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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-11-12 · 46 (12.11.1930) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
46 (12.11.1930)
Date
1930-11-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Unbewiesen, daß das Zentrum schon vor dem Kriege auch denjenigen Gruppen gegenüber, die, wie die Elsässer, die Polen, di« Dänen nationale Minderheitsrechte beanspruchten, weitgehendstes Verständnis und Förderung entgegengebracht hat." Herr Kareski meint, daß das zwar nichts mit der Sache zu tun habe, aber er vergißt zu sagen, warum er es denn überhaupt betonte. 3. Herr Kareski legt besonderen Wert darauf, zu betonen, „daß die Juden in Deutschland nationale Minderheitsrechte nicht für sich beanspruchen". Eine derartige Dummheit haben wir den Zionisten auch bisher noch nie zugetraut. Wesentlich ist aber u. E. nicht die Frage, ob die Zionisten in Deutschland nationale Minderheitsrcchte „beanspruchen" oder nicht, wesentlich ist es lediglich, ob die Stempelung der deutschen Juden zur nationalen Minderheit logische Konsequenz der nationaljüdischen Theorie ist oder nicht. Ta allerdings glauben wir, daß die Gesetze der Logik nicht den Dementis des Herrn Kareski unterworfen sind. Aus den Gemeinden Arnswalde. <7 5. Geburtstag.) Tie seit 25 Jahren an der Spitze des Israelitischen Frauenvereins stehende Frau Johanna Moses feiert ihren 75. Geburtstag. Die Jubilarin hat sich aus gemeinnützigem Gebiet große Verdienste erworben und wird an ihrem Familienfeste mancherlei Ehrungen entgegennehmen dürfen. Beerfelden. (Stistun g.) Für die Besoldung eines Religions-- lehrers stiftete der von hier stammende Amerikaner A. S. Rosenthal, in New-Pork jährlich 4000 RM. und für die Renovierung der Synagoge den Betrag von 5000 RM. Rach einer Bestimmung in seinem Testament sollen auch Kinder und Enkel zur Ausrechtcrhaltnng der Stiftung verpflichtet sein. Ter hochherzige Stifter, der seine .Heimat besuchte und dem Vorsteher der Gemeinde von seinen Absichten Kenntnis gab, hat die Gemeinde durch die Ueberwcisung von 200 OOO Reichsmark aus all den Nöten befreit, die eine .Erhaltung der religiösen Einrichtungen erschwerten. Tie Gemeinde hat begreiflicherweise ihrem Wohltäter in herzlichster Form für die der Heimat bekundete Anhänglichkeit gedankt. Breslau. (W a hl k o mp r o in i ß.) Zur Vermeidung eines Wahlkampfes bei den auf derr 30. November 1930 angesehten Wahlen zur Gemeindevertretung und zum Verbandstag des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden haben die jüdischen Parteien in Breslau eine Vereinbarung getroffen, die in der Hauptsache auf folgendes hinausgeht: Tie Zahl der Gemeindevertreier tvird von 21 aus 23 erhöht, hiervon entfalten auf Liberale 11, Jüdische Volkspartei 4, Konservative 3, Mittelpartei 2, Wirtschastspartci des jüdischen Mittelstandes 2, Arbeitsgemeinschaft ostjüdischer Organisationen 1. Tie Liberalen stellen sowohl den Vorsitzenden der Gemeindevertretung als auch des Gemeindevorstandcs, die übrigen Parteien stellen stellvertretende Vorsitzende. Die Liberale Partei erklärt sich bereit, einen angemessenen Betrag für den Religionsunterricht an den Höheren Jüdischen Schulen aus Gemeindemitteln zu bewilligen und die etivaige Uebernahme der Jüdischen Schule durch die Stadt zu fördern, behalten sich aber die Prüfung unter pädagogischen, schultechnischen und finanziellen Gesichtspunkten vor, Anträge auf Unterstützung palästinensischer Zlvecte gehen an den Ausschuß, lvctcher den Namen „Ausschuß zur Prüfung von Anträgen betreffend Aufwendungen für Palästina" führen