heine (Anselma Heine). Mit ihr ist eine überragende Intelligenz, die bleibende Werte schuf, dahingegangen. Dabei ein stiller, ausgeglichener, vornehm-zurückhaltender Mensch, der sich zeitlebens ängstlich von allem lauten und lärmenden literarischen Treiben des Tages zurückhielt. Ihr Leben war, wie bei Goethe, ein harmonisches, in-sich-gerundetes Kunstwerk, das aus Glück, ununterbrochener Arbeit und erfolggekröntem Vorwärtsftreben bestand. In ihrer wundervoll-lebendigen Selbstbiographie „Rundgang" hat sie ihre glückliche Jugend, das stete Reisen ihres Lebenswerkes, ihr arbeitsames, von keiner äußeren Not gestörtes Dasein geschildert. Eine schönere geistige Synthese von Deutschtum und Judentum als Anselma Heine kann man sich kaum vorstellen. Aus dem Judentum stammte ihre seine, leise Skepsis und Ironie, die allerdings niemals ihre große Menschenliebe, ihr frauliches Verstehen und Nachfühlen alles Leides und irdischen Unglücks beeinträchtigten. Mit wieviel nachspürendem, mitschwingendem Verständnis hat sie in ihren Novellenbänden „Unterwegs", „Vom Jahrmarkt der Liebe", „Fern von Paris" menschliche Tragödien geschildert, denen keine „Schuld" zugrunde liegt! Ihre großen Romane „Die Mütter" und „Die verborgene Schrift" sind jenseits aller literarischen Diskussionen stehende Kunstwerke, die auch als Kulturdokumente dauernden Wert haben. Von größte;,; Reiz sind ihre in allen möglichen Zeitschriften und Büchern verstreuten' Aphorismen, die fast immer geradezu auf Formeln gebrachte Lebensweisheiten sind. Hoffentlich erscheinen diese einmal vereinigt als Buch. Der „Erfolg" dieser Sammlung steht außer Zweifel. Viele Menschen beklagen jetzt ihren Hingang. Sie war die letzte geistigüberragende Frau unserer Vaterstadt, die im Herzen Berlins, in ihrer Wohnung am Lützowplatz, einen literarischen Salon unterhielt, der ein Treffpunkt, eine Art seelisches Hein; vieler Gelehrter und Künstler bildete. Mit ihrem Tode ist das geistige Leben Berlins um vieles ärmer geworden. Auch ein Wort des Gedenkens sei bei dieser Gelegenheit Anselma Heines Bruder gewidmet, dem unvergeßlichen Reinhardt-Regisseur und Freunde Ibsens, Karl Heine, der seiner Schwester vor Jahren im Tode voranging. L. D.

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