Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 47 (19.11.1930)
- Date
- 1930-11-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IöbMMerak3eAmg Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. tverantwortl. Redakteur: Sruuo Doyda. Die Vereinigung für dar liberale Judentum übernimmt nur ,ür diejenigen Auffähe, die ausdrücklich als in ihrem Hamen oder in ihrem Aufträge verfaßt gekennzeichnet find, die Verantwortung. Aue anderen Artikel, Aeuherungen und VorschkSge erscheinen unter der Verantwortung der Redaktion. Nr. 47 Berlin, 19. November 1930 10. Jahrgang Die „Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschüftsslelle: Berlin SW 11, Hallesche Str. 1 Sevntuj: Bergmann 3354, 3359 Postscheckkonto: Berlin 7W 7, 137069 (Bereinigung für das liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Bezugspreis dnrcb die Geschäftsstelle '^jährlich Hl. 3.— Einzelnummer 0.25. Lei freier Zusendung i. Inland 0.30 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitglieds beitrage enthalten. Anzeigenpreise: Die 12gespalt.Ttonpareillezeile9.45 Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigenannahme bei der Geschäftsstelle u. sämtl. Annoncen-Expedit. ZiimWch« ««hlterror Ter Liberale Verein der Berliner Jüdischen Gemeinde führt zur Zeit einen Wahlkampf, dessen Ausfall nicht nur für den Kreis der Berliner Jüdischen Gemeinde-Angehörigen, sondern weit darüber hinaus für das gesamte deutsche Judentum und die politische Stellung der Juden im deutschen Volke Bedeutung hat. Entsprechend dem Ernst der Zeit und mit Rücksicht auf die politischen Verhältnisse in Deutschland hat der Liberale Verein beschlossen, fei neu Versammlungen den Charakter von Kundgebungen zu verleihen. Es muß vermieden werden, daß in der Gegenwart durch unwürdige Szenen das Ansehen der jüdischen Gemeinschaft nun auch nach von jüdischer Seite herabgesetzt wird. Die Hoffnungen des Liberalen Vereins haben sich leider nur einseitig erfüllt. Jetzt zeigt sich, daß in liberale Versammlungen zionistische Sprengkolonnen entsandt werden, die nach dem Vorbild der Nationalsozialisten durch Schreien oder Johlen für eine Weltanschauung werben wollen. Es ist tief beschämend, daß von zionistischer Seite vor der Anwendung derartiger Methoden nicht zurückgeschreckt wird. Wir veröffentlichen als ein Dokument dieser jüdischen Würdelosigkeit einen Auszug aus einem Polizeibericht, den das Berliner „12-Uhr-Blatt" in der Ausgabe vom 18. November addruckt: „Bei einer gestern abend in den Sophiensälen abgehaltenen Wahlversammlung für die am 30. November stattfindenden jüdischen Gemeindewahlen kam es zu Zwischenfällen. In der Versammlung, die von der Vereinigung liberaler Juden einberusen worden war, sprach u. a. auch Herr Moritz Rvsenthal. Während seiner Rede erfolgten außergewöhnlich viel Zwischenrufe, die die Saalordner schließlich zum Einschreiten veranlaßten. Bor allen: waren es Anhänger der zionistischen Idee, die versuchten, die Versammlung zu stören. Unter ihnen tat sich besonders eine Frau hervor, die schließlich von den Ordnern ans den: Saal verwiesen wurde. Als die Lärmszcnen nicht aufhören wollten, wurde schließlich das U e b e r s a l l k o in in a n d o alarmiert. Mit dem Moment, wo die Beamten im Foyer Aufstellung nahmen, trat im Saal vollkommene Ruhe ein, die dann auch in: weiteren Verlauf des Abends anhielt. Zwei der Radaumacher konnten von dem Ueberfallkommando noch zwangsgestellt und der Abteilung I A des Polizeipräsidiums zugeführt werden." Der Liberale Verein hat Vorkehrungen dafür getroffen, daß sich derart unerhörte Szenen nicht wiederholen können, und daß ei« ruhiger