Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 47 (19.11.1930)
- Date
- 1930-11-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wahlprogramm der Vereinigung für das liberale Zudenlum für den Preußischen randesverband vorragendem Maße es den Leitern des Keren Hajessod, Unter denen sich allerdings die größten deutschen Finanzmänner befinden, gelungen ist, Geld in den schwersten Jahren der deutschen Wirtschaft für Palästina zu erhalten. Berücksichtigt man, wie unendlich schwer es ist, dringend nötige Werke der jüdischen Wohlfahrtspflege in Deutschland aufrecht zu erhalten, .vre viele alte, chewährte Wohlfahrtsinstitnte aus Geldmangel eingehen müssen, wie es ganz unmöglich ist, neue, wichtige Institutionen innerhalb Deutschlands zu schaffen, iso kann inan nur den Wunsch liegen, daß, die großen Finanzmänner, die mit ihrem Einfluß es erreicht haben, daß, so gewaltige Geldsummen aus Deutschland nach Palästina fließen, sich auch einmal der Wahrheit des Satzes erinnern, der über diesen Zeilen steht und daß sie ihre Arbeitskraft, ihren Opfermut und ihren gar nicht hoch genug einzuschätzenden Einfluß dazu benutzen, nur die deutschen Juden zu ähnlichen Opfern für jüdische Ausgaben inne rhalb des deutschen Vaterlandes anzufcuern. Freilich möchten wir dann wünschen, daß, die auf diese Weiie zusammen kommenden Mittel nicht gerade so verwandt werden, Me. es mit den Mitteln des Keren Hajessod geschehen ist. Bei seinen oben angegebenen Einkünften von rund sünmnd'achNtg Millionen Reichsmark sind lediglich rund 1 620000 RM. für religiöse Institutionen verwandt worden, dagegen rund drn Millionen Reichsmark für „Nationale Institutionen" und nahezu vier Millionen Reichsmark für AdmiMratimis- Ausgaben der Executive, wozu noch aus dein Posteil „Verschiedenes" mit rund einer Million Reichsmark eine nicht ganz kleine Summe koimnen dürfte. Wieviel Gelb man in diesen Ausgaben für Reisen und Reden, für Besoldung von Sekretären und Propagandabüro's stecken, die rein parteimäßig verwandt wurden? Auch dafür haben die deutschen Juden — und unter ihnen Männer und Frauen, die sich immer als Gegner des politischen Zionismus bezeichnen. — willig beigesteuert. Für öffentliche Arbeiten und für sanitäre Angelegenheiten sind ausweislich der von der Jta gegebenen Ziffern nahezu sechszehn Millionen Reichsmark 'verwandt worden. Mit diesen Beträgen haben die Juden aller Länder, insbesondere auch die deutschen Juden Palästina urbar und gesund gemacht. Man kann die Enttäuschung ilnd Entrüstung der Zionisten begreifen, denen nun von der englischen Regierung deutlich gesagt wird, daß sie ihre Mittel in ein Land hineinstecken, mit öcnt nach malischer Auffassung die Inden gewiß, verbunden sind, das aber doch in erster Reihe eine englische Kolonie ilt, die iin Interesse englischer Politik verwaltet wird. Es könnte zum heil der deutschen Juden dienen, wenn diese .jLehre dazu führen würde, das. — unbeschadet aller Fürsorge für diejenigeu Juden, die i?t Palästina lcbeu und arbeiten wollen, - die knappen Mittel der deutschen Juden in stärkerem Maße als bisher für die Erhaltung und den Ausbau des deutschen Judentums verwandt werden. Wachet auf! Ein Mahnruf in letzter Stunde. Von Dr. M. Lipschitz. Nur noch wenige Tage trennen uns von dein 30. November, dem Tage, da in Berlin die jüdischen Gemeinde, Wahlen stattfinden. Ter Kamps Mt durch unverzeihliches Verhalten der jüdischen Vollspartei den Liberalen aufgezwungen worden. Daran