soll. Diesem Ausschuß gehören von den Liberalen ebenso viele Gemeindevertreter an, lvie von allen übrigen Parteien zusammen. Der Anspruch der Oftjüdischen Organisation ans Berücksichtigung bei der Zusammensetzung der Ausschüsse wird von allen Parteien anerkannt. Tie Vereinbarung hat Geltung bis zum 34. Dezember 1931. - Als Abgeordnete zunr Verbandstag des Preußischen Landesverbandes iverdeu gewählt: Liberale 4, Votkspartei 2, Konservative 1, Mittelpartei 1. Dresden. (Endlich wieder Sitzung des Gemeinderats.) Sie >var nach einem Interregnum von fast vier „gesetzlosen" Monaten nur dadurch möglich, daß von 5 der seinerzeit zurückgetretenen Herren der Bolkspartei Erklärungen eingegangcn ivaren, wonach ihre Mandatsniedcrlegung nicht von ihnen selbst, sondern korporativ ausgesprochen worden wäre und somit keine Gültigkeit besäße — eine prinzipiell lvichtige Frage, deren allgemein interessierende Entscheidung wohl noch selten in einer Körperschaft praktisch zur Debatte gestanden hat. Wie der Vorsitzende Rechtsanwalt Salingcr mitteilte, ließ er sich die jetzt auch von ihm selbst geteilte Auffassung der daraufhin wieder einberufenen Mitglieder von der authentischsten Stelle, die cs dafür gibt, dem Landes-, Wahlkommissar, als richtig bestäligcn. Korporative Austritte sind also nach der analogen Handhabung im Landtag ungültig, sie müssen :: *! Gottesdienste : * i Liberale Synagoge Osten, Aula Mädchenschule Kaiserftra Freitag, den 14. November, abends 7.30 Uhr, Gottesdienst. 'J Dr. Plotke. St 30. redigl: verUn'Nvrden. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Freitag, den 14. November, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Andorn. Sonnabend, vormittags 10 Uhr. Berlin.Weftend. Liberale Synagoge Westend, Leistikowstraßc 7-8, Aula. Freitag, den 14. November, findet anläßlich des dreijährigen Bestehens ein Festgottesdienst statt. Predigt Rabbiner Dr. Gatliner. Beginn 7.15 Uhr abends. Berlin. Jüdische Resorm-tSemeinde. Gottesdienste am Sonntag, den 16. November. Johanuisstr. 16: vormittags 10.30 Uhr; Predigt: Dr. Ielsli. Kleiststr. 10: vormittags 10.30 Uhr: Gottesdienst der Jugend. Ansprache: Günther Knobloch. einzeln dem Vorsitzenden ausgesprochen werden. Er führt zunächst Herrn Zigelnik neu ins Kollegium ein und begrüßt es als Führer der Liberalen Fraktion, daß durch friedliches Uebereinkominen nicht nur den Wünschen und Belangen der beiden Hauptrichtungen in der Gemeinde voll Genüge geleistet wird, sondern, wie er hoffe, dauernd ersprießliche Zusammenarbeit der Parteien in all den wichtigen Genreindeausgabcn gesichert fei. .Herr Weiger schließt sich seitens der Bolkspartei diesem Wunsche mit Tank für das Entgegenkommen der Liberaleir an und gibt nach Verlesung der bctresscndcn Schreiben seiner Fraktionskollegcn eine eigene Erklärung zu Protokoll, welche dem Protokoll der letzten Sitzung angesügt tvird. Herr Lvweuthal kann sich der Auffassung von der Gültigkeit und Beschlußfähigkeit der so zusammengcbrachten Sitzung nicht anschließen und erhebt aus sachlichen Gründen offiziell dagegen Pro t e st. Das Ganze mute fast wie eine Komödie an, zumal wenn man bedenke, daß die ausgetretenen Kollegen selbst gegen die amtliche Bekanntgabe ihrer Mandatsniederlegung im Gemeindeblatt keinen Einspruch erhoben hätten. Ter Vorsitzende vertritt seine Auffassung und Handlungsweise und stellt abschließend den Antrag „der Gemeinderat billigt die E i n b e r u s u n g", der mit einer Stimmenthaltung angenommen wird. Damit ist die Beschlußfähigkeit der Sitzung zunächst sanktioniert. Unter den Ereignissen der vergangenen Monate tvird des 