Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-11-12 · 46 (12.11.1930) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
46 (12.11.1930)
Date
1930-11-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2613366-2614053-2614099--3786-2621417
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

stank nicht rrrehr, keine Behörde setzte ihm einen lächerlichen spitzen Hut auf. Tie Fürsten und großen Herren brauchten ihn, sie konnten nicht Krieg und Regiinent führen ohne ihn." (Lion Feuchtwanger, Jud Süß.) Der Hofjude wird in dieser Zeit der Berater des Fürsteil. Ter kurpfälzische Oberhos- und Kriegssaitor uno spätere Geheime Finanzrat Württembergs, Josef Süß Oppenheimer, der Jud Süß, der Dichtung, ist der prominentere Vertreter dieser Hofjuoen in Deutschland, wie sie noch im achtzehnten Jahrhundert eine Rolle spielen. Wie Bereno Lehmann am sächsischen Hose, Moses Benjamin Wol, an dem des Fürsten von Anhalt-Dessau, tvie Israel Aron der Hoflieferant des Großen Kurfürsten zn großer Bedeutung gelangen, so wird Veit Ephraim als Erbpächter der Königlichen Gold- und Silbermanufättur in Berlin durch seine Darlehns-, Münzgeschäste und Krregslreserurigen ein wichtiger Faktor für die finanziellen und tvirtschasltichen Maßnahmen Friedrichs II. Als Finanziers von Fürsten und Staaten, von ihnen berufen zur Entfältung neuer Gewerbezweige, hineiugedrängt in das Gelbleibgcschäft, das man ihnensäst als Monopol überläßt, beteiligt an der Entwicklung der Börse und des Kolonialhandels werden die Inden zu Pionieren d e r kapitalistische» Epoche. Von bm Zünften und Gilden ausgeschlossen, also gczioungen, auf eigenen Wegen um Kundschaft zu werben, müssen sie mit dein geheiligten Brauch der Bedarfsdeckung brechen; denn nur indem sie das kapitalistische Prinzip der Konkurrenz anwenden, können ftc sich in der Wirtschaft erhalten. So produzieren sie für den unbekannten Kunden, für den Markt. Nicht mehr nach Vorschri,t oder aus Bestellung. So werden die Juden zn Wegbahnern, nicht zn Vätern des Kapitalismus, wie Sombart in 'seinem Buch „Die Juden und das Wirtschaftsleben" (Leipzig 1!)11), an das sich eine zahlreiche Literatur angeschlossen hat, ihre wirtschaftliche Mission zu deuten versucht. Selbst wenn man von der Behauptung ausgehen wollte, die Einführung der kapitalistischen Wirtschaft sei ein Verdienst an der Menschheit gewesen, könnten die Juden diesen Ruhm nicht allein für sich in Anspruch nehmen. Im Gegensatz zu Sombart erklärt Brentano: „Nicht wo Israel hinkommt, sprießt neues Leben empor, sondern wo ein wirtschaftlicher Ausschwung stattfindet oder zu erwarten iü, zieht Israel hin." Wird man anch diese Anschauung, die den Juden eine allzu passive Rolle zuweist, nicht anerkennen können, so must man erst recht die Sombartsche These ablehnen, die Juden seien die Schöpfer des Kapitalismus, weil sie ihre Weltanschauung hierzu prädestiniere und ihre Lehre sie zu idealen Kapitalisten erzogen habe; sei doch das Gebet des Juden nichts anderes als ein Kontrakt mit dem lieben Gott. Das jüdische Bauernvolk Palästinas dachte ganz unkapitalistische Die Einrichtung des Jubeljahres und der Schuldenaufhebung waren eher sozialistischen Gedankengängen entsprungen. Aber dieses gleiche Volk trug dann in seiner Zerstreuung den antiken Geist und die hellenistische Kultur nach Europa. In Griechenland und in Ronr gab es kapitalistische Organisationen, die den modernen gleichen. In Alexandrien gehörten die Juden, ihres Landes beraubt, bereits zu deu Handeltreibenden. So sind sie den jungen Völkern des.Nordens weit voraus in ihrem wirtschaftlichen Denken. Die strenge Rationalisierung ihrer Lebensführung, ihnen eingeimpft durch ihre Lehren, läßt ihnen als einzigem Volk der Antike — darin stimmen wir Max Weber zu - den Beruf zur göttlichen Berufung, zum „Mlocho" (Dienst) werden. Tiefe religiöse Bewertung der Arbeit führt die Juden, zu rastlosem