ist nicht zu zweifeln, trotz anders lautenden Mitteilungen in Wahlslugblättern. Man mag die Wahl in dieser schweren und ernsten Zeit bedauern, schon allein deswegen, weil die Wahlarbeit so viele Geldmittel verschlingt, die heute in der Wohlfahrtspflege bessere Verwendung gesunden hätten. Und doch muß, man andererseits sich freuen, daß von neuem die Entscheidung darüber gefällt werden soll, ob die Zionisten ihre Machtgelü'te in den Gemeindestuben weiter ausdehnen dürfen oder ob ihnen durch das neue Wahlergebnis endlich zugerusen werden kann: Bis hierher und nicht weiter! Allzu groß ist die Geduld gewesen, mit der die Liberalen bisher der langsam aber sicher sich anbahnenden Umgestaltung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin aus einer Religionsgemeinde in eine Volksgemeinde zugeschaut haben. Allzu groß ist die Nachsicht gewesen, mit der mau die Zionisten die Gemeindeverwaltung in volkspartciliche Bahnen Teufen sah. Auf Einzelheiten soll hier nicht näher eingegangen werden. Es darf so nicht weiter gehen, will man nicht Zeiten heraufveschwören, die oas deutsche Judentum längst hinter sich zu haben glaubte. Wir MMen nicht rückwärts, sondern vorwärts! Seit nahezu 100 Jahren ist das deutsche Judentum mit dem Deutschtum so eng verwachsen, daß. kein Vernünftiger Dr. Isidor Kafka« neunzig Zahre Am 2 4. November d. Js. begeht ein - oder man sagt wohl besser, der — Veteran der Berliner Journalistik ein seltenes Jubiläum. Dr. Isidor Kastan, ehemals Theaterkritiker und auch heute noch Redakteur und seuilletouisrischer Mitarbeiter des „Berliner Tageblattes", treuer Anhänger des „Alten Bundes", vollendet das neunte Jahrzehnt seines Lebensganges. „Unser Leben »nähret sieben;ig Jahre, und »venu es hoch kommt, so sind es achtzig Jahre, und »nenn es töstlich ge»vescn ist, so ist es Mühe und Arbeit getvesen: denn es führet schnM dahin, als flögen »vir davon." So lautet die Bestimmung der Bibel. Dr. Kastan hat diese biblische Höchstgrenze von achtzig Jahren schon um ein rundes Jahrzehnt überschritten; er hat auch die Richtlinien des Psalmes, wonach ein menschliches Dasein nur dann als köstlich zu bezeichnen ist, wenn es Mühe und Arbeit gewesen ist, reichlich erfüllt. In Kempen geboren, hat Dr. Kastan sich zuvörderst auf das Studium der Medizin geworfen, um als wackerer Jünger Aeskulaps sich und den Menschen Genüge zu schenken. Aber der Ekklektizismus dieses von universellen Interessen beherrschten Kopses war zu groß, als daß er Kaftan auf die Dauer in die Beschränkung des „einen und unteilbaren" Berufes hätte einsangen können. Kaftans kritischer Geist, dem sich ein gewisser grimmiger Humor gesellte, trieb den Menschenarzt, aber auch Menschenkenner, schon früh in die abseitigen Gefilde der Politik, der Literatur und des Theaters. Cum grano salis, d. h. mit Ausnahme einzelner Fakultäten, konnte er mit Faust von sich klagen: I. Das veraltete, vielfach mit der Reichsverfassuug in Widerspruch stehende Judengesetz von 1847 ist zu beseitigen; nachdein der Landesverband bereits vor Jahren sich über einen dem Ministerium eingereichteu Entwurf geeinigt hat, muß die gesetzliche Regelung nunmehr schleunigst erfolgen. II. Den Gemeinderc ist ein Normalstatut zu schassen, welches die Gemeinden veranlaßt: a) zu Ausgestaltung ihrer Verfassung nach den Grundsätzen wahrhafter Demokratie (allgemeines, gleiches, geheimes Wahlrecht, unabhängig von der Stenerte'- stung; das aktive und passive