75. Geburtstages M a x Levis, des um die Gemeinde hochverdienten ehemaligen Vorstehers, gedacht. Der erste lvichtige Punkt der Tagesordnung betrisst die vom Vorstand vorgelegtcn Acnder ungen der Satzung, besonders in den Paragraphen, die das G e m e i n d e >v a h'l r e ch t — Stimmbcrechtigung und Wählbarkeit — behandeln. Nach diesen Acndernngen, die in erster Lesung angenommen tvcrdcn, ist die Stiminbercchtigung davon abhängig, daß der Wähler ain Wahlrage das 21. Lebensjahr vollendet und aus Grund seiner Steuer- Pflicht entweder 3 Jahre lang oder rinmittelbar vor der Wahl 2 Jahre lang Gemeindesteuer entrichtet hat. Für die Wählbarkeit in den Gcmeindcrat und Vorstand müssen die stimmberechtigten männlichen Gemcindemitglieder das 28. Lebensjahr vollendet haben und feit 3 Jahren im Gemeindcbezirk wohnen, brauchen aber nicht mehr die deutsche Staatsangehörigkeit zu besitzen. Einstimmig angenommen wird auch ein Antrag von Vorstand und Finanzausschuß, den dessen Vorsitzender San.-Rat Zimmermann begründet, einen Nachkredit von Mk. 20000, welche schon fast ausgegeben sind, zum Haushaltplan 1930 zn bewilligen und, damit zusammenhängend, die Gemeindesteuer im lausenden Kalenderjahre auf 13i'■> o0 der Reichseinkommeirsteilcr 1929 sestzusetzen. Ter die Erhöhung bedingende Mehrverbrauch wird einerseits aus dem gegen Pas Vorjahr um mehr als die Hälfte herabgesetzten Etat erklärt, dann aber besonders aus der erheblichen Inanspruchnahme der Positionen Kaschrut und Wohlfahrtsstelle. Tie Lage der letzteren tvird mit folgenden Zahlen beleuchtet: Bewilligt Mk. 30 000, dazu Einnahmen. Mk. 7000; Verbrauch bis 1. Oktober Mk. 42 000, bis Ende des Jahres voraussichtlich noch Mk. 6000. Auf Vorschlag des Vorsitzenden solleir die zurückgekehrten Mitglieder ihre Acmter in deir Ausschüssen, damit diese recht bald wieder aktionsfähig iverdeu, wieder übernehmen. Ducken. (Todesfall.) Tie israelitische Gemeinde beklagt den Heimgang ihres langjährigen Vorstandsmitgliedes Emanuel Zanders. Mehrere Jahrzehnte vertrat er die Gemcindeiutercssen mit vorbildlicher Treue und Hingabe. Sein charaktervolles Wesen and seine Herzensgüte verschafften ihm überall Freunde, die sein Andenken über das Grab hinaus in Ehren bewahren werden. Auch der Borstand der Gemeinde widmet dem Entschlafenen einen in herzlichen Worten abgefaßten Nachruf. Rabbiner Dr. Gelles, M.-Gladbach '' würdigte in seiner Grabrede die großen Verdienste des Verstorbenen, um die Gemeinde. Düsseldorf. (Einigung im Rheinland.) Im 12. Wahlkreis des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden (Rheinland außer Köln) kam — tvie mitgeteilt wird — ein Kompromiß zustairde. Die Mandatszahl beträgt - diesmal 11 statt 10. Im Jahre 1925 erlangten die Liberalen 7 Mandate, die Jüdische Bolkspartei 2, die Konservativen 1 Mandat. Jetzt erhalten die Liberalen wieder 7, die Jüdische Volkspartei 2 Mandate, die Konservativen und die Poale Zion je ein Mandat. Wie im Jahre 1925 erhalten die Liberalen wieder beide Ratssitze, aber im Gegensatz zn 1925 stellen die Jüdische Volkspartei und die Konservativeir je einen Stellvertreter. Duisburg. (Einheitsliste.) Nach längeren Verhandlungen ist es gelungen, für die bevorstehenden Wahlen zur Bertretervcrsammlung der jüdischen Gemeinden eine Einheitsliste aufzustellen. Die; Liberaleir sind an die Verhairdlungen mit denr Gedanken herangegangen, nicht so sehr auf die Zahl der liberalen Vertreter Gewicht zu legen, als auf die Bemühungen, eine zionistische Mehrheit zu verhindern. So haben sich die Liberalen bereit erklärt, auf einen ihnen ursprünglich angebotcnen 4. Sitz in der Vertreterversammlung zugunsten der iieu gegründeten Mittelpartei zu vernichten, die nach den Persönlichkeiten, die in ihr tätig sind, den Liberalen nahe steht und zwei Sitze erhält. Von den .