Vorwärtsstreben, das ihnen sittliche Aufgabe wird. Aeußere Umwälzungen: Kreuzzüge, Entdeckungen, Erfindungen, schäften den Grund zum Bruch mit der Idee der Nahrungs.mrtschaft. Ter Horizont weitet sich. Aus der Haus- und Stadtwirtschast entsteht die Bollstvirlschast. Tiefe neue Wirtschaft führt zur „rationalen Tauerunternehmnng", deren, „bilanzmäßig errechneter Schlußertrag in einer Geldsumme ansgedrückt" wiro. (Mar Weber.) Tie alte Tradition ist zersprengt. Hier seht die Mitarbeit der Inden ein. Aber das Ausspüren neuer Pfade ist verknüpft mit schweren: Leid, mit Verfolgung und Tod. Mit ihrer durch jahrhundertelange Erfahrung erworbenen Einstellung auf bestimmte Berufe, ihrer Anpassungsfähigkeit und ihrer unzweifelhaften kombinatorischen Begabung, die sie den Fürsten als geeignete Lehrmeister erscheinen lassen — wie sie auch Franzosen. Italiener und Holländer zur Förderung der heimischen Wirtschaft herarrzieh-en —, haben die Juden unstreitig zu der neuzeitlichen Entwicklung der deutschen Volks- Wirtschaft stark beigetragen. Nur in diesem Sinne wird man Sombart zustimmen können, wenn er in seinem Werk „Tie deutsche Volkswirtschaft im neunzehnte»: Jahrhundert" (Berlin 1913) behauptet: „Stellt man fich auf den Standpunkt der neuzeitlichen Entwicklung des Wirtschaftslebens, betrachtet man die Entfaltung kapitalistischen Lebens und damit die Freisetzung starker produktiver Kräfte als einen Fortschritt, legt man Wert auf den Rang, den eu: Land heute auf de»»: Weltmarkt einnimmt, so kann man gar nicht umhin,^ die Existe»:z jüdischer Wirtschaftssubjekte als einen der größten Vorzüge anzuerkennen, über die dieses Laird in ethnischer Hinsicht verfügt: Si le juif n'existait Pas, il faudrait l'inventer." Aber es darf bei der Beurteilung des Ei»:flusses der Juden auf tue deutsche Wirtschaft nicht übersehen werden, daß noch das ganze neunzehnte Jahrhundert erfüllt ist voi: den» R i n g e n um völlige politische Anerkennung. Tie Emanzipation hat sie endlich voü allen wirtschaftlichen Fesseln befreit. Jetzt bedarf es nicht »wehr der besonderen Erlaubnis, »venu ein Jude Schneider werden oder eine Fabrik gründe:: will. Aber volle Gleichberechtigung haben die Juden auch 1812 noch nicht erlangt. Im Jahre 1815 gibt es in Preußen für sie noch zwanzig verschiedene Gesetze. Ji» der einen Provi»:z gelten sie als Staatsbürger, in der airbem als Schutzgenossen. Die freien und die Hansestädte wolle»: von einer Einbürgerung der Juden überhaupt nichts wissen. Erst die . Verordnung, die Verhältnisse der Inden betreffend", die der Preußische Landtag am 23. Juni 1847 annimmt, bestimmt in ihren: Artikel 1: „Unserer: jüdischer: Untertanen sollen, soweit dieses Gesetz nicht ein arideres bestimmt, im garrzen Umfange Unserer Monarchie neben gleichen Pflichten auch gleiche bürgerliche Rechte mit Unserer: christlichen Untertanen zustehen." Trotzdem erhalten sie auch jetzt noch kein Wahlrecht zu den Landtagen. Diese Entrechtung in einer Zeit, in der die Industrialisierung der Wirtschaft mit aller Macht auch in Deutschla»:d einsetzt. Auch Bayern, Württemberg und Sachse»: halten an ihrer: ei»»schrä»»kenden Bestimmungen »roch fest. Die preußische Verfassung oon 1818 erklärt endlich: „Ter Genuß der bürgerlichen urrd staatsbürgerlichen Rechte ist unabhängig von der» religiöser: Bekenntnisse." Aber erst die sechziger Jahre führen zur endgültiger: Emanzipatior:. Turch das Ge,etz von: 3. Juli 1869 fallen alle Beschränkungen „aus der Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses". Wenn auch das Eirrdringen der Juden in Deutschland in die ihnen früher verschlossenen Gebiete wirtschaftlicher und sozialer Tätigkeit mit dieser Schritt für Schritt eroberter: Gleichberechtigung ziemlich parallel geht, bis zum Weltkriege bleiben ihnen trotzdem noch viele Berufe verschlossen. Kein Jude kann Offizier oder höherer Beamter werden. Tie soziale