Frauenwahlrecht bleibt unveräußerliche Forderung liberaler Gemeindepolitik). b) zu angemessener Besoldung aller Beamten im Ralimeu eines zeitgemäßen Beamtenrochts. III. Tic Gcsaintorganisation der deutschen Juden (Reichsverband) muß alsbald ins Leben gerufen werden. Die Bildung soll, urn die Verwaltung so einfach! und billig wie möglich zu gestalten, als Dachorganisation der Landesverbände erfolgen. Ein ausgearbeiter Entwurf einer Verfassung des Reichsverbandes wird der Oefsentlichkeit zugeleitet. IV. Für die liberale Gemeindepolitik auf allen Gebieten gilt als oberster Grundsatz die Wahrung des Charakters der Gcmetnden als Religionsgeineinden: auch die Verbände vertreten die preußische und deutsche Judenheit als Religionsgemeinschaft. Im einzelnen gelten folgende Grundsätze: 1. Tie Staatsgesetze müssen uns tu Organisation und Verwaltung unserer Angelegenheiten weitestgehende Freiheit lassen. 2. Unbeschadet der Anregungen von Seiten des Landesverbandes und später des Reichsverbandes soll die Gemeinde-Autonomie gewahrt bleiben. 3. Die wichtigste Aufgabe des Lairdesverbandes, deren Bedürfnisse vor allen anderen Zwecken der» Vorrang hat, ist die Bewahrung der Kleingerneinden vor dem Untergang und die Aufrechterhaltung ihres religiösen Lebens aus den Mitteln des Landesverbandes und der Staatsbeihilfen. Die AufrechterhaUung des religiösen Lebens in den Kleingemeinden muß durch Sicherstellung von Gottesdienst und Religionsunterricht gewährleistet werden. Die Bildung von Bezirksrabbina'ten und Bezirkslehrerstellen ist weitestgehend durchzuführen. Die Versorgung der Beamten ist durch Errichtung von Pensionskassen zu sichern. 4. Landesverband und später Reichsverband sollen nach Maßgabe ihrer verfügbaren Mittel sich der über den Rahmen der einzelnen Svnagogengemcinde hinausgehenden Aufgaben der preußischen bzw. deutschen Judenheit annehmen. Dazu gehören besonders: a) Förderung uno Unterstützung derjenigen Organisationen, welche der jüdischen Woblfahrt, der jüdischen Betufsumschichtung, Berufsausbildung und Siedlung diees begreifen kann, daß eine Lösung dieser Binduirg von der jüdischen Volkspartei angestrebt wird. Eui bono? must man fragen. Seit 14 Tagen stehen »vir int Wahlkampf. Eine flammende Begeisterung hat die liberal organisierten Wähler und .viele Indifferenten, die sich, bisher um jüdische Gemeindecmgelegenhciten nicht gekümmert haben, ergriffen, wie sie bisher noch nickt dagewescn ist. Handelt es sich doch darurn, bei der diesmaligen Wahl zu bekunden, daß die große Mehrzahl der Berliner Judenheit liberal denkt und suhlt, daß sie mit den absonderliche»: Plänen "der jüdischen Volkspartei, einen Jndenstaat zu gründen, nichts zu tun haben will und daß man es satt hat, einer Minderheit von Zionisten die Leitung der Geschicke der Gemeinde weiter zu überlassen. E s g e h t n t ch t nur um di e Eiuheit d er Jüdischen Gemeinde zu Berlin, sondern um Sein oder Nichtsein des deutschen I u d e n t u m s. Es muß bei dieser Wahl zu einem Sieg kominen, der den Liberalen nicht nur die Mehrheit in der Repräsentanten-, Versammlung sichert, sondern zu einem Sieg, der ein für alle Male dartut, daß die Berliner jüdische Gemeinde in „Habe mm, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin Und, leider! auch Theologie Durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Ta steh' ich nun, ick armer Tor! Und bin so klug, als »vie zuvor: Heiße Magister, heiße Doktor gar Und ziehe schon an die zehen