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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-11-12 · 46 (12.11.1930) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
46 (12.11.1930)
Date
1930-11-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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* Sprechsaal * fjflt diese Rubrik übernimmt die Schriftleitung lediglich die preß» gesetzliche Verantwortung. Itoch einmal der neue Feuchtwanger Herr Tr. Ludwig Wassermann-München, der in der letzten Nummer der „Jüdisch-liberalen Zeitung" gegen meine Würdigung von Lion Feuchtwangers „Erfolg" Einspruch erhoben hat, irrt, wenn er vermeint, daß. die Politik mir eine terra iucognita sei, die ich nicht zu betreten hätte. Es ist hier nicht der Raum dazu, diese etwas abwegige Meinung Tr. Wassermanns zu widerlegen. Aber die Redaktion wird mir wahrscheinlich gerne bestätigen, daß ich sowohl meinen Leistungen als auch schon meiner Aszendenz nach — ich bin die Tochter eines Politikers und in ausschließxlich politischer Atmosphäre ausgewachsen — zu politischen 'Urteilen hinlänglich befähigt bin. Von meiner Person indes abgesehen, möchte ich Herrn Dr. Wassermann doch einige gerichtsnotorische Tatsachen entgegenhalten: Sind die Inden Eisner und Landauer in München ermordet worden oder nicht? Haben die Politiker Mühsam, Fe-cheitbrch, Toller um. ihrer von der in Bayern herrschenden Reaierungsmeinung abweichenden Denkart langjährige Bußen in bayerischen Strafanstalten haben absitzen müffeit oder nicht? Hat die nationalsozialistische Zellenbiloung mit Adolf Hitler im Mittelpunkt von Bayern ihren Ausgang genommen oder nicht? Ist der „Marsch auf Berlin", eine klägliche Nachahmung des faschistischen „Marsches auf Rom", in München projektiert worden oder nicht? Kann Tr. Wassermann bestreiten, daß Tr. Ludwig Thoma, sicher ein echtbürtiger und echtblütiger Bayer, der die grandioseste Satire auf das Land Bayern vor oem Kriege geschrieben hat, nämlich den „Briefwechsel eines bayerischen Landtagsabgeordneten", sich nach dem Umsturz ln einen sturen Reaktionär und grimmigen Reichsfeind verwandelt hat? Will Herr Tr. Wassernmnn bestreiten, daß der aus Bayern hervorgegangene Reichsjustizmutister Emminger das Vertrauen zur Rechtspflege im Deut, scheu Reiche durch seine partikularistischen Methoden erschüttert hat oder nicht? Will Herr Ta. Wassermann bestreiten, daß. gerade München es gewesen ist, das dem General Ludendorff für seine Person und seine heute wohl nur noch pathologisch zu würdigende antisemitische Propaganda ein gastliches Asyl gewährt hat? Will 'Herr Tr. Wassermann bestreiten, daß die Spuren der meisten Morde oder Attentatspläne, die an Reichsmimstern verübt wurden, nur allzu häufig bayerischen Ursprungs waren? Tie Nachricht von der Ermordung Kurt Eisners erfuhr ich im Couloir der Nationalversammlung zu Weimar durch, den damaligen Reichskanzler Philipp Scheidemann, der, tief erschüttert, auch noch nin bas Leben seines ebenfalls überfallenen und verwundeten Freundes und Parteigenossen Auer bangte. (Beiläufig und nur zur gefl. Kenntnisnahme von Herrn Tir. Wassermann war ich in Weimar als politische Berichterstatterin eines großen Berliner Blattes tätig.) Und nun neben alldiesen gerichtsnotorischen „Ausnahmen", als welche Herr Dr. Wassermann die oben erwähnten Tatsache^ zn bezetch-- nen beüebt, noch, einige Erfahrungen persönlicher Natur. Ich habe das Land Bayern und seine Hauptstadt München, dte mit Rocht als eine Kunststätte erster Ordnung galt, vor dem Kriege sehr genau