Tisqualifizierung besteht also fort. So wird die Sphäre der Wirtschaft für sie das Aeqnivalent im Streben nach sozialer Gelturrg. In ihr warerr die Juden seit Jahrhunderten mit aller Kran verwurzelt, hier bleiber» sie es auch, denn hier können sie sich frei entfalten und die Erfolge erzielen, die ihnen aus andererr Gebieter» mit Ausnahme der Wissenschaft und Kunst versagt bleiben. Sv kann auch die Emanzipation nicht alle Spuren des jahrhundertelangen Ghettos sofort beseitigen. Aber immer größer wird die Verflechtung der Juden mit der deutschen Volkswirtschaft. J'.nmer mehr rverden sie an deren Gedeiheil interessiert. Sie dienen dem Vaterland, dessen Geschick anch ihr Dasein bestimmt. Tie erste Zeit nach der Befreiung führt bei vielen Juden zu einer völlige!» Assimilation: durch die Taufe glauben sie den Beweis erbringen zu müssen, nur ans diesem Wege wahre Deutsche werden zu können. Immer wieder gehen dem Judentum ivertvolle Kräfte durch den Uebertritt zu einem andern Glauben verloren. Glaubt man an ein besonderes jüdisches Ingenium, dann wird es auch den Männern zugesprochen werde» müssen, die zwar als Inden geboren wurden, aber das Judentum verlassen haben. Von arrtisemitischer Seite werden gerade diese Persönlichkeiten, obwohl sie sich selbst ganz bewußt zum Christentum bekannt haben, mit Vorliebe als Juden bezeichnet. Nur wenigen ist es vergöirnt, sich über die namenlose Menge zu erheben. Nur wenige sind es stets, die durch die Stärke ihrer Persönlichkeit den Gang der Dinge beeinflussen können. Ter Wirtschaftsführer ist eine Erscheinung des modernen Kapitalismus. Das „wundersame Geistgebilde der verselbständigten kapitalistischen Unternehmung" (Sombart) ist ohne den neuzeitlichen Unternehmer undenkbar. Er ist der Herrenmensch, der von schöpferischem Trang beseelt als Gestalter der vorhandenen und Prophet der kommender» Tinge STRAHL & FALKE BLUMEN-AUSSTELLUNG BERLIN W 66 £“£ MAUERSTR. 79 FERNRUF: ZENTRUM 5023 U. 5024 BLUHENSPENOEN . TRAUERSPENDEN TAFELSCHMUCK MIVEIVDEff ORATIONEN 1(1 K0ÜSTLERISCHER AUSFÜHRUflß die Ereignisse von gestern mit denen vor: heute kombiniert, um der: Weg zum Morgen zu weisen. Erfüllt von der Idee seines Berufs übt er ihn aus als Dienst aw Volk oder der Menschheit und ragt so hinaus aus der Sphäre des reinen Erwerbsstrebens. Es ist nicht so, daß alle diese Männer mit dem Entschluß in die Wirtschaft eintraten, nach einem fertigen Programm die Tinge, die sie vorfanden, umzugestalterr. Ter Zufall oder die Intuition spielte oft eine große Rolle, aber der neue Gedanke, dem sie rrachgingen, der Weg, den sie wiesen, um eine neue Situation zn meistern, wurden bestimmend für die Entwicklung ihres Unternehmens und damit oft entscheidend für die Volkswirtschaft. Der jüdische Wirtschaftsführer mußte erst alle Schranken politischer Entrechtung überwinden, ehe er über seine Umgebung sich emporheben konnte. Deshalb ist es nicht richtig, wenn Max Weber behauptet: „Unter deu Schöpfern der moderner: Wirtschaftsorganisation, deu Groß,Unternehmern, findet sich kaum ein Jude. Dieser Typus war christlich und nur auf christlichem Boden denkbar. Der jüdische Fabrikant ist eine moderne Erscheinung." Unter den Juden erscheinen die Wirtschaftsführer nicht später als unter den Christen. Den Borsig, Thyssen, Kirdorf, Stinnes u. a. stehen jüdische Männer ebenbürtig zur Seite, die die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft ebenso stark beeinflußt haben. Umschau Trauer um Professor Hafskine. In Lausanne fand unter Teilnahme der dortiger: jüdischen Gemeinde, der Universität :nrb der großen jüdischen Organisationen die Beisetzung des plötzlich dahingegarrgkner: hervorragerrder: Bakteriologen Professor Waldemar M. W. Hafskine statt. Nach der Trauerrede des Gemeinderabbiners I. Ptaschek sprach im Namen des Zentralkomitees der Alliance Jsraelite Universelle Rabbiner Professor Liber, der die