und friedlicher Verlauf der liberalen Wahlkundgebungen gesichert ist. Er appelliert aber auch an die einsichtigen zionistischen Kreise, darauf hinzuivirken, Hatz die zionistischen Heißsporne die Versammlungen der Jüdischen Volkspartei und nicht zu Störungszwecken die des Liberalm Vereins aufsuchen. Wir hoffen, daß die zionistischen Führer ihre Anhänger überzeugen werdm, daß in dem Kampf der Geister Rüpeleien Argumente nicht ersehen können, und daß der zionistischen Weltanschauung schadet, wer durch Radauszenen in liberalen Versammlungen ihr nützen zu könnm glaubt. Was heißt Jüdisch-liberal sein? Von Dr. phil. et med. H. Sachs (Berlin). Vor mir liegt „Liberales Judentum, Vortrag, gehalten im Liberalen Perein f. d. Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde von Dr. B. Kellermann", Berlin, 1907, Verlag M. Poppelauer (21 S.). Bei dieser fesselnden Lektüre komint inan von der Idee nicht frei, daß für die Wahlzeit eigentlich nichts Wirksameres für die liberale Sache geschehen könnte, als diesen Vortrag des uns vor 7 Jahren entrissenen geistigen Führers wörtlich zu wiederholen und dem großen Kreise der Fragenden und Unschlüssigen zugänglich zu machen. -In der ihm eigenen, straffen und klaren Diktion erläutert Kellermann das l o - gische und das geschichtliche Recht des liberalen Judentums: Religion, wie jedes andere Kulturgebiet der Bewegung und Entwicklung unterworfen, ist ohne Modernisierung und Lioeralisierung nicht lebendig zu erhallen. Dabei definiert Kellermann den Begriff der Liberalisierung als „Ausgleich zwischen naivem und wissenschaftlichem Denken, zwischen Tradition und Vernunft". — Das geschichtliche Recht des liberalen Judentums wird mit den: Nachweis der Kontinuität zwischen dem prophetischen und dem liberalen Judentum begründet, unter Ablehnung der Priesteruijtfc Lultreligion, mit einer scharfen Absage an einen falsch ausgelegten Pietätsbegriff, in kritischer Bewertung der jüdischen Forschung in Mittelalter und Gegenwart. — Was aber Kellermanns Vortrag angesichts der bevorstehenden Wahlen besonders aktuell macht, das ist der dritte Punkt seiner lichtvollen Abhandlung: „Die Gegenwartsforderunge n". Was hätte, so sagt man sich imn:er wieder, dieser durch strenge Sachlichkeit und zwingende Logik ausgezeichnete, mit autoritativem 'Wissen gewappnete Rufer im Streit heute, nach 23 Jahren, seinen Worten noch hinzufügen können.' Wichtigster Gegenstand der Gegenwartsforderungen ist Kellermann die Liberalisierung der Lehre. Dogma und Wunder müssen fallen. „Die rituelle Satzung muß als Gesetz ans dem religiösen Bewußtsein schwinden." Die kritischen Methoden der freien, unbeengten Wissenschaft haben auch für die Wissenschaft des Judentums zu gelten. Die Idee des jüdischen Liberalismus soll gefördert werden durch Erläuterung der poetischen Schönheit der biblischen Sagen und Legenden, durch Verbreitung der welthistorischen Bedeutung des Prophetismus, durch objektive Darstellung des Werdeganges unserer Geschichte und vergleichende Betrachtung anderer Religionen. — Ein weiterer Punkt der „Gegenwartsforderungen" ist die Liberalisierung des Gottesdienstes. „Wir stehen außerhalb jener Anschauung, daß auf Grund unserer Bitten der Weltprozefi eine ewige Korrektur erfährt. Für uns bildet Gott einzig und allein die Macht, die für die Verwirklichung des Guten garantiert." — „Das materialistische Bittgebet muß aus dem Gottesdienste schwinden." — „Die Selbstprüfung ist der schönste und reinste Inhalt des Gebetes." — Eine Resorin der Liturgie wird gefordert. Bei der Thoraverlesung müssen die ethischen Gedanken an erster Stelle stehen, die