gekannt und aufrichtig geliebt. Aber ich hatte auch gerade in den ominösen Jahren 1920 bis 1924 Gelegenheit, oft und viel in Bayern zn. verweilen. Ich habe mich gerade in jenen Jahren lange Monate hindurch aufgehalten am Starnberger See, in Garmisch-Partenkirchen, in Berchtesgaden, von wo aus die politischen Fäden 'der Dynastie Wittelsbachvertreten durch den Kronprinzen Ru pp recht, über Land und Reich gesponnen wurden, in Oberammergau, wo mich, trotz Anerkennung der künstlerischen Darbietungen, die Vermengung von „busineß" und pathetischer Frömmelei aus äußerste anwiderte, und nicht zuletzt in München selbst, wo die judenfeindlichen, premdenfei üblichen, kulturfeindlichen Strömungen eben die Oberhand gewannen. Ich habe mich in diesen ganzen Jahren wacker herumgeschlagen mit dem Hakenkreuzlertum, das einem in Bayern auf Schritt und Tritt, in Stadt und Land begegnete. Und ich habe es schließlich abgeschworen, in meiner Eigenschaft als deutsche Jüdin dieses Land, das ich außerordentlich geliebt habe, in den folgenden Jahren erneut aufzusnchen. Ich kenne die „gerecht denkenden objektiven Leser in Bayern", bei denen Feuchtwangers Buch, so groß,eit Unwillen hervorgerufen hat, nicht. Hingegen kenne ich. Schriftsteller und Gelehrte von Rang und Ruf, die, seit Jahrzehnten in München ansässig, behaupten, sich in dem heutigen München entwurzelt zu suhlen. Und bann habe ich, auf italienischem Boden noch einen besonders interessanten Typ kennen gelernt. Er war Landgerichtsdirektor im Lande Bayern, wirkte wie einer jener von Feuchtwanger geschilderten „Söhne der Bayerischen Hochebene" und erweckte doch in mir den unabweisbaren Verdacht jüdischer Abkunft. In der Unterhaltung befleißigte sich der Herr, dessen Namen ich bei der Vorstellung nicht verstanden hatte, kraftvoller antisemitischer Floskeln. „So a Fud" war seine LieblingscharMeristik. Ich nahm mir vor, den Herrn zn stellen, und als rch ihn einmal in heller Begeisterung ob der Lektüre irgend eines bayerischen Hugenbergblättchens fand, richtete ich! prompt die Frage an ihn, „Sind Sie eigentlich Nationalsozialist, Herr Landgerichtsöirektor?" und erhielt ebenso prompt von dem überrumpelten Herrn die klassische Antwort „Ja, wenn ich ka' Fud war', wäre ich selbstverständlich Nationalsozialist; dös ist doch die einzig vernünftige Politik, die man treiben kann". Vielleicht hat Herr Dr .Wassermann Männer dieses Schlages im Äuge, wenn er von der bayerischen Justiz spricht, „in der doch auch zahlreiche jüdische Richter rechtsprechen". Vielleicht sind diese jüdischen Richter in der nationalsozialistischen Tarnkappe auch die objektiven und mit-, hin unwilligen Leser des „subjektiven" Feuchtwangerschen Werkes, sowie meiner, durch eigene Erfahrungen gestützten, aber demnach! wohl auch befangenen Würdigung Feuchtwangers. Wenn dem so ist, gönnen wir diese Mitbürger dem Lande Bayern von Herzen und bedauern nur, daß der Nationalsozialismus, zu dem Sie sich so hingezogen fühlen, von diesen „fremdstämmigen" Parteigängern nicht ebenso viel'wissen will. Doris W i t t n e r. (Mit dern Abdruck dieser Entgegnung schließen wir vorerst die Aussprache über das neue Werk von Feuchtwanger und über die Beurteilung der Verhältnisse in Bayern. Tiie -Redaktion.) Die Predigt Sehr geehrte Redaktion! Mit größtem Interesse habe ich in Ihrer Rubrik „Sprochsaal" die Ausführungen des Herrn San.