Persönlichkeit und die Verdienste des großen Gelehrter» und Bekämpfers der Cholera- und Pestepidemien in Indien und in anderen asiatischen Ländern und seine Treue zum jüdischen Glauben schilderte. Im Namen des Präsidiums des Hilfsvereins der Deutschen Juden sprach besser» Generalsekretär Tr. Mark Wischrritzer. Er erinnerte an das Zusammentreffen des Verstorbenen mit dem leider auch dahingegangmen Dr. Paul Nathan irr Rußland im Jahre 1926. Sie waren beide nach der Sowjet-Uniorr gegangen, um sich an Ort und Stelle^ über die Leiden und Kämpfe der jüdischen Massen zu informieren. Es interessierte sie beide nicht nur die Frage des wirtschaftlichen Wiederaufbaus, sondern auch das Problem des kulturellen Lebens der Juden in der Sowjetunion. Professor Haffkirre setzte damals feine Reife bis nach Sibirien fort. Er verfolgte die Arbeit des Hilssvereins der Deutschen Juden mit besorrderem Interesse; auch die deutscher» Juden beklagen sei,» Hinscheiden aufs tiefste. Ter 100. Todestag des Abbre Eregolw. Ir: ganz Frankreich rüsten sich jüdische Kreise, den 100. Todestag des Abbee Gregoire, eines der Vorkämpfer für jüdische Emar^ipation, als Gedenktag zu begehen. Es wird erwartet daß das Zentralkonsistorium besondere Feierlichkeiten veranstalten toird. Irr Nancy hat sich unter Vorsitz des Oberrabbiners Haguenauer bereits ein Komitee für Feiern im Departement Meurthe-et-Moselle gebildet. — Graf Henri Gregoire. geb. 1750 und 1837 als Bischof verstorben, kämpfte schon vor der französischen Revolution für jüdische Gleichberechtigung, nach der Revolution trat er wiederholt in der Nationalversanrm lung für die Befreiung aller französischen Juden ein. Seine Schrift ,.Motion er: faveur des juifs" schließt mit den Worten: „50 000 Franzosen sind heute als Sklaven erwacht, von euch hängt es ab, daß sie als freie Männer zn Bette gehen." Fa,chismus und Judentum. Ter römische Vertreter des Organs der deutschen Katholiken „Germania" zieht eine Parallele zwischen dem italienischen Faschismus und seinem minderwertigen deutschen Ersatzprodukt, dem Nationalsozialismus. Mussolini wußte, führt der Korrespondent aus, daß auch das Judentum in Italien weder politisch noch weltanschaulich noch sozial einheitlich abgcsteinpelt werden kann. Tas Verhältnis der Italienischen Juden zum Staate war unter dem früheren Parlamentarismus durchaus gut. Tie Juden spielte« zn Weiler: sogar eine prominente Rolle in der Staatsleitnng. Tas Ministerpräsidium (Luzzatti) und die oberste Verwaltung der .Hauptstadt Rom (Bürgermeister Nathan) ruhten um 1909 irr jüdischen .Händen. Trotzdem hegt Mussolini keine Antipathie gegen die Juden. Ein Kenner vom wissenschaftlichen Range des Professors der Nationalökonomie an der Universität Rom urrd Perugia, Robert Michels, berichtet in seinen: Werke „Italien oon heute", daß das Judentum bei den Jta Heitern in jener Zeit in höchster Ehre stand. Niemals hrt der Duce verkannt, welche hervorragenden Tienste der ge feierte jüdische Nationalökonom Luigi Luzzatti, der mehrmals Ministerpräsident und Finanzminist'er war, dem Lande erwiesen hat. Ter Faschismus warf eine Frage für oder wider das Judentum erst gar nicht auf, sondern trachtete danach, daß intelligente Juden sich positiv zu ihm einstelllen. Nach anfänglichem Abwarten auf seiten der Juden vollzog sich die Annäherung eines Teiles derselben an den Faschismus mit kaum beachteter Selbstverständlichkeit. Von den Juden, die denr Faschismus ihre Kräfte zur Verfügurrg stellten, sind zr: nennen der Schriftsteller Gino Arias, der Publizist Gino Rocca, Professor Georgio Tel Vecchio, der des Guten etwas zuviel tut urrd als Rektor der Universität Rom die jüdischen Professoren und Tozenteir am liebsten sogleich in einer Linie mit dem Regierungssystem gesehen hätte. Großes Ansehen innerhalb des Faschismus genießt die als Jüdin geborene und mit einem Juden verheiratete Schriftstellerin