Propheten und Psalmen in der Umgangssprache vorgetragen und erläutert werden. In einer von edler Begeisterung und rhetorischein Schwung getragenen Auslegung des prophetischen Monotheismus schließt der Bortrag mit den Worten: „Das Judentum der Zukunft wird prophetisch sein oder — es wird nicht sein." — Es gehörte wahrlich viel Bekennermut dazu, — Keile rmann war damals noch nicht als Rabbiner, sondern als Dirigent einer vielbesuchten Religionsschule beschäftigt, — Kundgebung ln der Stadthalle. Eingang Mosterstratze, Montag, den 24. November abends S Ahr. Thema: Am 30. November wählt die liberale Liste 1 R e d n e r: Dr. John Werthelm Louis Wolff Dr. Jlja Goldmann Dr. Julius L. Seligsohn Rechtsanwalt Heinrich Stern in Berlin, auch vor liberalen Jrwen, so deutlich zu werben, und es gereicht dem jetzt oft gescholtenen Liberalismus von damals zur Ehre, daß er, wenn auch nicht ohne Hemlmungen, dieser freimütigen Meinung später auch die Kanzel freigab, während kleinliche Zaghaftigkeit anders gerichteter Kreise dafür sorgte, daß Kellermann vom Dozentenamte, zu dem er prädestiniert zu sein schienferngehalten wurde. — Wenn wir heute in treuer Erinnerung an den frühvoll^ endeten Freund seinen Worten voll unvergänglichen Wertes zu den „Gegenwartsforderungen" unserer Tage etwas ergänzend hinzufügen wollten, so kann es nur die Forderung sein, den uns hier gewiesenen Weg konsequent weiterzugehen und es nicht bei programmatischen Erklärungen bewenden zu lassen, sondern die Erkenntnis vom Wesen des liberalen Judentums in sichtbare Taten umzusetzeu. Der jüdische Liberalismus muß aus der ihm nachgesagten unfruchtbaren Negation zu einen: bejahenden, lebenskräftigen Gebilde werdm. Als dringende Aufgabe in diesem Sinne betrachten wir es, für die latenten Kräfte religiös-liberalen Empfindens Konzentrationspunkte zu schaffen. Mit schöner Architektonik der Synagogen und kleinen Reformen des Gottesdienstes ist es, wie die Etfahrung lehrt, nicht genug getan. Den meisten ist heute, — bekennen wir es offen, — das regelmäßige und gleiche lautende Gebet und die Kanzelrede am Sabbat weder Bedürfnis noch innerer Gewinn. Wollen wir Liberalen aber das Gut der religiösen Erbauung und den Segen des inneren Ausruhens nicht entbehren, und, was eine Lebensbedingung für den Liberalismus ist, die Jugend für uns haben, so müssen wir neue Formen suchen und in Ergänzur:g, ohne Verdrängung des überlieferten Gottesdienstes in den Synagogen und außerhalb derselben in größeren Zeita b st ä u t> c n Stunde:: der (Sammlung einrichten, mit L eh r v o r t r ä g en in: K e l l e r m a n n s ch e u Sinne, ohne apologetischen Charakter, von klassisch-biblischer Musik begleitet nicht länger dauernd als andere Einrichtung ähnlicher Wirkung. — Nur war die Tenrpelmusik der Leviten und den beliebten Darschan der alten Zeit nicht kennt, wird unseren Vorschlag als „unjüdisch" verdächtigen und in der modernen Kanzelpredigt, die heute auch der „alte Ritus" unbedenklich akzeptiert hat, eine „jüdische" Einrichtung erblicken! Man könnte nun zweifelnd darauf Hinweisen, daß Bestrebungen ähnlicher Art schon zur Genüge vorhanden sind, daß aber Vortragszyklen und Synagogenkonzerte, aus dem Krade der Beteiligung zu schließen, nicht viel Erfolg gezeitigt hatten. Aber in unseren Tagen der Wirtschafts- und Kulturkrisis ist der Wunsch nach Abkehr vom ermüdenden Gle:ch:nas; der Tage so überstark geworden, daß ein Versuch, d:eser Sehnsucht Erfüllung zu bringen, dringend geboten ist. Wer aber :st h:erzu anders berufen, als der l i b e r a l e Jude, dem die Religion ein bewegliches Instrument ist, wie andere Kulturgüter, zum