-Rat Tir. Feilcheuseld gelesen und ihnen aus vollem Herzen zugestimmt. Ermutigt durch den Beginn einer solchen Debatte, möchte ich mir erlauben, die Aufmerksamkeit auf eine neuerliche Gepflogenheit zu richten, die nicht nur bei nur, sondern auch bet ungezählten anderen Mißfallen, ja Bedauern hervorruft — — aus die ständig wachsende „Veränderlichkeit der Chorgesänge". Als für einen Laien sicherlich besonders gute Kenneritt der in Berlin bisher üblichen Chorgesänge ist es mir bisher eine Freude gewesen, dem Gottesdienst zu folgen. Als nicht so taktfeste Wisserin der Melodien muß, es unbedingt verstimmen, seit Jahrzehnten gewohnte Melodien plötzlich vollständig verändert zu hören. Herr Rabbiner Dr. Salvmonski wies in seiner letzten Ansprache m der Prinzregentenstraße darauf hin, wie wichtig es sei, dem ^Gottesdienst mit Interesse und Teilnahme im wahrsten Sinne des Wortes zu folgen. Wie ist das möglichwenn tu jeder Synagoge für althergebrachte Melodien neue, andere vom Chor gesungen werden, die sicherlich auch schön snid, die aber durch die Ungewohntheit beim Publikum beit Eindruck erwecken, als solle der Gottesdienst immer mehr ins Opernhafte gezogen werden? Gerade die alten Melodieit sind für die meisten Gotteshausbesucher eine besondere Anztehungskrast, die ihnen nun sehr genommen ist, und die in alten jüdischen Organen immer wieder ausgesprochene Bitte, die Synagogen nicht nur an den hohen Feiertagen zu besuchen, wird je weniger erfüllt werden, je mehr diese unnötigen, entfremdenden Neuerungen Platz gretsen! Frau Hertha Höxter. * Form und Wesen Eine Atttwort auf Franz Merdners Erwiderung zu meiner Zuschrift in Nr. 43 erscheint mir aus persönlichen und sachlichen Gründen erforderlich. Daß, er mein Charakteristikum des geistigen Snobismus nicht auf sich bezieht, ist selbstverständlich, in Grnppenucteile dieser Art kann man niemals einen Menschen einbeziehen, den man allenfalls aus ein paar Zeitungsartikeln kennt. Im Sachlichen aber hat Herr Meidner den Schwerpunkt meiner Darlegungen auf ein falsches Gleis geschoben und sich dadurch die Polemik recht leicht zu machen versucht. Anknüpfungspunkt find meine Sätze zum Sabbat. Obwohl ich dies nur nebenbei streifte, führt gerade die Diskussion über den Sabbatgedanken mitten in die Fragen nach dem Wesen von Judentum und Jndenheit hinein. Nun werden, Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämtern Deutschlands nach Methoden der Orthodoxie mit umgekehrtem Vorzeichen, Tinge als gleichwertig aneinandergereiht, die aus drei ganz getrennten Ebenen liegen. Das Beisammensitzen von Männern und Frauen in der Synagoge ist eine formale Frage — wenn man auch dem Getrenntsitzen sowohl wie etwa der Kopfbedeckung einen tiefen Sinn zuerkennen kann, indem man hierin den Ausdruck eines bewußten Andersseins in der Verehrung des Göttlichen gegenüber allem Menschlichen erblickt. Das jüdische Eherecht ist eine Rechts- und Existenzfrage für die Teile der Jrwenheit, die heute noch von ihm betroffen werden. Als solche ist ihr selbstverständlich größte Beachtung nt schenken. Der Sabbatgedanke und seine Erhaltung ist Wesens frage für die Idee (des Judentums und für den Bestand der Judenheit). Tas Wesen des Judentums ist nicht nur Ethik, es ist Religion, d. h. Dienst am Zeitlosen, Unwandelbaren (an Gott), und Tiettft an der Zeit (am Menschen). Ein ganz starker Lebensausdruck irr beiden Richtungen ist der Sabbat. Jüdische Idee und Existenz lassen sich nicht voneinander trennen. Tie Idee wird getragen von der Gemeinschaft aller Juden, sie ist keine bloße Theorie und kein erdachtes philosophisches System, sondern gestaltet und gestaltend im Leben der Geschlechter durch die Jahrtausende. Das Leben ist ihr