Marghe rita G. Sarfatti, die Verfasserin des Buches „Dux", der meistgelesenen Biographie Mussolinis. Die faschistische Presse bescheinigt den Juden, daß sie beste Staatsbürger seien. Ein derartiges Zeugnis, schließt der Korrespondent, offenbart denn doch eine Kluft zwischen dem Denker: der Faschisten und dem der deutschen Nationalsozialisten. Es wäre deutsche Michelhaftigkeit, das Interesse, das die faschistische Presse für gewisse Außenseiten der Nazibewegung zeigt, für eine innere Gesinnungsgemeinschaft oder gar für das Vorzeichen einer außenpolitischen bündnisbereiten „Marschbereitschaft" ar^usehen. Leber: wir nicht in außenpolitischen Utopien, nachdem wir im Weltkriege urüer den Folgen solcher optimistischen Wahngebilde schon so furchtbar gelitten haben? Ort-Konzert Die „O r t"-Gesellschaft zur Förderung des Handwerks, der Industrie nick der Landwirtschaft unter den Juden veranstaltete am vergangenen Sonnabend in der Synagoge Fasanenstraße ein Konzert, dessen Ueberschuß dazu beitragen soll, den durch die soziale Umschichtung betroffenen jüdischen Massen zn einer neuen Existenz zu verhelfen. Es kanrr wohl in der heutigen Zeit keine wertvollere Hilssarbeit geben — und doch war der Besuch des Konzertes nur mäßig, obwohl eine ganze Reihe erster Musikkräfte sich in den Dienst der Sache gestellt hatterr. So spielte M i - chaet Taube, der feinnervige Dirigent, mit feinem Kammerorchester in geradezu mustergültiger Vortragskunft und großer Klangschönheit das Concerto grosso H-moll viorr Händel, Emanuel List, unser erster Staatsoperbassist, sang die Arie aus der Zauberflöte: „In diesen heiligen Haller:" vor: Mozart und „Eli, eli, lama asawtani". Dazwischen spielte Joseph Wolfsthal, erster Konzertmeister derselben Oper, das Konzert A-moll für Violine und Streichorchester vor: Viv aldi. Hier hätte das Kammerorchester ein wenig mehr zurücktreten könnerr, da der Gegensatz von Solo und Orchester njcht immer klar genug in Erscheinung trat. Die zweite Hälfte des Programms wurde ausschließlich vor: synagogäler Musik bestritten. Unter der bewährten Leitung von Alexander W e: n b a u m fang ein gemischter Chor sehr diszipliniert und nüanciert zwei Sulzersche Werke: „Al naharoth bowel" und „B'rausch haschonoh", letzteres mit Leo G oll anin. Beide Werte sind wahre Juwelen der synagogälen Musik; es gibt nur wenig andere aus der Zeit nach Sulzer, die ihner: an die Seite gestellt werden können. Leo Gollanin, vor: einiger: Kleinigkeiten abgesehen stimmlich besonders gut disponiert, sang außerdem mit großer Ausdruckskraft aus Werken von Birnbaum, Löw und wiederum mit Chor Arno Nadels „Majchulu, Boruch und Mogin owaus". Arno Nadels Kompositionen sind stets sehr gekonnt, doch fehlte wir hier bei vielen interessanten Einzelheiten — sehr wirkungsvoll das abschließende „Omen" — die Originalität im Garrzen, bei aller Gestaltung und äußeren Steigerungsfähigkeit die innere Wärme, so daß manche Stellen übersteigert wirkten. Das stellte sich umsomehr heraus, als man »roch unter dem Eindruck der Sulzerschen Werke stand. Der 103. Psalm vor: Lewandorvsky, an dem sich das Soloquartett Hede Simon und 3 Rosenthals (Elsa, Dr. Willy und Martin) mit Erfolg beteiligten, beschloß den Abend. An der schönen Orgel der Fasanenstraße saß Erwin Jospe. Man soll bekanntlich die Imponderabilien nichts unterschätzen. Und so möchte ich auf zwei Dinge Hinweisen, die nicht ganz unbeträchtlich auf die Stimmung des Publikums wirkten. Es war in: Tempel recht kühl und zugig, so daß rücht wenige das Konzert vorzeitig verließen. 'Tarn: war es unvorteilhaft, daß die Ausführendei: unsichtbar blieben. Ist schon bei Radio unb Schallplatte der Kontakt zwischen Künstlern und Publikum verloren gegangen, so sollte man darauf bedacht sein, rhu bei Konzertverarrstaltungen jeder Art zu erhalten. Dr. Sch ildb er ger. .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.