Jahr' Heraus, herab und quer und krirmm Meine Schüler an der Nase herum — Und sehe, daß »vir nichts »visseu können! Das »vill mir schier das Herz verbrennen. Zwar bin ich gescheiter als alle die Lassen, Doktoren, Magister, Schreiber und Pfafscn: Mich plagen keine Skrupel noch Ziveisel, Fürchte mich weder vor 5) ö l l e noch Teufel —." Nein, sicherlich hat der Dr. Kastan sich niemals vor Hölle noch Teufel gefürchtet. Dafür aber war er auch viel zu gescheit, um sich jeweils einzubilden, er könnte „was lehren, die Menschen zu bessern und zu bekehren". Er blieb zeit seines Lebens der Naturwissenschaft verhaftet, konnte aber hinwieder seiner Sehnsucht nach den musischen Seiten dieses Lebens nicht wehren. Und so wurde er schließlich ein sogenanntes „Sujet mixte", das Zuflucht und Heimat fand unter den „Menschen von: verfehlten Beruf". Die Stärke dieses gelehrten, aber ausschließlich kritizistischen, zuweilen auch recht bissigen Eigenbrödlers war der Essay, gleichviel, ob er sich auf sein ureigenstes Gebiet, die Heilkunde, bezog, oder ob er hinüberwechselte aus die weiteren Felder der Politik, der literarischen Kritik oder des Theaterreferaies. Schon in den 60 er Jahren des vorigen Jahrhunderts trat er mit seinen politischen Ideen, die dem dazumal herrschenden Liberalismus angehörten, aber von ihm mit besonderen Temperament vertreten wurden, in die Reihe intransigenter Kämpfer. Seiner neu. Dabei ist gleichzeitig auf eine Rationalisierung der Gesamtheit der Wohlfahrtsorganisationen hinzuwirken. bj Förderung und Unterstützung der Rabbiner-Bildungs-- anftalten und darüber hinaus auch der Wissenschaft des Judentuins unter Wahrung der Freiheit der Wissenschaft. * ‘ c) Ter Heranbildung jüdischer Lehrer mit der Fähigkeit zur Erteilung des Religionsunterrichtes hat der Landesverband sein besonderes Augenmerk zuzuwenden; dabei ist besonders Sorge zu tragen für ausreichende Möglichkeit zur Heranbildung liberaler Religionslehrer. Tie Ausbildung der Religionslehrer :uuß. eine vollwertige Volksschullehrerbildung sein. d) Vou entscheidender Bedeutung für die Entwicklung der Jugend ist ote eigene Arbeit der Jugend in ihren Bünden und Vereinen. Es ist Ausgab e der Gemeinden und Landesverbände an der Schaffung der äußeren Voraussetzungen, vor allem durch Errichtung von Jugendheimen mto finanzielle Unterstützung Hemeinsamer Einrichtungen der Jugend aller Richtungen, helfend und fördernd mitzuwirken. Dabei muß die Selbständigkeit der Jugend in ihrer Tätigkeit und in der Verivaltung ihrer gemeinsamen Einrichtungen unangetastet bleiben. e) Sorge für die Erhaltung und Inventarisierung jüdischer Kunstdenkmäler. ü. Tie aus öffentlichen Steuern ausgebrachten Gelder der deutschen Gemeinden und Geineindeverbände dürfen nicht für außerdeutsche Zwecke Vertvendet werden. Insbesondere tuuß die Beteiligung an dem weltauschauungs- und parteimäßig umstrittenen Palästina-Ausbau Sache srerwilliger. und privater Initiative bleiben. 6. Tie Gemeinden nub Geiueindeverbände dürfet! nicht Werkzeuge national-jüdischer Politik iverden. Ihre Organisation ist so zu gestalten bzw. zu vereinfachen, daß sie bei Wahrung aller demokratischen Grundsätze unter äußerster Sparsamkeit zu höchster sachlicher Leistung gelangen. 7. Ter Abwehrkamps gegen den Judenhaß für alle deutschen Juden ohne Unterschied der Parteien soll auch weiterhin den bewährten Händen des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" überlassen werden. 