Träger, die Menschen verleihen ihr Ausdruck, geben ihr die Lebensform. Das Ethische kann nicht getrennt werden von dem ihm durch die Gesamtheit verliehenen Lebensausdruck. Mag dieser sich in seiner Gestaltungssorm im Laufe der Zeiten vielfach Wan« deln, Grmtdsorm ttnd Charakter bleiben zeitloch denn sie sind Leben gewordene Idee. Es ist in diesem Zusammenhang belanglos, vom Sonntag und von Gruppen zu reden, die in ihm den Sabbattag sehen. Das macht den Sonntag nicht zu einer gesamtjüdischen Frage. Der Welt den Sabbat zu bringen, ist ja eines der großen Ziele des Judentums. So lange der Ruhetag der Welt nidjt sabbatlichen Charakter zu tragen vermag, wird es Sache des Judentums allein sein, den Sabbat zu hüten und zu pflegen. In der Ueberwindung gegenwärtiger Schwierigkeiten für die Wahrnehmutlg des Sabbat sollte es feinen Zwiespalt geben. Die großen jüdischen Fragen lassen sich nur vom gesamtjüdischen Denken her betrachten. Dann erkennt matt die notwendige E i n h e i t in Wesen und Lebettsausdruck, bei aller Mannigfaltigkeit in der Gestaltungsform. Baeck sagt im „Wesen des Judentums": „Das Judentum ist... das U tt in od erne in der modernen Welt, der Jude, — der große N o tt t o n f d r m i ft t tt d e r Geschichte." Sehr beachtenswert in diesem Zusammenhänge ist auch das bedeutsame Referat Baecks auf der Weltkonferenz 1928 sowie Tr. Wieners Aufsatz „Das Ethos des Judentums" im letzten Gemeindeblatt — wenn auch beide Rabbiner sind, Herr Meid«er. Joseph W e i n s a f t. Die jüdischen Studenten in Deutschland Das Problem der Berufsumschichtung gehört zu den wichtigsten, Vie das Judentum zur Zeit in Deutschland beschäftigen. Unter diesem Gesichtspunkt kommt der Hochschulstatistik eine besonders hohe Bedeutung zu. Sie wird aber dadurch vermindert, daß wir nichts über die Altersgliederung der Juden in Deutschland wissen, nichts über die Zahl jüdischer Kinder auf den Volksschulen, auf den höheren Schulen, so daß wir nur geringe praktische Folgen aus den vielen uns zur Verfügung stehenden Zahlen ziehen können, worauf es schließlich als Endeffekt in der Statistik ankommt. Zweifellos ist es sehr interessant, wenn wir hören, daß im Sommerhalbjahr 1930 auf sämtlichen Hochschulen „nur" 132090 Studierende gezählt wurden und unter ihnen 4972 oder 3,7 v. H. Juden, während die jüdische Reichsbevölkerung im Jahre 1925 (wohlgemerkt nicht 1930!) 0,9 v. H. ausmachte. Wir wissen, daß der Jude das akademische Studium hoch einschätzt, eine Erscheinung, die bei allen Völkern mit alter Kultur wiederkehrt. Diese Bevorzugung der Geistesarbeit wird ihm zum Vorwurf gemacht. Man möchte es verhindern und hat bekanntlich in Ländern wie Ungarn den numerus clausus einzuführen nicht gescheut, gleich als ob das langjährige Hochschulstudium mit den schlechten Aussichten ein beneidenswertes Glück darstellt. Heutigen Tages sicherlich nicht, und deshalb versucht man schon von jüdischer Seite — ein antisemitischer Zwang ist vollkommen überflüssig — möglichst die Zahl der Studierenden zu mindern und andere Berufe für die Heranwachsende Jugend in Vorschlag zu bringen. (Wer denkt nicht an Franz Oppenheimers Pläne im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten?) Tie Zahl 4972 scheint auch auf den ersten Blick recht hoch, verliert aber bedeutend an Größe, wenn wir erfahren, daß in ihr 1269 Ausländer jüdischer Konfession enthalten sind. So kommen wir auf die Zahl 3703, und iti ihr stecken noch 1048 weibliche Studierende, was das Gesamtbild vollständig umsormt. Der jüdischen Frau kommt aus der deutschen