übrigen Sitzen erhält der jüdisch« Einheitsblock, der sich im wesentlichen aus zionistischen und ostjüdischen Kreisen zusammensetzt, fünf Sitze und die Pool« Zron einen Sitz. Unter den fünf Vertretern des Einheitsblocks wird sich jedoch vercittbarungsgemüß ein Nichtziouist befinden. Das Ergebnis der Kompromißverhandlungen wird in allen Ge-- ineindekrcisen freudig begrüßt, da man in der heutigen Zeit einen Wahlkampf allgemein zu vermeiden bestrebt war. Auch über hie Besetzung der Borstandsposten tvird eine Einigung getrosfcn werden. Hamburg. (R e p r ä s e n l a n t e n - Ä o l l c g i u m.) Eine umfangreiche Tagesordnung, deren größter Teil allerdings in die geheime Sitzung siel, hatte das Reprüscntanten-Kollegium in seiner Sitzung vom 6. November ds. Js. zn erledigen. Zunächst teilte der Vorstand mit, daß er der von der Repräsentanz gewünschten Bildung einer sozialpolitischen Kommission zugestimmt habe. Tie Kommission hat ihre Arbeiten bereits ausgenommen. Ferner erbittet der Vorstand die Zustimmung dazu, daß ein Betrag von RM. 250 000 von der Gemeinde ausgenommen werde, der dem Tempelverband in Gemäßheit des mit ihm abgeschlossenen Vertrags für den Neubau des Tempels zur Verfügung zu stellen ist. ■ lieber die Grundsteinlegung dieses Neubaues ist in diesem Blatt vor kurzem berichtet lvorden. Die Arbeiten haben inzwischen begonnen. Man hofft, daß der Bau innerhalb eines Jahres fertiggestellt seiir tverde. Dem Vorstand tvird für die Ausnahme einer Anleihe in Höhe der dem Tempetverband auszuzahlcnden Summe die Zustimmung erteilt, lieber die Nottvendigkeit einer Erweiterung des Pflegeheims referierte Herr Dr. Wohlgemuth. Tie Zahl der jetzigen Insassen betrage nur zirka 20. Viele Gesuche müssen abgclehnt werden. Es müsse eine Unterkunft für 60 Insassen geschaffen tverden. Ueber die Fragetvie die Erweiterung unter Berücksichtigung der augenblicklichen Finanzlage am ztveckmäßigsten zn beiverkstclligcn sei, entspann sich eine lebhafte Aussprache, an der sich der Gemeindevorsteher, Herr .Heinrich Levy, sowie Frau Dr. Meyer-Wedell, Frau Dr. Caro, Herr Dr. Meyer und .Herr Dr. Kalmus beteiligten. Es wurde schließlich der Vorstand darum ersucht, ein bestimmtes Projekt mit den erforderlichen Kostenanschlägen vorzulegen. Schließlich fand die Wahl von Repräsentanten zur Vorbereitung von Wahlen in den Vorstand statt. Es scheiden die Herren Aby S. Marburg, Jacob .Heckscher und David Frischmann aus. Tann folgte die geheime Sitzung. Hannvper. (Einheitsliste auch sür die G c me i it d ewähle n.) Ende September hatte die Mitgliederversammlung be8 Vereins zur Pflege der Interessen der Synagogengemeinde an die Führer der Parteien das Ersuchen gerichtet, angesichts der schweren Wirtschaftslage und der allgemein-politischen Zustände einen Wahlkampf unter allen Umständcir zu vermeiden. Diese vereinten Bemühungen, denen sich manches Hindernis in den Weg stellte, haben jetzt zu einem zweiten ^Erfolg geführt. Nachdem bereits vorig« Woche die Einheitsliste für die Wahlen zum preußischen Landes-« verband durchgesctzt werden konnte, steht jetzt auch die Einheitsliste für die Gemcindctvahlen fest. Bon 21 Sitzen erhalten die Einheitspartei 8: Kommerzienrat Joseph Berliner, Frau Dora Buchhokz, Paul Goldmann, Julius Löbenstein, Tr. Max Schleisner, Dr. Richard Schwarz, Jsaac Thalheimer, Albert Wolfs (für die Ersatzlifte: Frau Melanie Friedmann, Simon Moses, Gustav