harmonischen Ausgleich? Jüdisch-liberal sein heißt überlegenes Verständnis und nachsichtige Duldsamkeit für alle Formen und Wandlungen des religiösen Lebens aufbringen, — auch dort, wo es der persönlichen Meinung zuwiderläuft. Darum respektieren wir Liberalen ebenso die Ueberzeugung „Strenggläubiger", wie wir den Idealismus der Zionisten anerkennen. Liberal sein darf aber nicht heißen: alles gleichgültig hinnehmen, was eine kleinere Gruppe dem weitaus größeren Teile der Religionsgemeinschaft aufzuzwingen versucht. Wie der Liberalismus Kellermanns sich zu der heute zum Schiboleth gewordenen Frage „Volksgemeinde" oder „Religionsgemeinde" einzustellen hat, kann nicht zweifelhaft erscheinen. Die Argumente gegen jede Propaganda völkischer Ideen im Rahmen der Aufgaben einer Gemeindeverwaltung sind aus der Definition „Liberales Judentum" unschwer abzuleiten. Das bedeutet keinerlei Kampfansage gegen den Zionismus als geistige Bewegung. Wohl aber muß sich der Liberalismus gegen jeden Versuch wehren, der darauf hinzielt, parteipolitische Sonderinteressen als Richtlinien für die Gemeindearbeit zu proklamieren und geltend zu machen. Aber der Liberalismus muß hier auch praktischeArbeit leisten und energisch alle Versuche zurückweisen, unsere liberale Anschauung nach rückwärts zu revidieren. Wir beten eben nicht mehr: „Und stelle den Opferdienst wieder her und nimm auf die Feneropfer Israels in Wohlgefallen", und halten daran fest, auch wenn von anderer Seite bedauert wird, daß „man in Berlin (!) jede Erwähnung der mit Palästina und Jerusalem verbundenen jüdischen Hoffnungen aus der Liturgie der Synagogen verbannt". Auch werden wir es niemals gutheiße::, daß im Krankenhause der jüdischen Gemeinde vor dem Pessachfeste ein offizieller Scheinvertrag mit einem Nichljuden zum Verkauf des „Gesäuerten" eingegangen und unterschrieben wird! Erfüllt von den: Bestreben, allen Parteien und Richtungen in versöhnlichem Sinne Licht und Luft zu lassen, bleibt uns Liberalen als der weit überwiegenden Mehrheit der Gemeindemitglicder das Recht und die Pflicht, den Anschauungen des Liberalismus gebührende Geltung zu schassen. Die Größe und die Schwierigkeit dieser Aufgabe kam: uns nicht schrecken. Denn rvir halten zu den Worten, mit denen auf den: Berliner liberalen Weltkongreß, in einer Variation des Kelle r m a n n s ch e n Satzes, eine der Reden schloß: „Das Iud entu m der Zukunft wird liberal sein, oder - es wird nicht sein!" Ehariiy beging ak Home In den Jta-Nachrichten befindet sich ein Bericht über die Einnahmen, welche der Keren Hajessod in den zehn Jahren seines Bestehens vom Jul: 1920 bis zum 30. Juni 1930 gehabt hat. Sie belaufen sich aus die gewaltige Summe von rund sün,unoachtzig Millionen Reichsmark. Dazu hat Deutschland, wenn man die Zeit bis zum 30. September 1930 einrechnet, insgesamt nahezu sechseinhalb Millionen Reichsmark beigesteuert. Vergegenwärtigt man sich, daß die ersten Jahre des Bestehens des Keren Hajessod noch in die Inflationszeit hinreichen, in denen die Leistungen der deutschen Juden nahezu Null gewesen sind und daß, im letzten Jahre Deutschland sich in schwerster wirtschaftlicher Krisis befindet, so erkennt man erst die ungeheuerliche Größer des Opfers, welches deutsche Juden für Palästina gebracht hoben. Nach der sehr interessanten Statistik, welche die Jta- Nachrichten bringen, ist der Betrag, der pro Kopf der Bevölkerung geleistet wird, in Deutschland ein weitaus größerer, als in so reichen Landern, wie die Vereinigten Staaten und England, ja selbst etwas größer, wie in dem m Gold schwimmenden Holland. Auch hierin zeigt sich, :n wie her-