8. Ter Landesverband soll anregend auf den Religionsunterricht wirken, der aber als solcher Aufgabengebiet der Gemeinden bleibt. Der Profanunterricht ist grundsätzlich Stäche der Komtnunen und des Staates, nicht der Gemeinden und Gemeindeverbände. 0. In allen Angelegenheiten, insbesondere auch in den Anstalten der Geme:nden und Verbände muß der Liberalisinus völlig gleichberechtigt mit den anderen religiösen Richtungen behandelt werden. ihrer großen Mehrzahl »veit abrückt von dein völkischen Gebähten der Zionifteit und daß sie offen und frei bekundet, daß sie die Errungenschaften des letzten Jahrhunderts zu Gunsten zionistischer Utopien nicht aufgebcn und daß sie weiter in alter Liebe und Treue festbalten will an der jüdischen Religion wie am deutschen Vaterlande. Wenn dies aber am 30. November erreicht iverden soll, dann muß die Zeit, die uns noch bis zu den Wahlen bleibt, fleißig ausgenutzt werden und eine erhöhte Werbetätigkeit Platz greifen. Tie Jüdische Getneittde zu Berlin, die jetzt von Köpenick bis Oranienburg, vom Grunewald bis Weißensec und darüber hinaus reicht, ist zu groß, die Wähler selbst wotnien, wenige Bezirke ausgenommen, zu zerstreut, als daß eine Wahlagitation von Haus zu Haus, wie das noch vor 30 und 40 Jahren bei den Gemeindewahleu und jetzt noch bei' politischen Wahlen möglich ist, überall mit Erfolg durchgeführt werden kann. Tie großen Kundgebungen des Liberalen Vereins haben nur emen Teil der Wähler ersaßt und aufgeklärt. Jetzt gilt es, die kommenden Tage bis zur Wahl die Agttation von Mund zu Mund sortzusetzeu. Gradheit, seiner mannhaften Ueberzeugungstreue mußte er vielfältige Opfer bringen. Im Jahre 1868 approbierte er zunr ersten Mal als praktischer Arzt, wandte sich jedoch in der Folge inehr und mehr der journalistischen Laufbahn zu, weil er in ihr eine öffentliche Tribüne für seine individuellen Gedanken und Ansichten zü finden glaubte. Er arbeitete int Parlament, in der Redaktionsstube und daheim in seinem bescheidenen Studio. Schließlich hörte er auf, als praktischer Arzt tätig zu sein, verleugnete jedoch niemals seine medizinischen Kenntnisse, sondern bemühte sich im Gegenteil Jahrzehnte hindurch, die Ergebnisse der naturwissenschaftlichen und inedizinischeit Forschung in gemeinverständlichen Artikeln der großen Menge zugänglich zu machen. Daneben war er ein Mdenschaftlicher Liebhaber der Musik und als Musikreferent auch diesem, vielleicht seinem höchsten Ideale, ein treuer Diener. Kastan ist im besten Sinne das, was man gemeinhin ein Original nennt. Ein allzeit aufrechter Charakter, ein ebenso aufrichtiges, aber nicht immer wohlwollendes Mundwerk und eine spitze, vor nichts und niemand zurückschreckende Feder eignen ihm. Seit vielen Jahrzehnten kannte man ihn als vielseitigen Mitarbeiter des „Berliner Tageblattes". Eine gewisse, wenn auch zweischneidige Popularität erlangte er, als er Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, gelegentlich der Uraufführung von Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang", dessen „konsequenter Naturalismus" zum ersten Male die szenische Andeutung oder Darstellung eines Entbindungsvorganges auf der Bühne brachte, in seiner Personalunion als Mediziner und Literat im kritischen Augenblick eine riesige Geburtszange zückte, um sie den erschrockenen Schauspielern auf die Bühne hinaufzureichen. Diese Handlung war „echter Kastan", der vor keiner Demonstration zurüchcheute, wenn es galt, seiner lieber-