Strauß). Tie 10 Kandidaten der Religiös-liberalen Bereinigung heißen: Richard Tammann, Alfred Fuerst, Tr. Paul Goldschmidl, Dr. Gustav Gumpcl, Rudolf Herzberg, Dr. Adolf Herzscld, Frau Fanny Kausfmann, Tr. Elisabeth Müller, Louis Stcrnheim, Emanuel Weinberg (für die Ersatzaber auch eines Ehrenmannes, der Forderung der Stunde eingedenk: „daß nicht die Gewalt, sondern das Recht; nicht der Degen, sondern d-er Geist; nicht das Gegeneinander, sondern das Füreinander — von Mensch zn Mensch und von Bol? zu Volk — der Weisheit letzter Schluß ist." Auch der I ud en- und T em okratenfresser Lutz endorff wird diese Worte nicht entkräften können. Im Gegenteil, diese Kundgebungen eines unter dem kaiserlichen Regime durchaus konservativen Mannes, in dessen Wohnung noch heute als pietätvoll gehütete Wahrzeichen der alten Zeit, Bilder Wilhelms II. mit persönlichen Widmungen, sowie viele andere Adressen und Gunstbeweise von hohen und höchsten Stellen hängen, dürften dazu, angetan sein, die hysterischen Phrasen eines Feldherrn, der nach verlorenem Kriege und verlorenen Nerven nichts anderes wußte, als unter falschem Namen und schäbiger Maskierung ins Ausland zu fliehen, und der seither seinen pathologischen Feldzug gegen „Juda und Rom" aus seiner komfortablen Münchener Billa heraus fuhrt, endgültig zu widerlegen. Der ewige Jude am Ziel Alfred L o n d r e s. — Phaidon-Berlag. Nur wenigen Büchern dürste eine also aufwühlende, bis an die letzten Nerven rührende Wirkung beschieden sein wie diesem schlichten Tatsachenbericht des französischen „Königs der Reportage". Und seltener noch dürfte ein christlicher Antor sich mit so intuitivem Verständnis in die SeAe und die Sinne des jüdischen Stammes, gleichviel, wo er behaust sein mag, hineingefühlt haben. Dieses Einfühlungsvermögen kommt einer Genialität des Herzens gleich, ohne daß darob die Objektivität des Hirnes verloren gegangen ist. Der große Wanderer Albert Londres — selbst ein Stückchen Ahasver — hat die Gabe des Schrnens, die ihre Maßstäbe immer nur von Tatsachen und Gegenständlichkeiten nimmt. Albert Londres ist ansgezogen, die Inden kennen zu lernen. Tie Inden aller Welt. Er hat die Juden White- Hapels und die Assimilanten Europas mit eifrigem Bemühen studiert. Aber er hat sich nicht damit begnügt, sondern er ist ihnen Schritt für Schritt gefolgt in die unvorstellbaren Arnruts- und Elendsquartiere des Marmorosch-Gebirges, der Karpathenwildnis; hat sie aufgesucht in Polen, Rumänien, Bessarabien, der Ukraine, hat die Ghetti Warschaus, Lembergs, , Lodzs und unbekannter östlicher Siedlungen durchforscht; er hat die grandiose Vornehmheit und auch die — insbesondere für westeuropäische Augen und Ohren — fatal scheinenden Eigentümlichkeiten des jüdischen Stammes ohne Parteinahme, aber auch ohne Voreingenommenheit ausgezeichnet. Er hat die Entwicklungsgeschichte der Pogrome dargestellt, hat Ghettodumpfheit und Wandertrieb, Fanatismus und reinste Menschlichkeit, Glaube und Aberglauben (siehe sein Kapitel über die Wunderrabbis), Trägheit und ewige Bewegung, all diese vermeintlich einander widerstrebenden Faktoren vereint zu dem Gesamtbild des Jndenproblems an sich. Er hat die beiden großen Gegensätze innerhalb des Judentums, die konservative Masse und die Empörer, die Neuerer, die Revolutionäre — im Alten Testament „Propheten" genannt — einander gegenüber gestellt. Er hat die jüdischen Gebete und den jüdischen Glauben ebenso in sich eingesogen wie jüdische Großmut und jüdischen Geiz. Nichts Jüdisches ist ihm fremd geblieben. Und schließlich ist er nach Palästina gegangen, um die Entwicklung des Zionismus