Hochschule überhaupt eine bemerkenswerte Bedeutung zu, nicht allein in bezug aus die jüdischen Studierenden, sondern auch auf die studieretrden Frauen, wo sie die hohe Prozentnorm von 5,7 v. H. bilden. In Hinsicht auf die Hochschulgattungen sind es überwiegend die Universitäten, die für die Juden ttt Frage kommen. Man zählte im Sommersemester 1930 3370 (außerdem 1006 jüdische Ausländer), 251 auf den Technischen Hochschulen und Bergakademien (279 jüdische Ausländer), 63 auf den Handelshochschulen (89 jüdische Ausländer). Von den Universitätsstädten steht Berlin mit 1401 (davon 370 Ausländer) jüdischen Hochschülern an der Spitze. Es folgen Frankfurt <t. M., Heidelberg, Freiburg, Breslau, München und Köln. An den Universitäten betrug die Zahl der Medizinstu-> dierenden jüdischen Glaubens 5,7, Rechts- und Staatswissenschaften hatten 5,1, Volks- und Betriebswirtschaft 3,6 v. H. belegt. Das Streben nach dem freien Beruf ist das Ziel des jüdischen Akademikers in Deutschland. Herbert P hil ivpst hal. Aus der Ilr-Vewegung Verantwortl.: Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlands Vorsitzender: Dr. Hugo Hoffmann, Frankfurt a. Main Blick in die Zeit i. Ein und ein halbes Jahrzehnt trennen uns vom Weltkrieg, der mit unerhörter Rücksichtslosigkeit wie ein Hexenkessel Millionen von Menschen und Sachtverten vernichtete. Alle Völker Europas und der übrigen Welt stolperten in dieses Wettmorden, getrieben von Haß und Verhetzung. Kein Volk ist Sieger geblieben. Deutschland schien vernichtet, und doch, wenig Freuden haben die Siegerstaaten. Das englische Kolonialreich bereitet dem Mutterland schwere Sorgen, Amerika zittert vor dem drohenden Anwachsen der Arbeitslosigkeit, der schleichenden Weltkrankheit. Eine gewaltige Absatzkrise quält die Menschheit, schwere Funktionsstörungen haben das weltwirtschaftliche System erschüttert. Und wenn wir an alle die ans dem Werte schaffenden Produktionsprozeß gedrängten Arbeiter mit ihren Angehörigen denken, so sind es ungeheure Millionenscharen, die in Furcht um ihr täglich Brot, um ihre noch so niedrige Lebenshaltung bangen müssen. In Deutschland gewinnt diese Krise der Gegenwart ein besonders trauriges Gesicht. Hat der Weltkrieg vielen Familien Ernährer, Vater oder Söhne entrissen, so raubte die Inflation dem deutschen Mittelstand die letzten Barschaften. Deshalb machen die fehlenden Reserven für Deutschland die Wirtschaftsuot besonders hart und schwer tragbar. Daß das Judentum unter dieser steten Proletarisierung des Mittelstandes besonders schwer leidet, muß ein jeder unter uns leider täglich nur zu deutlich erfahren. II. In dieser Situation wächst nun die Jugend auf, eine Generation, die Umwälzung und Krise auf allen Gebieten geistigen, s eelischen und wirtschaftlichen Lebens, allüberall ein Uebermaß an Problematik vorfmdet und nicht recht weiß, welche der in der Krise gärenden Ideen sie für ihre Lebensgestaltung auswerten soll. Die Not der Zeit drückt auf jeden unter uns Jugendlichen. Das Wirtschaftslebett, welches früher für den jungen Menschen nichts Problematisches barg, bedrückt heute den Jugendlichen schwer. Mit welchen Erwartungen soll ein junger Mensch ins Berufsleben treten, in dem er den Wert seiner Person in Werte schaffende Arbeit umzusetzen strebt, wenn er noch vor Ausübung jeder Tätigkeit erkennen muß, daß seine geistigen oder körperlichen Fähigkeiten ohne Wirkung für sein Fortkommen sind? Weirw früher die Qualität der persönlichen Arbeitsleistung, die ein

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