zu studieren, dessen Ursprung er in Paris an dem ersten Verkünder der Lehre, Theodor Herzl, miterlebt hat. Ob Londres sich für den Zionismus einsetzt, möge dahingestellt bleiben. Er selbst, in seiner unbeirrbaren Objektivität, äußert dazu: „Was man „Zionismus" nennt, ist nur eine Krankheit der jüdischen Seele. Nicht alte Juden befällt diese Krankheit, aber über die, die sie befällt, bekommt sie Macht. Man tvird nicht aus Ueberlegung Zionist; der Zionismus ist sogar, glaube ich, das Gegenteil von Vernunft. Zionist ist man aus Instinkt. Es ist eine Leidenschaft, und tagtäglich sieht man eine .große Anzahl von Menschen, die dieser Leidenschaft nicht widerstehet: können. Ein Mensch aber, der sich seiner Leidenschaft überlassen kann, ist glücklich." Und er läßt einen dreiundsiebzigjährigen Juden auf die Frage „Möchten Sie nicht nach Palästina gehen?" antworten: „Meine Herren, ich habe dreiundsiebmzig Jahre darauf verwendet, die Herzen der Europäer zu gewinnen; mögen nun andere ein Gleiches bei den Arabern tun." Er hat das Minoritätsproblem in Palästina kennen gelernt, hat die blutigen Exzesse in Jerusalem) Jaffa und in Tel- Aviv miterlebt; er weiß, daß Fehler auf beiden Seiten — auf der arabischen wie aus der jüdischen — begangen worden sind- und trotz seiner Bewunderung für die jüdische Stadl , Tel-Aviv mit ihrer Rührigkeit und ihren modernen Ideen, die doch alle nur einer uralten Sehnsucht dienstbar gemacht worden sind, läßt er gerade für diese Niederlassung die Antithese verkünden „Tu wirst errichtet tverden!" Ist der Wahlspruch dieser Stadl." „Der Araber hat aber schon am Tag, als der erste Grundstein gelegt wurde, geantwortet: Tu wirst zerstört werden!" Jüdisches Problem, arabisches Problem: beiden sucht Londres sachlich und tiefschürfend gerecht zu werden. Furiose Anklage erhebt er nur gegen England, den Treuhänder der Balsour-Deklaration, ohne bei Abschluß seines Werkes schon zu wissen, wie sehr die jüngsten Ereignisse der englischen Palästina-Politik ihm recht geben sollten. Albert Londres hat eine Reise zu den Juden um die Juden gemacht. Er hat Pathos und Ethos dieses Stammes, ebenso wie seine kleinlichen Irrungen und Schwächen erfaßt und verkörpert. Und es ist ihm Mit seinem „Ewigen Juden am Ziel", dem er wohlweislich ein Fragezeichen hint- Nnstellt, eine künstlerische Synthese desJudentums gelungen, wie sie kaum jemand vor ihm geliefert hat. Er läßt den Unterdrückten und den Unterdrücker, den religiösen und den nationalen Juden, den Lernenden und Gelehrten zu uns sprechen, läßt uns am jüdischen Alltagaber auch am jüdischen Feiertag in der ganzen Welt teilnehmen. Und die.von ihm gezogenen Folgerungen erschließen lediglich aus dieser Tetäilkenntnis des gesamten jüdischen Lebens. An einer Stelle schreibt er „Es ist merkwürdig, daß gerade die Juden die Erfinder des Sündenbocks sind. Ihre Priester beluden das Tier mit füllen Sünden und jagten es dann davon. Die Völker des Ostens (nur des Ostens? Die Red.) sind von dieser Idee inspiriert worden. Sie haben den Bock durch die Juden ersetzt." Es ehrt den Franzosen Albert Londres, den französischen Christen, dieses Buch geschrieben zu haben. Es gehörte Mut und Unerschrockenheit dazu. Kein Unbefangener wird sich det großartig en künstlerischen Wirkung dieses Werkes zu entziehen vermögen. Die Juden selbst werden es vielleicht mit geteilten Gefühlen, aber sicher auch nicht ohne Ehrfurcht vor dem Dichter und dem großen Verteidiger ihrer Sache lesen, selbst wenn sie zuweilen nicht mit ihm einverstanden find. Friedrich Harder..

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